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Homogene Gruppenbildungen und Abgrenzungsmuster

Immer wieder klagen LehrerInnen über ethnisch homogene Gruppen, die sich im Raum Schule bilden. Sozialisationstheorien zufolge leiten sich soziale Anteile menschlicher Identität stark von der Zugehörigkeit zu Gruppen ab. Diese Gruppen geben ihren Angehörigen Stärke, indem gemeinsame Eigenschaften in den Vordergrund gestellt werden und die Abgrenzung von anderen Gruppen stattfindet. Das „In einer Gruppe sein“ steigert ebenso das Selbstwertgefühl und lässt Heranwachsende Gruppenzusammenhalt und Schutz erfahren (vgl. Luciak/Binder 2010: 71).

Laut der Soziologin Sawitri Saharso würden Freundschaften unter Jugendlichen dort leichter entstehen, wo es ähnliche Erfahrungswelten gibt und weniger Erklärungs- und Rechtfertigungsbedarf besteht (vgl. Saharso 1992: 150 zit. n. Luciak/Binder 2010: 71).

Das Buch „Why Are All the Black Kids Sitting Together in the Cafeteria?” der Psychologin Beverly Daniel Tatum (2003) zeigt auf, warum es für Jugendliche gleicher Ethnizität einfacher ist, unter Gleichgesinnten zu bleiben. Einerseits begünstige dies den Prozess der Identitätsfindung, andererseits werde die Identitätsbildung erleichtert, wenn Jugendliche nicht ständig mit negativen Stereotypen konfrontiert sind. Auf die SchülerInnen kann es insbesondere problematische Auswirkungen haben, wenn „vergeschlechtlichte Stereotype über Familien, Frauen und Männer, Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund, im schulischen Alltag zum Tragen kommen“ (Herwatz-Emden/Waburg 2012: 476). Positive und negative Zuschreibungen prägen das Zugehörigkeitsverständnis und können es ebenso in die eine oder andere Richtung verstärken (vgl. Mecheril/Hoffarth 2009).

Gruppen entstehen gleichzeitig nicht nur entlang ethnischer Kategorien. Vielmehr sind für Gruppenbildungen auch ähnliche Haltungen, Wertvorstellungen, Interessen und Lebenswelten von immanenter Bedeutung (vgl. dazu Çınar et al. 2000). So können Jugendliche nicht nur Teil einer Gruppe sein, sondern sich oft zu mehreren Gruppen zugehörig fühlen (vgl. Binder/Luciak 2010:  71).

Prinzipiell müssen Gruppenbildungen im Klassenraum durchaus ernst genommen werden. Gerade wenn es um Gruppenbildungen entlang ethnischer und/oder geschlechtlicher Kategorien geht, stellt sich die Frage, wie im Schulalltag damit umgegangen werden soll.

Einige AutorInnen schlagen vor, geschlechtliche und ethnische Differenzen nicht zu „dramatisieren“, da dies sozial-strukturelle Klassifizierungen fixiert (vgl Weber 2009: 223). Gemeint ist damit nicht, wegzuschauen, sondern den Blick von der ethnischen Zugehörigkeit wegzulenken und vielmehr mit Gemeinsamkeiten und Mehrfachzugehörigkeiten im Klassenverband zu arbeiten, um Gruppenbildungen in Frage zu stellen und die Auseinandersetzung mit neuen oder anderen bestehenden Zugehörigkeiten und Überschneidungen (z.B. über gemeinsame Interessen) zu ermöglichen und zu fördern. 

Argument 1: „Ich bin gerne nur unter SerbInnen in der Schule. Die anderen verstehen mich nicht. Außerdem tue ich mir schwer mit BosnierInnen, weil wir erst vor wenigen Jahren Krieg geführt haben.“

Argument 2: „Immer sind die TürkInnen unter sich, die SerbInnen unter sich und die AraberInnen unter sich. Oft haben sie auch untereinander Konflikte und Streitigkeiten. Es weiß niemand so genau, worum es da geht.“

 

Mögliche Handlungsoptionen:

Gemeinsame Klassenziele

Zur Verbesserung der schulischen Lern- und Sozialgemeinschaft können innerhalb der Klasse beispielsweise gemeinsame Klassenziele gesteckt werden: Es ist davon auszugehen, dass „Gruppenmitglieder als Gemeinschaft zielbewusster hinsichtlich der Verfolgung eines übergeordneten Ziels agieren und durch gegenseitige positive Abhängigkeit eine gruppale Identität generieren, die die Bedeutsamkeit der ethnischen Zugehörigkeit verblassen lässt und mit wechselseitig kooperativem und freundlichem Verhalten einhergeht“ (Aberkane 2008: 297). Ziele können über die zwischenmenschliche Ebene erarbeitet werden – so kann z.b. gewaltfreier oder respektvoller Umgang miteinander als Ziel festgelegt werden. Ziele können auch anhand einer gemeinsamen Wertebasis definiert werden – zum Beispiel anhand einer demokratischen Wertebasis, die gleiche Rechte für Männer und Frauen sowie Mädchen und Burschen sichert und von daher einen wertschätzenden Umgang miteinander impliziert. Ziele können aber auch als gemeinsame Lernziele in Hinblick auf konkreten Unterrichtsstoff definiert werden.

Offenes Gespräch im Klassenverband
Im Gespräch können SchülerInnen offen über ihre Ängste und Gefühle gegenüber dem vermeintlich „anderen“ sprechen. Das primäre Ziel besteht darin, den eignen Standpunkt zu formulieren. Hierzu können unterschiedliche Methoden angewandt werden – einige Vorschläge finden Sie in der Methodenbox in der rechten Spalte.

 

Zusatztipps aus der Methodenbox:

Übung zur Auseinandersetzung mit Mehrfachidentitäten: „Identitätstorte“
Die SchülerInnen setzen sich im Rahmen dieser Übung aktiv mit ihren eigenen Identitäten und Zugehörigkeiten auseinander. Die Stärke der Übung liegt darin, dass Mehrfachzugehörigkeiten und Schnittmengen mit anderen MitschülerInnen aufgezeigt werden können.

Übung zur Auseinandersetzung mit Geschlechternormen: „Typisch“
Im Rahmen dieser Übung diskutieren die Jugendlichen Geschlechterzuschreibungen und damit verbundene Vorurteile.

 

 

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Verwendete Literatur:
Aberkane, Cora (2008): Eine Betrachtung multiethnischer Sozialgruppen an Schulen inm Düsseldorfer Stadtgebiet aus gruppenpsychologischer Perspektive. Essen.
Çınar, Dilek/Gürses, Hakan/Herzog-Punzenberger, Barbara/Reiser, Karl/Strasser, Sabine (2000): Die notwendige Unmöglichkeit. Identitätsprozesse von Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft in Wien. In: Berghold, Josef/Menasse, Elisabeth/Ottomeyer, Klaus (Hg.): Trennlinien. Imagination des Fremden und Konstruktion des Eigenen. Drava Verlag. Klagenfurt/Celovec. S.149-178.
Luciak, Mikael/Binder, Susanne (2010):  „Informationen und Anregungen  zur Umsetzung des Unterrichtsprinzips „INTERKULTURELLES LERNEN“. Ein Handbuch für den Bereich allgemeinbildende Pflichtschulen und allgemeinbildende höhere Schulen“. Wien. In:  www.univie.ac.at/alumni.ksa/images/text-documents/ASSA/ASSA-SN-2010-01.pdf (10.10.2015)
Herwatz-Emden, Leonie/Waburg, Wiebke (2012): Geschlecht(erforschung) in der Interkulturellen Pädagogik. In: Kampshoff, Marita/Wiepcke, Claudia (Hg.): Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik. Wiesbaden. S. 471–484.
Mecheril, Paul/Hoffarth, Britta (2009): Adoleszenz und Migration. Zur Bedeutung von Zugehörigkeitsordnungen. In: King, Vera/Koller, Hans-Christoph (Hg.): Adoleszenz – Migration – Bildung. Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. 2. Auflage. Wiesbaden. S. 239–258.
Tatum, Beverly (2003): Why Are All the Black Kids Sitting Together in the Cafeteria?: Revised Edition: A Psychologist Explains the Development of Racial Identity. New York.
Weber, Martina (2009): Zuweisung geschlechtlicher und ethnischer Zugehörigkeiten im Schulalltag. In: King, Vera/Koller, Hans-Christoph (Hg.): Adoleszenz – Migration – Bildung. Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. 2. Auflage. Wiesbaden. S. 213–224.

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