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Bewegungs-Bild

Mit Bezug auf unsere Definition des Bilds als Ensemble von Bildzeichen stellen zu einer Serie angeordnete ebenso wie bewegte Bilder ein spezifisches Problem dar:

Von einer Einheit, die sich aus einer Abfolge von mehreren bzw. unabzählbar vielen Einzelbildern zusammensetzt, müsste man doch eigentlich erwarten, dass sie das Gesetz und die Regel ihres spezifischen Zusammenhangs selbst mitformuliert. Eine Serie oder eine Sequenz von Bildern müsste also, so könnte man annehmen, gleichsam automatisch ein argumentisch-symbolisches Legizeichen hervorbringen.

 

Dass eine solche Auffassung zu kurz greift, hat Gilles Deleuze in seinen beiden Büchern zum Kino, "Das Bewegungs-Bild" (dt.: 1989) und "Das Zeit-Bild" (dt.: 1991) gezeigt: Nicht nur reduzierte man damit das Bildzeichen auf ein einfaches sprachliches Zeichen, negierte also alle jenen sinnlich-qualitativen Dimensionen, auf welchen die Unterscheidung von Bild und Sprache beruht; nicht nur unterstellte man vorschnell eine argumentative Logik und eine dieser entsprechende Grammatik dort, wo diese von einem Interpretanten erst erschlossen werden müsste; man würde dabei vor allem jenen irreduziblen Abstand übersehen, der ein bewegtes Bild von einem unbewegten trennt. Ein Bewegungs-Bild ist nämlich keineswegs einfach ein in Bewegung versetztes Bild und es ist auch nicht nur ein Bild, das Bewegung abbildet oder repräsentiert (denn das können auch unbewegte Bilder). Ein Bewegungs-Bild ist vielmehr ein Bild, in dem Bewegung unmittelbar gegeben ist: "Der Film gibt uns kein Bild, das er dann zusätzlich in Bewegung brächte – er gibt uns unmittelbar ein Bewegungs-Bild" (Deleuze 1989:15).

 

Der Begriff "Bewegungs-Bild" bezeichnet bei Deleuze ein Bild, das konzeptionell jenseits der Voraussetzungen der natürlichen Wahrnehmung angesiedelt ist, es entspricht einem nicht-zentrierten Ensemble aus variablen Elementen, die allseitig aufeinander einwirken. Auf der Ebene des "Bewegungs-Bilds" haben wir es mit einer nicht sprachlichen und auch nicht zeichenhaft vermittelten, aber dennoch semiotischen Materie zu tun, die dem entspricht, was in Henri Bergsons "Materie und Gedächtnis" (Bergson 1964) als universelle Veränderung bezeichnet wird. Das Bewegungs-Bild stellt, mit anderen Worten, nicht das Resultat eines semiotischen Signifizierungsprozesses dar, sondern ist dessen genetisches Element. Zu wahrnehmbaren und interpretierbaren Bildzeichen verfestigt sich die Zeichenmaterie des Bewegungs-Bilds erst auf der Ebene von unterschiedlichen Bildtypen, die Deleuze als Wahrnehmungs-, Affekt-, Aktions- und Relations-Bilder klassifiziert. Im Großen und Ganzen entsprechen diese Bildtypen der Peirceschen Klassifikation der Zeichen, wobei allerdings das Wahrnehmungsbild noch keine "Erstheit" ausdrückt, sondern etwas dieser Erstheit Vorhergehendes, das Deleuze als "Nullheit" bezeichnet: "Das Wahrnehmungsbild muss als Nullpunkt innerhalb der Ableitung betrachtet werden, die das Bewegungs-Bild vollzieht" (Deleuze 1991:49), und zwar deshalb, weil die Wahrnehmung im Bewegungs-Bild nicht einen ersten Bildtypus konstituiert, ohne sich in den anderen Bildtypen fortzusetzen.

 

Vom Wahrnehmungsbild abgesehen, entspricht das Affektbild der Erstheit, das Aktionsbild der Zweitheit und das Relationsbild der Drittheit bei Peirce. Nachdem aber das Bewegungsbild immer zwei Seiten hat, "von denen eine den Gegenständen zugewandt ist, deren relative Position es variieren lässt, während sich die andere auf ein Ganzes bezieht, dessen absolute Veränderung es ausdrückt" (Deleuze 1991:53) – eine Formulierung, die noch einmal auf den Unterschied des Bewegungs-Bilds zu unbewegten Bildern aufmerksam macht –, umfasst das Affektbild sowohl das Qualizeichen als auch das Ikon, das Aktionsbild sowohl das Synzeichen als auch den Index und das Relationsbild sowohl die Markierung (jene Aspekte einer quasi-natürlichen Beziehung, unter denen Bilder durch gewohnheitsmäßigen Übergang untereinander verbunden werden) als auch das Symbol. Im Ensemble des ganzen Films bzw. der ganzen Sequenz entsprechen diese Bildtypen den zuvor beschriebenen Subzeichen und Subzeichenverbindungen des Bildzeichens – allerdings von der Perspektive des Bewegungs-Bilds aus betrachtet.

 

Literatur: Bergson, Henri: Materie und Gedächtnis und andere Schriften, Frankfurt am Main 1964 (Fischer); Deleuze, Gilles: Das Bewegungs-Bild. Kino 1, Frankfurt am Main 1989 (Suhrkamp); Deleuze, Gilles: Das Zeit-Bild. Kino 2, Frankfurt am Main 1991 (Suhrkamp).

 

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