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26. Oktober

SAMMLUNG der Quellen mit Kontextwissen und didaktischen Hinweisen

Auf dieser Seite haben wir alle gezeigten Quellen zum 26. Oktober noch einmal versammelt und mit Vorschlägen versehen, wie mit ihnen im Unterricht gearbeitet werden kann bzw. wie sie als Ausgangspunkte für weitere Aktivitäten dienen können.

 

1919: Beschluss des 12. November

Am 25. April 1919 beschloss die Nationalversammlung, den 12. November im „immerwährenden Gedenken an die Ausrufung des Freistaates Deutschösterreich“ zu einem Ruhe- und Festtag zu erklären. Am 11. November 1918 hatte Kaiser Karl I. auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften verzichtet, woraufhin am 12. November 1918 das Gesetz über die Staats- und Regierungsform Deutschösterreichs beschlossen wurde. Im September 1919 musste sich der Staat in Republik Österreich umbennen.

Gesetz vom 25. April 1919
Erklärung des 12. November und des 1. Mai als allgemeine Ruhe- und Festtage
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Quelle: ÖNB/Wien (ALEX)

Dieses Gesetz trat ca. ein halbes Jahr nach Ausrufung der Republik, also deutlich vor deren erster Wiederkehr, in Kraft. Diskutieren Sie über die Umstände der Zeit: den Krieg, den Umbruch von Monarchie zu Republik und den Selbstfindungs- prozess in „Deutschösterreich“. Nehmen Sie dabei auch darauf Bezug, welche anderen Bestimmungen gleichzeitig mit dem Fest- und Ruhetag ange- nommen wurden.

 

1934: Beschluss des 1. Mai

Die neue, undemokratische Verfassung des nunmehr „Bundesstaat Österreich“ genannten Landes trat am 1. Mai 1934 in Kraft. Wenige Tage zuvor, am 27. April 1934, ordnete die Bundesregierung an, den 1. Mai folglich „zum dauernden Gedenken an die Proklamation der Verfassung 1934“ zum Ruhe- und Festtag zu machen. Gleichzeitig wurde der bisherige Ruhe- und Festtag am 12. November gestrichen.

Verordnung der Bundesregierung vom 27. April 1934
Bestimmung des 1. Mai zum Gedenktag
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Quelle: ÖNB/Wien (ALEX)

Diskutieren Sie auch hier über die Umstände des Zustande- kommens dieses Gesetzes: Nach den Ereignissen 1933 und 1934 und dem Ende der Demokratie versucht abermals eine neue Staatsführung, Österreich auch durch den neuen Fest- und Ruhetag eine neue Identität zu geben.

 

Erstes Kontrollabkommen

Im ersten von mehreren Kontrollabkommen wurden die Bedingunen der alliierten Verwaltung Österreichs nach Kriegsende festgeschrieben. Es war die Grundlage für die Organisation der zehnjährigen Besatzung in Österreich und regelte die alliierten Organe und deren Beziehung zu den österreichischen.

Abkommen über die Alliierte Kontrolle in Österreich (Erstes Kontrollabkommen)
4. Juli 1945
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in: Verosta, Stephan: Die internationale Stellung Österreichs. Eine Sammlung von Erklärungen und Verträgen aus den Jahren 1938 bis 1947. Wien: Manzsche, 1947. S. 66-71.

Lesen Sie zunächst die Artikel des Kontrollabkommens gemein- sam durch. Diskutieren Sie anschließend über die Bedeutung von Souveränität und die Entwicklung von 1918 bis 1955: Welche Ereignisse zwischen demokratischem Aufbau und faschistischer Diktatur trugen dazu bei, dass Österreich nach der Befreiung 1945 nicht volle Souveränität bekam?

 

Staatsvertrag

Mit dem Staatsvertrag von 1955, der zwischen Österreich und den Besatzungsmächten UdSSR, USA, Großbritannien und Frankreich abgeschlossen wurde, erlangte die wiederhergestellte Republik Österreich nach dem Kriegsende 1945 und der seitdem andauernden Besatzungszeit ihre vollständige Souveränität wieder. Österreich verpflichtete sich darin zu freien, geheimen Wahlen, die auch schon während der Besatzungszeit erfolgreich abgehalten wurden. Darüber hinaus waren einige Klauseln lange Zeit, manche bis heute, von Bedeutung: Das Verbot des Anschlusses an Deutschland spielte beim europäischen Integrationsprozess und Österreichs Bestrebungen, der EWG beizutreten, eine Rolle; die im Vertrag geforderten Habsburger- und Verbotsgesetze gelten bis heute, wohingegen die Rechte der nationalen Minderheiten nach wie vor nicht vollständig gewährleistet sind. Der Vertrag trat am 27. Juli 1955 in Kraft, womit eine 90-tägige Frist begann, in der die Besatzungsarmeen ihre Angehörigen aus Österreich abzuziehen hatten. Diese Frist endete am 25. Oktober.

Bundesgesetzblatt 152: Staatsvertrag, betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich.
15. Mai 1955
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Quelle: RIS, BKA

Dieses umfangreiche Dokument ist in den vier Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch abgefasst. Es eignet sich also auch zum Einsatz im Fremdsprachenunterricht. Lesen Sie gemeinsam die vielen Bestimmungen durch, die Österreich zur Wiedererlangung der Souveränität brachten, und diskutieren Sie darüber: Welche Sorgen oder Erwägungen der Besatzungsmächte spielten bei der Formulierung eine Rolle? Der Staatsvertrag ist noch immer in Kraft, diskutieren Sie, welche Tragweite die einzelnen Bestimmungen heute haben.

 

Neutralitätsgesetz

Mit den zwei Absätzen des Artikels I des Bundesverfassungsgesetzes wurde durch die „immerwährende Neutralität“ ein für die österreichische Außen- und Sicherheitspolitik bis in die Gegenwart maßgebliches Paradigma geschaffen. Österreich darf sich an keinen Militärbündnissen beteiligen und keine fremden militärischen Einrichtungen auf seinem Territorium zulassen. In der Erklärung wurde „Frieden“ nur indirekt als „Unverletzlichkeit seines Gebiets“ genannt. Die österreichische Neutralität galt in den Jahrzehnten seit ihrer Einführung als Grundkonsens weiter Teile der österreichischen Bevölkerung und war auch ein Motiv der GegnerInnen des österreichischen EU-Beitritts.

BGBl 57, Bundesverfassungsgesetz: Neutralität Österreichs.
26. Oktober 1955
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Quelle: RIS, BKA

Die Formulierung des Neutralitätsgesetzes ist auf- fallend nüchtern und knapp. Diskutieren Sie gemeinsam, welche Bezüge bzw. Begründungen an dieser Stelle hätten aufgeführt werden können und warum sie nicht genannt wurden. z.B.: Kriegsschuld, Pazifismus, Außenpolitik/ internationale Bedeutung Österreichs, Rüstung, Kalter Krieg, ...

 

Einrichtung des Nationalfeiertages

Mit dem Gesetz vom 25. Oktober 1965 wurde der 26. Oktober als österreichischer Nationalfeiertag festgeschrieben. Obgleich die Abwägung zwischen den verschiedenen möglichen Daten für den Nationalfeiertag (Ausrufung der Ersten Republik, „Unabhängigkeitserklärung“ von 1945, Staatsvertrag, ...) nicht nachvollzogen wird, steht im Bezug auf das nun bereits zehn Jahre alte Neutralitätsgesetz eine deutlichere Position zur Neutralität, indem auf den „damit verbundenen Willen (...), als dauernd neutraler Staat einen wertvollen Beitrag zum Frieden in der Welt leisten zu können“ verwiesen wird.

81. Bundesgesetzblatt, Bundesgesetz: Österreichischer Nationalfeiertag
25. Oktober 1965
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Quelle: RIS, BKA

Vergleichen Sie die Diskussion zur vorigen Quelle mit dem Bezug auf das Neutralitätsgesetz im Beschluss des Nationalfeiertags, der ca. zehn Jahre später gefasst wurde. Vergleichen Sie Österreichs Situation während der Besatzungszeit, zum Zeitpunkt des Staatsvertrags und nun in der Mitte der 1960er Jahre. Diskutieren Sie darüber hinaus: Welche Bedeutung hat ein Nationalfeiertag für einen Staat und seine Bevölkerung? Hat sich seine Relevanz in den Jahrzehnten seit der Einführung geändert?

 

Artikel zum gesellschaftlichen Vergessen in der ZEIT 1984

Der Soziologe Helmut Dahmer beschäftigt sich auf einer psychoanalytischen Ebene mit dem Phänomen des gesellschaftlichen Vergessens und Verdrängens. Er führt es auf die fehlende Fähigkeit zum adäquaten Umgang mit dem verstörenden selbst Erlebten (und Getanen) zurück; was für sich noch ungeheuerlicher ist. Er nennt historische und aktuelle Beispiele aus Wien und der BRD für die Verarbeitung bzw. Nachwirkungen der nationalsozialistischen Vergangenheit. Neben Motiven der deutschen Friedensbewegung der Zeit geht er auch noch auf aufkommende Diskussionen um das Spannungsverhältnis zwischen Opferkonkurrenz und gesamtheitlicher Trauerarbeit ein.

Helmut Dahmer
Die Sinngebung des Sinnlosen
26. Oktober 1984
Die Zeit 44/1984
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Quelle: Zeit.de

Diskutieren Sie: Dieser Artikel geht nicht auf den Heldenplatz oder den österreichischen Nationalfeiertag ein, dennoch werden für diesen Gedenktag relevante Themen diskutiert: Welche inhaltlichen An- knüpfungspunkte bestehen? (z.B.: gesellschaftlich nicht konsensuale Erinnerungsformen, Mehrfachbedeutungen einzelner Orte, Umgang im Nachfolgestaat mit dem totalitären Erbe) Der Text ist beinahe 30 Jahre alt und entstand in einer Zeit, in der breite Bevölkerungsteile viel weniger über den Nationalsozialismus wussten als heute: Wäre dieser Artikel heute noch zeitgemäß? Diskutieren Sie: Welche beschriebenen Phänomene sind heute noch anzutreffen?

 

Journalistischer Artikel zu den Diskussionen um Bernhards Heldenplatz

Die Theater- und Literaturkritikerin Sigrid Löffler beschrieb in ihrem Artikel aus dem Jahr 1988 die öffentliche Debatte um Thomas Bernhards Theaterstück Heldenplatz, das vor seiner Uraufführung in allen Medien unter reger Anteilnahme der Politik und der Bevölkerung negativ diskutiert wurde. Sie geht darauf ein, dass Text und Ausrichtung des Stücks den sich Artikulierenden nicht bekannt waren und stellt eine Verbindung zwischen der Auseinandersetzung und anderen Entwicklungen der Zeit (Waldheim-Affäre, Jörg Haider, „Bedenkjahr 1938/88“) her.

Sigrid Löffler: "Hinaus mit dem Schuft"
Der Spiegel 42/1988
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Quelle: Spiegel.de

Diskutieren Sie: Inwieweit ist diese mediale Kampagne an das politische und gesellschaftliche Geschehen des Jahres 1988 gekoppelt? Wie wäre Stück zu einem anderen Zeitpunkt diskutiert worden? (z.B.: vor der Waldheim-Affäre oder nach Vranitzkys Rede vor dem Nationalrat) Wie werden die Akteure Bernhard und Paymann, die als Adressaten der Kampagne galten, in diesem Text dargestellt?

 

Wissenschaftlicher Artikel zur Geschichte des Nationalfeiertags in Österreich

Der Historiker Gustav Spann schildert in diesem Artikel aus dem Jahr die Geschichte des Nationalfeiertags in Österreich, wobei er auf alle Gedenktage, die seit 1919 diesen Titel trugen oder diese Funktion erfüllten, eingeht. Er beobachtet, dass der jeweils als Anlass herangezogene historische Bezugspunkt in der Regel wenig konsens- und identitätsstiftend war, z.B. der „Staatsfeiertag“ der Ersten Republik, der mit dem mangelnden Selbstverständnis Österreichs als eigener Nation nicht Nationalfeiertag heißen konnte. Selbst nach 1945 war der 26. Oktober erst der dritte nationale Tag, der zum zentralen staatsoffiziellen identitätsgebenden Feiertag wurde, der nicht arbeits- und schulfrei war. Entgegen der Entscheidung für die Erinnerung an den Beschluss der immerwährenden Neutralität gab es den Vorschlag, wieder den 12. November, den Gründungstag der (ersten) Republik Österreich, zum National- bzw. Staatsfeiertag zu machen.

Gustav Spann:
Zur Geschichte des österreichischen Nationalfeiertags.
1996
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Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde 1/96

Diskutieren Sie: Der Artikel nennt alle Feiertage mit Charakter des Nationalfeiertags seit 1919. Welche Bezugspunkte kamen für die jeweilige Phase in Betracht und warum? Welche historischen Ereignisse wären noch als Nationalfeiertags-Hintergrund denkbar? Welche Bedeutung hat die Neutralität für Österreich heute und ist sie der Gruppe als Bezug des Nationalfeiertags bekannt und wichtig? Darüber hinaus: welches Gewicht und welche Bedeutung hat der Nationalfeiertag für die Gruppe. Welche National-/Staatsfeiertage anderer Länder sind der Gruppe bekannt – woran erinnern diese?

 

Argumentation für Neutralität

In zwölf Punkte gliedert der Politikwissenschaftler Karl A. Kumpfmüller seine Argumente für die Beibehaltung der österreichischen Neutralität. Viele dieser Punkte kommen in den seltenen öffentlichen Diskussionen um die immerwährende Neutralität vor. Dennoch werden bei anlassbezogenen Debatten selten diese Prinzipien abgewogen. So wird in der österreichischen Öffentlichkeit bisher nur wenig über die tatsächliche Relevanz des Neutralitätsgesetzes für die österreichische Außen- und Sicherheitspolitik debattiert, vielmehr erfüllt es die Funktion eines identitätsstiftenden Gründungsmechanismus der Zweiten Republik.

Kumpfmüller, Karl A.: 12 Argumente für die Wahrung der immerwährenden Neutralität.
in: Pecha; Roithner; Walter (Hrsg.): Friede braucht Bewegung. Analysen und Perspektiven der Friedensbewegung in Österreich. Wien: Verlag Thomas Roithner, 2002. S. 104-110.

Lesen Sie gemeinsam Punkt für Punkt die Argumente durch. Diskutieren Sie anschließend gemeinsam: Welche dieser Argumente sind für die SchülerInnen von Belang und warum? Welche haben sich möglicherweise in ihrer Bedeutung geändert, etwa durch geänderte geopolitische Um- stände? Welche der Argumente würden SchülerInnen hinzufügen oder widerlegen?

 

Neutralität als Mythos

Die PolitikwissenschaftlerInnen Karin Liebhart und Andreas Pribersky besprechen in diesem Text die Funktion von Staatsvertrag und Neutralität als Gründungsmythos, die bis in die jüngste Zeit nicht verhandelbar waren. Sie unterstreichen dabei die emotionale Bindung der österreichischen Bevölkerung an diese Institutionen und beschreiben, wie ihre symbolische Bedeutung einer sachlichen Diskussion über zeitgemäße Inhalte und Interpretationen der österreichischen Neutralitätspolitik entgegen steht.

Liebhart, Karin; Pribersky, Andreas: Die Mythisierung des Neubeginns: Staatsvertrag und Neutralität (Exzerpt)
in: Brix, Bruckmüller, Stekl (Hrsg.): Memoria Austriae I. Menschen, Mythen, Zeiten. Wien, Verlag für Geschichte und Politik: 2004. S. 392-393.
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Bild: Staatsvertrag (original)
Foto: Karl Gruber (public domain)

Besprechen Sie in der Gruppe, wie sich die Bedeutung von Nationalfeiertag (und ggf. Staatsvertrag) heute darstellt: Welche Werte und welche Emotionen verknüpfen die TeilnehmerInnen damit? Welche bekannten Ereignisse, Ent- wicklungen und Aussagen (z.B.: „Österreich ist frei!“) werden dabei erinnert und welche Relevanz wird ihnen heute zuteil? Fragen Sie sich gemeinsam: Unterliegt die Signifikanz dieser Gründungsmythen einer Ver- änderung?

 

Rede des Bundeskanzlers am Heldenplatz 2011

Der damalige Bundeskanzler Faymann hat in seiner Rede zum Nationalfeirtag 2011 insbesondere die RekrutInnen angesprochen, die am Heldenplatz angelobt werden sollten. Er ging dabei auf die Verdienste des Bundesheers beim Katastrophenschutz in Österreich und bei Auslandseinsätzen ein. Hier bezeichnete er das Engagement in Friedenseinsätzen als „aktive Neutralität“. Im selben Zusammenhang nannte er einige, als spezifisch österreichisch gemeinte, Qualitäten: Sozialpartnerschaft, Integration, geringe Arbeitslosigkeit und, im weiteren Sinne, Chancen und Gerechtigkeit, um mit der Stellungnahme „Das österreichische Bundesheer erfüllt eine wichtige Funktion. Als österreichischer Bundeskanzler bin ich Stolz auf Ihre Arbeit.“

Werner Faymann
Rede anlässlich des Sonderminsiterrats auf dem Heldenplatz in Wien
26. Oktober 2011
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Quelle: Bundeskanzleramt
Foto: CC-BY SA 3.0 Manfred Werner via Wikimedia Commons

Diskutieren Sie: Welche thematischen Bezüge werden am Heldenplatz zum Nationalfeiertag hergestellt, welche nicht? (z.B.: Unabhängigkeit der „Karriere und Leistung vom Geburtsnamen“ als Beispiel für gelungene Integration und Chancen- gleichheit; allerdings keine Thematisierung der Geschichte des Orts.) Darüber hinaus: Welche Funktionen des Bundesheers nennt Faymann? Diskutieren Sie: Warum kann Neutralität über die Auslandseinsätze, nicht jedoch über die Aufgabe der Landesverteidigung genannt werden?

 

Politische Website EU-feindlicher Gruppe

Die „EU-Austrittspartei“ gestaltet die Website www.nationalfeiertag.at. Neben oberflächlichen Informationen zu Veranstaltungen der politischen Institutionen an diesem Tag präsentiert sie das Parteiprogramm, einen kurzen Beitrag zur Geschichte Österreichs (nicht nur der Republik Österreich) und die erste Strophe der Bundeshymne in der alten, nicht geschlechtersensiblen, Fassung. Die inhaltliche Assoziation von Nationalfeiertag, Neutralität und EU-Austritt begründet das nationalistische und isolationistische Programm der Gruppe, die mit dem thematischen Fluchtpunkt des „offiziellen“ Nationalfeiertags ihre der österreichischen Politik nicht entsprechenden Forderungen fährt.

Website:
Nationalfeiertag.at
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Quelle: nationalfeiertag.at

Diskutieren Sie: Welche Positionen sind in der Gruppe zu den Forderungen der Kleinpartei „EU-Austrittspartei“ fest- zustellen? Welche Wirkung entfaltet die Assoziation des Nationalfeiertags mit dem Parteiprogramm? Die Website nützt eine politisch neutrale Domain (nationalfeiertag.at) für ein Programm, das dem staatsoffiziellen Selbstverständnis und der österreichischen Politik widerspricht. Soll diese Verwendung verboten sein oder im Sinne der freien Meinungs- äußerung zulässig bleiben? Welche Organisation, Firma, Behörde, Person sollte die Domain nationalfeiertag.at besitzen und bespielen dürfen und warum?

 

Kranzniederlegung am Nationalfeiertag

Am 26. Oktober legen Bundespräsident und Bundesregierung traditionell Kränze an den beiden Gedenkorten im Äußeren Burgtor nieder, denen dadurch eine umso staatstragendere Bedeutung zukommt. In einem der beiden Räume, der Krypta, wurde 2012 die im Text beschriebene nationalsozialistische Schrift gefunden, was nunmehr endgültig eine Neugestaltung des Orts und damit eine Neuinterpretation seiner Funktion an diesem zentralen Platz der Republik Österreich – nicht nur an ihrem Nationalfeiertag – notwendig gemacht hat.

Uhl, Heidemarie: Die denkwürdige Leere der Krypta
in: derStandard.at
22. Juni 2012
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Bild: Äußeres Burgtor
Foto: CC BY-SA 3.0 GuentherZ via Wikimedia Commons

Diskutieren Sie gemeinsam: welche Rituale offizieller RepräsentantInnen des Staates sind am Nationalfeiertag angemessen? Kann der Gedenkort im Äußeren Burgtor so umgestaltet werden, dass ähnliche Gedenkfeiern passend abgehalten werden können? Wie kann am 26. Oktober auf die Geschichte und Vorgeschichte des Datums verwiesen werden? Wie würde die Gruppe den Gedenktag gestalten?

 

Zeitungskommentar eines Politikers

Der Historiker und Politiker der Grünen Harald Walser plädiert in diesem Artikel für den Heldenplatz als Ort des zukünftigen Deserteursdenkmals und positioniert sich klar gegenüber Argumenten gegen ein solches Denkmal: österreichische Deserteure der Wehrmacht haben sich gegen den nationalsozialistischen Krieg gestemmt, die Wehrmacht war keine österreichische Armee und das Bundesheer steht nicht in der Traditionsfolge der Wehrmacht. Der Heldenplatz sei gerade wegen des gespannten Verhältnisses zwischen den Erinnerungstraditionen und wegen seines Namens („Neue ‚Helden‘ braucht der Platz“) geeignet, Ausgangspunkt eines neuen demokratischen Gedenkens zu werden.

Harald Walser:
Heldenplatz: Spielplatz welcher "Helden"?
09.02.2012
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Quelle: DiePresse.com Foto: CC BY-SA 3.0 Die Grünen via Wikimedia Commons

Diskutieren Sie: Das Deserteursdenkmal steht nun nicht am Heldenplatz, sondern am Ballhausplatz. Die beiden Gedenkorte in unmittelbarer Nachbarschaft  kommunizieren. Welche alten (Heldenplatz) und welche neuen (Ballhausplatz) Motive, Traditionen und Dynamiken treffen hier aufeinander? Hätte das Deserteursdenkmal doch am Heldenplatz selbst errichtet werden und die vergangenen Erinnerungsformen und -orte überspielen sollen, oder ist der Weg der räumlichen Trennung vorzuziehen und warum?

 

Wissenschaftlicher Artikel zur Geschichte des Nationalfeiertags in Österreich

Die Historikerin Heidemarie Uhl reflektiert über die Geschichte des Nationalfeiertags, der in den Jahrzehnten nach seiner Einführung nicht als identitätsstiftendes Moment wirkte und erst mit der Festigung eines eigenen Österreich-Selbstverständnisses (und der Abkehr vom Deutschnationalismus in der breiten Gesellschaft) auch als nationaler Feiertag akzeptiert wurde. Die seither traditionelle Bespielung durch das Bundesheer hat „Volksfestcharakter, während der eigentliche Staatsakt – die Kranzniederlegung von Bundespräsident und Bundesregierung in der Krypta und im Weiheraum des österreichischen Heldendenkmals“ kaum wahrgenommen würde. Der Fund einer Kapsel mit Naziparolen 2012 und das weiterhin nicht ausverhandelte Gedenken der Gefallenen Österreicher in der Wehrmacht rüttelten diese Tradition auf und müssen in der Neugestaltung des Heldendenkmals ebenso Nachhall finden, wie in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Gedenken.

Heidemarie Uhl:
Suche nach einem Bezugspunkt
25.10.2012
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Quelle: science.orf.at

Diskutieren Sie: Welche Traditionen um den Heldenplatz am Nationalfeiertag sind noch zeitgemäß, welche sollten (wie) geändert werden und warum? Wie soll der Heldenplatz als Erinnerungsort gestaltet werden, um diesen Ansprüchen zu genügen? Welche Rolle spielt dabei die Politik, welche das Militär, welche die Gesellschaft?

 

Gedenkfeier Kagran 2012

Diese Fotodokumentation zeigt Szenen von der Gedenkveranstaltung am 26. Oktober 2012 beim Gedenkstein am Ort des ehemaligen Militärschießhofs Kagran. Seit mehreren Jahren organisiert das Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ am Nationalfeiertag diese Gedenkveranstaltung, um an das Schicksal der Wehrmachts-Deserteure und anderer Opfer der NS-Militärjustiz zu erinnern. Die Organisation strebt die Errichtung des Deserteursdenkmals am Ballhausplatz an, wo nach dessen Eröffnung die Gedenkveranstaltung statt finden soll. Der Gedenkstein in Kagran und die Geschichte des Orts sind einer breiten Öffentlichkeit unbekannt, daher wird die Veranstaltung regelmäßig von relativ wenigen Personen besucht.

Gedenkfeier Kagran
26. Oktober 2012
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Fotos: Matthias Kopp

Diskutieren Sie: Welche Eindrücke erwecken die Fotos von der Veranstaltung? Inwiefern ist der Rahmen dem inhaltlichen Anspruch angemessen bzw. nicht angemessen? (Kleiner Kreis, wenig Polizei, still, unbekannt, temporär, …) Welche Veränderungen dazu sind durch die geplante Verlegung zum zukünftigen Deserteursdenkmal zu erwarten? Welcher Symbolismus (und welches Narrativ) liegt in der räumlichen Trennung der militärischen Veranstaltung am Heldenplatz und dieser Veranstaltung in einem Außenbezirk? Können beide Traditionen in Zukunft am selben Ort koexistieren?

 

Wissenschaftliche Artikel zu den Entwicklungen um Heldenplatz und Ballhausplatz

Die Historikerin Heidemarie Uhl und der Historiker Magnus Koch diskutieren in diesen beiden Texten die jüngsten Entwicklungen um die Gestaltung und Bedeutungsverschiebungen von Heldenplatz und Ballhausplatz. Dabei wird auf die Diskussionen seit der jungen Tradition des burschenschaftlichen Heldengedenkens und die Bespielung des Orts durch das geplante Deserteursdenkmal eingegangen. Miteinander nicht zu vereinbarende Erinnerungsformen wurden am Heldenplatz gepflegt. Inzwischen ist das Narrativ zum 8. Mai mittlerweile eindeutig im Rahmen des Fests der Freude als Befreiung definiert – die Krypta, das Heldendenkmal am Heldenplatz, wurde durch das Verteidigungsministerium, das den Ort am Nationalfeiertag ausgiebig bespielt, bearbeitet. Magnus Koch zeichnet die Entwicklung zum geplanten Deserteursdenkmal, insbesondere die Debatte um den Standort und die Präferenzen der beteiligten AkteurInnen nach.

Heidemarie Uhl: Heldenplatz - Ballhausplatz
Magnus Koch: Deserteure vor dem Kanzleramt
GEDENKDIENST 1/13
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Quelle: GEDENKDIENST

Diskutieren Sie: Welche Dynamiken der Widersprüch- lichkeit ergeben sich um die beiden Plätze? Welche Deutungen behalten sich Burschenschaften, Militär und Deserteure-VertreterInnen vor und wie können diese am selben Ort ausverhandelt werden? Passt diese Debatte in die Gegenwart, sind also alle beteiligten Positionen heute berechtigt, oder hätte sie längst geführt werden müssen?

 

Politikwissenschaftlicher Artikel zum geplanten Deserteursdenkmal

Der Politikwissenschaftler und Historiker Peter Pirker beschreibt in diesem Artikel die widersprüchlichen Motive der Erinnerungskulturen um den Heldenplatz. Die staatsoffizielle Bespielung der Krypta als Heldendenkmal ist trotz eindeutiger Stellungnahmen der Politik durch den militärisch entpolitisierten Kontext des Erinnerungsorts problematisch, zumal die Krypta bis 2012 auch Ort des Totengedenkens der Burschenschaften war. Vor diesem Hintergrund bespricht er das ambivalente Verhältnis der österreichischen Öffentlichkeit zu den Deserteuren der Wehrmacht, die sich gegen die Teilnahme am Krieg des „Dritten Reichs“ entschieden haben und dennoch nicht an diesem zentralen Erinnerungsort der Republik Österreich gewürdigt werden. Er plädiert für die Errichtung des Deserteursdenkmals am Heldenplatz.

Peter Pirker:
In Erfüllung ihres Auftrags ließen sie ihr Leben. Ein Deserteursdenkmal am Heldenplatz als Kontrapunkt. Klick auf Bild öffnet Volltext
Quelle: peterpirker.at

Diskutieren Sie: Welche Positionen bestehen in der Gruppe zu den aktuellen Gedenkformen am Heldenplatz? (Gedenken aller toten Soldaten der Weltkriege und der Republik Österreich, Nichtrepräsentation der Gruppe der Deserteure, die gegen den national- sozialistischen Krieg waren) Diskutieren Sie weiter: Warum mussten Wehrmachtsdeserteure in der Republik Österreich ihre Weigerung, am national- sozialistischen Krieg teilzu- nehmen, immer wieder rechtfertigen, während tote Soldaten geehrt wurden? Wie würde die Gruppe den Gedenkort Heldenplatz gestalten, um den eigenen Vorstellungen einer angemessenen Erinnerungskultur gerecht zu werden?

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