Frauenwahlrecht in Österreich

Bei der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung konnten erstmals auch die Frauen ihr Wahlrecht ausüben.
Quelle: Wiener Bilder, Illustriertes Familienblatt, Titelblatt vom 23. Februar 1919 / Foto: Janderka.
Online auf : anno.onb.ac.at

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Ausrufung der Republik wurde in Österreich das allgemeine und gleiche Frauenwahlrecht eingeführt. Ab 1918 hatten somit auch die Frauen in Österreich das aktive und passive Wahlrecht, nachdem das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht bereits 1907 eingeführt worden war. In historischer Perspektive ist die Einführung des Frauenwahlrechts nicht nur als direkte Folge des Weltkrieges und der spezifischen politischen und gesellschaftlichen Situation nach dem Zusammenbruch der k.-u.-k.-Monarchie zu sehen. Sie ist v.a. als das Resultat eines lang andauernden und harten Kampfes der Frauen um Partizipations-möglichkeiten zu werten, bei dem Männerinteressen immer wieder den Interessen von Frauen übergeordnet wurden.

→ Bürgerliche Revolution 1848
→ Kampf um das Männer- und Frauenwahlrecht
→ 1907 – Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts
→ 1918 – Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts
→ Die Frau als Wählerin – Der Gender gap
→ Frauen in der Politik


Bürgerliche Revolution 1848
Im frühen 19. Jahrhundert hatte der Großteil der Bevölkerung keine politischen Partizipationsmöglichkeiten. In der so genannten "bürgerlichen Revolution" des Jahres 1848 forderte das Bürgertum politische Rechte. Auch Frauen eröffnete die Revolution die Möglichkeit, ihre Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten. Arbeiterinnen demonstrierten im August 1848 in Wien gegen eine frauenfeindliche Lohnpolitik, wenig später konstituierte sich der Demokratische Frauenverein, der einzige politische Frauenverein der Revolutionsmonate. Die Gleichberechtigung bzw. politische Mitsprache war jedoch kein Thema der bürgerlichen Revolution und wurde erst (ab den 1880er Jahren bzw. v.a. gegen Ende des Jahrhunderts) mit der Herausbildung einer politischen Frauenbewegung, die um ihre Rechte kämpfte, zu einem politischen Thema.

In der 1848 beschlossenen Wahlordnung, die allerdings nur einmal, bei der Wahl des konstituierenden Reichstags 1848 zur Anwendung kam, waren Frauen nicht explizit ausgeschlossen. Die Wahlordnung sprach für damalige Verhältnisse einem großen Teil der Bevölkerung das Wahlrecht zu, jedoch bestanden Beschränkungen hinsichtlich der wirtschaftlichen und sozialen Stellung der Wahlbevölkerung. An der Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung konnten Frauen, wenn sie die Wahlordnung nicht explizit ausschloss, jedoch trotzdem nicht teilnehmen, weil ihnen die wirtschaftliche und soziale Eigenständigkeit abgesprochen wurde.

Der Kremsierer Verfassungsentwurf, ein Ergebnis der Revolution, ging bereits hinter die Wahlrechtsordnung von 1848 zurück. In Folge des militärischen Siegs über die Revolution und der bald einsetzenden Restauration wurde er jedoch nie Wirklichkeit. Die so genannte "Märzverfassung" wurde erlassen und de facto absolutistisch regiert. In zahlreichen Gemeinden wurde 1849 bzw. 1852 aus Anlass der Schaffung der Gemeindeautonomie den selbständigen Steuerträgerinnen, d.h. den Frauen mit einer entsprechenden Steuerleistung, aber das aktive Wahlrecht zuerkannt. Größere Städte wie Prag, Triest oder auch Wien gewährten den Frauen jedoch nie ein Stimmrecht.

→ DEBATTENBEITRAG von Manfried Welan auf science.orf.at: Erinnerung an unsere vergessene Revolution 1848 (14.3.2008)
→ auch verfügbar als ARTIKEL

Dem im Februar 1861 erlassenen "Februarpatent", das als Folge des verlorenen Sardinischen Krieges von 1859 und die darauf folgende Finanzkrise zu sehen ist, war ein Grundgesetz über die Reichsvertretung angeschlossen. Diese sah ein Zweikammernsystem mit einem Herren- und einem Abgeordnetenhaus vor, wobei die Mitglieder des ersten Hauses aus der Hocharistokratie stammen und jene des Abgeordnetenhauses von den Landtagen beschickt werden sollten. Die Landtage selbst waren als Interessenvertretungen konzipiert, ihre Wahl erfolgte in Kurien (Wählerklassen), in denen Vermögen und Steuerleistung (Zensus) eine entscheidende Rolle spielten. Das Recht auf politische Betätigung wurde als Privileg der Besitzenden und Gebildeten betrachtet. Worum es ging, war die Repräsentation von Vermögen, Grund und Boden. Wiederum – wie 1848 – waren Frauen nicht prinzipiell vom Wahlrecht ausgeschlossen. Vereinzelt kamen Frauen aufgrund ihrer ökonomischen Position sogar in den Besitz des Wahlrechts. In der politischen Praxis wurden sie an der Ausübung ihres aktiven Wahlrechts jedoch vielfach gehindert, da sie zumeist das Wahllokal nicht betreten durften und einen Mann für die Stimmabgabe bevollmächtigen mussten; vom passiven Wahlrecht waren sie großteils ausdrücklich ausgeschlossen.

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→ weiter zu: 1907 – Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts
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→ weiter zu: Die Frau als Wählerin – Der Gender gap
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Letztes Update: 11/2015

LITERATURHINWEISE

→ Ucakar, Karl, Demokratie und Wahlrecht in Österreich, Wien 1985

→ Hauch, Gabriella, Das "Geschlecht der Revolution" im "tollen" Jahr 1848/49, in: Hauch, Gabriella: Das "Geschlecht der Revolution" im tollen Jahr 1848/49, in: Fröhlich, Helgard, 1999, S. 75-96

→ Hauch, Gabriella, Frau Biedermeier auf den Barrikaden. Frauenleben in d. Wiener Revolution 1848, Wien 1990

→ Bader-Zaar, Birgitta, Politische Partizipation als Grundrecht in Europa und Nordamerika, in: Grandner, Margaete u.a.(Hg.), Grund- und Menschenrechte. Historische Perspektiven - Aktuelle Problematiken (Querschnitte 9), Wien/München 2002, S. 203-256.

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