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8./9. Mai

„EINRICHTUNG“ als Gedenktag: Österreich erinnert am 8./9. Mai anders.

Der 8. Mai ist kein offizieller Gedenktag der Republik Österreich. Der österreichische Gedenktag mit mittelbarer Verbindung zum Kriegsende ist der Nationalfeiertag am 26. Oktober. Der 8. Mai als Tag der Kapitulation bzw. als Tag der Befreiung spielt durch seine Bedeutung für ganz Europa aber auch im österreichischen Geschichtsbewusstsein eine Rolle. Der Europatag am 9. Mai ist derzeit öffentlich kaum präsent.

Gesetz über die Einführung der Feiertage "Tag der Befreiung" und "Tag der Republik"
Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik 1950 S. 355
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Quelle (Text): Bundesarchiv Nr. 46 vom 28. April 1950, Signatur ZB 20049 a/46
Quelle (Bild): Makrolog

Am 29. April 1950, ein halbes Jahr nach Gründung der DDR wurde in der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone der 8. Mai als „Tag der Befreiung“ gemeinsam mit dem Gründungs- datum der DDR, dem nunmehrigen „Tag der Republik“ am 7. Oktober, offiziell als Gedenktag wirksam. Ent- sprechend dem staatsoffiziellen Selbstverständnis ist die Be- gründung des Tags der Befreiung eine eindeutige vehemente Distanzierung vom Faschismus, die sowjetische Armee wird als einzige Befreierin genannt. Der „Tag der Befreiung“ wurde später nur mehr sporadisch begangen.

Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft
8. Mai 1985
Richard von Weizsäcker
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Quelle Text: Haus der Geschichte
Quelle Bild: Bundesarchiv (Bild 146-1991-039-11)

Die Rede „Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der national- sozialistischen Gewaltherrschaft“ ist eine zentrale Rede des ehemaligen Bundes- präsidenten Richarch von Weizsäcker und ein Meilenstein in der Evolution der (west-) deutschen Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus. Gleich- zeitig war sie die letzte bedeutende politische Stellung- nahme vor der deutschen Wiedervereinigung. Weizsäcker zeichnet den 8. Mai als Tag der Reue und Demut, des Andenkens an die Opfer deutscher Gewalt. Er nennt Vertreibungserfahrung Deutscher nach Kriegsende ebenso wie eine „Bitte an die jungen Menschen“, sich nicht in Feindschaft und Hass treiben zu lassen. Er verortet das Kriegsende am 8. Mai 1945 mit dem europäischen Einigungs- prozess. Die DDR wird nicht angesprochen.

8. Mai 1985: Not brachte den Nazifaschismus
9. Mai 1985: Ein Tag der Befreiung
Arbeiterzeitung
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Quelle: Arbeiterzeitung vom 8. Mai 1985 bzw. 9. Mai 1985

Am 8. Mai 1985 hielt der ehemalige Bundeskanzler Österreichs Bruno Kreisky im ehemaligen Konzentrationslager Struthof eine Rede vor der sozialistischen Fraktion des Europäischen Parlaments über die Ursachen des Faschismus. Die Arbeiterzeitung berichtete, dass laut Kreisky „die Xenophobie (der Fremdenhaß) der Antisemitismus unserer Zeit“ sei. Der Tag der Befreiung ist für „uns [gemeint waren Sozialisten] kein heikles Problem“, obwohl er die Spaltung Europas und Deutschlands ermöglicht hat. Am darauffolgenden Tag brachte die Arbeiterzeitung Auszüge aus der Rede Richard von Weizsäckers.

8. Mai 1985: Ein Ende, das ein Anfang war.
Hermann Rudolph
Tagesspiegel, 9. Mai 2010
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Quelle: Tagesspiegel

Dieser Artikel aus dem Tagesspiegel diskutiert die widersprüchlichen Positionen Deutschlands zum 8. Mai. Der Kontrast zwischen Befreiung und deutscher Teilung, Niederlage und Überwindung des Faschismus. Hermann Rudolph unterstellt, dass in West- und Ostdeutschland lange Zeit keine ehrliche Auseinandersetzung mit deutschen Verbrechen stattfand und der 8. Mai erst durch die Rede Richard von Weizsäckers ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte, als Ausgangspunkt eines langen Weges vom Ende des Faschismus zum demokratischen Gemeinwesen.

Der 8. Mai als europäisches Datum
Interview mit Aleida Assmann
25. April 2006
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Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Aleida Assmann schlägt in diesem Interview den 8. Mai als neuen europäischen Gedenktag vor, da er neben vielen nationalen Erinnerungsdaten (in Deutschland: 9. November, 27. Jänner; in Österreich z.B. 5. Mai und 26. Oktober) sowohl aus einer gesamteuropäischen Perspektive, als auch national/regional multi- perspektivisch aufgeladen ist und so integrierend wirken kann. Sie spricht darüber hinaus deutlich über die Funktion von Gedenktagen, dem Bedürfnis sich zu erinnern und über Möglichkeiten, gemeinsame europäische Erinnerungen zu verankern.

Rede des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck bei der niederländischen Befreiungsfeier
Breda, 5. Mai 2012
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Foto: © Guido Bergmann
Quelle Foto und Text: Bundespräsidialamt

International ist der Tag des Kriegsendes in Europa als V-E-Day (Victory in Europe Day) bekannt. Dabei wird er von verschiedenen Staaten an unterschiedlichen Tagen begangen: Frankreich feiert am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation. Diese trat nach Moskauer Zeit am 9. Mai in Kraft, dort wird an diesem Tag gefeiert. Die Niederlande begehen ihren Bevrijdingsdag (Befreiungstag) am 5. Mai, dem Tag, an dem die deutsche Besatzungsarmee in den Niederlanden kapitulierte. Zusammen mit dem „niederländischen Erinnerungs- tag“ am 4. Mai bildet er ein Gedenktagsensemble, beide werden jährlich als staatliche Feiertage mit großer Anteilnahme der Bevölkerung im ganzen Land begangen. Erst im Jahr 2012 sprach erstmals ein hochrangiger deutscher Politiker anlässlich der Befreiungsfeier am 5. Mai in Breda, Niederlande: Bundes- präsident Joachim Gauck. Seine hier wiedergegebene Rede spielt auf seine eigene Geschichte in der DDR, die Beziehung zwischen (West-)Deutschland und den Niederlanden durch die Jahrzehnte bis zur Geste dieses Besuchs, Kriegserfahrungen und Einzel- schicksale in den Niederlanden und die Erinnerungs- und Gedenkkultur in Deutschland und den Niederlanden an.

Der erste staatsoffizielle Gedenkakt Österreichs zum 8. Mai fand erst im Jahr 2012 statt. Im kleinen Rahmen luden Bundeskanzler Faymann und Vizekanzler Spindelegger zu einer Gedenkveranstaltung mit dem Titel „Umbruch – Aufbruch – Europa“. Unter dem Eindruck des bereits Tradition gewordenen Totengedenkens deutschnationaler bzw. rechtsextremer Burschenschaften und Organisationen an diesem Tag kam die Regierung zur Entscheidung, diese Veranstaltung abzuhalten.

Gedenkveranstaltung im Bundeskanzleramt
8. Mai 2012
Klick öffnet Presseaussendung des Bundeskanzleramts, Rede des Vizekanzlers und Zeitungsbericht in der Presse<br/>Foto: Andy Wenzel (BKA/HBF)
Quellen: Bundeskanzleramt, BMeiA und diepresse.com

Bundeskanzler Faymann spricht in seiner Aussendung die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus an und nennt die Kapitulation des Naziregimes als Ausgangspunkt für eine neue Epoche des Kontinents. Vizekanzler und Außenminister Spindelegger sprach beide historische Ereignisse (die Kapitulation und den Schuman-Plan) an und betonte Europa als Friedens- projekt, das sich auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten bewährt. Erst die Presse- berichterstattung legt nahe, dass das Zustandekommen der Gedenkveranstaltung eine Reaktion auf das „Toten- gedenken“ deutschnationaler bzw. rechtsextremer Burschenschaften und Organisationen ist.

Der 8. Mai wird in Österreich seit 2002 von deutschnationalen bzw. rechtsextremen Burschenschaften und Organisationen für Kranzniederlegungen anlässlich des Kriegsendes genutzt. Der Impuls für diese Kranzniederlegung war eine rechtsradikale Kundgebung gegen die Wehrmachtsausstellung am 13. April 2002. Das seither jährlich stattfindende „Totengedenken“ bei der Krypta des österreichischen Heldendenkmals Heldenplatz ist bis heute Anlass für Diskussionen und Demonstrationen.

Karl Pfeifer: Österreich lässt Neonazi am Heldenplatz aufmarschieren
in: HaGalil, 20. April 2002<br/>Klick öffnet Volltext
Quelle: HaGalil

In der deutsch-jüdischen online-Zeitschrift HaGalil publizierte Karl Pfeifer einen Bericht zur Neonazi-Kundgebung im April 2002, die vom Heldenplatz ausging. Sie bezog sich zwar auf die damals in Wien gezeigte Wehrmachtsausstellung, bot aber den Impuls für das jährliche „Totengedenken“ deutsch- nationaler bzw. rechtsextremer Burschenschaften und Organisationen am 8. Mai am selben Ort. Laut diesem Bericht endete die Kundgebung 2002 mit dem Marsch der Neonazis durch die Wiener Innenstadt, bei dem „Sieg Heil!“ und ähnliche nationalsozialistische Parolen gerufen wurden.

Peter Stachel: Mythos Heldenplatz
Bild: Neonazikundgebung am Heldenplatz, 13. April 2002
Klick öffnet Kapitel „Ausgerechnet am Heldenplatz ...“
Quelle Bild und Text: Stachel, Peter: Mythos Heldenplatz. Pichler, Wien: 2002.

Der Historiker Peter Stachel schildert in seinem Buch „Mythos Heldenplatz“ die deutsch- nationalen bzw. rechtsextremen Kundgebungen und Gegen- veranstaltungen vom 13. April und 8. Mai 2002 vor dem Hintergrund der jüngeren politischen Entwicklungen in Österreich seit dem Jahr 2000 und der Geschichte des Ortes: Er arbeitet heraus, warum der Heldenplatz eine zentrale Rolle als Gedächtnisort der Republik spielt.

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