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Schwimmunterricht für Mädchen

Innerhalb unserer zunehmend kulturell und religiös heterogenen Gesellschaften werden für Mädchen und Buben unterschie- dliche Auffassungen von Körper- lichkeit und Sexualität wieder vermehrt im Alltag sichtbar. Unterschiedliche Verständnisse von Schamhaftigkeit und Blöße können auch im Schulunterricht – insbesondere im Sport und hier im Schwimmunterricht – Thema sein und zu einem Konflikt zwischen den schulisch-rechtlichen Rahmenbedingungen sowie den Auffassungen der Jugendlichen und/oder Erziehungsberechtigten führen. Persönliche Empfindungen stehen hier der staatlichen Fürsorgepflicht der Schule gegenüber.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Vorstellungen von Körperlichkeit, sehen vor allem manche Mädchen, die ein Kopftuch tragen, und/oder ihre Eltern ein Problem in der Teilnahme am Schwimmunterricht. Aus islamischer Perspektive lassen sich der Schambereich der Männer und der Schambereich der Frauen unterschiedlich definieren. Manche Islamgelehrte definieren den Körper der Frau, bis auf Gesicht, Hände und Füße als Schambereich. Bei den Männern wird der Schambereich von den Knien aufwärts bis zum Bauchnabel bestimmt (vgl. Hinrichs/Romdhane/Tiedemann 2012: 27). Heiko Heinisch und Nina Scholz sehen in den Versuchen mancher muslimischer Eltern, ihre Töchter vom koedukativen Sport-, Schwimm- sowie Sexualunterricht zu befreien darüber hinaus auch das Bestreben, aus Angst vor der Emanzipation der Töchter, die Integration in die Mehrheitsgesellschaft verhindern zu wollen (vgl. Heinisch/Scholz 2012: 191).

Die Debatte rund um die Körperbedeckung ist jedoch keine reine Diskussion zwischen Musliminnen, die als Kopftuchträgerinnen wahrgenommen werden und Nicht-Musliminnen, die keine Kopftuchträgerinnen sind. Diese Debatte findet im muslimischen Kontext genauso kontrovers statt wie zwischen MuslimInnen und Nicht-MuslimInnen. Aus den Glaubensgrundlagen heraus lassen sich sowohl Argumente für das Bedecken des Körpers als auch dagegen ableiten bzw. interpretieren (Heinisch/Scholz 2012: 181ff).

Wie bereits erwähnt, steht das Thema Schwimmunterricht für Mädchen im Spannungsfeld zwischen dem staatlichen Bildungsauftrag, der Religionsfreiheit und dem Erziehungsrecht der Eltern. In der Schweiz und Deutschland zogen in der Vergangenheit immer wieder Eltern vor Gericht, um ihre Kinder vom Schwimmunterricht zu befreien – in den letzten Jahren jedoch ohne Erfolg. Die Forderung der Eltern, die Mädchen könnten aus religiösen Gründen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, wurde sowohl in mehreren richterlichen Entscheidungen in der Schweiz seit 2008 (vgl. Informationsplattform humanrights.ch) als auch in Deutschland (vgl. taz.de; Der Standard) zurückgewiesen. Im Rahmen eines Urteils in der Schweiz wurde dies damit begründet, dass die Verpflichtung zur Teilnahme am Schwimmunterricht nicht den Kern der Religionsfreiheit betreffen würde und die sozialisierende Funktion des Schwimmunterrichts sowie die Schulpflicht gegenüber der Einhaltung religiöser Vorschriften vorrangig seien (vgl. EuGRZ 2013: 505). Ähnlich wurde auch in Deutschland argumentiert – der staatliche Erziehungsauftrag stehe über den religiösen Bedürfnissen, das Tragen eines Burkini kann der Schülerin zugemutet werden  (vgl. taz.de).

In Österreich liegen diesbezüglich keine gerichtlichen Entscheidungen vor. Schwimmen ist Teil des Lehrplans und in der Volksschule verpflichtend; auch später können SchülerInnen nicht aufgrund religiöser Gründe vom Schwimmunterricht befreit werden. In Deutschland und in Österreich stehen Glaubensgemeinschaften und Verbände zudem positiv dazu, dass Musliminnen nicht aufgrund ihrer Religion vom Schwimmunterricht befreit werden können (vgl. Der Standard). Von Seiten der türkischen Gemeinde in Deutschland heißt es dazu, dass der Schwimm- und Sportunterricht Teil des gesellschaftlichen Lebens sei und muslimische Kinder daran teilhaben sollten. Für die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich ist der Burkini eine adäquate Lösung (vgl. ebd.).

Die Gleichberechtigung von Frauen bedeutet auch, dass sie sich ebenso wie Männer gleichberechtigt und frei in der Öffentlichkeit bewegen können und nicht auf Sexualobjekte reduziert werden, deren Einflusssphäre sich auf den privaten/häuslichen Bereich beschränkt (zur Dimension öffentlich/privat siehe hier). Gerade in konservativen, traditionalistischen Milieus steht die Körperbedeckung der Frauen jedoch oft in Verbindung mit einer innerfamiliären konservativen Ehrvorstellung und einer damit zusammenhängenden repressiven Sexualmoral (vgl. Heinisch/Scholz 2012: 188).

Dem Ort der Schule kommt die Aufgabe zu, Schüler und Schülerinnen gleichermaßen zum Leben in einer pluralistischen Gesellschaft zu befähigen, indem sie lernen, eigene Meinungen zu entwickeln und andere zu respektieren. „Das Einführen von Sonderregelungen, wie etwa die Befreiung von bestimmten Unterrichtsfächern oder Klassenfahrten, widerspricht diesem Auftrag (…)“ (ebd.: 192). Neben dieser grundlegenden Feststellung stellt die Teilnahme am Schwimm- sowie am Sportunterricht allgemein ein wichtiges Element für die Integration und Teilhabe an der Gesellschaft dar. Nicht zuletzt kann als Grund für den verpflichtenden Schwimmunterricht die, dem Schwimmen immanent, lebensrettende Funktion genannt werden.

Mögliche Handlungsoptionen:

Dialog mit den Eltern

In solchen Situationen empfiehlt es sich vor allem, mit den Eltern und den SchülerInnen den Dialog zu suchen. Im Gespräch kann die Lehrkraft herausfinden, was genau hinter der Verweigerung der Teilnahme am Schwimmunterricht steckt (vgl. Hinrichs/Romdhane/Tiedemann 2012: 27). Oftmals können Bedenken in diese Richtung auch im Rahmen eines Elternabends thematisiert werden.

An einer Wiener Volksschule bemühte sich der Direktor, in Gesprächen mit den muslimischen Eltern zu klären, wo deren Befürchtungen lagen, wenn die Mädchen am Schwimmunterricht teilnahmen. Die Öffnung gegenüber den Eltern und die Bereitschaft, ihre Ängste und Bedenken anzuhören, führten zu Einsichten auf beiden Seiten. Den Eltern konnte versichert werden, dass man sich grundsätzlich – und insbesondere im Schwimmbad – darum bemühe, alle Kinder vor Unannehmlichkeiten oder gar sexuellen Übergriffen zu schützen“ (Mayer 2004: 157f zit. n. Luciak/Binder 2010: S.72).

Wichtig ist es aber, in diesen Dialoggesprächen mit den Eltern auf die demokratische Wertebasis – insbesondere auch die Geschlechtergleichstellung – in Österreich hinzuweisen.

Burkini

Der Burkini, ein Ganzkörperbadeanzug, kann in österreichischen Bädern getragen werden. Die Teilnahme in einem islamkonformen Badeanzug ist für viele muslimische Schülerinnen eine gute Alternative. Darauf basiert auch die bereits weiter oben angesprochene Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig: Nachdem die Eltern eines 13 Jahre alten Mädchens muslimisch-marrokanischer Herkunft die Schule geklagt hatten, nachdem sie sich gegen eine Teilnahme der Tochter am gemeinsamen Schwimmunterricht ausgesprochen hatten, die Schule jedoch auf der Teilnahme bestand, lautete das Urteil, dass der Schülerin ein gemeinsamer Schwimmunterricht im Burkini zumutbar wäre (vgl. Die Zeit).

 

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Verwendete Literatur:
EuGRZ – Europäische Grundrechte Zeitschrift (2013): Heft 16–19, 40. Jahrgang. Kehl am Rhein.
Hinrichs, Ulrike/Romdhane, Nizar/Tiedemann, Markus (2012): „Unsere Tochter nimmt nicht am Schwimmunterricht teil!“. 50 religiös-kulturelle Konfliktfälle in der Schule und wie man ihnen begegnet. Mülheim an der Ruhr.
Heinrich, Heiko, Scholz, Nina (2012): „"Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?". Wien.
Luciak, Mikael/Binder, Susanne (2010):  „Informationen und Anregungen  zur Umsetzung des Unterrichtsprinzips „INTERKULTURELLES LERNEN“. Ein Handbuch für den Bereich allgemeinbildende Pflichtschulen und allgemeinbildende höhere Schulen“. Wien. In:  http://www.univie.ac.at/alumni.ksa/images/text-documents/ASSA/ASSA-SN-2010-01.pdf (10.10.2015)

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