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Protestbewegungen im Osten

Im Jahr 2008 jährte sich „1968“ zum 40. Mal und anlässlich des Gedenkens an die „68er-Generation“ und deren Protestbewegungen wurde in den Medien wie in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung die Frage nach Vergleichsmöglichkeiten und Differenzen zwischen den von StudentInnen getragenen Protestbewegungen im Osten[1], also in Polen und in der Tschechoslowakei, und jenen im Westen aufgeworfen. Es gab die zeitliche Parallele der Protestbewegungen wie auch eine gleiche Trägerschicht – Intellektuelle und Studierende – sowie die Intentionen, die strukturellen Rahmenbedingungen des Kalten Kriegs zu hinterfragen und nach alternativen Gesellschaftsmodellen zu suchen.[2] Auch kann im Falle Polens im März 1968 eine Analogie zwischen der Intention des Prtotestes der Studierendengeneration gegen eine für die Diktatur verantwortliche Elterngeneration und den Revolten in Deutschland und Frankreich gesehen werden.[3] Die Protestbewegungen widerspiegeln sich aufgrund solcher Gemeinsamkeiten in durchaus ähnlichen Bildsujets, nämlich jenem der Demonstration von StudentInnen (Abb. 1) und des friedlichen Protests der Menschenmassen, wie es das Bild des des Sit-in in Prag 1968 (Abb. 2) verdeutlicht.

Trotz der Parole „Rome, Berlin, Varsovie, Paris!“ („Rom, Berlin, Warschau, Paris!“) der französischen Studierenden, welche die Verbundenheit der Protestbewegungen des Jahres 1968 ausdrückt, wurde nicht zuletzt den ProtagonistInnen selbst deutlich – wie beispielsweise ein Treffen zwischen den Studentenführern Daniel Cohn-Bendit, Rudi Dutschke, Adam Michnik und Milan Horáchek in Italien zeigte dass angesichts der unterschiedlichen politischen Systeme die inhaltlichen Absichten dieser Protestbewegungen der 1960er-Jahre differierten: Im Gegensatz zu den Zielen der Studierenden im Westen standen „antitotalitäre und antisowjetische Bewegungen“[4] im Osten im Zeichen des Kampfes für demokratische Rechte und „gegen die blockierte Gesellschaft“[5]  Protestbewegungen im Osten hatte es bereits vor 1968 gegeben – nämlich unter anderem den Volksaufstand in der DDR 1953, Proteste in der Tschechoslowakei 1953 und 1956, den Arbeiteraufstand im polnischen Posen 1956, den Aufstand in Ungarn 1956. Grundbedingung dafür stellte der Tod Stalins 1953 und die folgendene Entstalinisierung in staatssozialistischen Staaten dar, welche mit der geheimen Rede des sowjetischen Parteiführers Nikita Chruščëv über Stalins Verbrechen und dessen Personenkult am XX. Parteikongress eingeleitet wurde.[6] Dieser als „Tauwetter“ bezeichnete Paradigmenwechsel der sowjetischen Parteilinie bereitete den Boden für einen gemäßigteren Kurs der sozialistischen Parteiführungen der ostmitteleuropäischen Satellitenstaaten. Im Besonderen gilt dies für den sogenannten „Prager Frühling“ 1968 in der Tschechoslowakei, als ausgehend von der Parteiführung unter Alexander Dubček ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ mit einhergehender Liberalisierung und Demokratisierung einen „Dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus finden wollte.

Die Rahmenbedingungen der Protestbewegungen differierten im Westen und im Osten angesichts der Struktur des politischen Systems: In der als klassenlos konzipierten Gesellschaft der staatssozialistischen Staaten liefen Interessendifferenzen und Konflikte systembedingt auf einen Gegensatz zwischen der Gesellschaft und den Funktionseliten des nationalen wie sowjetischen sozialistischen Systems, auf ein „wir gegen sie“, hinaus, wobei diese Konflikte sich an Detailfragen entzünden konnten und wegen des Fehlens von Interessensregulativen und eines institutionalisierten öffentlichen Raumes für eine legitime Konfliktaustragung imstande waren, das gesamte System infrage zu stellen. Dazu kamen eine fehlende Identifikation mit der und reale Widersprüchlichkeiten zur Idee „Herrschaft der Arbeiterklasse“. Die Reaktion der Parteiführungen war Repression, vor allem Isolierung und Kriminalisierung bis hin zu Exekution der oppositionellen RädelsführerInnen, um die Infragestellung des Systems einzudämmen[7], und endete in letzter Instanz mit der Invasion sowjetischer Truppen bzw. der Warschauer-Pakt-Truppen. Im Falle der DDR 1953 schlug ebenfalls die Sowjetunion die Erhebung nieder, nahm dabei aber die Rolle einer Besatzungsmacht ein[8], da sich Truppen bereits im Land befanden.

Osteuropäische, aber auch westeuropäische Medien nahmen im Verlauf der Proteste ebenfalls eine Rolle ein: Beispielsweise berichtete 1953 das westdeutsche Radio den Aufständischen in der DDR von den Ereignissen und übernahm damit eine Mobilisierungs- und Verstärkungsfunktion.[9] Der Text der in den sozialistischen Staaten nicht veröffentlichten Rede Chruščëvs wurde von den USA als Flugblatt über Osteuropa sowie im Radio via Radio Liberty verbreitet. Über die Ereignisse in Ungarn 1956 informierte der US-amerikanische Kurzwellensender Radio Free Europe. Zudem wollten die Aufständischen den staatlichen ungarischen Rundfunk zur Verbreitung ihrer Forderungen unter ihre Kontrolle bringen, wie die Kämpfe um das Rundfunkgebäude 1956 in Budapest verdeutlichen, die auch visuell im Bildgedächtnis verankert sind (Abb. 3). Auch gab es in der Tschechoslowakei 1968 bereits vor Beginn des Aufstands eine gewisse Medienpluralität, welche bei der Organisation der Proteste eine wichtige Rolle spielte. In den westlichen Staaten wurden die Bilder der Aufstände verbreitet, beispielsweise war es im Falle Ungarns westlichen FotografInnen möglich, einzureisen. Der Einmarsch von 300.000 Soldaten aus fünf Warschauer-Pakt-Staaten in Prag 1968 gestaltete sich als „internationales Medienereignis“, wobei Fotos von tschechoslowakischen PassantInnen in Diskussion mit den Soldaten als Beweis für „freundschaftliche Gespräche“ in sowjetische Zeitungen Eingang fanden und daher im weiteren Verlauf des August 1968 solche Kontaktaufnahmen vonseiten der Aufständischen vermieden wurden.[10] Die fast 10.000 Fotografien des tschechoslowakischen Fotografen Josef Koudelka von der Invasion in Prag wurden heimlich außer Landes gebracht und mit der Urhebernennung „Prague Photographer“ versehen – durch die Fotoagentur Magnum 1969 weltweit vertrieben, in der Tschechoslowakei wurden seine Fotos erst 1990 veröffentlicht.[11]

Daher gestaltet sich das Bildgedächtnis zu den Protestbewegungen im Osten anders als jenes im Westen: Visuell prägt vor allem das Bildmotiv „Panzer versus Aufständische“ die Bilderwelten der Protestbewegungen im Osten und verkörpert damit einerseits eine „antitotalitäre Pathosformel des Aufbegehrens, des Volkswillens und der Demokratie“[12]. Davon zeugen Bilder von Aufständischen auf den Panzern der Invasoren (Abb. 4).

Dieses zentrale Bildmotiv fungiert andererseits als visuelles Pars pro Toto für die interventionistische Rolle der kommunistischen Macht und symbolisiert eine David-gegen-Goliath-Situation in den gewaltsam beendeten Aufständen: In der Erinnerungskultur und im Bildgedächtnis wird damit vor allem an das Ende der Protestbewegungen erinnert.[13] Ein Schlüsselbild dafür ist jenes des Fotografen Wolfgang Albrecht im DDR-Volksaufstand 1953 (Abb. 5). Der Brutalität des Panzers stehen nicht nur in diesem Foto unterlegene Menschen gegenüber, dies ist ein Motiv zahlreicher Fotoaufnahmen, wie beispielsweise das oftmals an den Rändern beschnittene ikonische Foto von Ladislav Bielik (Abb. 6). Es zeigt einen Slowaken, den Installateur Emil Gallo, am Safárik-Platz in Bratislava am 21. August 1968 mit entblößter Brust vor dem Panzerrohr und wurde am 22. August 1968 in einer slowakischen Tageszeitung sowie bereits wenig später in deutschen Zeitungen und in der New York Times abgebildet. Am Foto zielt das Panzerrohr knapp rechts und leicht über dem Kopf des Mannes vorbei, die Blickrichtung der zurückgewichenen PassantInnen im Hintergrund weist auf das Geschehen auf dem Panzer. Im Kontext der Bilderserie des Fotografen Bielik wird deutlich, dass das Originalbild – im Original sind am rechten Bildrand Soldaten sowie hinter Gallo der weitere Straßenverlauf abgebildet – zeigt, dass Gallos Aktion, die übrigens auch von anderen TschechInnen und SlowakInnen wiederholt wurde, eine Weigerung des Rückzugs vor den Panzern darstellt. Doch durch die häufige Reproduktion des Bildschnitts wird im Bildmotiv auf den Gegensatz zwischen dem bloßen Menschen gegenüber der Militärmaschine fokussiert, was neben der biblischen Referenz auch auf positiv besetzte Klischees der tschechischen und slowakischen Kultur, nämlich jene der Gewitztheit des Soldaten Schwejk und der Opferbereitschaft eines Jan Hus, verweist.[14]

Bezugnahmen auf nationale verankerte Geschichtsbilder und -mythen können nicht nur in dieses Bildmotiv hineininterpretiert werden, sondern sind auch auf anderen Fotos zu beobachten: Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Panzer am 21. August 1968 in Prag und anderen tschechoslowakischen Städten wurde von den Aufständischen mit jenem der deutschen Wehrmacht 1939 verglichen und referierte damit auf den Mythos der TschechInnen als Opfer. Dementsprechende Reaktionen wie der Hitlergruß (Abb. 7) oder das Beschriften der Panzer mit Hakenkreuzen prägen die Bilder. Das Symbol des Hakenkreuzes wurde auch mit dem Roten Stern verschmolzen (Abb. 8) bzw. mit den Jahreszahlen „38“ (für das Münchner Abkommen) und „68“ als Graffiti abgebildet.

Diese Bezugnahme auf historische Invasionen und Okkupationen erfolgte auch im Ungarn-Aufstand 1956, der in einen Kontext mit den nationalen ungarischen Befreiungskämpfen gegen die Habsburgermonarchie und das Zarenreich gestellt wurde.[15] Im Gegensatz dazu fand beim Volksaufstand 1953 in der DDR kein solcher Rekurs auf nationale Mythen statt, da die Staatsgründung erst 1949 erfolgte. Diese soziale und politische – nicht aber in Zusammenhang mit der Tradition deutscher historischer Freiheitskämpfe stehende[16] – Protestbewegung wurde in der BRD zu einer nationalen Erhebung für die deutsche Wiedervereinigung ikonisiert, davon zeugt nicht zuletzt die Verankerung des Datums 17. Juni als bundesdeutschem Feiertag, der als Gedächtnisort „Tag der deutschen Einheit“ Eingang in die westdeutsche Erinnerungskultur fand.[17] Der Sturm von Gefängnissen und Gebäuden von Sicherheitsorganen und Justiz am 17. Juni 1953 steht allerdings in der Tradition des Sturms auf die Bastille von 1789, solch ein Protest gegen diese symbolischen Orte der Macht und Repression ist ein „archaischer Bestandteil der Eskalation von der partikularen Revolte hin zum Angriff auf die Staatsmacht selbst“[18].

Nationale Anknüpfungspunkte spiegeln sich ebenso in der Bezugnahme auf nationale Dichter während der Proteste wider: Im Falle der „Märzereignisse“ in Polen 1968 wurde das Verbot des Theaterstücks „Die Totenfeier“ des polnischen Dichters Adam Mickiewicz zum Ausgangspunkt der Protestbewegungen, in Ungarn 1946 wählten die ungarischen StudentInnen als Ausgangspunkt der Kundgebung vom 23. Oktober das Denkmal des ungarischen Nationaldichters Petöfi.[19]

Gerade der Rolle des Denkmals kam im Kontext des Aufstandes in Ungarn 1956 eine eminente Bedeutung zu: Generell weisen Denkmäler mit ihrer „Aura des Sakralen“ die Funktion auf, als steinerne Zeugen für alle sichtbar an einem zumeist zentralen Platz eine bestimmte Zeit zu konservieren und Machtverhältnisse zu widerspiegeln.[20] Das Bildmotiv der gestürzten überlebensgroßen Stalin-Statue in Budapest nur die Stiefel Stalins verblieben am Sockel (Abb. 9) fungiert damit als Geste der Erniedrigung und visualisiert einen Gewaltakt, quasi eine Hinrichtung an einem symbolischen Körper, der in der spezifischen Situation des revolutionären Umsturzes als legitimer Befreiungsakt gewertet wurde.[21] Der Sturz dieses zentralen Symbols für den Stalinismus in Ungarn, das danach bis vor das Nationaltheater geschleift wurde, und die darauffolgende Beschriftung der Figur mit Graffiti („Hau nur fest drauf, er ist nicht dein Vater“[22]) kann als eines der aufsehenerregendsten Beispiele eines Bildersturms (Ikonoklasmus) durch die Bevölkerung im 20. Jahrhundert angesehen werden.[23] Die Intention eines Denkmalsturzes ist daher außerdem, der eigenen Nation wie dem Ausland zu zeigen, welche politische Richtung fortan verfolgt wird und die geänderte Einstellung zur der bis dahin gültigen Herrschaftsform zu verdeutlichen.[24]

Dieses Entfernen der kommunistischen Symbolik widerspiegelte sich auch in der Umgestaltung der ungarischen Nationalflagge: Aufständische schnitten die kommunistischen Symbole, nämlich Hammer, Sichel, eine Ähre und den Sowjetstern, aus der Flagge. Die durchlöcherten Flaggen wurden zum „Symbol der Revolution“[25] (Abb. 10). Auch waren mitunter blutgetränkte tschechoslowakische Flaggen Bestandteil von Demonstrationsbildern. Des Weiteren wurde in Prag 1968 visuell auf die Unerwünschtheit der Besatzer mit der Demontage und dem Unkenntlichmachen von Straßenschildern – Prag wurde somit eine „anonyme Stadt“ – hingewiesen beziehungsweise wurde ihr durch explizite Graffiti Ausdruck verliehen (Abb. 11).

Gemeinsam ist den Protestbewegungen im Osten ihre kurze Dauer als Massenbewegung und die darauf folgende Niederschlagung und das Erstarken des kommunistischen Systems. Aufgrund der Aufstände räumten die Parteiregime allerdings mehr Konzessionen als zuvor ein, um weitere potenzielle Konflikte im Keim zu ersticken.[26] Ein besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf die Reaktion der kommunistischen Parteiführung nach den „Märzereignissen“ im Polen 1968 zu legen, wo eine antisemitische Kampagne gestartet wurde, in deren Folge es zu einer Emigrationswelle polnischer Juden und Jüdinnen kam.

Die genannten Protestbewegungen bereiteten nachhaltig den Boden für die Ereignisse des Jahres 1989, in Polen folgten den März-Unruhen von 1968 noch weitere Protestbewegungen, nämlich der Arbeiteraufstand im Dezember 1970, der blutig niedergeschlagen wurde, Unruhen 1976 und Streiks 1980 folgten. Es kam sukzessive zur Entwicklung organisierter regimekritischer Gruppierungen wie 1976 zur Gründung des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) sowie der Gewerkschaft Solidarność 1980.

Im Zuge der Systemwechsel von 1989 wurde ebenso auf die Begebenheiten früherer Protestbewegungen Bezug genommen, wie dies beispielsweise in Ungarn bei der Beerdigung Imre Nagys (Abb. 12) der Fall war. Auch in der damaligen Tschechoslowakei war die 1989 in der Samtenen Revolution proklamierte „Rückkehr nach Europa“ bereits in den Zielen von 1968 intendiert.[27]

Die Rezeption der Protestbewegungen nach 1989 als „zentraler Bezugspunkt für die nationale Identität der Ungarn, Polen, Tschechen und Slowaken“[28] gestaltete sich je nach länderspezifischem Kontext unterschiedlich:

Erinnerungen an den Prager Frühling charakterisiert Jacques Rupnik als „schmerzhafte Niederlage“ und sieht in der Rolle Alexander Dubčeks das „Symbol einer enttäuschten Hoffnung wie einer Kapitulation“[29]. In Deutschland kann als Intention des Gedenkens am 50. Jahrestag des 17. Juni im Jahre 2003 eine Traditionsstiftung für die Vereinigungsgesellschaft im Sinne des Betonens einer ostdeutschen Tradition von Zivilcourage und Selbstbewusstsein verortet werden, welche im Einklang mit einer gemeinsamen west- und ostdeutschen demokratischen Tradition steht.[30] In Polen nahm der 40. Jahrestag des März 1968 sowie der 25. Jahrestag der Solidarność einen wichtigen Platz in der nationalen Erinnerungskultur ein, nicht zuletzt, da diese auf das Bild eines leidenden, heroischen Polens in seinem Kampf für Freiheit und Würde verweisen, hingegen wurde der Aufstand der Arbeiter in Posen nicht in diesem Ausmaß offiziell gefeiert.[31]

In Ungarn wurde im Zuge des Endes des Staatssozialismus 1989 mit der symbolischen Beerdigung Imre Nagys wie auch mit der Ausrufung der Republik am 23. Oktober 1989, dem Jahrestag des Beginns des Aufstandes 1956, Bezug genommen. Die nationale Denkmalskultur wird seitdem auf vielfältige Weise durch die Ereignisse von 1956 geprägt. Denkmäler zur Erinnerung an den Ungarnaufstand hatte es bereits nach 1956 in Ländern mit einer großen Anzahl ungarischer EmigrantInnen gegeben. Nach 1989 entstanden unter anderem die Skulptur Flamme der Revolution zum 40. Jahrestag vor dem ungarischen Parlament, Denkmäler der symbolischen Gräber für die Aufständischen, welche auf das Verbot für Gräber für die Hingerichteten im Oktober 1956 verweisen, sowie ungarische Grabhölzer zum Gedenken an 1956.[32] Die kommunistischen Denkmäler für die Opfer des im Staatssozialismus als „Konterrevolution“ betitelten Aufstands von 1956 wurden als „Symbole der Willkür“ entfernt.[33]

Die offizielle ungarische Interpretation der Ereignisse im Oktober 1956 lautet zwar „die Revolution und der Freiheitskampf“[34], die Rezeption spaltet allerdings die politischen Lager: So bewerten (ehemalige) ReformkommunistInnen und revolutionäre SozialistInnen die Geschehnisse als sozialistische Revolution mit dem Ziel der Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft, hingegen interpretiert das bürgerliche Lager den Oktober 1956 als antikommunistischen nationalen Freiheitskampf.[35] Anlässlich des 50. Jahrestags des Aufstands 2006 kam es in Budapest zu Demonstrationen und Straßenschlachten zwischen RegierungsgegnerInnen, Rechtsextremen und der Polizei.[36] Die DemonstrantInnen warfen der damaligen Regierung unter Ferenc Gyurcsány von der Sozialistischen Partei vor, „die direkten Erben des kommunistischen Regimes zu sein“[37]. Zudem war im September 2006 eine parteiinterne Rede bekannt geworden, in der Gyurcsány gestand, die Öffentlichkeit vor der Parlamentwahl im April 2006 belogen zu haben.[38] Der Chef des rechtsnationalen Bundes Junger Demokraten (Fidesz), Viktor Orbán, blieb allen Veranstaltungen zum Jahrestag, auf denen Gyurcsány das Wort ergriff, fern.[39]

Petra Mayrhofer

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[1] Im Folgenden wird auf die Visualisierungen der Proteste in der DDR 1953, Polen 1968 und, mit verstärktem Fokus, auf jene in Ungarn 1956 und der Tschechoslowakei 1968 eingegangen. Zur Bewegung Solidarnosc siehe Ikone 1989 [interne Verlinkung der Ikone]

[2] Rupnik, Jacques. 2008. „Zweierlei Frühling: Paris und Prag 1968.“ In Transit. Europäische Revue 35/Sommer 2008: S. 129–138, hier S. 130.

[3] Smolar, Aleksander. 2008. „1968 – Zwischen März und Mai.“ In Transit. Europäische Revue 35/Sommer 2008: S. 142–154, hier S. 151.

[4] Bispinck, Hernik/Danyel, Jürgen/Hertle, Hans-Herrmann/Wentker, Hermann. 2004. „Krisen und Aufstände im realen Sozialismus.“ In Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, hg. v. Hernik Bispinck, Jürgen Danyel, Hans-Herrmann Hertle und Hermann Wentker, S. 9–23. Berlin: Christoph Links Verlag, S. 9.

[5] zit. Adam Michnik in: Dienstbier, Jiri/Grusa, Jiri u.a. O.J. Von ‘68 nach ‘89. Jiri Dienstbier, Jiri Grusa, Lionel Jospin, Adam Michnik, Oskar Negt und Friedrich Schorlemmer im Gespräch. Zugriff auf www.eurozine.com (23.04.2009), S. 3.

[6] Zu den Reaktionen und Ereignissen auf Chruščëvs Rede in den staatssozialistischen Staaten im Jahr 1956 siehe Kramer, Mark. 2006. „Entstalinisierung und die Krisen im Ostblock.“ In Krisenjahr 1956, Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeit, Das Parlament 17–18, 24.04.2006. Zugriff unter www.bpb.de (23.03.2009), S. 8–24.

[7] Schlögel, Karl. 2004. „Der 17. Juni und die Krisengeschichte des sozialistischen Systems.“ In Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, hg. v. Hernik Bispinck, Jürgen Danyel, Hans-Herrmann Hertle und Hermann Wentker, S. 23–41. Berlin: Christoph Links Verlag, hier S. 33–36.

[8] Wentker, Hermann. 2004. „Entsatellisierung oder Machtverfall? Das sowjetische Imperium und die innerstaatlichen Konflikte im Ostblock 1953 bis 1981.“ In Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, hg. v. Hernik Bispinck, Jürgen Danyel, Hans-Herrmann Hertle und Hermann Wentker, S. 231–255. Berlin: Christoph Links Verlag, hier S. 253.

[9] Hertle, Hans-Hermann. 2004. „Volksaufstand und Herbstrevolution: Die Rolle der West-Medien 1953 und 1989 im Vergleich.“ In Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, hg. v. Hernik Bispinck, Jürgen Danyel, Hans-Herrmann Hertle und Hermann Wentker, S. 163 –192. Berlin: Christoph Links Verlag, hier S. 189.

[10] Demke, Elena. 2008. „,Die Macht der Ohnmächtigen‘ im Bild. Die Ikone des Prager Frühlings aus Bratislava.“ In Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 379–385. Göttingen: Vandenboeck&Ruprecht, hier S. 380 u. 382.

[11] Siehe den Bildband von Koudelka, Josef. 2008. Invasion Prag 68. München: Schirmer/Mosel.

[12] Hamann, Christoph. 2008. „Der Aufstand. Die In-Szene-Setzung eines Volksaufstandes.“ In Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul. Göttingen: Vandenboeck&Ruprecht, S. 86.

[13] Segert, Dieter. 2008. Prager Frühling. Gespräche über eine europäischer Erfahrung. Braumüller: Wien, S. 5.

[14] Demke, Elena. 2008. „,Die Macht der Ohnmächtigen‘ im Bild. Die Ikone des Prager Frühlings aus Bratislava.“ In Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 379–385. Göttingen: Vandenboeck&Ruprecht.

[15] Klimó, Arpád von. 2006. Ungarn seit 1945. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht, S. 28f.

[16] Klimó, Arpád von. 2006. Ungarn seit 1945. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht, S. 29.

[17] Wolfrum, Edgar. 1999. Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 347.

[18] Lindenberger, Thomas. 2004. „,Gerechte Gewalt?‘ Der 17. Juni 1953 – ein weißer Fleck in der historischen Protestforschung.“ In Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, hg. v. Hernik Bispinck, Jürgen Danyel, Hans-Herrmann Hertle und Hermann Wentker, S. 113–131. Berlin: Christoph Links Verlag, hier S. 122.

[19] Klimó, Arpád von. 2006. Ungarn seit 1945. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht, S. 29.

[20] Zur Rolle des Denkmalsturzes in den ehemals staatssozialistischen Ländern, vor allem nach 1989, siehe Binder, Eva. 2008. „Gestürzt. Zur Ikonografie des Denkmalsturzes in Osteuropa.“ In Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 614–622.  Göttingen: Vandenboeck&Ruprecht, im Besonderen S. 616–619.

[21] Binder, Eva. 2008. „Gestürzt. Zur Ikonografie des Denkmalsturzes in Osteuropa.“ In Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 614–622.  Göttingen: Vandenboeck&Ruprecht, hier S. 617. Eine ausführliche Analyse findet sich in James, Beverly A. 2005. Imagining Postcommunism. Visual Narratives of Hungary’s 1956 Revolution. Texas A&M University Press.

[22] Lessing, Erich. 2006. Budapest 1956. Die Ungarische Revolution. Wien: Brandstätter, S. 139.

[23] Fowkes, Reuben. o.J. Public Sculputure and Hungarian Revolution of 1956. Zugriff auf www.ungarn1956.de/site/40208667/default.aspx (26.04.2009)

[24] Diers, Michael. 1997. Schlagbilder. Zur politischen Ikonografie der Gegenwart. Frankfurt am Main: Fischer, S. 106f.

[25] Lessing, Erich. 2006. Budapest 1956. Die Ungarische Revolution. Wien: Brandstätter, S. 143.

[26] Hübner, Peter. 2004. „Arbeitskampf im Konsensgewand? Zum Konfliktverhalten von Arbeitern im ‚realen‘ Sozialismus.“ In Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, hg. v. Hernik Bispinck, Jürgen Danyel, Hans-Herrmann Hertle und Hermann Wentker, S. 195–213. Berlin: Christoph Links Verlag, hier S. 200.

[27] Rupnik, Jacques. 2008. „Zweierlei Frühling: Paris und Prag 1968.“ In Transit. Europäische Revue 35/Sommer 2008: S. 129–138, hier S. 131.

[28] Bispinck, Hernik/Danyel, Jürgen/Hertle, Hans-Herrmann/Wentker, Hermann. 2004. „Krisen und Aufstände im realen Sozialismus.“ In Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, hg. v. Hernik Bispinck, Jürgen Danyel, Hans-Herrmann Hertle und Hermann Wentker, S. 9–23. Berlin: Christoph Links Verlag, hier S. 9.

[29] Zit. Rupnik, Jacques. 2008. „Zweierlei Frühling: Paris und Prag 1968.“ In Transit. Europäische Revue 35/Sommer 2008: S. 129–138, hier S. 129.

[30] Danyel, Jürgen. 2004. „Im Schatten der Panzer. Zum Krisenmanagement der SED 1953, der KSC 1968 und der PVAP 1980/81.“ In Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, hg. v. Hernik Bispinck, Jürgen Danyel, Hans-Herrmann Hertle und Hermann Wentker, S. 215–229. Berlin: Christoph Links Verlag, hier S. 216.

[31] Smolar, Aleksander. 2008. „1968 – Zwischen März und Mai.“ In Transit. Europäische Revue 35/Sommer 2008: S. 142154, hier S. 149f.

[32] Für eine genauere Analyse der ungarischen Denkmalskultur zum Aufstand von 1956 vgl. Boros, Géza. 2000. „Gloria Victis: Wiedergutmachung auf Ungarns öffentlichen Plätzen. Die Denkmäler der Revolution von 1956.“ In Denkmale und kulturelles Gedächtnis nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation, hg. v. der Akademie der Künste, S. 199–212. Berlin: jovis Verlag.

[33] Boros, Géza. 2000. „Gloria Victis: Wiedergutmachung auf Ungarns öffentlichen Plätzen. Die Denkmäler der Revolution von 1956.“ In Denkmale und kulturelles Gedächtnis nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation, hg. v. der Akademie der Künste, S. 199–212. Berlin: jovis Verlag, hier S. 199.

[34] Klimó, Arpád von. 2006. Ungarn seit 1945. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht, S. 24.

[35] http://www.demokratiezentrum.org/themen/demokratiedebatten/ungarn-1956/streit-um-die-erinnerung.html (14.05.2009); Klimó, Arpád von. 2006. Ungarn seit 1945. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht, S. 214.

[36] oe1.orf.at/inforadio/69412.html( 14.05.2009)

[37] oe1.orf.at/inforadio/69412.html= (14.05.2009)

[38] http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,444284,00.html (14.05.2009)

[39] http://www.zeit.de/online/2006/43/Budapest-Krawalle (14.05.2009)


Zitierempfehlung: Mayrhofer, Petra, Protestbewegungen im Osten. Bildaufsatz der Ikone „Proetstbewegungen im Osten", in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/protestbewegungen-im-osten.html 

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