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Mehrsprachigkeit

Über 20 % aller Schülerinnen und Schüler in Österreich verwenden in ihrem Alltag neben Deutsch eine andere Sprache. An den allgemein bildenden Pflichtschulen beträgt dieser Anteil mehr als 25 %. Ein Großteil der Schulen zeichnet sich mittlerweile durch eine beträchtliche sprachliche Vielfalt aus“ (Schule mehrsprachig).

Mehrsprachigkeit ist in einer globalisierten Welt eine sehr gefragte, vorteilhafte Fähigkeit. Durch die Europäisierung Österreichs und die verstärkte Internationalisierung wird dem Erwerb von Fremdsprachen eine große Bedeutung beigemessen. An österreichischen Schulen  wird der Spracherwerb im Schulunterricht forciert und gefördert. Deutsch ist die primäre Unterrichtssprache. SchülerInnen mit anderen Erstsprachen erhalten Fördermaßnahmen für Deutsch als Zweitsprache. Die Möglichkeit zu muttersprachlichem Unterricht wird oftmals ebenso angeboten (vgl. z.B. Garnitschnig 2015), denn sprachwissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Beherrschung der Mutter- oder auch Erstsprache eine wichtige Voraussetzung für das Erlernen einer weiteren Sprache ist. Im Schuljahr 2013/2014 wurden österreichweit im Rahmen des muttersprachlichen Unterrichts rund 34.000 SchülerInnen von 420 LehrerInnen unterrichtet (vgl. ebd.: 7).

Bei Kindern mit anderen Erstsprachen wird die Entwicklung der in der Familie erworbenen Sprache mit dem Schuleintritt meist mehr oder minder abrupt abgeschnitten. Kinder, deren Familiensprache Bosnisch, Serbisch, Kroatisch, Albanisch, Türkisch etc ist. werden auf Deutsch alphabetisiert, die bei Schuleintritt in der Regel schwächere Sprache. Dadurch kommt es nicht nur zu keiner ausbalancierten Zweisprachigkeit, sondern viele Befunde sprechen dafür, dass auch der Erwerb der Zweitsprache dadurch beeinträchtigt wird, weil ein Zusammenhang zwischen Erst- und Zweitsprachentwicklung angenommen werden muss“ (de Cillia 2014: 4).

Das Erlernen der Muttersprache ist im rein privaten Rahmen oftmals nur beschränkt möglich, daher ist es wichtig, neben dem möglichst frühen Erlernen der deutschen Sprache, auch langfristig in der Erstsprache literalisiert zu werden (vgl. ebd.). Wenn LehrerInnen Interesse und Anerkennung an der Sprachenvielfalt der SchülerInnen zeigen, wächst deren Selbstbewusstsein. Auch kann ihre Lernmotivation gesteigert werden, wenn man versucht, die anderen Sprachkenntnisse beim Unterricht einzubeziehen. Oft werden nur die mangelnden Deutschkenntnisse oder die vorhandenen Grammatikfehler angesprochen, die positiven Sprachkompetenzen bleiben aber häufig ausgeblendet (vgl. Lucia/Binder 2010: S.21f, 74).

Sprachenvielfalt an österreichischen Schulen ist aber nicht nur Thema während des Regelunterrichts, sondern auch in den Pausen. Diskutiert wird mitunter, ob fremdsprachigen Kindern untersagt werden sollte, sich in der Schule in ihrer Muttersprache zu unterhalten. BefürworterInnen dieser Position argumentieren dies beispielsweise damit, dass die SchülerInnen durch das Sprechen ihrer Muttersprache am Lernen der deutschen Sprache gehindert würden. GegnerInnen betonen hingegen, dass ein solcher Zugang vielmehr das Lernen der Kinder untereinander beschränke (vgl. de Cillia 2014: 8). Auch in der Praxis gab es an einigen österreichischen Schulen entsprechende schulinterne Rundbriefe und Vorschläge (vgl. z.B. die Presse).

Problematisch kann die Verwendung unterschiedlicher Sprachen im Klassenraum jedenfalls sein, wenn sich dadurch andere SchülerInnen ausgeschlossen fühlen.

Argument 1: „Ich darf die Sprache sprechen, die ich möchte, niemand darf mir das verbieten. Im Unterricht halte ich mich an die Regeln, in der Pause darf ich die Sprache meiner Wahl sprechen.“
Argument 2: „Ich möchte nicht, dass die anderen eine andere Sprache sprechen, die ich nicht verstehe. Das ist nicht fair, vielleicht sprechen sie über mich. Ich fühle mich einfach ausgeschlossen.“

Mögliche Handlungsoptionen:

Klassenparlament
In einem Klassenparlament kann die Problematik angesprochen werden. Nach einer Diskussion können mehrere Lösungsansätze herausgearbeitet werden. Die SchülerInnen sollen die Möglichkeit haben, gegensätzliche Positionen und Standpunkte darzulegen. So erleben sie demokratische Prinzipien hautnah und erfahren, wie demokratische Prozesse aussehen. Weiters wird ihnen ein Perspektivenwechsel ermöglicht. Auf diese Art und Weise kann versucht werden, im Klassenverband nach einer Lösung zu suchen.

Das Klassenparlament kann folgendermaßen aussehen: Die SchülerInnen einer Klasse bestimmen zwei ModeratorInnen, die die Aufgabe der Leitung des Parlaments übernehmen. Diese erstellen eine Tagesordnung mit den Anliegen der Klasse, die zuvor in einem Beschwerde- bzw. Wünschekasten gesammelt wurden. Die SchülerInnen stellen unterschiedliche Lösungsansätze vor, diskutieren diese und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Diese wird dann mit den LehrerInnen oder dem Klassenvorstand besprochen und wenn möglich auch umgesetzt (vgl. Schmidt-Vierthaler 2009). Wichtig ist jedenfalls, dass die SchülerInnen in ihrem Entscheidungsprozess ernst genommen werden.

Eine Möglichkeit könnte sein, den ausgearbeiteten Lösungsansatz in die Klassenregeln zu integrieren. Bei Regelverstoßen kann gemeinsam über Möglichkeiten des Handelns debattiert werden. So wird einerseits eine Gesprächskultur entstehen und andererseits das Debattieren, Argumentieren und Hineindenken in die Perspektiven der anderen trainiert. Immer wieder werden Regeln ausverhandelt und neue bestimmt. Auch das ist ein Lernprozess, denn SchülerInnen sollen vorhandene Regeln nicht als festgelegt und unveränderbar wahrnehmen, sondern sich selbst als Mitwirkende empfinden.

Schulparlament
Ein ähnlicher demokratischer Prozess im Hinblick auf den Umgang mit Sprachenvielfalt kann natürlich auch auf Schulebene in Form eines Schulparlaments angedacht werden, im Rahmen dessen VertreterInnen aller Klassen berücksichtigt und in einen schulweiten Entscheidungsprozess eingebunden werden. Wenngleich diese Form der bottom-up Entscheidungsfindung wesentlich aufwendiger ist, als entsprechende Richtlinien top-down zu verordnen, hat die demokratische Einbindung der SchülerInnen zur Folge, dass das schulinterne Vertrauen gestärkt und die SchülerInnen in ihrer Rolle als Teil der Gesellschaft ernst genommen werden.

 

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Verwendete Literatur:
De Cillia, Rudolf (2014): Spracherwerb in der Migration. Informationsblatt des Referats für Migration und Schule, Bundesministerium für Bildung und Frauen. Wien. In: www.schule-mehrsprachig.at/fileadmin/schule_mehrsprachig/redaktion/Hintergrundinfo/info3-14-15.pdf (05.10.2015)
Garnitschnig, Ines (2015): Der muttersprachliche Unterricht in Österreich. Statistische Auswertung für das Schuljahr 2013/14. Informationsblatt des Referats für Migration und Schule, Bundesministerium für Bildung und Frauen. Wien. In: www.schule-mehrsprachig.at/fileadmin/schule_mehrsprachig/redaktion/Hintergrundinfo/info5-14-15.pdf (05.10.2015)
Luciak, Mikael/Binder, Susanne (2010):  „Informationen und Anregungen  zur Umsetzung des Unterrichtsprinzips „INTERKULTURELLES LERNEN“. Ein Handbuch für den Bereich allgemeinbildende Pflichtschulen und allgemeinbildende höhere Schulen“. Wien. In:  www.univie.ac.at/alumni.ksa/images/text-documents/ASSA/ASSA-SN-2010-01.pdf
Schmidt-Vierthaler, Rosa (2009): „Soziales Lernen soll ein Schulfach werden“ abgerufen unter: diepresse.com/home/bildung/schule/501365/Soziales-Lernen-soll-ein-Schulfach-werden (17.09.2015)

 

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