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The Berlin Wall (USA 1961)
Produktion: Universal News International
Quelle: Internet Archive
Sequenz: 00:55-1:25

Filmsequenz B: The Berlin Wall

Im Jahr 1961 werden zeitgeschichtliche Bilder auf audiovisueller Basis sowohl durch die Wochenschauen als auch vom Fernsehen angeboten. International agierende Wochenschau-Agenturen wie die Universal News International montierten ihr Bildmaterial zu Dokumentationen über die Berliner Mauer und belieferten damit die Kinos. Universal News waren eine Serie von sieben- bis zehnminütigen Nachrichtenfilmen, die im Kino ein- oder zweimal pro Woche im Zeitraum von 1929 bis 1967 gezeigt wurden. Im den Universal News vom 31. August 1961 rangiert die neueste Information über den Mauerbau in Berlin in der Rubrik „News in Brief“ an erster Stelle. Der Haupttitel „News in Brief“ wird mit einer Fanfare aus dem szenischen Off (Tonspur) eingeleitet.

In den bisher publizierten Untersuchungen zur medialen Repräsentation der Grenze zwischen West und Ost wurde stets von einem geschlechtsneutralen Topos ausgegangen. Im Unterschied zur fotografischen Darstellung der Zonengrenze und der Berliner Mauer sind kinotechnische Verfahren befähigt, spezifische Kodierungen vorzunehmen. So können etwa im Schuss-Gegenschuss-Verfahren oppositionelle Qualitäten wie „gut“ und „böse“, „rückschrittlich“ und „modern“, „friedlich“ und „gewaltbereit“ – oder in unserem Fall „weiblich“ und „männlich“ – festgelegt werden. Dabei wird der filmische Gegenstand (Mauer) oder eine filmisch artikulierte Idee (Totalitarismus der DDR) mit einer spezifischen Eigenschaft (männlich) konnotiert. Auffällig ist nicht nur in der von der Wochenschau-Agentur Universal News International produzierten Newsreel The Berlin Wall (USA 1961), sondern in der gesamten Medienberichterstattung über die Zonengrenze zwischen West und Ost, dass sämtliche Grenzen – und folglich auch die Mauer – ausnahmslos von Männern bewacht werden.

In The Berlin Wall wird nun die männliche Konnotation der Mauer (Bauen, Kontrollieren, Verwalten) mit dem weiblichen Blick konfrontiert, der die Mauer von außen (und räumlich gesehen von oben) wahrnimmt. Beinahe einmalig in der Filmgeschichte ist die Inszenierung des weiblichen Blicks als beobachtender Blick. Frauen nehmen eine subjektive Blickposition ein. Posierten Frauen in der Filmgeschichte primär als Objekte vor der Kamera, werden in diesem Kontext des Mauerbaus Frauen zum Blick der Kamera stilisiert und durchbrechen das Blickregime „Subjekt = männlich“ und „Objekt = weiblich“. Die Parallelmontage in The Berlin Wall relativiert diesen generell subversiven Blick allerdings dadurch, dass die Frauen in ihren Häusern eingesperrt gezeigt werden. Suggeriert wird, dass Ost-Männer ihre Frauen im Haus wie in einem Gefängnis einsperren. Damit wird der Aspekt der Viktimisierung der ostdeutschen Bevölkerung feminisiert: Frauen werden als Opfer in Szene gesetzt. Dieser vordergründigen Konstruktion der Opferrolle von Frauen widerspricht jedoch die Blickposition der Frauen als das Unbewusste medialer Repräsentation: Denn es sind die Frauen, denen das Sehen zugestanden wird. Die Frauen sind es, die die Männer beim Mauerbau taxieren und dies von einem privilegierten Standpunkt aus tun. Die Frauen nehmen die Position des Blicks ein und sehen mehr als die arbeitenden Männer, die sich schließlich selbst einmauern. Dieser Blickvorteil der Frauen gegenüber den Männer ist eine spezifische kinotechnische Konstruktion der West-Wochenschauen, um den Mauerbau auf der Ebene der visuellen Botschaft zu subvertieren.

Ramón Reichert


Zitierempfehlung: Reichert Ramón, The Berlin Wall. Filmanalysetext zur Filmsequenz B der Ikone Mauerbau“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/mauerbau/filmsequenz-b-the-berlin-wall.html.

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