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Ikon vs. Symbol

Für die Anlage des Forschungsprojekts ICONCLASH ergeben sich aus diesen Überlegungen wesentliche Konsequenzen: Geht man davon aus, dass ein Großteil der visuellen Repräsentationen Europas auf der Ebene alltäglicher Nachrichtenbilder vermittelt werden, d.h. mittels Bildzeichen, die konventionellerweise nicht viel mehr als ihre ikonische Wiedererkennbarkeit voraussetzen dürfen, werden schlagartig die Schwierigkeiten offenbar, die sich einer symbolischen Befestigung Europas im Feld des Visuellen in den Weg stellen. Während das ikonische Subzeichen auf allen Ebenen relativ voraussetzungslos und bedeutungsoffen ist, verlangt das Symbol bereits auf der Ebene der Semantik (Zweitheit, Wirklichkeitsbezug), dass es nicht als Bild des Wirklichen, sondern als wirkliches Bild wahrgenommen wird, d.h. nicht mit einem quasinatürlichen Abbild der Wirklichkeit verwechselt wird: "Im kommunikativen Geschehen fungiert das Symbol als ein Objektbezug, der Kraft eines Kodes, d.h. in stark konventionalisierter Weise, einige Merkmale eines Objekts benennt, um so meist bekannte Assoziationen von allgemeinen Ideen in Bezug auf das Objekt zu erwecken" (Schelske 1997:41).

 

Argumentatives Schließen setzt Symbolverwendung voraus, denn erst mit einem kodierten Symbol kann sich das Argument auf einen Kontext stützen, der sich als gesetzmäßiger Zusammenhang behauptet. Mit vorwiegend bedeutungsoffenen Bildern dagegen, so der Umkehrschluss, macht die Repräsentation von Sachverhalten bereits auf der Ebene der Behauptung einer Möglichkeit (Rhema) bzw. der Behauptung einer Existenz (Dicent ->1) halt, sie gelangt nicht auf die Ebene der Behauptung von Wahrheit im Sinn kontextabhängiger Plausibilität. Wie Andreas Schelske bemerkt, können ikonische Bilder weder wahr noch unwahr sein, "weil Unähnlichkeit nicht als negierte Ähnlichkeit gelten kann und zudem keineswegs irgend etwas anderes als das Präsente optisch mitteilt" (Schelske 1997:39). Auf überraschende Weise bestätigt und stützt diese Überlegung eine der Grundannahmen von Niklas Luhmann die Realität der Massenmedien betreffend: Dass das ikonische Bild weder wahr noch unwahr sein kann, ist mit einer nicht mehr konsenspflichtigen Realität der Beobachtung zweiter Ordnung als Realität der Massenmedien nämlich vollständig kompatibel (vgl. Luhmann 1996).

 

Wenn auf diese Weise einsichtig gemacht werden kann, dass ikonische Bildzeichen sich widerspruchsfrei jedem Argument einverleiben lassen, stellt sich umgekehrt die Frage nach der Möglichkeit eines durch Bildzeichen mitvermittelten Kontexts des Bilds: Wie die Debatten um die tatsächliche oder eben nur behauptete Authentizität von visuellen Repräsentationen beweist, gibt es im Feld des Sichtbaren kaum Bildzeichenverknüpfungen, die innerhalb eines symbolischen Kontexts als wahr gelten könnten (anstelle eines Beweises werden Bildsequenzen nur in Ausnahmefällen eingesetzt). Mit anderen Worten: argumentisch-symbolische Legizeichen kommen unter den Bedingungen der Moderne (d.h. unter der Bedingung, dass das Bild kein in sich abgegrenzter Bereich mehr ist, sondern nur in Bezug auf ein variables und ungeformtes Sichtbares begriffen werden kann) praktisch nicht mehr vor, bzw. ist ihr Vorhandensein ein stets prekäres, vorläufiges und – vor allem – bestreitbares.

 

1)Als Dicent behauptet das Bild eine Wirklichkeit, es konstatiert die Existenz des repräsentierten Gegenstands. Fotografien, Filme und Fernsehbilder fungieren heute im Allgemeinen als ein echter Dicent, d.h. sie stellen einen potentiell entscheidbaren Sachverhalt – die Wirklichkeit des Objekts betreffend – her. Anzumerken bleibt, dass der fotografische Index zu jenen Indizes gehört, die als Zeichen desselben Objekts in zwei Weisen wirken: "So ist ein Foto ein Index, weil die physikalische Wirkung des Lichts beim Belichten eine existenzielle Eins-zu-eins-Korrespondenz zwischen den Teilen des Fotos und den Teilen des Objekts herstellt, und genau dies ist es, was an Fotografien oft am meisten geschätzt wird. Doch darüber hinaus liefert ein Foto ein Ikon des Objekts, indem genau die Relation der Teile es zu einem Bild des Objekts macht" (Peirce 1998:65).

 

Literatur: Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996 (Westdeutscher Verlag); Peirce, Charles S.: Phänomen und Logik der Zeichen, Frankfurt am Main 1998 (stw 425); Schelske, Andreas: Die kulturelle Bedeutung von Bildern: soziologische und semiotische Überlegungen zur visuellen Kommunikation, Wiesbaden 1997 (DUV: Sozialwissenschaft).

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