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Unterrichtssequenz 4

Interkulturelles Bewusstsein und Prävention gegen Radikalisierung (Textanalyse und Medienarbeit, Teil 2)

Ziel: Wissen über Großbritannien und Frankreich mit Realitäten der eigenen Gesellschaft in Bezug zu setzen und kritisch zu hinterfragen. Interkulturelles Bewusstsein entwickeln bedeutet z. B., das Funktionieren einer anderen Kultur mit ihren historischen Entwicklungen, aber auch die Verfasstheit der eigenen Gesellschaft zu verstehen, zu vergleichen und Bezüge herzustellen, um reduzierende Bilder und vereinfachende Befunde möglichst hintanzuhalten. Klarerweise ist die Auseinandersetzung mit Kulturen, deren Werte den eigenen oft entgegengesetzt sind, auch im Klassenzimmer nicht immer angenehm, aber unvermeidbar (vgl. Demorgon 2015; Eisl 2010).

Methodik: SchülerInnen analysieren wieder in Gruppen unterschiedliche Ressourcen (Interviews aus Zeitung bzw. Jugendzeitschrift, Gesetzesauszug, Auszug Sachbuch, Studie, Filme), arbeiten anhand von Leitfragen  Fakten, Positionen und Argumenten heraus und präsentieren ihre Ergebnisse im Plenum. Abschließende Zusammenfassung erfolgt mit der Lehrkraft ev. mithilfe unterstützender Fragen.

 

Dokument A: Studie: Junge Muslime

Fragen an die SchülerInnen:

  • Was erfahrt ihr über die Einstellung jugendlicher Muslime in Österreich?
  • Wie könnten Maßnahmen zur Prävention gegen Radikalisierung eurer Meinung nach aussehen?

Junge-Muslime-Studie "Anlass zur Sorge"

Die Ergebnisse seiner Jugendstudie überraschen Studienautor Kenan Güngör nicht. Mittlerweile gibt es zahlreiche, zum Teil heftige Reaktionen auf diese Studie.

Wien. „Ich bin nicht überrascht, wir haben die Studie nicht von ungefähr gemacht.“ So kommentiert Kenan Güngör im Gespräch mit der „Presse“ die Ergebnisse jener Studie, an der er mitgearbeitet hatte. Und die am Montag heftig diskutiert wurde. Immerhin hat die Studie, in deren Rahmen rund 400 Teenager in der offenen Jugendarbeit befragt wurden (also in Jugendzentren und Parks), gezeigt: Gerade junge Muslime sind gefährdet, radikal zu werden. Nur 42 Prozent können als gemäßigt bezeichnet werden, mehr als ein Viertel zeigen Sympathien für den Jihad. „Die Presse“ berichtete in der Montagsausgabe.

„Es sind ja Experten der Jugendarbeit an uns herangetreten“, erklärte Güngör. Die hätten erzählt, dass die Themen Religion und Abgrenzung bei Jugendlichen immer stärker würden: „Und das gibt Anlass zur Sorge.“ Zwei Bereiche findet Güngör bei der untersuchten Gruppe, die traditionell aus einer sozial schwächeren Schicht kommt, besorgniserregend: einerseits, dass die ethnische Diskriminierung, Homophobie und Antisemitismus sehr stark sind. Andererseits, dass katholische Jugendliche eher moderater, die Ansichten serbisch-orthodoxer deutlich problematischer und die muslimischer Jugendlicher um noch eine Stufe problematischer seien. (…)

Die Befragung lief vom November 2014 bis Februar 2015. Einerseits bedeutet das: Die Einstellung Zehntausender Flüchtlinge, die im Vorjahr kamen, konnte nicht erfasst werden. Andererseits gab es Kritik, dass die Ergebnisse erst eineinhalb Jahre nach der Befragung veröffentlicht wurden. Dass die Studie unter Verschluss gehalten wurde, wird im Büro von Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) dementiert: Die wissenschaftliche Auswertung habe lang gedauert, mit Experten hätten vor Veröffentlichung Maßnahmen besprochen werden müssen, auch eine Tagung der Jugendarbeiter sei fixiert worden.

Heftige Reaktionen auf Studie

Die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) zeigte sich am Montag über die Wiener besorgt. Ein „oberflächliches und auf Äußerlichkeiten beschränktes Islamverständnis“ stelle ein Problem dar. Das sei eine Grundlage für abwertende Einstellungen und ein Nährboden für religiös motivierten Fanatismus. Die grüne Menschenrechtssprecherin im Parlament, Alev Korun, forderte eine Analyse „mit kühlem Kopf“, um konkrete Gegenmaßnahmen zu entwickeln. ÖVP und FPÖ orteten ein Scheitern der rot-grünen Stadtregierung, die von SPÖ-Gemeinderätin Tanja Wehsely verteidigt wurde: Mit dem Netzwerk für Deradikalisierung und Prävention arbeite die Stadt seit 2014 daran, Jugendliche vor radikalen Einflüssen zu schützen.

Auf einen Blick

Die Studie „Jugendliche in der offenen Jugendarbeit“, die im Auftrag der Stadt Wien erstellt wurde, schlägt hohe Wellen. Immerhin ergab die Befragung von rund 400 Jugendlichen, die niederschwellig in Jugendzentren oder Parks betreut werden, dass gerade junge Muslime gefährdet sind, radikal zu werden. Einer der Studienautoren, Kenan Güngör, zeigt sich von dem Ergebnis nicht überrascht – es hätte damals auch entsprechende Hinweise von Jugendarbeitern aus dieser sozial herausfordernden Gruppe gegeben, denen man nachgegangen sei.

Quelle: Die Presse (2016): Junge-Muslime-Studie „Anlass zur Sorge". In: http://diepresse.com/home/panorama/wien/5103445/JungeMuslimeStudie-Anlass-zur-Sorge (19.10.2017)

 

Dokument B: Interview mit Ahmad Mansour und das Projekt Heroes

Fragen an die SchülerInnen:

  • Was meint A. Mansour, wenn er von einer "Generation Allah" spricht?
  • Wie kam/kommt es zu Radikalisierung von Jugendlichen?
  • Welche Argumente führt er gegen das Kopftuch / die Burka an?
  • Gibt es das Projekt Heroes auch in Österreich?
  • Eure Meinung: Kennt Ihr Jugendliche, die der Beschreibung "Generation Allah" entsprechen?
  • Was spricht für, was gegen ein Kopftuchverbot im öffentlichen Raum (Schule, Gericht, Ämter)?

Ahmad Mansour: „Ein Kind mit Kopftuch ist Missbrauch“ – ein Standard-Interview

Ahmad Mansour wuchs in einem kleinen arabischen Dorf in Israel in einer nicht praktizierenden muslimischen Familie auf. In seiner Schulzeit geriet er unter den Einfluss eines radikalen Imams und wurde selbst beinahe Islamist. Aber nur beinahe, nicht zuletzt das Psychologie-Studium half ihm, religiösem Fundamentalismus und Islamismus zu entkommen. In seinem Buch "Generation Allah" erklärt der Psychologe und Islamexperte, "warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen". Dazu gehöre auch, Probleme nicht zu verharmlosen oder zu leugnen, auch nicht unter dem Deckmantel einer falsch verstandenen "Toleranz", sagt er im STANDARD-Interview. (…)

STANDARD: Ihr Buch heißt "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen" (S. Fischer Verlag, Frankfurt 2015). Was zeichnet diese Generation Allah denn aus?

Ahmad Mansour: Generation Allah meint normale Jugendliche, die zu dieser Gesellschaft gehören, aber Werte und Ideologien in sich tragen, die sehr problematisch sind. Sie kommen oft aus patriarchalen Strukturen mit problematischen Geschlechterrollen. Sie verstehen Religion als heiliges Tabu, das man nicht kritisieren darf, und glauben an ein patriarchales Gottesbild, das mit Hölle und Bestrafung arbeitet. Das entsteht nicht von heute auf morgen, das sind Prozesse in der Peergroup und den sozialen Medien und leider auch Teile der Erziehung in manchen Familien. Das ist die Gruppe, aus der Islamisten ihre Anhänger fischen.  (…)

STANDARD: Was muss die Politik tun?

Mansour: Endlich Verantwortung übernehmen und Probleme benennen. Es ist immer noch nicht klar, ob wir von allen, unabhängig von Herkunft und Religion, einfach erwarten, dass sie ihre Töchter zum Schwimmunterricht schicken, dass sexuelle Selbstbestimmung ein Grundrecht in dieser Gesellschaft ist, egal, ob das Mädchen oder der Junge Muslim, Christ oder Atheist ist. Angesichts der vielen Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, wäre jetzt der Zeitpunkt, Werte klar zu kommunizieren. Ohne das sind die Probleme der Zukunft vorprogrammiert. (…)

STANDARD: Welche Rolle spielen dabei die muslimischen Verbände?

Mansour: Wir haben in Europa ein weitverbreitetes Islamverständnis, vor allem unter den reaktionären Verbänden, die diese Inhalte auch vermitteln: die Tabuisierung von Sexualität, Angstpädagogik, die Religion als Tabu, Opfer- und Feindbilder, antisemitische Einstellungen. Das ist ein Religionsverständnis, auf dem die Radikalen ihre Ideologie aufbauen. (…)

STANDARD: Der Historiker Heiko Heinisch forderte im Standard eine "kopftuchfreie Schule", um Mädchen, die gezwungen werden, zumindest eine Zeitlang diesen geschützten Freiraum zu ermöglichen. Wie ist Ihre Position dazu?

Mansour: Ich persönlich bin gegen das Kopftuch. Es ist ein politisches Symbol und steht für Geschlechtertrennung und Tabuisierung der Sexualität. Wenn ich aber die politische und gesellschaftliche Realität ansehe, dann stehe ich diesem Vorschlag sehr skeptisch gegenüber, weil er einfach nicht mehr machbar ist. Ich bin dafür, in kleinen Schritten anzufangen und zu sagen: Die Grundschule – bis zehn, elf Jahre – soll kopftuchfrei sein. Dann haben wir vielen Kindern geholfen. Wir haben in Deutschland und Österreich Mädchen mit sechs, sieben Jahren, die mit Kopftuch in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Diese Kinder werden ihrer Kindheit beraubt, das ist kein Symbol von Religionsfreiheit. Ein Kind mit Kopftuch ist Missbrauch. Der nächste Schritt wäre, dass auch die Pädagogen frei von politischen und religiösen Symbolen sein sollten.

STANDARD: Was halten Sie von einem "Burkaverbot"?

Mansour: Die Burka ist kein religionsfreiheitliches Symbol, wie Kanzlerin Angela Merkel meint, und sie gehört nicht zur Vielfalt in der Gesellschaft. Sie ist nichts anderes als ein Unterdrückungsmechanismus Frauen gegenüber. (…)

Zur Person: Ahmad Mansour (40) wuchs in einer arabischen Familie in Israel auf, kam als Schüler mit einem radikalen Imam in Kontakt und wurde beinahe Islamist. Er studierte Psychologie in Tel Aviv und Berlin, wo er seit 2004 lebt. Er verließ Israel, nachdem er dort einen Anschlag miterlebt hatte. Mansour ist u. a. Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel, Gruppenleiter bei "Heroes" in Berlin, einem Projekt gegen Unterdrückung im Namen der Ehre, sowie Familienberater bei Hayat, einer Beratungsstelle für Deradikalisierung.

Quelle: Der Standard (2016): Ahmad Mansour: „Ein Kind mit Kopftuch ist Missbrauch“. In: http://derstandard.at/2000045516816/Ahmad-Mansour-Ein-Kind-mit-Kopftuch-ist-Missbrauch (14.11.2017)

 

Heroes – Ein Projekt gegen Unterdrückung im Namen der Ehre

Mädchen fahren nicht mit auf Klassenfahrt, und der Sohn darf keine Nicht-Muslimin lieben? "Ist halt so", denken viele muslimische Jugendliche. Das Berliner Projekt schickt "Heroes", junge muslimische Burschen, die sich kritisch mit Ehrvorstellungen auseinandergesetzt haben, in Schulen ihre Mission: Aufklärung. Um gegen alte, oft übermächtige Traditionen anzukämpfen und mit Gleichaltrigen zu diskutieren und in Rollenspielen  …

http://www.heroes-net.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Hertha Firnberg Schulen

Mansour und seine "Helden" bei einer Veranstaltung 2015 an den Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus, Wien 

 

Dokument C: Gewalt im Namen der Ehre

Fragen an die SchülerInnen:

  • Warum sind der Koran und die Scharia in islamischen Gesellschaften, aber auch in vielen europäischen islamischen Communities verstärkt die prägende Rechtsvorstellung?
  • Soll das „tradierte“ Recht einer Familie auf die Jungfräulichkeit ihrer Töchter, Schwestern und Cousinen in den islamischen Communities Europas toleriert werden?
  • Warum ist die Bibel in Europa nicht mehr die prägende Rechtsvorstellung?

Jungfräulichkeit ist ein Schlüsselbegriff im Ehrverständnis traditioneller muslimischer Familien. Der Zwang, als Jungfrau in die Ehe zu gehen, hat gravierende Auswirkungen auf die Entwicklung und die Chancen von Mädchen, aber ebenso auf die Erziehung von Jungen.

In der Vorstellungswelt derjenigen muslimischen Familien, um die es hier geht, ist Ehre etwas, was dem Kollektiv „Familie“ als ganzem anhaftet; ein Besitz, den man verlieren kann und der verteidigt werden muss, um das Ansehen der Familie und ihrer einzelnen Mitglieder innerhalb der eigenen Community nicht zu gefährden. Im Kern geht es um das sexuelle Wohlverhalten der Frauen und Mädchen. (…)

Warum wird Ehre in einem Teil der Bevölkerung so stark an weibliche Sexualität geknüpft? Hängt das auch mit dem Islam zusammen? Oft wird argumentiert, überkommene Traditionen und vor allem negative Auswirkungen traditioneller Ehrvorstellungen hätten nichts mit dem Islam zu tun. Dieses Argument ist meiner Ansicht nach schon deshalb nicht haltbar, weil kulturgeschichtlich gesehen gerade Religion stets ein wesentlicher und konstituierender Teil von Kultur war und ist. Über diese allgemeine Erkenntnis hinaus hat Religion, anders als in offenen, pluralistischen Gesellschaften und Communities nichts von ihrer gewaltigen normativen Kraft verloren und bestimmt das Leben vieler Menschen (…) „Der Islam verbietet es“ oder „das muss man im Islam“ sind die gängigsten Antworten. (…) Auch das Neue Testament etwa verurteilt an mehreren Stellen Geschlechtsverkehr vor der Ehe, aber diese Verbote haben ihre normative Kraft eingebüßt.

Es steht außer Frage, dass Ehrkulturen wesentlich älter sind als der Islam und mithin auch gewisse Ehrvorstellungen heutiger islamischer Gesellschaften (…) Das Rollenbild von Mädchen und der damit  verbundene Jungfrauenkult werden durch die Religion insofern legitimiert  und befördert, als der Islam Sexualität ausschließlich im Rahmen der Ehe erlaubt. Voreheliche Sexualität stellt nach allgemeiner theologischer Auffassung als „Unzucht“ (…) einen Verstoß gegen die „Rechte Gottes“ dar- eine religiös verpönte und unbedingt strafwürdige Tat.

Quelle: Scholz, Nina (Hg.): Gewalt im Namen der Ehre. Wien: Passagen Verlag 2014, S. 69.

 

Dokument D: "Generation haram"

Fragen an die SchülerInnen:

  • Welche Problematik und Gefahren zeigt die Autorin in diesem Artikel auf?
  • Wurdet ihr bereits in eurem Alltag mit den Begriffen haram und halal konfrontiert, wenn ja, gebt Beispiele und diskutiert, wie ihr euch dazu verhalten habt.

Was Sünde ist, entscheiden sie: Muslimische Teenager haben ein neues Jugendwort: "Haram!" heißt es auf YouTube, Instagram und im Klassenzimmer. Was als Spaß begann, entwickelt sich zu einem gefährlichen Trend. biber-Redakteurin Melisa Erkurt* über pubertierende Großmäuler, radikale Tendenzen und eine neue Verbotskultur mitten in Wien.

(…) Als Muslima kenne ich den Begriff. Haram ist ein arabisches Adjektiv und beschreibt all das, was laut der Scharia verboten ist. Wer etwas tut, was als haram definiert ist, der begeht eine Sünde. Das Gegenteil von haram ist halal, also „erlaubt“. Aber dass haram abseits von Glaubensschriften mittlerweile seinen Weg in die Jugendsprache gefunden hat, war mir noch vor ein paar Monaten nicht bewusst. (…)

Die Schulen, an denen ich war - von NMS bis AHS und BHS - gelten größtenteils als „Brennpunktschulen“. Der Anteil von SchülerInnen mit Migrationshintergrund ist hoch, die meisten kommen aus bildungsfernen Elternhäusern – diesmal waren besonders viele Jugendliche aus muslimischen Familien dabei. (…) Ich möchte von Mensur und den anderen SchülerInnen, die scheinbar so genau darüber informiert sind, was im Islam verboten ist, wissen, wofür der Islam eigentlich steht. (…) Alles, was sie über den Islam wissen, haben sie auswendig gelernt. Kein Wunder, funktioniert so in manchen österreichischen Schulen der islamische Religionsunterricht: Suren auswendig lernen. In ein paar Fällen sogar nur auf Arabisch. SchülerInnen die kein Arabisch sprechen, verstehen also gar nicht, was sie da nachsagen. Aber auch wenn sie die Suren in einer Sprache, die sie können, lernen, so hinterfragen sie die Bedeutung nicht immer – die SchülerInnen geben oft nur wieder, was sie gelernt haben, ohne zu reflektieren. Und weil sie im Islamunterricht oft nur Suren lernen, suchen sie die restlichen Informationen zum Islam eben wahllos aus dem Internet zusammen oder informieren sich im Freundeskreis. (…) Auf YouTube, eine der beliebtesten Sozialen Plattformen der Jugendlichen, kann sich jeder Predigten von Pierre Vogel** anhören - vom 14-jährigen Teenie der in einer Identitätskrise steckt, bis hin zum 16-jährigen Schulabbrecher ohne Perspektive. (…)

Quelle: Erkurt, Melisa (2016): Generation Haram. In: das biber, http://www.dasbiber.at/content/generation-haram (14.11.2017)

Melisa Erkurt arbeitet im Rahmen des Schulprojekts "Newcomer" mit Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren.

 

Dokumente E: Kopftuchgebot?

Die Bedeutung der Verhüllung im Islam

Der Beratungsrat der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) hat zum Thema „Die Stellung der Verhüllung im Islam“ eine Stellungnahme abgegeben (…). Darin wird ausgeführt, dass für weibliche Muslime ab der Pubertät in der Öffentlichkeit die Bedeckung des Körpers, mit Ausnahme von Gesicht, Händen und nach manchen Rechtsgelehrten Füßen, ein religiöses Gebot (farḍ) und damit Teil der Glaubenspraxis ist. Obwohl der Rat aus religiöser Sicht[,] die Freiheit der Frau unterstreicht, auch eine Gesichtsbekleidung zu tragen, gibt er eine klare Empfehlung ab, das Gesicht nicht zu bedecken.

Quelle: Atibunion (2017): Klarstellung zum Thema „Die Stellung der Verhüllung im Islam["]. In: http://www.atib.at/startseite/artikel/news/klarstellung-zum-thema-die-stellung-der-verhuellung-im-islam/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=5de59490ca78fc33d08d174014c3ed6d (19.10.2017)

 

Fragen an die SchülerInnen:

  • Der Beratungsrat der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) sprach sich 2017 für das Tragen des islamischen Kopftuchs als religiöse Praxis bei weiblichen Muslimen ab der Pubertät aus. In der Folge kam es zu kontroversiellen medialen Auseinandersetzungen. Sowohl Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) als auch Staatssekretärin Muna Duzdar (SPÖ) und Alev Korun (Grüne) kritisierten eine Verpflichtung zum Kopftuch öffentlich.
  • Dudu Kücükgöl, die sich muslimische „Feministin“ nennt, bezeichnet die Gegnerschaft zum Kopftuch als diskriminierend. Viele andere kritische Stimmen finden die Verschleierung selbst diskriminierend. Findet für beide Positionen Argumente.

Grüne kritisieren Kopftuch-Pflicht. Eingriff in persönliche Freiheitsrechte für Korun nicht akzeptabel.

"Kluft wird forciert"

Kritik am theologischen Gutachten der islamischen Glaubensgemeinschaft (…) zum Tragen eines Kopftuchs kommt auch von den Grünen. Dieses schließe eine zeitgemäße Interpretation des Islam aus, meinte deren Menschenrechtssprecherin Alev Korun am Dienstag in einer Aussendung. Zudem werde damit eine „Kluft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Österreich forciert“, fürchtet sie.Mit der Auslegung des Beratungsrats nehme man erwachsenen Frauen und Mädchen das Recht auf Selbstbestimmung, wie sie sich kleiden und wie sie ihre Religion praktizieren wollen, kritisiert Korun weiter. Religionsfreiheit bedeute auch, „dass jeder Mensch in Österreich frei entscheiden kann, wie er seine Religion interpretiert und leben möchte“.

Quelle: Oe24 (2017): Grüne kritisieren Kopftuch-Pflicht. In:
http://www.oe24.at/oesterreich/politik/Gruene-kritisieren-Kopftuch-Pflicht/271828920 (19.10.2017)

 

Dudu Kücükgöl: Warum trägst du's wirklich? Die leidige Kopftuchfrage

Fremdbestimmter Diskurs

Dabei kann es die muslimische Frau sowieso nie richtig machen: Trägt sie ein Kopftuch, wird sie ständig gefragt, und wenn sie keines trägt auch. „Warum trägst eigentlich du kein Kopftuch? Du bist doch auch Muslimin“, muss sie sich dann von Nicht-Musliminnen und -Muslimen vorwerfen lassen. Im ersten Fall wird eine Frau nur über ein Stück Stoff definiert und im zweiten Fall spricht man ihr ihre Religiosität ab. Die Kopftuchfrage scheint banal oder naiv zu sein – aber das ist sie nicht. Sie ist Ausdruck eines rassistisch geführten, fremdbestimmten Diskurses. Sie ist ein Mittel, um muslimische Frauen als „die andere“ zu konstruieren und immer wieder als „die andere“ festzuschreiben. Diese scheinbar harmlose Frage erinnert Musliminnen daran, dass sie anders sind und anders sein müssen, weil sie so wahrgenommen werden – das darf sie nicht vergessen!

Quelle: Der Standard (2015): Warum trägst du's wirklich? Die leidige Kopftuchfrage. In: http://derstandard.at/2000014992439/Aber-warum-traegst-dus-wirklich-Die-leidige-Kopftuchfrage (19.10.2017)

 

Dokument F: Pierre Vogel (Video), Scharia und der demokratische Rechtsstaat

Fragen an die SchülerInnen:

  • Der bekannte Hassprediger Pierre Vogel erklärt im Video „Muslime und das Grundgesetz“ die grundsätzliche Überlegenheit der Scharia gegenüber der demokratischen Verfassung unserer Länder. Was sind seine Argumente?
  • Wie könnte man den Zuspruch junger Menschen zu diesen Theorien erklären?
  • P. Vogel sagt u. a., dass 6 Milliarden Menschen irren können, Allah hingegen nicht. Woher nimmt er diese Gewissheit?

Pierre Vogel ist ein deutscher islamistischer Prediger (Konvertit) und ehemaliger Boxer. Er war Mitglied des inzwischen aufgelösten salafistischen Vereins Einladung zum Paradies, der vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wurde. Er ist im Internet und in sozialen Netzwerken sehr präsent und findet großen Zulauf bei Jugendlichen.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=W_n_X234HRo&feature=youtu.be

 

Dokument G: Das neue Integrationsgesetz in Österreich 2017 (Arbeitsprogramm Jänner 2017; Beschluss des Gesetzes im Mai 2017)

Fragen an die SchülerInnen:

  • In Folge welcher Ereignisse ist es zu diesem Gesetz gekommen?
  • Was sind die grundlegenden Werte der Rechts- und Gesellschaftsordnung, die hier im Text eingefordert werden?
  • Was könnte mit „salafistische Verteilungs- und Rekrutierungsaktionen“ gemeint sein?
  • Was sind für dich die wichtigsten Punkte?
  • Was bedeutet „Neutralitätsgebot“? Und warum ist dies in Österreich schwieriger als in Frankreich umzusetzen?

Das neue Integrationsgesetz in Österreich 2017

  • Definition eines einheitlichen Integrationsbegriffs
  • Festschreibung der Bedeutung der grundlegenden Werte der Rechts-und Gesellschaftsordnung
  • Grundsatz des systematischen Anbietens von Integrationsmaßnahmen (Integrationsförderung) sowie die Einforderung, aktiv am Integrationsprozess mitzuwirken (Integrationspflicht)
  • Ausbau Deutsch-und Wertekurse, Kürzung der jeweiligen Sozialleistung bei Nichtteilnahme
  • Rechtsanspruch auf Sprachkurse für AsylwerberInnen mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit und Asylberechtigte
  • Einführung eines Integrationsvertrages und einer Werteerklärung inklusive strenger  Sanktionen bei Verstoß gegen diesen; Asyl-und subsidiär Schutzberechtigte sind im Rahmen des Integrationsvertrages zur Einhaltung  der grundlegenden Werte der Rechts-und Gesellschaftsordnung (Werteerklärung angelehnt an die österreichische Bundesverfassung ) verpflichtet und  müssen Deutsch-und Wertekurs erfolgreich absolvieren.
  • Transfer der Integrationsvereinbarung  in das Integrationsgesetz; Festsetzung höherer Qualitätsstandards mit dem ÖIF, strengere Kontrollen, Verschärfung der Strafen.
  • Salafistische Verteil-und Rekrutierungsaktionen verbieten
  • Bekenntnis  zu einer offenen Gesellschaft, die auch eine offene Kommunikation voraussetzt. Vollverschleierung im öffentlichen Raum steht dem entgegen und wird daher untersagt.
  • Der Staat ist verpflichtet, weltanschaulich und religiös neutral aufzutreten. In den jeweiligen Ressorts wird bei uniformierten ExekutivbeamtInnen sowie RichterInnen  und StaatsanwältInnen darauf geachtet, dass bei der Ausübung des Dienstes dieses Neutralitätsgebot gewahrt wird.

In dem Regierungsprogramm befinden sich zudem Regelungen für ein verpflichtendes Integrationsjahr sowie umfassende Sicherheitsmaßnahmen.

Quelle: http://www.integrationsfonds.at/monitor/detail/article/integrationsgesetz-in-neuem-regierungsprogramm-verankert

Alternative: https://www.bmeia.gv.at/das-ministerium/presse/aussendungen/2017/03/integrationsgesetz-im-ministerrat-beschlossen/

 

Abschließende Diskussion im Plenum zu Unterrichtssequenz 4:

  • Wie erlebt ihr die Reaktionen und Meinungen zum Thema Islam in der österreichischen Bevölkerung/Gesellschaft?
  • Ist die österreichische Gesellschaft eher laizistisch, universalistisch geprägt wie Frankreich oder eher multikulturalistisch, kulturrelativistisch wie Großbritannien?
  • Wie ist in Österreich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche geregelt? Durch welchen Vertrag?
  • Was hast du in den verschiedenen Gruppenarbeiten über den Islam und das Verhältnis der Geschlechter erfahren?
  • Das Kopftuch ist Teil des österreichischen Alltags geworden. Wie seht Ihr das? Wofür steht es? Wofür kann es stehen?

 

Literatur:

Demorgon, Jacques (2015): Complexité des cultures et de l'interculturel. Contre les pensées unique. 5. Auflage. Paris: Anthropos.

Eisl, Margit (2010): Grande Nation et valses éternelles? Autriche – France; regards croisés; pistes interculturelles pour la classe de langue. Wien: Praesens-Verlag.

 

Weiter im Lernmodul:
Einstieg in die Thematik
Stellung der Religion in Europa, unterschiedliche Traditionen und Konzepte
Vertiefung zum Thema "Die Stellung von Religion in verschiedenen Gesellschaften"
Interkulturelles Bewusstsein und Prävention gegen Radikalisierung
Abschlussaktivität

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