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Abb. 1: Schlägerei in Rom

Schlägerei in Rom, 16. März 1968
©picture alliance/dpa/DP UPI

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Wie diese Abbildung beispielhaft zeigt, gehören nicht nur kreative Proteste, sondern auch konventionelle Gewaltformen zum europäischen Erinnerungsort „1968“. Gewalttätiger studentischer Protest regte sich gegen Ende der 1960er- bzw. Anfang der 1970er-Jahre von Dänemark bis nach Spanien, also in ganz Europa. So bedeutete der 1. März 1968 beispielsweise insofern einen Wendepunkt in der italienischen Geschichte der studentischen Proteste (die sich spätestens ab 1966 entwickelt hatten), als Studierende an diesem Tag in der „Schlacht von Valle Giulia“ erstmals einen Gegenangriff auf die anrückende Polizei starteten.[1] Die Auseinandersetzungen wurden nun zunehmend gewaltförmig: Auf unserer Fotografie ist nach Angaben der Bildagentur ein Kampf zwischen rechten und linken Studenten am 16. März 1968 in Rom zu sehen. Als Reaktion auf wochenlange linke Protestaktionen an der Fakultät für Literatur hatten rechtsgerichtete Jura-Studenten Einrichtungen der Fakultät für Literatur attackiert. Unser Bild zeigt den linken Gegenangriff auf die juristische Fakultät der römischen Universität: Die Belagerten werfen dabei Möbel durch die Fenster der Gebäudefront. Letztlich schritt die Polizei ein, doch über 30 Personen wurden bei der Auseinandersetzung verletzt. Als die Zeit der 68er-Massenbewegungen (u.a. aufgrund solcher Gewaltexzesse) endete, radikalisierten sich während der 1970er-Jahre einige linke Splittergruppen. Die Anschläge und Entführungen der westdeutschen „Roten Armee Fraktion“ gelangten ebenso zu trauriger Berühmtheit wie die der italienischen „Brigate Rosse“. Zu ihrer Publikationsstrategie zählten Fotos, auf denen sie Geiseln wie den deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer oder den italienischen Ex-Ministerpräsidenten Aldo Moro gezielt zur Schau stellten.[2] Diese „Ikonen der ‚bleiernen Zeit‘“[3] wurden von den Terrorgruppen als Waffen benutzt, mit denen sie ihre Geiseln demütigten und die Öffentlichkeit gezielt unter Druck setzten. Die Differenz zwischen der fotografischen Selbstinszenierung der Kommune I als Opfer der Polizei (Abb. 3) und diesen Bildern linksradikaler Selbstermächtigung, aber auch zum hier abgebildeten römischen Konflikt zeigt, auf welch schmalem Grat sich das Erbe der 68er-Revolte bewegt hat: Von der Friedfertigkeit zur Gewalt, vom Streben nach Emanzipation zur Repression, vom Antiritualismus zur rituellen Feindschaft war es jeweils nur ein kleiner Schritt.

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. Kurz, Jan/Tolomelli, Marica. 2008. „Italy.“ In 1968 in Europe. A History of Protest and Acitivism, 1956–1977, hg. v. Martin Klimke und Joachim Scharloth, S. 83–96. London: Palgrave Macmillan, hier S. 89.

[2] Horst Bredekamp hat Hinrichtungsbilder dahingehend kommentiert, dass bewusstes Wegsehen zu einem wichtigen politischen Akt werden kann, der den Strategien der Bildproduzierenden zuwiderläuft: Bredekamp, Horst (in zwei Gesprächen mit Ulrich Raulff). 2005. „Handeln im Symbolischen. Ermächtigungsstrategien, Körperpolitik und die Bildstrategien des Krieges.“ In kritische berichte 1: S. 5–11

[3] Terhoeven, Petra. 2007. „Opferbilder – Täterbilder. Die Fotografie als Medium linksterroristischer Selbstermächtigung in Deutschland und Italien während der 70er-Jahre.“ In Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 7/8: S. 380–399, hier S. 381.

 


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Schlägerei in Rom. Bildanalysetext zur Abbildung 1 der Ikone „1968“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1968/abb1-schlaegerei-in-rom.html

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