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26. Oktober

DISKURS in Medien und Öffentlichkeit

Während der Nationalfeiertag als staatlich repräsentativer Festtag mit Veranstaltungen und öffentlichen Auftritten vieler PolitikerInnen begangen wird, wissen die meisten ÖsterreicherInnen nicht, an welches Ereignis an diesem Tag erinnert wird. Die österreichische Neutralität wird in der Bevölkerung geschätzt und öffentliche Debatten zu ihren Einschränkungen bzw. ihrer möglichen Abschaffung werden selten sachlich geführt. Selbst anlässlich des Nationalfeiertages sind Diskussionen über die Neutralität eher unüblich.

Helmut Dahmer
Die Sinngebung des Sinnlosen
26. Oktober 1984
Die Zeit 44/1984
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Quelle: Zeit.de

Der Soziologe Helmut Dahmer beschäftigt sich auf einer psychoanalytischen Ebene mit dem Phänomen des ge- sellschaftlichen Vergessens und Verdrängens. Er führt es auf die fehlende Fähigkeit zum adäquaten Umgang mit dem verstörenden selbst Erlebten (und Getanen) zurück; was für sich noch ungeheuerlicher ist. Er nennt historische und aktuelle Beispiele aus Wien und der BRD für die Verarbeitung bzw. Nachwirkungen der natio- nalsozialistischen Vergangen- heit. Neben Motiven der deutschen Friedensbewegung der Zeit geht er auch noch auf aufkommende Diskussionen um das Spannungsverhältnis zwi- schen Opferkonkurrenz und gesamt- heitlicher Trauerarbeit ein.

Sigrid Löffler: "Hinaus mit dem Schuft"
Der Spiegel 42/1988
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Quelle: Spiegel.de

Die Theater- und Litera- turkritikerin Sigrid Löffler beschrieb in ihrem Artikel aus dem Jahr 1988 die öffentliche Debatte um Thomas Bernhards Theaterstück Heldenplatz, das vor seiner Uraufführung in allen Medien unter reger Anteilnahme der Politik und der Bevölkerung negativ diskutiert wurde. Sie geht darauf ein, dass Text und Ausrichtung des Stücks den sich Artikulierenden nicht bekannt waren und stellt eine Verbindung zwischen der Auseinandersetzung und anderen Entwicklungen der Zeit (Waldheim-Affäre, Jörg Haider, „Bedenkjahr 1938/88“) her.

Gustav Spann:
Zur Geschichte des österreichischen Nationalfeiertags.
1996
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Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde 1/96

Der Historiker Gustav Spann schildert in diesem Artikel aus dem Jahr die Geschichte des Nationalfeiertags in Österreich, wobei er auf alle Gedenktage, die seit 1919 diesen Titel trugen oder diese Funktion erfüllten, eingeht. Er beobachtet, dass der jeweils als Anlass herangezogene historische Bezugspunkt in der Regel wenig konsens- und identitätsstiftend war, z.B. der „Staatsfeiertag“ der Ersten Republik, der mit dem mangelnden Selbstverständnis Österreichs als eigener Nation nicht Nationalfeiertag heißen konnte. Selbst nach 1945 war der 26. Oktober erst der dritte nationale Tag, der zum zentralen staatsoffiziellen identitätsgeben- den Feiertag wurde, der nicht arbeits- und schulfrei war. Entgegen der Entscheidung für die Erinnerung an den Beschluss der immerwährenden Neutralität gab es den Vorschlag, wieder den 12. November, den Gründungstag der (ersten) Republik Österreich, zum National- bzw. Staatsfeiertag zu machen.

Kumpfmüller, Karl A.: 12 Argumente für die Wahrung der immerwährenden Neutralität.
in: Pecha; Roithner; Walter (Hrsg.): Friede braucht Bewegung. Analysen und Perspektiven der Friedensbewegung in Österreich. Wien: Verlag Thomas Roithner, 2002. S. 104-110.

In zwölf Punkte gliedert der Politikwissenschaftler Karl A. Kumpfmüller seine Argumente für die Beibehaltung der öster- reichischen Neutralität. Viele dieser Punkte kommen in den seltenen öffentlichen Dis- kussionen um die immerwährende Neutralität vor. Dennoch werden bei anlassbezogenen Debatten selten diese Prinzipien abgewogen. So wird in der österreichischen Öffentlichkeit bisher nur wenig über die tatsächliche Relevanz des Neutralitätsgesetzes für die österreichische Außen- und Sicherheitspolitik debattiert, vielmehr erfüllt es die Funktion eines identitätsstiftenden Grün- dungsmechanismus der Zweiten Republik.

Liebhart, Karin; Pribersky, Andreas: Die Mythisierung des Neubeginns: Staatsvertrag und Neutralität (Exzerpt)
in: Brix, Bruckmüller, Stekl (Hrsg.): Memoria Austriae I. Menschen, Mythen, Zeiten. Wien, Verlag für Geschichte und Politik: 2004. S. 392-393.
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Bild: Staatsvertrag (original)
Foto: Karl Gruber (public domain)

Die PolitikwissenschaftlerInnen Karin Liebhart und Andreas Pribersky besprechen in diesem Text die Funktion von Staatsvertrag und Neutralität als Gründungsmythos, die bis in die jüngste Zeit nicht verhandelbar waren. Sie unterstreichen dabei die emotionale Bindung der österreichischen Bevölkerung an diese Institutionen und beschreiben, wie ihre sym- bolische Bedeutung einer sa- chlichen Diskussion über zeitgemäße Inhalte und Interpretationen der öster-reichischen Neutralitätspolitik entgegen steht.

Werner Faymann
Rede anlässlich des Sonderminsiterrats auf dem Heldenplatz in Wien
26. Oktober 2011
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Quelle: Bundeskanzleramt
Foto: CC-BY SA 3.0 Manfred Werner via Wikimedia Commons

Der damalige Bundeskanzler Werner Faymann hat in seiner Rede zum Nationalfeirtag 2011 insbesondere die RekrutInnen angesprochen, die am Helden- platz angelobt werden sollten. Er ging dabei auf die Verdienste des Bundesheers beim Kata- strophenschutz in Österreich und bei Auslandseinsätzen ein. Hier bezeichnete er das Engagement in Friedensein- sätzen als „aktive Neutralität“. Im selben Zusammenhang nannte er einige, als spezifisch österreichisch gemeinte, Quali- täten: Sozialpartnerschaft, Integration, geringe Arbeits- losigkeit und, im weiteren Sinne, Chancen und Gerechtigkeit, um mit der Stellungnahme „Das österreichische Bundesheer erfüllt eine wichtige Funktion. Als österreichischer Bundes- kanzler bin ich Stolz auf Ihre Arbeit.“ Zu schließen.

Website:
Nationalfeiertag.at
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Quelle: nationalfeiertag.at

Die „EU-Austrittspartei“ ge- staltet die Website www.nationalfeiertag.at. Neben oberflächlichen Informationen zu Veranstaltungen der politischen Institutionen an diesem Tag präsentiert sie das Partei- programm, einen kurzen Beitrag zur Geschichte Österreichs (nicht nur der Republik Österreich) und die erste Strophe der Bundeshymne in der alten, nicht geschlechtersensiblen, Fassung. Die inhaltliche Asso- ziation von Nationalfeiertag, Neutralität und EU-Austritt begründet das nationalistische und isolatio- nistische Programm der Gruppe, die mit dem thematischen Fluchtpunkt des „offiziellen“ Nationalfeiertags ihre der österreichischen Politik nicht entsprechenden Forderungen fährt.

Zum festen Ritual am Nationalfeiertag zählen die Leistungsschau des Bundesheeres, eine Angelobung durch den Bundespräsidenten am Heldenplatz und – bisher – die Kranzniederlegung in der Krypta am äußeren Burgtor.

Uhl, Heidemarie: Die denkwürdige Leere der Krypta
in: derStandard.at
22. Juni 2012
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Bild: Äußeres Burgtor
Foto: CC BY-SA 3.0 GuentherZ via Wikimedia Commons

Am 26. Oktober legen Bundespräsident und Bundes- regierung traditionell Kränze an den beiden Gedenkorten im Äußeren Burgtor nieder, denen dadurch eine umso staats- tragendere Bedeutung zukommt. In einem der beiden Räume, der Krypta, wurde 2012 die im Text beschriebene nationalso- zialistische Schrift gefunden, was nunmehr endgültig eine Neugestaltung des Ortes und damit eine Neuinterpretation seiner Funktion an diesem zentralen Platz der Republik Österreich – nicht nur an ihrem Nationalfeiertag – notwendig gemacht hat.

Harald Walser:
Heldenplatz: Spielplatz welcher "Helden"?
09.02.2012
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Quelle: DiePresse.com Foto: CC BY-SA 3.0 Die Grünen via Wikimedia Commons

Der Historiker und Politiker der Grünen Harald Walser plädiert in diesem Artikel für den Heldenplatz als Ort des zukünftigen Deserteursdenk- mals und positioniert sich klar gegenüber Argumenten gegen ein solches Denkmal: öster- reichische Deserteure der Wehrmacht haben sich gegen den nationalsozialistischen Krieg gestemmt, die Wehrmacht war keine österreichische Armee und das Bundesheer steht nicht in der Traditionsfolge der Wehrmacht. Der Heldenplatz sei gerade wegen des gespannten Verhältnisses zwischen den Erinnerungs- traditionen und wegen seines Namens („Neue ‚Helden‘ braucht der Platz“) geeignet, Ausgangs- punkt eines neuen demo- kratischen Gedenkens zu werden.

Heidemarie Uhl:
Suche nach einem Bezugspunkt
25.10.2012
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Quelle: science.orf.at

Die Historikerin Heidemarie Uhl reflektiert über die Geschichte des Nationalfeiertags, der in den Jahrzehnten nach seiner Einführung nicht als iden- titätsstiftendes Moment wirkte und erst mit der Festigung eines eigenen Österreich-Selbst- verständnisses (und der Abkehr vom Deutschnationalismus in der breiten Gesellschaft) auch als nationaler Feiertag akzeptiert wurde. Die seither traditionelle Bespielung durch das Bundesheer hat „Volksfestcharakter, während der eigentliche Staatsakt – die Kranzniederlegung von Bundes- präsident und Bundesregierung in der Krypta und im Weiheraum des österreichischen Heldendenk- mals“ kaum wahrgenommen würde. Der Fund einer Kapsel mit Naziparolen 2012 und das weiterhin nicht ausverhandelte Gedenken der Gefallenen Österreicher in der Wehrmacht rüttelten diese Tradition auf und müssen in der Neugestaltung des Heldendenkmals ebenso Nachhall finden, wie in der gesellschaftlichen Auseinander- setzung mit dem eigenen Gedenken.

Gedenkfeier Kagran
26. Oktober 2012
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Fotos: Matthias Kopp

Diese Fotodokumentation zeigt Szenen von der Ged- enkveranstaltung am 26. Oktober 2012 beim Gedenkstein am Ort des ehemaligen Militärschießhofs Kagran. Seit mehreren Jahren organisiert das Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ am Nationalfeiertag diese Gedenkveranstaltung, um an das Schicksal der Wehrmachts-Deserteure und anderer Opfer der NS-Militärjustiz zu erinnern. Die Organisation strebt die Errichtung des Deserteur- sdenkmals am Ballhausplatz an, wo nach dessen Eröffnung die Gedenkveranstaltung statt finden soll. Der Gedenkstein in Kagran und die Geschichte des Orts sind einer breiten Öffentlichkeit unbekannt, daher wird die Veranstaltung regelmäßig von relativ wenigen Personen besucht.

Heidemarie Uhl: Heldenplatz - Ballhausplatz
Magnus Koch: Deserteure vor dem Kanzleramt
GEDENKDIENST 1/13
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Quelle: GEDENKDIENST

Die Historikerin Heidemarie Uhl und der Historiker Magnus Koch diskutieren in diesen beiden Texten die jüngsten Ent- wicklungen um die Gestaltung und Bedeutungsverschiebungen von Heldenplatz und Ballhausplatz. Dabei wird auf die Diskussionen seit der jungen Tradition des burschen- schaftlichen Heldengedenkens und die Bespielung des Orts durch das geplante Deserteursdenkmal eingegangen. Miteinander nicht zu vereinbarende Erinnerungsformen wurden am Heldenplatz gepflegt. Inzwischen ist das Narrativ zum 8. Mai mittlerweile eindeutig im Rahmen des Fests der Freude als Befreiung definiert – die Krypta, das Heldendenkmal am Heldenplatz, wurde durch das Verteidigungsministerium, das den Ort am Nationalfeiertag ausgiebig bespielt, bearbeitet. Magnus Koch zeichnet die Entwicklung zum geplanten Deserteursdenkmal, insbesondere die Debatte um den Standort und die Präferenzen der beteiligten AkteurInnen nach.

Peter Pirker:
In Erfüllung ihres Auftrags ließen sie ihr Leben. Ein Deserteursdenkmal am Heldenplatz als Kontrapunkt. Klick auf Bild öffnet Volltext
Quelle: peterpirker.at

Der Politikwissenschaftler und Historiker Peter Pirker beschreibt in diesem Artikel die widersprüchlichen Motive der Erinnerungskulturen um den Heldenplatz. Die staatsoffizielle Bespielung der Krypta als Heldendenkmal ist trotz eindeutiger Stellungnahmen der Politik durch den militärisch entpolitisierten Kontext des Erinnerungsorts problematisch, zumal die Krypta bis 2012 auch Ort des Totengedenkens der Burschenschaften war. Vor diesem Hintergrund bespricht er das ambivalente Verhältnis der österreichischen Öffentlichkeit zu den Deserteuren der Wehrmacht, die sich gegen die Teilnahme am Krieg des „Dritten Reichs“ entschieden haben und dennoch nicht an diesem zentralen Erinnerungsort der Republik Österreich gewürdigt werden. Er plädiert für die Errichtung des Deserteursdenkmals am Heldenplatz.

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