Filmsequenz C: Schaut auf diese Stadt


Schaut auf diese Stadt (DDR 1962)
Regie: Karl Gass
Produktion: DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme, Berlin-Johannisthal
Quelle: Progress Film-Verleih GmbH
Sequenz: 01:03:20 -01:06:56

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir diese Filmsequenz nicht mehr online anbieten.

1962 beauftragte das DEFA-Dokumentarfilmstudio den Regisseur Karl Gass mit der Herstellung eines repräsentativen Dokumentarfilms als filmische Legitimation der Berliner Mauer.[1] Karl-Eduard von Schnitzler, der aus dem DDR-Fernsehen bekannte Moderator der Polit-Serie Der Schwarze Kanal wurde mit dem Verfassen des Kommentars betraut. Der Titel Schaut auf diese Stadt verweist auf den gleichlautenden moralischen Appell des Westberliner Bürgermeisters Ernst Reuter, wendet diese Aussage jedoch polemisch gegen seinen ursprünglichen Kontext. Reuter sprach am 9. September 1948 zu Hunderttausenden Menschen, die sich vor dem zerstörten Reichstag versammelt hatten, und tätigte den Ausruf: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“

Zum ersten Jahrestag des Berliner Mauerbaus am 13. August fand die Uraufführung statt.[2] In Schaut auf diese Stadt wird seitens der DEFA-Direktion und der SED-Führung erwartet, die Argumentation der Maueranklage umzudrehen. In Schaut auf diese Stadt geht es inhaltlich darum, die DDR-Perspektive des Mauerbaus zu rechtfertigen.[3] Im 84-minütigen Film wird der Mauerbau zwar rhetorisch gefeiert, das Bild der Mauer und Bilder vom Mauerbau bleiben jedoch weitgehend abwesend.

Auch die Arbeit der Grenzsoldaten an der Befestigung der Zonengrenze in Berlin wird bloß in zwei Einstellungen gezeigt, die insgesamt nicht länger als fünf Sekunden dauern. In einer aus großer Distanz aufgenommenen Kameraeinstellung sieht man Grenzsoldaten beim Aufstellen eines Betonpfostens. In diesem offiziellen Mauer-Rechtfertigungsfilm der DDR-Regierung ist die Mauer selbst lediglich in einer sehr kurzen Einstellung im Ausmaß von einer Sekunde zu sehen. In dieser Einstellung dominiert allerdings der Aspekt der gemeinsamen Arbeit und Mühe. Der Arbeitsaspekt dominiert das Motiv vom Aufbau der Grenzbefestigung, die Arbeiter und nicht die Grenze selbst stehen im Mittelpunkt der Halbtotale. In einer weiteren Einstellung sieht man Soldaten, die einen Stacheldraht ziehen. Beide Aufnahmen sind an belanglosen Orten entstanden. Damit wurde explizit der Mauerbau aus dem Berliner Kontext herausgelöst und entpolitisiert.

Die Absenz der Mauerdarstellung in Schaut auf diese Stadt und die durchgehende Erzählung des politischen Handelns der DDR-Führung als reagierend und passiv zeigt deutlich, dass es der Medienpolitik in der DDR nicht gelungen ist, ein positives Image des Mauerbaus zu konstruieren und damit die mediale und narrative Hegemonie zu sichern. Somit blieb die Mauer in der Berichterstattung der DDR ein unpopuläres Bauwerk, das man visuell nicht rechtfertigen und ästhetisch nicht überhöhen konnte.

Ramón Reichert


[1] Vgl. zum Topos der Mauer in DEFA-Spielfilmformaten Stöver, Bernd. 2006. „,Das ist die Wahrheit, die volle Wahrheit.‘ Befreiungspolitik im DDR-Spielfilm der 1950er und 1960er Jahre.“ In Massenmedien im Kalten Krieg. Akteure, Bilder, Resonanzen (= Zeithistorische Studien 33), hg. v. Thomas Lindenberger, S. 49–76. Wien: Böhlau. vgl. auch: Laser, Kurt. 2001. „Mauer-, Himmel- und Berlinfilme.“ Berlinische Monatsschrift 6 (Volltext unter http://www.berlinische-monatsschrift.de).
[2] Vgl. weitere Angaben zum historischen Kontext das Interview mit Karl Gass in Krebs 1996: S. 60–63.
[3] Vgl. Demke, Elena. 2004. „Mauerfotos in der DDR. Inszenierungen, Tabus, Kontexte.“ In Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen deutschen Staat, hg. v. Karin Hartewig und Alf Lüdtke, S. 89–106. Göttingen: Wallstein.

 

 


Zitierempfehlung: Reichert Ramón, Schaut auf diese Stadt. Filmanalysetext zur Filmsequenz c der Ikone Mauerbau“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/mauerbau/filmsequenz-c-schaut-auf-diese-stadt.html.

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

 

© Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org