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Unterrichtssequenz 2

Stellung der Religion in Europa, unterschiedliche Traditionen und Konzepte am Beispiel Großbritannien und Frankreich (Textanalyse und Medienarbeit, Teil 1)

Ziel: Einblick gewinnen in  gegensätzliche Zugänge zum Verständnis von Religionsfreiheit in Großbritannien und Frankreich durch vergleichende Analysen.

Methodik: Wissensaneignung durch Recherche mittels Quellenarbeit anhand verschiedensprachiger Textsorten (englisch, französisch, deutsch). Die SchülerInnen arbeiten in Gruppen zu je einem Textdokument (Interview, Debatte, Textauszüge aus Sachbuch ...), filtern Informationen, arbeiten Positionen heraus und versuchen diese zu verstehen (Unterschied zw. kulturrelativistischem Ansatz in Großbritannien und universalistischem/laizistischem in Frankreich). Einige Fragen sollen diesen Prozess jeweils unterstützen.
Die Ergebnisse werden einander im Plenum präsentiert (Powerpoint, Plakat ...) und als Unterrichtsertrag festgehalten. Je nach zur Verfügung stehender Zeit und ob die Klasse/Gruppe Französisch versteht, können die Textdokumente für die Gruppenarbeiten gewählt werden.

 

1. Hintergrundwissen: Fakten und Zahlen 

Ziel: Faktenbasierter Input bezüglich der muslimischen Zuwanderung in Österreich und Europa, um die neue Dimension der kulturellen und religiösen Vielfalt unserer Gesellschaften einschätzen und kommentieren zu können.

Methodik: Recherche in Gruppenarbeit zu folgenden Fragestellungen unter Zuhilfenahme der untenstehenden Quellen sowie einschlägiger Internetseiten.

Fragen an die SchülerInnen:

  • Aus welchen Herkunftsländern kommen muslimische Zuwanderer nach Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich? Warum kommen gerade diese Nationalitäten?
  • Und findet, wenn möglich, Erklärungen und Motive für die verschiedenen Zuwanderungswellen seit den 1960er Jahren.
  • Warum hat Frankreich den größten Anteil an muslimischer Bevölkerung?

Überblick über Religionszugehörigkeit in Österreich

Derzeit leben in Österreich 5,56 Millionen Katholik/innen, 1,46 Millionen Menschen ohne Glaubensbekenntnis, 700.000 Muslim/innen, 412.000 Evangelische sowie 397.000 Orthodoxe. Bekannten sich vor 15 Jahren noch drei Viertel aller Österreicher/innen als römisch-katholisch, sind es heute nur noch knapp zwei Drittel (64 Prozent). Zugleich stieg der Anteil an Muslim/innen von vier Prozent auf acht Prozent. Der Prozentsatz von Menschen ohne religiöses Bekenntnis wuchs von 12 auf 17 Prozent. Für die Zukunft ist es schwer möglich, valide Prognosen im Hinblick auf religiöse Zugehörigkeiten zu treffen. (...)

Seit Beginn der 1970er Jahre schwand die relative religiöse Homogenität der österreichischen Bevölkerung aufgrund von zwei wesentlichen Faktoren: Der erste Trend – auch im Sinne des zeitlichen Auftretens – ist die Säkularisierung. Infolge der Modernisierung und Rationalisierung verlor Religion ihren omnipräsenten Stellenwert, den sie zuvor im Leben der Menschen gehabt hatte. Zwar ist Religion nach wie vor Teil der kulturellen Identität der meisten Menschen, sie hat sich jedoch stark individualisiert. Der zweite Haupttrend ist die religiöse Diversifizierung geprägt durch Migration. Die Zuwanderung nach Österreich nahm aus ökonomischen Gründen – zur Deckung des Arbeitskräfte- bzw. Fachkräftemangels beispielsweise durch das Gastarbeiterprogramm – sowie aufgrund von Krisen in Nachbarländern wie etwa dem Balkankrieg und infolge des Falls der Berliner Mauer zu. In der jüngeren Vergangenheit verursachte der Krieg, der 2011 in Syrien ausbrach, eine Migrationsbewegung sowohl in die Nachbarländer Syriens als auch nach Europa. Andere Konflikte in Afghanistan, im Irak und in Eritrea sowie die Armut in weiteren Ländern führten zu einem Anstieg der Zahl von Menschen, die sich anderswo eine Existenz aufbauen möchten.(…)

Die Situation in Österreich und in seiner Hauptstadt Wien ist in Europa nicht einzigartig und die meisten westeuropäischen Länder machen dieselben Erfahrungen. Die polarisierenden Trends des zunehmenden religiösen Pluralismus und der zunehmenden Religiosität auf der einen Seite und der anhaltenden Säkularisierung auf der anderen beeinflussen die vielfältige religiöse Landschaft Europas wie auch das globale Umfeld hinsichtlich nationaler Politik und internationaler Zusammenarbeit.

Quelle: Österreichischer Integrationsfonds (Hg.) (2017): ÖIF-Forschungsbericht Demographie und Religion. Szenarien 2016 bis 2046. Wien: Österreichischer Integrationsfonds. In: https://www.integrationsfonds.at/publikationen/forschungsberichte/forschungsbericht-demographie-und-religion/?L=8 (19.10.2017)

 

Überblick über Angehörige ausgewählter Religionen in Europa

Ausgehend von den Daten des Statistischen Bundesamtes lebten im Jahr 2001 mehr als 12 Millionen Muslime in der EU. Davon die meisten in Frankreich (4,2 Mio. Muslime), Deutschland (3,7 Mio.), Großbritannien (1,2 Mio.), Bulgarien (0,9 Mio.), den Niederlanden (0,7 Mio.) und Griechenland (0,4 Mio.). Juden lebten im selben Jahr vor allem in Frankreich (0,6 Mio.), Großbritannien (0,3 Mio.) und Deutschland (0,1 Mio.). In Großbritannien lebten zudem 440.000 Hindus. (…)

Bei den Angaben zur Religionszugehörigkeit ist zu bedenken, dass die Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft für die einzelnen Menschen eine sehr unterschiedliche Bedeutung haben kann. Im Extremfall ist für die einen die Zugehörigkeit lebensbestimmend, andere sind Mitglied einer Kirche ohne überhaupt an einen Gott oder eine spirituelle Kraft zu glauben.

(Red. Anm.: aktuelle Zahlen bzw. Prognosen für die Zukunft stützen sich überwiegend auf Schätzungen)

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (2011): Angehörige ausgewählter Religionen. In: http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/europa/70539/themengrafik-religionszugehoerigkeit (19.10.2017)

 

2. Dokumente zu Großbritannien

Dokumente A–D: Textstelle aus einem Sachbuch Elham Maneas, Interviewauszug mit E. Manea (Der Standard), Presseschlagzeile (Express) zu Theresa May als ehemaliger Innenministerin, Auszug aus einer Debatte (Video) mit Baroness Cox (Politikerin und Soziologin).

 

Dokument A: "Women and Schari’a Law"

Fragen an die SchülerInnen:

  • Was will "die" Schweizer Politologin E. Manea mit diesem sprachlichen Bild ausdrücken?
  • Was kritisiert sie indirekt an der britischen Entwicklung in ihrem gleichnamigen Buch?

Multiculturalism is a living experience similar to a football game. Off the football field each of the 22 players has a different style of life, each according to his choices and beliefs. One of the players might be a punk; he likes to express his sense of rebellion and individualism through his hairstyle and clothes. He has tattoos all over his body (…) Another player is religious. It does not make any difference whether he is a Hindu, a Muslim, a Christian or a Jew. He is pious; he follows strict rules of life: sex comes only with marriage; and food has to be kosher or halal, according to his religion.

The two players could not be more different. Yet on the football field they play together. This is important. When they play, they play according to the rules of the game. The rules apply to the two of them. Both have to follow them. (…) Without the rules of the game, we will have no game.

This is how multiculturalism as a political process has developed in Britain; instead of (…) common rules, it has turned into (…) a plural monoculturalism; having two styles of traditions co-existing side by side, without the twain meeting.

Quelle: Manea, Elham (2016): Women and Schari’a Law. London – New York: Tauris, S. 42.

 

Dokument B: Elham Manea in einem Standard-Interview

Fragen an die SchülerInnen:

  • Wie und warum entstanden die britischen Schariagerichtshöfe?
  • Gibt es Maneas Meinung nach dieses Phänomen auch außerhalb Großbritanniens bzw. welche Anzeichen für Schariastrukturen beschreibt sie?

Politologin Elham Manea: "Keine Sonderrechte für Muslime"

Die jemenitisch-schweizerische Politologin über Schariaräte in Europa, falsch verstandene Toleranz und die Geschlechterfrage im Islam. (…) Vier Jahre lang hat sie in Großbritannien „Schariagerichte“ analysiert, im Standard-Interview fordert sie, dass es für religiöse Minderheiten keine Sonderrechte geben dürfe. Vor allem Frauen würden durch Schariagerichte diskriminiert. Manea warnt dringend vor einem derartigen „Rechtspluralismus“, den sie als Ausdruck „falsch verstandener Toleranz“ interpretiert. Dadurch sei eine „Zweiklassengesellschaft entstanden, die muslimische Frauen aufgrund ihrer Religion rechtlich diskriminiere. Die Etablierung der Scharia sei fester Bestandteil der islamistischen Agenda, sagt Manea (…)

Standard: Sie haben für ihr Buch „Women and Schari’a Law“ vier Jahre lang britische Schariagerichte analysiert und auch mit dort aktiven Imamen gesprochen. Welche „Rechtssprüche“ gibt es da?

Manea: Bei den Schariagerichten geht es um die Verhandlung von familiären Angelegenheiten wie Scheidung, Sorgerecht und Erbschaften. Im Fall der Schiedsgerichte werden zusätzlich Fälle von Ehegewalt und Kindsmissbrauch verhandelt (…)

Standard: Sie schreiben, die Schariagerichte sind besonders für Frauen von Nachteil. Inwiefern?

Manea: 95% der behandelten Fälle betreffen Frauen. Durch die Anwendung von Schariagesetz sind sie Unmündige, die vor der Heirat durch den männlichen Vormund und nachher durch den Ehemann kontrolliert werden. Die Rechtsprechung, die auf das 7. Bis 10. Jahrhundert zurückgeht, erlaubt Kinder- und Zwangsehen.

Standard: Großbritannien hat ein eigenes, elaboriertes Rechtsystem, warum gibt es denn diese islamische Paralleljustiz überhaupt?

Manea: Es wurden jahrzehntelang (…) Fehler gemacht. Eine falsch verstandene Toleranz und Politik des Multikulturalismus führten zu weitreichenden Zugeständnissen in Bezug auf Gruppenrechte von Minderheiten. Zugleich wurden viele staatliche Aufgaben an Nichtregierungsorganisationen abgegeben und damit die Kontrolle verloren. (…) Es wurde faktisch eine Zweiklassengesellschaft eingeführt: die britische Mehrheit hat Anspruch auf Gleichberechtigung durch den Rechtsschutz des Common Law, muslimische Frauen hingegen werden aufgrund ihrer Religion rechtlich diskriminiert. Das hat die Segregation und Ghettoisierung in städtischen Milieus begünstigt und gravierende Konsequenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Standard: Wie viele solcher Schariagerichte gibt es heute in Großbritannien bzw. was konkret muss man sich darunter vorstellen?

Manea: Da sie keinerlei Aufsicht unterliegen, kann man über die genaue Zahl nur mutmaßen. Bei den Schariaräten geht man von 85 aus, im Fall der Schiedsgerichte von sechs bis sieben. Es sind in beiden Fällen Männerräte, die sich als Richter vorstellen, und glauben, dass sie göttliches Gesetz anwenden.

Standard: Gibt es in anderen europäischen Ländern auch derartige Schiedsgerichte?

Manea: Überall dort, wo sich islamischer Fundamentalismus manifestiert, muss auch von der informellen Existenz solcher Strukturen ausgegangen werden. (…) Das Muster, das ich in Großbritannien beobachtet habe, zeigt sich zunehmend auch hier: Es fängt damit an, dass muslimische Schüler ihren Lehrerinnen nicht die Hand geben wollen. Dann weigern sie sich, am Musik-und Kunstunterricht teilzunehmen, fordern separate Gebetsräume, Eltern verlangen, dass sieben-und achtjährige Mädchen Kopftuch tragen. Und dann kommt der Ruf nach der Anwendung von Schariagesetz in familiären Angelegenheiten. Das ist ein typisches Anliegen von Islamisten und fester Bestandteil ihrer Agenda. (…)

Quelle: Der Standard (2016): Politologin Elham Manea: „Keine Sonderrechte für Muslime“. In: http://derstandard.at/2000047393156/Politologin-Elham-Manea-Keine-Sonderrechte-fuer-Muslime (19.10.2017)

 

Dokument C und D: Presseschlagzeile Theresa May und Debatte mit Baroness Cox
Die  Politikerinnen gehören beide der konservativen Partei Englands an (den Tories) und vertreten zu dieser Frage unterschiedliche Positionen:

Fragen an die SchülerInnen:

  • Recherchiert mithilfe der untenstehenden Website die Argumente der damaligen Innenministerin.
  • Seht bzw. hört Euch dann die Debatte zu den Schariagerichten in England zwischen Baroness Cox und einer Vertreterin der muslimischen Community an (youtube-Video). Worin unterscheiden sich die beiden hier vorgetragenen Positionen und welche erscheint Euch als die effektivere im Kampf gegen Diskriminierung von muslimischen Frauen?

Theresa May, derzeitige Premierministerin Großbritanniens und ehemalige Innenministerin  verteidigte noch im Jahr 2016 die Existenz dieser Gerichthöfe, die „von“ Margaret Thatcher (ebenfalls Tories) 1982 eingeführt worden waren.

Theresa May says many Britons „BENEFIT GREATLY“ from Sharia Law

„Many British people of different faiths follow religious codes and practices, andbenefit a great deal from the guidance they offer“  (Theresa May im Mai 2016)

Quelle: Express (2016): Theresa May says many Britons „BENEFIT GREATLY“ from Sharia Law. In: http://www.express.co.uk/news/uk/674489/Home-Secretary-Theresa-May-says-Britain-benefits-Sharia-Law (16.11.2017)

Baroness Cox discusses Sharia law on BBC Daily Politics (2015)

Baroness Caroline Cox, geboren 1937 in London, war als junge Frau Krankenschwester, studierte später Soziologie und erwarb sich einen Professorentitel für Soziologie. Schlussendlich wurde sie 1982 von Margaret Thatcher für die Tories als „Life Peer“ (ein nicht vererbbarer Adelstitel in Großbritannien) ins britische Oberhaus entsandt. In der Frage der islamischen Schariagerichtshöfe stellte sie sich an die Spitze einer Bürgerbewegung zur deren Abschaffung.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=bUVjceTT5ik

 

3. Dokumente zu Frankreich

Dokumente A–D: Charta der Laizität in der Schule 2015, französischer (Ex-)Premier Manuel Valls zum Gesetz von 1905 (Website Französische Botschaft), Buchcover Caroline Fourest, Interviewauszug mit der Philosophin Elisabeth Badinter.

Dokument A: "La Charte de la laïcité"
Nach den Terroranschlägen u. a. auf Charlie Hebdo wurde diese offizielle Charta vom französischen Bildungsministerium veröffentlicht, um das Bewusstsein für die gemeinsamen Werte der französischen Republik zu stärken. Es handelt sich um eine vereinfachte Version für jüngere SchülerInnen.

Fragen an die SchülerInnen:

  • Versucht die Grundideen und Ziele der französischen Charta der Laizität den untenstehenden Auszügen aus den 15 Artikeln zu entnehmen.
  • Welche Konsequenzen hat diese Charta für das Zusammenleben in der Schule?


Quelle: La ligue de l’enseignement

 

Dokument B und C: Auszug aus Rede von Manuel Valls zum Gesetz der Laizität von 1905, Zitat Caroline Fourest

Recherchiert nun selbst:
Welches Konzept und welche Geschichte stecken hinter dem Gesetz der Laizität? Verwendet den untenstehenden Text von Manuel Valls (Premierminister der Regierung Hollande bis Ende 2016), macht eigene Internetrecherchen (siehe Beispiele unten) und sucht Antworten auf folgende Fragestellungen:

  • Was bedeutet das Konzept der Laizität in Bezug auf die Religion(en)?
  • Welche Gesetze regeln in Frankreich das Verhältnis zwischen Religion und Staat?
  • Was meint die Journalistin Caroline Fourest mit ihrer Aussage, dass die Laizität ein Schutzschild sei und kein Schwert?

https://de.ambafrance.org/Laizitat-und-Wertevermittlung-an
http://www.atheisten-info.at/infos/info1654.html
https://de.ambafrance.org/Laizitat-Trennung-von-Kirche-und-Staat-in-Frankreich

Premierminister Valls zum Gesetz von 1905: Laizität ist ein Grundpfeiler Frankreichs

Vor 110 Jahren, am 9. Dezember 1905, trat in Frankreich das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat in Kraft. In seiner Rede in der französischen Nationalbibliothek verwies Premierminister Manuel Valls auf die leitenden Prinzipien der Laizität, die ein Grundpfeiler der Republik seien. Hierzu gehörten der „Schutz der Grundfreiheiten des Glaubens, des Denkens, der Kritik, der Karikatur und selbst der Gotteslästerung.“ Das Gesetz habe Generationen von Franzosen das Zusammenleben „auf der Grundlage gemeinsamer Werte und gemeinsamer Zielvorstellungen“ ermöglicht, und zwar unabhängig von persönlichem Glauben und Zugehörigkeiten.

Laizität bedeute weder die Leugnung von Religion noch eine Einschränkung der Ausübung des Glaubens, sondern „gibt Regeln, Prinzipien und Normen vor, die für Toleranz, Achtung des Glaubens und für die Würde des Einzelnen stehen“. Sie sei auch Grundlage eines Gesellschaftsmodells, das für die Gleichberechtigung von Mann und Frau stehe. Diejenigen, die die Laizität schwächen wollten, zielten auf die Schwächung der Republik ab, so der Premierminister. In diesem Zusammenhang verwies er auf die wichtige Rolle der Schule bei der Vermittlung der Werte der Republik, wie sie in der Charta der Laizität festgehalten seien.

Das Gesetz von 1905

Mit dem Gesetz vom 9.Dezember 1905 wurde Frankreich ein laizistischer Staat („Die Republik kennt keine Glaubensgemeinschaft an und entlohnt und unterstützt sie nicht.“). Fortan verfügt keine Religionsgemeinschaft mehr über einen rechtlich anerkannten Status und alle Religionen sind gleichgestellt. Mit dem Gesetz wird das Konkordat von 1802 aufgehoben, das der katholischen, der reformierten und der lutherischen Kirche sowie den Israeliten einen rechtlichen Status und eine finanzielle Unterstützung zuerkannte.

In der Tradition des Artikels 10 der Erklärung der Menschenrechte von 1789 über die Meinungsfreiheit erkennt das neue Gesetz in Artikel 1 aber die Bekenntnisfreiheit und das Recht auf eine freie Religionsausübung ausdrücklich an. Mit der Verfassung von 1958 erhält die Laizität Verfassungsrang: „Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik. Sie gewährleistet die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz ohne Unterschied der Herkunft, Rasse oder Religion. Sie achtet jeden Glauben.“

Quelle: Frankreich in Deutschland. Französische Botschaft, https://de.ambafrance.org/Premierminister-Valls-zum-Gesetz-von-1905-Laizitat-ist-ein-Grundpfeiler (19.10.2017)

 

"Die Laizität ist kein Schwert, sondern ein Schutzschild"

Caroline Fourest ist Professorin, Journalistin – sie arbeitete unter anderem beim Satiremagazin Charlie Hebdo – und Filmemacherin. Sie hat mehrmals zum Thema der Laizität veröffentlicht; ihr aktuelles Buch "Genie der Laizität" beschäftigt sich mit den Unterschieden zwischen französischem und amerikanischem Säkularismus.

Quelle: Fourest, Caroline (2016): Génie de la laïcité. Paris: Bernard Grasset

 

Dokument D: Interviewauszug Elisabeth Badinter

Fragen an die SchülerInnen:

  • Was sagt die bekannte französische Philosophin zum Verschleierungsverbot (in Frankreich seit 2010) und mit welchen Argumenten verteidigt sie es?
  • Wie äußert Badinter sich in diesen Interviewauszügen über die Laizität? Welche Vorteile hat diese ihrer Meinung nach?

Französische Feministin ist klar für ein Burkaverbot

Die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter äußert sich im „Tages-Anzeiger“ (…) klar für ein Burkaverbot. So ein Gesetz komme ihr in Zeiten des Terrors wie eine Selbstverständlichkeit vor, sagte sie gegenüber der Zeitung. Badinter lehrte an der Pariser Eliteuniversität Ecole Polytechnique.
„Finden Sie es normal, dass eine Frau ihr Gesicht versteckt? Finden Sie es normal, dass man die Frauen hier in Europa auf den Status reduziert, den sie in Afghanistan haben?“ fragte Badinter im Interview rhetorisch. „Die Burka ist nicht religiös motiviert, sie ist eine politische Standarte“, betonte sie. Sie riet davon ab, den Salafisten bei solch „unverschämten Forderungen“ wie einem Burka-Tragerlaubnis nachzugeben. Dann komme in einem halben Jahr nur die nächste Forderung. (…)
Frankreich kennt seit sechs Jahren ein Anti-Burka-Gesetz. Frankreich habe das Ideal einer Republik ohne Parallelgesellschaften, so die Philosophin. Sie kritisierte denn auch, dass Mädchen in manchen Vororten ihres Landes keine Röcke mehr tragen dürften, ihre Haare verstecken und ihren Brüdern Rechenschaft ablegen müssten. Das sei „für all diejenigen, die von der Gleichstellung der Geschlechter geträumt haben, schlicht unerträglich“, so die Feministin. (…)

Sie sind eine glühende Verfechterin der Laizität. Was ist deren Vorteil, ihre gesellschaftliche Stärke?

Die Laizität sorgt dafür, dass man zusammenlebt, nicht in getrennten Gemeinschaften nebeneinander her. Das setzt eine gewisse Diskretion voraus, die Tatsache also, dass man seine Religion nicht ostentativ zur Schau stellt. In Frankreich kann jeder seine Religion ausüben, solange sie nicht dem Teilen gemeinsamer Werte, Sitten und Gesetze im Wege steht.

Deutschland hat über eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Kann die französische Laizität ein Vorbild sein?

In Zeiten starker Zuwanderung entscheidet sich alles: Will man eine Gesellschaft wie die angelsächsische, also eine, wo die «communities» nebeneinanderher leben, aber man im Grunde nicht weiß, ob und was sie verbindet – oder will man etwas Anderes? In Frankreich haben wir seit der Revolution ein anderes Ideal: Wir wollen eine Republik, die eins und unteilbar ist, wie es in der Verfassung heißt. Wir wollen keine Parallelgesellschaften. (…)

Quellen:
Tagesanzeiger (2016): „Es zeigt: Wir sind am Ende“. Burka-Verbot und Burkini-Streit: Die französische Soziologin Elisabeth Badinter vertritt eine klare Position in der aktuellen Debatte. In: https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/die-burka-geht-derzeit-nicht/story/16181622 (19.10.2017)
kath.ch (2016): Französische Feministin ist klar für ein Burkaverbot. In: https://www.kath.ch/newsd/franzoesische-feministin-ist-klar-fuer-ein-burkaverbot/ (19.10.2017)

 

Weiter im Lernmodul:
Einstieg in die Thematik
Stellung der Religion in Europa, unterschiedliche Traditionen und Konzepte
Vertiefung zum Thema "Die Stellung von Religion in verschiedenen Gesellschaften"
Interkulturelles Bewusstsein und Prävention gegen Radikalisierung
Abschlussaktivität

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