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Unterrichtssequenz 3

Vertiefung zum Thema "Die Stellung von Religion in verschiedenen Gesellschaften"

Ziel: Wissen zum Thema vertiefen und Analysekompetenz ausbauen

Methodik: Im Anschluss an die Gruppenarbeiten (siehe Unterrichtssequenz 2), Inputphase, Vortrag, LehrerInnen-SchülerInnen Gespräch.

Dokumente/Quellen: Folgende Dokumente/Informationstexte können als Grundlage für die LehrerInnen oder zur Verwendung für SchülerInnen (Referate, Vorwissenschaftliche bzw. Diplomarbeiten) dienen: "Die Stellung von Religion in der Gesellschaft" (Analysetext Eisl/Kriehebauer); UN-Menschenrechtserklärung versus Kairoer Menschenrechtserklärung; Rede des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser im Kairoer Parlament 1954 ("Als die muslimischen Araber noch über einen Kopftuchzwang lachten": https://www.youtube.com/watch?v=zCzAgkBQrJI)

Erwartungshorizont: Die Lehrkraft illustriert anhand der beiden Länder Frankreich und Großbritannien die gegensätzlichen Konzepte Multikulturalismus/Kulturrelativismus und Universalismus/Laizität, da diese die zwei Gegenpositionen in Europa am besten verkörpern.

 

Schlussfragen für eine abschließende Diskussion im Plenum unter Anleitung der Lehrkraft:

  • Welches Konzept kann den sozialen Frieden und den Zusammenhalt in einer Gesellschaft besser sichern und warum?
  • Warum widerspricht Schariagesetzgebung den rechtsstaatlichen Verfassungen der westlichen Demokratien?
  • In welcher Hinsicht unterscheidet sich die Kairoer Erklärung der Menschenrechte 1990 von der Menschenrechtserklärung der UNO 1948?
  • Ägypten, einer der Hauptvertreter der arabischen Welt, war in den 1950er Jahren des letzten Jahrhunderts wesentlich fortschrittlicher, u. a. in Fragen der Gleichberechtigung, als die arabische Welt heute ist. An welchen Beispielen in Nassers Rede im ägyptischen Parlament wird dies deutlich?

Die Stellung von Religion in der Gesellschaft
Eine Analyse von Margit Eisl und Viktoria Kriehebauer


Unterschiedliche historische Traditionen in Europa

Dass es in England zu den 85 vom Staat anerkannten Schariagerichtshöfen kommen konnte, hängt mit der Geschichte des Landes zusammen. England verfügt über keine schriftliche Verfassung, die einem derartigen Entscheid der Regierung Thatcher entgegengestanden wäre. Die Heimat des Liberalismus hat die Kirche sehr früh gezähmt und war durch seine Vorreiterrolle in der Entwicklung des Kapitalismus und die Kolonialdominanz des britischen Weltreichs in einer Machtposition, die die Selbstbehauptung der Nation nicht durch innere Kämpfe erringen musste. England konnte sich als Nation ohne große äußere Einflüsse autonomer entwickeln. Daraus ist die liberale Verfasstheit des Landes zu erklären, die bis heute wirksam ist, besonders was die Toleranz gegenüber multikulturellen Parallelgesellschaften angeht.

Ganz anders in Frankreich. Die Entstehungsgeschichte der französischen Nation war geprägt durch den Abwehrkampf gegen die gesamte europäische katholische Reaktion. Selbst im Inneren des Landes musste die reaktionäre Bauernschaft im Norden Frankreichs (Vendée) gewaltsam von Paris aus in die Republik der Revolution eingegliedert werden. Frankreich hatte durch seine Revolution einen gesamteuropäischen Krieg ausgelöst (es wurde von Preußen, Österreich-Ungarn, Russland, England bekämpft) dem es widerstehen musste – was die rigorose laizistische Prägung erklärt. Der Zentralstaat war notwendig um die inneren und äußeren Anfeindungen erfolgreich bewältigen zu können. Die Entstehung der französischen Nation war unter viel schwierigeren Bedingungen vonstatten gegangen als die englische. 

Laizität – Trennung von Kirche und Staat in Frankreich ein Gesetz mit großen Folgen

Der Grundsatz der Laizität hat seine Ursprünge im Zeitalter der Aufklärung mit der zunehmenden Bedeutung von Werten wie Toleranz und Gewissensfreiheit. In der Dritten Republik, Ende der 1870er Jahre, nahm die Laizität nach und nach formellen Charakter an. So wurde sie zu einem wichtigen Grundsatz des öffentlichen und verpflichtenden Schulsystems erklärt, das 1881 mit den Jules Ferry-Gesetzen eingeführt wurde. Schließlich wurde mit dem Gesetz von 1905 über die Trennung von Kirche und Staat die Laizität in der französischen Gesetzgebung verankert.

Die Entscheidung für dieses Gesetz war 1905 nicht unumstritten. Die Befürworter wollten den historisch gewachsenen Einfluss der Kirche vor allem im Bildungssystem brechen und dadurch den Idealen der Aufklärung und der Französischen Revolution zum endgültigen Durchbruch verhelfen. Die Anhänger des monarchistischen Ancien Régime hingegen versuchten diesem Bestreben mit aller Gewalt Einhalt zu gebieten und die historisch gewachsene Bindung zwischen Frankreich und der katholischen Kirche auch weiterhin aufrecht zu erhalten. Die beiden Lager standen sich unversöhnlich gegenüber. Schließlich gingen die Anhänger der III. Republik (1871-1940) siegreich aus diesem Konflikt hervor. Man fand schließlich einen Kompromiss, der sowohl von den Klerikalen als auch den Anti-Klerikalen mehrheitlich akzeptiert wurde. So hat das Gesetz von 1905 bis heute in seiner Grundintention eine besondere friedensstiftende Seite.

Neutralität des öffentlichen Raumes, Religion als Privatsache

Heute ist der Grundsatz der Laizität Teil der französischen Verfassung und genießt hohe Akzeptanz in der französischen Bevölkerung. Kern des sogenannten Laizität-Prinzips sind Artikel 1, der jedem Bürger die ungehinderte Ausübung seiner Religion im Rahmen der öffentlichen Ordnung garantiert, sowie Artikel 2, der vorschreibt, dass der französische Staat Religionsgemeinschaften weder anerkennt, finanziert noch subventioniert, d.h. die Französische Republik garantiert dem Einzelnen zwar Religionsfreiheit, beschränkt diese jedoch auf den Bereich des Privaten. So werden nicht nur Staat und Kirche strikt voneinander getrennt, sondern auch die unbedingte Neutralität des Staates in puncto Religion festgelegt.

Dem französischen Verständnis nach bedeutet Neutralität zunächst einmal das Fernhalten von religiösen Bezügen aus dem öffentlichen Raum. Entsprechend gibt es in Frankreich keinen Religionsunterricht! Das Tragen von religiösen Symbolen wie Kreuz, Kippa oder Kopftuch ist SchülerInnen auf dem Schulgelände seit 2004 per Gesetz untersagt. Dem französischen Denken nach, soll so die Gleichheit aller Staatsbürger umgesetzt und die Unteilbarkeit des Staates garantiert werden. Der neutrale öffentliche Raum soll Diskriminierung verhindern und garantieren, dass sich niemand durch die religiösen Praktiken anderer gestört fühlt. Dies ist ein universalistischer Zugang im Gegensatz zum kommunitaristischen, der ethnischen religiösen Gruppen weitreichende Sonderrechte gewährt, wie dies etwa in England gelebt wird.

Nicht zuletzt reiht sich auch das 2010 verabschiedete Verbot der Verschleierung des Gesichts im öffentlichen Raum (umgangssprachlich "Burkaverbot") in diese Tradition ein. Darüber hinaus wird die Neutralität des öffentlichen Raumes eben auch dadurch gewährleistet, dass sich französische Religionsgemeinschaften in Form privatrechtlicher Vereine organisieren müssen und gegenüber dem Staat keinerlei Ansprüche geltend machen können.

Seit jedoch ausgehend von islamistischen arabischen Ländern seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts der politische Islam an gesellschaftspolitischer Präsenz in Europa gewonnen hat, wird eine heftige Debatte rund um Moscheenbau, Speise- und Bekleidungsvorschriften, konfessionelle Privatschulen geführt. Immerhin hat Frankreich den höchsten Anteil muslimischer Bevölkerung in Europa (ca. 10 %) und ist ein bevorzugtes Ziel islamistischer Terroranschläge. Trotz allem, auch wenn der Front National (rechtspopulistische Partei Frankreichs) mit gewissem Erfolg aus der Angst der Bevölkerung politisches Kleingeld schlägt, und einzelne Stimmen eine Aufweichung der Trennung von Staat und Religion einfordern, gibt es doch breiten Konsens in fast allen politischen Lagern, das Prinzip der Laizität zu verteidigen.

Kulturrelativismus
Der Kulturrelativismus, wie er in Großbritannien praktiziert wird, geht hingegen von der Prämisse aus, dass ethische und soziologische Kategorien nicht  auf alle  Kulturen gleich angewendet werden können. Die Verhaltensweisen einer bestimmten Kultur müssen immer im Zusammenhang mit der historisch unterschiedlichen Entwicklung von Sozial- und Wertesystemen betrachtet werden.  Kulturelle Phänomene können daher nicht vom Blickwinkel einer fremden Kultur verstanden werden. Das Problem bei dieser Haltung ist der Umstand, dass der Anspruch der Kulturrelativisten nicht zur allgemeinen Norm erhoben werden kann, weil auch er nur ein Produkt einer bestimmten Kultur ist. Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn Kulturrelativisten Menschen aus anderen Kulturkreisen zugestehen, die universellen Menschenrechte  nicht beachten zu müssen.

Gerade in islamisch geprägten Gesellschaften wird die universelle Menschenrechtskonvention als westliches Produkt abgelehnt und Menschenrechtsverletzungen, die durch Muslime begangen werden, können nach kulturrelativistischer Auffassung nicht kritisiert werden, weil dies eurozentristisch, rassistisch  oder islamophob sei.

Intellektuelle, Menschenrechtsaktivisten, Frauenrechtlerinnen gerade in islamischen Gesellschaften kritisieren genau diese Haltung, weil sie umgekehrt argumentieren, es sei rassistisch, eurozentristisch gedacht, dass man diesen Kulturen nicht auch den Anspruch auf Menschenrechte zugestehe und  jene Menschen im Stich lässt, die um  die universellen Menschenrechte in ihren Ländern kämpfen.

 

UNO Menschenrechtserklärung versus Kairoer Erklärung (Lale Akgün)

Der Unterschied zu den konservativen Muslimen lässt sich am folgenden Beispiel aufzeigen: Im August 1990 haben Vertreter von 57 mehrheitlich islamischen Staaten [die Organisation der Islamischen Konferenz] eine Erklärung unterschrieben, die so genannte Kairoer Menschenrechtserklärung. Die Menschenrechte werden in dieser Erklärung ausdrücklich der islamischen Gesetzgebung, der Scharia, untergeordnet. Allein Gottes Recht sei maßgeblich, alle von Menschenhand erlassenen Regeln und Gesetze nachgeordnet. Artikel 24 der Kairoer Erklärung: "Alle Rechte und Freiheit, die in dieser Erklärung genannt wurden, unterstehen der islamischen Scharia". Die "Kairoer Erklärung" führt die unterschiedlichen Denkansätze bei den Menschenrechten deutlich vor Augen. Während die Präambel der Allgemeinen UN-Menschenrechtserklärung von 1948 "die Völker der Vereinten Nationen" als Urheber von Recht und Gesetz im Dienste der Menschenrechte deklariert, beziehen sich die islamischen Menschenrechte der "Kairoer Erklärung" von 1990 einzig und allein auf Gott.

Für die liberalen Muslime ist die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen maßgeblich, für die konservativen Muslime die Kairoer Menschenrechtserklärung

Quelle: Humanistischer Pressedienst (2016): Lale Akgün im Gespräch mit dem hpd. Die Politik muss mit der Unterstützung des orthodoxen Islams aufhören. In: https://hpd.de/artikel/11315 (16.11.2017)

Weitere Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (2009): Menschenrechte und Islam. In: http://www.bpb.de/internationales/weltweit/menschenrechte/38719/menschenrechte-und-islam?p=all (24.11.2017)

 

Weiter im Lernmodul:
Einstieg in die Thematik
Stellung der Religion in Europa, unterschiedliche Traditionen und Konzepte
Vertiefung zum Thema "Die Stellung von Religion in verschiedenen Gesellschaften"
Interkulturelles Bewusstsein und Prävention gegen Radikalisierung
Abschlussaktivität

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