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Ikon

Ikon meint umgangssprachlich im Grund nichts anderes als Bild, und zwar im Sinn von Abbild. Es ist, so könnte man sagen, der abbildliche Anteil des Bilds, d.h. es besitzt einige Eigenschaften der Sache, die es repräsentiert. In der Peirceschen Semiotik allerdings wird das Ikon um einiges genauer als Subzeichen definiert (hier: des Bildzeichens), und zwar als Ausdruck der Erstheit (Möglichkeitsbezug) innerhalb des semantischen Objektbezugs: "Ein Bildzeichen impliziert das Ikon, sobald es visuell wahrnehmbare Ähnlichkeitsrelationen seines Objektbezugs augenscheinlich werden lässt. (…) Seinen bezeichneten Inhalt enthüllt es, sobald wir seine bezeichnende Ähnlichkeit als Sichtbarkeit des Objekts wahrnehmen" (Schelske 1997:38).

 

Im Unterschied zum indexikalischen und symbolischen Objektbezug eines Bildzeichens repräsentiert der ikonische Qualitäten, von denen ein Betrachter es im Fall von Bildern für möglich hält, sie könnten solch "täuschend" ähnliche Empfindungen erzeugen, wie sie ein wirklicher Gegenstand womöglich selbst verursachen könnte. Das Ikon erscheint als ein solches, "weil es als ein wahrgenommenes Ding eine Idee wachruft, die naturgemäß mit der Idee verbunden ist, die das Objekt hervorrufen würde" (Peirce 2000:205). Es repräsentiert aufgrund seiner qualitativen Ähnlichkeit mit dem Objekt und setzt auf diese Weise ein Wiedererkennen in Gang, das als Sichtbarkeit des Objekts empfunden wird.

 

Im Fall von Bildern ist es kaum vorstellbar, dass diese gänzlich ohne ikonische Objektbezüge auskommen: So muss beispielsweise ein Kreuz zunächst als Kreuz wiedererkannt – im Sinn von: wahrgenommen – werden, bevor es als Symbol für das Christentum gelesen werden kann. Umso wichtiger erscheinen die Implikationen, die sich aus der Stellung des Ikons innerhalb der Peirceschen Klassifikation der Zeichen ableiten lassen. Als Kategorie der Erstheit innerhalb der Zweitheit (Wirklichkeitsbezug), als materielles Element der Semantik impliziert das Ikon einen zeichenvermittelten Realitätsbezug, der sich zwar bereits über die Wahrnehmung von Differenzen bzw. die Differenzierung von Empfindungen realisiert (Zweitheit), in diesem Bereich aber noch stark mit jener Kategorie des Möglichen assoziiert ist, welche die Erstheit charakterisiert. Das ikonische Bildzeichen steht auf der Ebene des Realitätsbezugs für die bloße Möglichkeit einer dem Gegenstand ähnelnden Erfahrung.

 

Wird schließlich auch im Interpretantenbezug (Drittheit: Wahrheitsbezug) das Bildzeichen als ikonisches interpretiert (Rhema), geht diese Interpretation nicht über die Behauptung der augenscheinlichen Identität von etwas hinaus; das ikonische Bildzeichen wird, mit anderen Worten, ohne die mitgemeinten Bezüge lediglich als zeichenvermittelte Ähnlichkeit wiedererkannt – d.h. in Bezug auf das Ganze des Bilds als Verknüpfung eines visuellen Eindrucks mit einem relativ unbestimmten Kontext. "Die Daseinsweise des Rhemas lässt sich als ein Urteil über ein wahrgenommenes Gefühl in offener Bedeutung beschreiben. Aus diesem Grund ist ein Rhema ein Interpretant, der die Möglichkeit der finalen Interpretation eines Bildes als offene Bedeutung oder Bedeutungsmöglichkeit charakterisiert" (Schelske 1997:43).

 

Literatur: Peirce, Charles S.: Semiotische Schriften, Bd. 1: 1865-1903, Frankfurt am Main 2000 (stw 1480); Schelske, Andreas: Die kulturelle Bedeutung von Bildern: soziologische und semiotische Überlegungen zur visuellen Kommunikation, Wiesbaden 1997 (DUV: Sozialwissenschaft).

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