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Performanz / Performativität

In den Kulturwissenschaften hat sich in den letzten Jahren ein allmählicher Wechsel der Forschungsperspektiven abgezeichnet, der das Paradigma der 1980er Jahre – "Kultur als Text" – um das Konzept der Performativität bereichert. Der "performative turn" verlagert das Interesse auf die Tätigkeiten des Produzierens und Herstellens und auf jene Handlungen, Austauschprozesse, Veränderungen und Dynamiken, die Akteure und kulturelle Ereignisse ausmachen. Im Zentrum stehen also weniger die Gegenstände, Monumente und Kunstwerke, die als Repräsentation einer Kultur und deren Selbstverständnisses betrachtet werden, sondern die dynamischen Prozesse, in denen sie hergestellt und verwendet werden. (Vgl. www.sfb-kulturen-des-performativen.de, 06. 03. 2018)

 

Eng in Zusammenhang mit dem Konzept der Performativität stehen Begriffe wie Inszenierung, Spiel, Maskerade, Spektakel, die Betonung der Materialität, der Medialität und der interaktiven Prozesshaftigkeit kultureller Handlungen. (Vgl. ebenda.) So sind etwa Performanz und Inszenierung eng miteinander verbunden: wesentliches Charakteristikum ist hier die Szene, welche die Performanz für ihren Vollzug braucht und auf der jede Inszenierung ihr weites Spektrum an Verfahren und Kulturtechniken einsetzt, um etwas in Erscheinung zu bringen, das ohne sie wenn nicht inexistent, so doch unsichtbar bliebe. (Vgl. Kolesch, Lehmann 2002:363-364.)

 

Der Performanzbegriff wird in den Kulturwissenschaften vielseitiger verwendet als in der Sprachphilosophie, die diesen terminus technicus für die Sprechakttheorie (John Austin, Noam Chomsky, Jürgen Habermas, John Searle etc.) ursprünglich entwickelte. In einer Transformation von John Austins Begriff des Performativen in den allgemeinen Begriff der Performance wurde sukzessive eine beinahe ubiquitäre Ausweitung des Performanzbegriffs vollzogen: alle Äußerungen lassen sich immer auch als Inszenierungen, eben als "Performances" betrachten. So macht sich in den Kulturwissenschaften ein universaltheatralischer Ansatz breit, für den das Konzept der Iterabilität (zitierende Wiederholung) eine grundlegende Bedeutung gewinnt (Wirth 2002:34-41).

 

Den Weg von der reinen Sprachphilosophie zu einer – an der Medientheorie orientierten – Kulturwissenschaft verfolgt unter anderen Sybille Krämer. Ausgehend von John Austins Sprechakttheorie, die sie einer "anderen" Lesart unterzieht, umreißt sie eine Sprachkonzeption, die von den Aspekten (a) der Oberfläche bzw. Äußerlichkeit des Sprechverhaltens, (b) der Iterabilität ("Zitierhaftigkeit"), die allem Sprechen innewohnt, (c) des Aufführungscharakters im Sprachgebrauch, und (d) des Konsenses durch den Vollzug einer Form (und nicht durch die Übereinstimmung der Überzeugungen) geleitet wird. Alle vier Aspekte verweisen indirekt auf die materiale und technische Gebundenheit des Sprachgebrauchs. Die Medien sind allerdings nicht allein Apparaturen zur Realisierung von Sprache, vielmehr sind sie konstitutiv für die menschliche Sprachlichkeit, insofern verschiedene Medien auch verschiedenartige Sprechpraktiken implizieren. So sind Medien an der Entstehung von Sinn und Bedeutung auf eine Weise beteiligt, die von den Sprechenden weder intendiert, noch völlig kontrollierbar ist und als eine nicht-diskursive Macht hinterrücks zur Geltung kommt (Krämer 2002:331-336; Krämer 2000:73-85).

 

Die Perspektive der Performativität bereichert die Kulturwissenschaften um verschiedene methodische Impulse: Zunächst kann jede – mit den Phänomenen der Sprache, der Zeichen, des Texts etc. – Erzeugung von Sinn immer als zeitlich situiertes Ereignis und damit als Aufführung von etwas beschrieben werden. Hier wird die Iterabilität bedeutsam, die immer auch eine Veränderung des Zitierten impliziert. Denn jede Sinngebung beruht auf den Prozeduren des Wiederholens, sowohl des Inhaltlichen wie der Form. Die produktive Kraft des Performativen wirkt dabei nicht nur in der Erschaffung von Neuem, sondern auch im simplen Umgang mit bereits Vorhandenem. Tradition und Innovation, Bestätigung und Subversion gehen ein kompliziertes Wechselverhältnis ein. Zugleich besitzen diese mit sinnhaften Phänomenen verbundenen Ereignisse immer auch einen operativen Charakter. Die Frage danach, wie etwas gemacht wird, zielt auf die Frage nach der Materialität, der "stummen", vorprädikativen Formgebung von Sinn ab. Ideen und abstrakte Gegenstände sind immer nur zugänglich in Gestalt von "Verkörperungen". Daher bilden Medien (der "Verkörperung") die historische Grammatik des Performativen. Schließlich besteht die Bedeutung einer performativen Orientierung darin, das Verhältnis von Muster (Form, System, Regelwerk) und Realisierung (Instantiierung, Anwendung, Aktualisierung) als Überschuss des Vollzugs gegenüber dem Muster aufzufassen, insofern der Vollzug das Muster immer auch verändert oder überhaupt unterminiert (Vgl. Krämer 2002:344-346).

 

Literatur: Wirth, Uwe (Hrsg.): Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002 (stw 1575); Krämer, Sybille: Sprache – Stimme – Schrift: Sieben Gedanken über Performativität als Medialität, in: Wirth (Hrsg.): Performanz, S. 323-346; Kolesch, Doris; Lehmann, Annette J.: Zwischen Szene und Schauraum – Bildinszenierungen als Orte performativer Wirklichkeitskonstruktionen, in: Wirth (Hrsg.): Performanz, S. 347-265.

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