Die Vorgeschichte

Fahne mit ausgeschnittenem "Stalin-Wappen" als Symbol der ungarischen Revolution, Budapest, Ende Oktober 1956.
Foto: Erich Lessing
Ungarn, dass im Zweiten Weltkrieg zunächst mit NS-Deutschland verbündet und ab 1944 von diesem besetzt war, wurde 1945 von der Roten Armee befreit, wobei insbesondere die schweren Kämpfe um Budapest zigtausende zivile Opfer forderten. Ab 1947 geriet Ungarn zunehmend unter kommunistischen und damit sowjetischen – und stalinistischen – Einfluss. Spektakuläre Schauprozesse wie etwa jener, der mit der Hinrichtung des ehemaligen kommunistischen Außenministers Lázló Rajk endete, politische Verfahren gegen 650.00 Personen innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren und vier Monaten2 und Zwangskollektivierungen in der Landwirtschaft ließen die Wut auf das Regime wachsen. Als der kommunistische Reformer Imre Nagy nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 die Chance zur Durchsetzung eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformkurses nützte, konnte er auf weitreichende Unterstützung zählen. Auch der Kreml akzeptierte angesichts der Unruhen in den Satellitenstaaten Nagys Kurs, der die Lage in Ungarn beruhigte. Doch bis zum Frühjahr 1955 änderte sich die Situation: stalinistische Parteikollegen intrigierten gegen Ministerpräsident Nagy, verdrängten ihn zunächst aus allen politischen Ämtern und ließen ihn schließlich aus der Partei ausschließen.
Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, bei dem Nikita Chruschtschow in seiner berühmt gewordenen Geheimrede mit dem Stalinismus und insbesondere dem Personenkult um Stalin abrechnete, wurde auch in den Warschauer Pakt Staate als Aufbruchssignal verstanden. In Ungarn wurde im Zuge der Entstalinisierung auf sowjetisches Geheiß im Juli 1956 Mátyás Rákosi, der seit 1948 an der Spitze der kommunistischen Einheitspartei (Partei der Ungarischen Werktätigen, MDP) stand, abgelöst. Zahlreiche Opfer des Stalinismus wurden rehabilitiert und Imre Nagy am 13. Oktober wieder in die kommunistische Partei aufgenommen. Immer wieder kam es aber auch zu Demonstrationen in Budapest, die Solidarität mit den aufständischen Polen und Polinnen bzw. mit dem jugoslawischen Kurs unter Tito zum Ausdruck brachten oder sich gegen die ungarische Geheimpolizei AVH richteten.
Kurzer Sieg
Am 22. Oktober 1956 verfassten StudentInnen der Technischen Hochschule in Budapest einen Forderungskatalog, der unter anderem den Abzug der sowjetischen Truppen und die Bildung einer neuen Regierung unter Imre Nagy umfasste. Als sie am nächsten Tag ihren Forderungen und ihrer Unterstützung des polnischen Reformkurses mit einer – zunächst friedlichen – Demonstration Nachdruck verliehen, schlossen sich ihnen Tausende Menschen an. Das änderte auch den Charakter der Demonstration: nationalistische Parolen traten in den Vordergrund. Eine Rede mit der Imre Nagy am Abend die aufgebrachte Menge zu beruhigen versuchte, indem er Reformen im Rahmen des Systems versprach, zeigte nicht die gewünschte Wirkung. Die monumentale Stalin-Statue in Budapest wurde geschleift, vor dem von wütenden DemonstrantInnen belagerten Rundfunkgebäude fielen gegen 22.30 Uhr die ersten Schüsse von Seiten von AVH-Leuten, die die Situation endgültig eskalieren ließen. Die Führung der MDP entschloss sich zu einer Doppelstrategie – einerseits wurde einem Teil der Forderungen der DemonstrantInnen durch personelle Veränderungen an der Parteispitze Rechnung getragen und Nagy zum Ministerpräsidenten ernannt, andererseits wurde sowjetische Hilfe zur Niederschlagung des als „Konterrevolution“ gebrandmarkten Aufstands angefordert. Bereits am 24. Oktober gegen 4.00 Uhr früh besetzten sowjetische Truppen Budapest.Die nächsten Tage waren von weiteren Demonstrationen, die erneut Todesopfer forderten, und von heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Parteiführung der MDP geprägt, in denen sich die reformorientierten Kräfte durchsetzen konnten. Überall im Land bildeten sich Arbeiter- und Revolutionsräte, die die politischen Forderungen weiter trugen und am 30. Oktober von Imre Nagy als legitime Körperschaften anerkannt wurden. Einen Tag später löst sich die MDP auf, als neue kommunistische Partei gründete sich die reformorientierte MSZMP (Magyar Szocialista Munkáspárt). In einer Radioansprache gab Imre Nagy am 1. November die Neutralität Ungarns und den Austritt aus dem Warschauer Pakt bekannt.
Repression
Die seit dem 30. Oktober aus Budapest abgezogenen sowjetischen Truppen marschierten am 4. November wieder in die Stadt ein. Vorausgegangen war dem ein Seitenwechsel von János Kádár ehemals selbst Opfer stalinistischer Verfolgung und Angehöriger des reformorientierten Flügels der ungarischen Kommunistischen Partei, der sich nun mit sowjetischer Unterstützung als Führer einer neuen „Ungarischen Revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung“ gegen die so genannte „Konterrevolution“ profilierte. Imre Nagy und seine MitarbeiterInnen erhielten in der jugoslawischen Botschaft Asyl, während die aussichtslosen Kämpfe auf den Straßen noch tagelang weitergingen.Ab dem 11. November wurde über Ungarn der Ausnahmezustand verhängt, und die systematische Verfolgung der Aufständischen begann. Die Kádár Regierung drängte auf Geheiß der Sowjetunion Jugoslawien zur Auslieferung Nagys und sicherte der jugoslawischen Regierung Straffreiheit für ihn und die anderen in die Botschaft Geflüchteten zu. Ein Versprechen, das schon am nächsten Tag gebrochen wurde: Nagy und 47 weitere Personen wurden nach Rumänien verschleppt. Die Auseinandersetzungen zwischen den überall im Land entstandenen Arbeiterräten und der ungarischen Regierung bzw. dem sowjetischen Machthabern waren damit allerdings nicht beendet. Immer wieder kam es zu Streiks und Demonstrationen, auf die mit brutaler Repression geantwortet wurde. Am 16. Dezember fiel das erste Todesurteil gegen den Aufständischen Jószef Soltész. In den folgenden Monaten traf die staatliche Unterdrückungspolitik aufständische Arbeiter ebenso wie kritische Intellektuelle.
Imre Nagy und einige weitere Gefangene wurden im April 1957 unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen nach Ungarn zurückgebracht. Am 15. Juni 1958 wurden Nagy und zwei weitere Angeklagte zum Tod verurteilt und das Urteil noch am nächsten Tag vollstreckt. Erst am 6. Juli 1989 – unmittelbar nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, der auch das Ende der kommunistischen Hegemonie über die Deutung der Geschichte bedeutete – wurde Imre Nagy durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs offiziell rehabilitiert, nachdem bereits im Juni desselben Jahres die sterblichen Überreste des ehemaligen Ministerpräsidenten und einiger seiner Mitstreiter sowie ein leerer Sarg zum Andenken an die unbekannten Opfer der Revolution in einer feierlichen Zeremonie beigesetzt worden waren.
Als Bilanz des Aufstandes von 1956 lassen sich folgende Zahlen anführen: auf Seiten der Aufständischen gab es an die 2.500 Tote und fast 20.000 Verwundete; auf Seiten der Sowjetischen Armee fielen ca. 700 Soldaten, 1.540 wurden verletzt, 51 galten als vermisst. Im Zuge der Repression wurden in der Folge ca. 20.000 Menschen interniert. Ebenso viele flüchteten nach Jugoslawien während rund 180.000 auf dem Weg in den Westen die österreichische Grenze passierten3.
Der Westen

Sicherungseinsatz an der Staatsgrenze zu Ungarn nach der sowjetischen Invasion - erster Einsatz von Soldaten des Bundesheers im Inland.
Foto: BMI (Repro: HBF/Tindl)
Das Verhalten des Westens gegenüber den Ereignissen in Ungarn lässt sich rückblickend als zwiespältig beschreiben. Die vorübergehende Aufnahme ungarischer Flüchtlinge in Österreich wird von den Betroffenen bis heute überwiegend äußerst positiv erinnert – die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, die unkomplizierte Aufnahme, die Hilfestellungen für die Weiterwanderung oder einen Neubeginn im Land spielen in vielen Berichten von ZeitzeugInnen eine große Rolle. Allerdings verschärfte sich das Klima in den folgenden Monaten, Klagen von Seiten der österreichischen Bevölkerung über die angebliche Bevorzugung der Flüchtlinge nahmen zu. An die 10 Prozent der Geflüchteten4 blieben in Österreich wo sie 1976 als autochthone Minderheit anerkannt wurden, während die Mehrheit nach Erhalt eines Visums weiterzog.
Weitere Informationen zur österreichischen Asyl- und Minderheitenpolitik:
→ Wissensstation Macondo
→ Wissensstation minority trip
→ Artikel "Der politische Flüchtling als Symbol der Zweiten Republik" von Patrik-Paul Volf
Andererseits fühlten sich viele Ungarn vom Westen "verraten“, der zunächst über seine Radiostationen – insbesondere den Sender "Freies Europa“ in München – die Aufständischen bestärkte und zum Widerstand aufrief, dann aber politisch untätig blieb und schon gar nicht – wie von vielen Aufständischen erhofft und durch Falschmeldungen immer wieder verbreitet – Truppen gegen die sowjetische Invasion schickte. Zwar war die Situation in Ungarn wiederholt Thema bei Sitzungen der Vereinten Nationen, die auch einen eigenen Sonderausschuss mit der Analyse der Situation beauftragten, doch auf die Lage im Land hatten die Resolutionen und Verurteilungen des Vorgehens der sowjetischen und ungarischen Regierung keinen Einfluss. Die verzweifelten Appelle, die die ungarischen Freiheitssender nach dem zweiten Einmarsch der sowjetischen Truppen an den Westen und die UNO richteten, zeigen deutlich, wie groß das Vertrauen in die Macht und die Möglichkeiten der "freien Welt“ war, die letztlich jedoch – beschäftigt mit der Suez-Krise5, die erneut die Angst vor einem nuklearen Weltkrieg schürte – in der Rolle des Zusehers gefangen blieb.
2 Zahlen nach Varga, György T. (2001). Zur Vorgeschichte der ungarischen Revolution von 1956. In: Foitzik, Jan (Hg.). Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953-1956. Paderborn.
3 Vgl. Harmath, Robert (2006). Hoffnung und Tragödie - Der Ungarn-Aufstand 1956: 3. Teil. In: Readers Edition
4 Vgl. Ungarn 1956 - Aus österreichischer Sicht. Online Ausstellung der Mediathek
5 Bei der Suez-Krise handelte es sich um eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Ägypten einerseits und einer Allianz aus Frankreich, Großbritannien und Israel andererseits, deren Auslöser die Verstaatlichung des Suez-Kanals durch den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser war.
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