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23. August

SAMMLUNG der Quellen mit Kontextwissen und didaktischen Hinweisen

Auf dieser Seite haben wir alle gezeigten Quellen zum 23. August noch einmal versammelt und mit Vorschlägen versehen, wie mit ihnen im Unterricht gearbeitet werden kann bzw. wie sie als Ausgangspunkte für weitere Aktivitäten dienen können.

 

Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt

Im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt sicherten sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion auf zehn Jahre befristet gegenseitig Neutralität zu. Mit dieser Garantie konnte das Deutsche Reich den Krieg gegen Polen beginnen, ohne mit Konsequenzen seitens der Sowjetunion rechnen zu müssen. Der Vertrag wurde vom deutschen Außenminister Ribbentrop und dem sowjetischen Außenminister Molotow unterzeichnet und ist daher auch unter den Namen Molotow-Ribbentrop-Pakt bzw. Hitler-Stalin-Pakt bekannt.

Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt
in: Reichsgesetzblatt Teil II 1939, S. 968ff.
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Quelle: ÖNB/Wien (ALEX)

Der Nichtangriffspakt wurde etwas mehr als eine Woche vor dem Kriegsbeginn mit dem deutschen Überfall auf Polen unterzeichnet. Lesen Sie gemeinsam aufmerksam alle Punkte des Vertrages und diskutieren Sie, wie sich darin zwei ideologisch verfeindete Großmächte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs der Weltöffentlichkeit und – viel wichtiger – den anderen großen Staaten gegenüber präsentieren. Diskutieren Sie: Warum lässt ein Nichtangriffspakt den Krieg wahrscheinlicher erscheinen?

 

Zusatzprotokoll zum Nichtangriffspakt

In dem geheimen Zusatzprotokoll steckten das Deutsche Reich und die Sowjetunion die Grenzen ihrer Interessensphären ab. Gemeinsam mit dem Nichtangriffspakt vereinbarten die beiden Staaten die Erweiterung ihres Territoriums auf Kosten Polens und der baltischen Staaten und ihre zukünftige gemeinsame Grenze. Etwas mehr als eine Woche vor Kriegsbeginn wurde der erwartete Gewinn aufgeteilt und gegenseitige Anerkennung garantiert.

Geheimes Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag
in: Ingo Münch (Hg.): Ostverträge Band 1. Deutsch-sowjetische Verträge. Berlin 1971. S. 50f.
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In diesem Dokument haben das Deutsche Reich und die UdSSR skizziert, wie sie sich Osteuropa aufteilen wollen. Suchen Sie Karten mit den verschiedenen Grenzverläufen vor, während und nach dem Krieg und vollziehen Sie nach, inwieweit sich Interessen- und tatsächliche Einflusssphären entwickelt haben und ob diese Entwicklung dem in diesem Zusatzprotokoll ange- strebten Verlauf entspricht.

 

Deutsch-sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag

Der deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag wurde am 28. September 1939, also vier Wochen nach Kriegsbeginn und ca. sechs Wochen nach dem Nichtangriffspakt als dessen Ergänzung, wieder durch Ribbentrop und Molotow abgeschlossen. Mit der deutschen Eroberung Polens vom Westen und dem sowjetischen Einmarsch vom Osten waren die zuvor im geheimen Zusatzprotokoll des Nichtangriffspakts noch unscharf definierten Grenzen bald Realität geworden und wurden im Zuge dieses Grenzvertrags verbindlich festgelegt.

Deutsch-sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag
in: Reichsgesetzblatt Teil II 1940, S. 3f.
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Quelle: ÖNB/Wien (ALEX)

Der Grenz- und Freundschafts- vertrag war durch die Entwicklung der ersten Kriegswochen nötig geworden und schließt nahtlos an den Nichtangriffsvertrag an. Inzwischen hatte das Deutsche Reich weite Teile Polens erobert und die Sowjetunion hat die polnische Grenze von Osten überschritten. Lesen Sie alle Punkte des Vertrags und erörtern Sie, wie der aggressive Expansionskrieg des Deutschen Reichs hier entschärft dargestellt wird.

 

Zusatzprotokoll zum Grenz- und Freundschaftsvertag

In diesem geheimen Zusatzprotokoll zum Grenz- und Freundschaftsvertrag (eines von mehreren) wurde in Abweichung vom geheimen Zusatzprotokoll des Nichtangriffspaktes die Verschiebung der Grenze zwischen dem deutschen und dem sowjetischen Interessengebiet in Litauen anhand einer von Ribbentrop und Stalin in einer Karte eingezeichneten Linie verfügt. Im Gegenzug erhielt das Deutsche Reich die polnische Woiwodschaft Lublin und Teile der Woiwodschaft Warschau.

Geheimes Zusatzprotokoll I zum Grenz- und Freundschaftsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion.
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Quelle: DHM

Mit der Präzisierung des geheimen Zusatzprotokolls des Nichtangriffsvertrages in diesem geheimen Zusatzprotokoll zum Grenz- und Freundschaftsvertrag wurden die Grenzen der deutschen und sowjetischen Einflussgebiete bis zum Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion festgelegt. Diskutieren Sie wie oben: Suchen Sie Karten mit den verschiedenen Grenzverläufen vor, während und nach dem Krieg und vollziehen Sie nach, inwieweit sich Interessen- und tatsächliche Einflusssphären entwickelt haben und ob diese Entwicklung dem in diesem Zusatzprotokoll ange- strebten Verlauf entspricht.

 

Statistiken aus Demozid

Der US-amerikanische Politikwissenschafter Rudolph J. Rummel hat mit dem Begriff Demozid eine Bezeichnung für staatlich angeordnete bzw. durchgeführte Massenmorde an ZivilistInnen eingeführt. In seinem stark quantitativ aufgebauten Werk versuchte er eine grundlegende Erfassung und Gegenüberstellung dieser Verbrechen im 20. Jahrhundert. Die Zahlen der Toten sind dabei immer erschreckend und es besteht die Gefahr, dass die Tragweite verschiedener Verbrechen aufgrund unterschiedlicher Opferzahlen relativiert wird.

Tabelle 1.2 und Abbildung 1.1 aus Rudolph J. Rummel: Demozid - der befohlene Tod. Münster, 2003. S. 4f.
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Interpretieren Sie die gezeigten Zahlen und Statistiken. Diskutieren Sie über das Dilemma, Opfer verschiedener Verbrechen in angemessener Weise zu würdigen und dabei den unterschiedlichen Umständen dieser Verbrechen Rechnung zu tragen. Diskutieren Sie weiter darüber, warum in Österreich nationalsozialistische Verbre- chen eher als Massenmorde in anderen Weltgegenden be- sprochen werden. Gehört es zur Verantwortung der heutigen Gesellschaft, sich mit ihrer Geschichte zu befassen? Oder soll sie sich globalen Phänomenen (wie Genoziden) widmen?

 

Aufruf des Europarats

Dieser Aufruf zur internationalen Verurteilung der Verbrechen kommunistischer Regime aus dem Jahr 2006 bezieht sich umfassend auf Menschenrechtsverbrechen der früheren osteuropäischen Systeme. Er fordert auch weiterbestehende kommunistische Parteien auf, sich kritisch mit dieser bzw. ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und verlangt Anerkennung des Leides der Opfer bzw. öffentliche Gedenkformen. Der Gebrauch des Begriffs totalitär unterstreicht die grundegende Haltung des Dokuments hinsichtlich der Schwere der Verbrechen und der Einordnung kommunistischer Regimes in den Diktaturen Europas im 20. Jahrhundert.

Entschließung 1481 des Europarats
am 25. Jänner 2006 verabschiedet
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Quelle: Europarat

Dieser Aufruf stammt aus einer Zeit vor breit getragener Erinnerung an die Verbrechen der Regimes in Osteuropa. Diskutieren Sie gemeinsam, wie in diesem Text die Schwere dieser Verbrechen vor dem Hintergrund des Fehlens einer etablierten Erinnerungskultur dargestellt wird und wie sie gegenüber den nationalsozialistischen Verbre- chen verortet werden.

 

Prager Erklärung

In der Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus wurde erstmals der 23. August als Datum eines Gedenktages vorgebracht. Die Erklärung ist das Ergebnis der Konferenz Europas Gewissen und der Kommunismus in Prag 2008 und wurde von vielen damaligen PolitikerInnen, darunter viele ehemalige politische Häftlinge, unterschrieben. Sie nennt den Nationalsozialismus und den Kommunismus als die zwei Urkatastrophen des 20. Jahrhunderts und fordert einerseits einen gemeinsamen Gedenktag und andererseits einen gesamteuropäischen Zugang zu dieser Geschichte sowie die individuelle Erforschung und Vermittlung beider Phänomene in ihren jeweiligen Eigenheiten. Darüber hinaus wird in der Prager Erklärung die Nichtdiskriminierung und Gleichbehandlung aller Opfer totalitärer Systeme (gemeint sind Nationalsozialismus und Kommunismus) gefordert.

Prager Erklärung
3. Juni 2008
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Foto: Public Domain petritap
Quelle: Victims of Communism Memorial Foundation

Die Prager Erklärung nennt viele Gründe für die Einführung eines gemeinsamen Gedenktages für die Opfer des National- sozialismus und der kommunistischen Regimes in Osteuropa. Diskutieren Sie Punkt für Punkt durch, ob es sich nach Meinung der Gruppe um ein Argument für oder gegen den gemeinsamen Gedenktag handelt.

 

Aufruf des Europäischen Parlaments

Dieser Aufruf vieler Mitglieder des Europäischen Parlaments, den 23. August als Europäischen Gedenktag einzuführen, nennt die wesentlichen Begründungen für den neuen Gedenktag. Dabei werden explizit ähnliche Verbechen beider Systeme (Verschleppung, Mord, Versklavung etc.) und die Aufteilung Europas in Interessensphären des Deutschen Reichs und der Sowjetunion im Rahmen des Nichtangriffsvertrages angeführt. Bestrebt, ein „aktives Gedenken in Europa“ zu fördern wird darauf verwiesen, dass „in Europa die Auswirkungen und die Bedeutung der Sowjetzeit sowie der Okkupation auf und für die Bürger der postkommunistischen Länder wenig bekannt sind“. In diesem Sinne haben vor allem Abgeordnete aus neuen EU-Mitgliedsstaaten die Initiative unterstützt.

Unterstützung des 23. August als Gedenktag
Europäisches Parlament
23. September 2008
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Quelle: Europäisches Parlament

Mit diesem Aufruf plädierten viele Abgeordnete des Europäischen Parlaments für den 23. August als Gedenktag für Opfer von Nationalsozialismus und Sta- linismus. Lassen Sie die Gruppe erforschen, inwieweit sich die Argumentationen des Euro- päischen Parlaments von den vorangegangenen unterscheiden. Welche Punkte fehlen oder sind hinzugekommen? Worauf lassen sich diese Veränderungen zurückführen?

 

Einrichtung durch das Europäische Parlament

Mit der Einrichtung des Gedenktages durch die Europäische Union wurde der Bezugsrahmen ausgeweitet und präzisiert: Neben vielen Verweisen auf vorangegangene Beschlüsse und Zielsetzungen (darunter die oben genannten Dokumente) erklärt das Europäische Parlament eindeutig, dass „das Verständnis für das zweifache diktatorische Erbe“ gefördert werden muss, wobei regional unterschiedliche Erfahrungen eines oder mehrerer Regimes zur gesamteuropäischen Erinnerung zählen. Die Demokratisierung des Kontinents im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses wird als Reaktion auf diese Erfahrungen genannt. Der Gedenktag soll allen Opfern der Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Europa gewidmet sein.

Einrichtung des 23. August als Gedenktag
Europäisches Parlament
2. April 2009
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Quelle: Europäisches Parlament

Im Gegensatz zu den bisherigen Stimmen für den Gedenktag aus Wissenschaft und Politik handelt es sich bei den Erläuterungen in dieser Ratifikation um die festgeschriebene Begründung des gemeinsamen Gedenktags für Opfer des National- sozialismus und des Stalinismus. Untersuchen Sie gemeinsam durch Vergleich mit voran- gegangenen Unterlagen, wie das Europäische Parlament den einzurichtenden Gedenktag argumentiert und positioniert. Diskutieren Sie darüber hinaus über mögliche Gründe bzw. Notwendigkeiten für besondere Argumentation für diesen Gedenktag in einem gesamt- europäischen Zusammenhang.

 

OSZE: Erklärung von Vilnius

Im Jahr der Einrichtung des Europäischen Gedenktags (2009) verfasste die OSZE im Rahmen ihrer Versammlung eine Position unter dem Titel „Europa – Geteilt und wieder vereint: Förderung der Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten in der OSZE-Region im 21. Jahrhundert“. Mit Verweis auf historische Entwicklungen im Europa des 20. Jahrhunderts, die Vereinten Nationen und die Einrichtung des 23. August fordert die OSZE alle Mitgliedsstaaten auf, das „totalitäre Erbe weiter zu erforschen und der Öffentlichkeit bewusst zu machen; (…) gegen Fremdenfeindlichkeit und aggressiven Nationalsimus gerichtete Politik zu betreiben“ und verlangt „mehr Achtung für die Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten“.

Erklärung von Wilna der parlamentarischen Versammlung der OSZE (S. 54-56)
29.-3. Juli 2009
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Quelle: OSZE

Diskutieren Sie: Dieser Text leitet von der totalitären Vergangenheit Europas zu modernen Handlungsanleitungen über: Wie wird für politische und Bildungsziele argumentiert? Diskutieren Sie weiter: Welche Position nimmt die OSZE als europäische Organisation angesichts der Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten der Geschichten europäischer Staaten ein? Vergleichen Sie die Haltung zur Totalitarismus-Perspektive in Quellen, die sich kritisch mit dem Gedenktag auseinandersetzen.

 

Wissenschaftlicher Artikel zur Totalitarismusdebatte

Vor dem Hintergrund des Endes des Nationalsozialismus, des Zerfalls der Sowjetunion einerseits und der vielfältigen Nennung moderner undemokratischer Regimes und Bewegungen wie Nordkorea und Islamismus diskutiert Gerschewski die etablierten Totalitarismustheorien. Er konstatiert ein Ende der totalitären politischen Systeme, aber kein Ende des totalitären Denkens. Er hält fest, dass die Klassifikation „totalitär“ einen Idealtypus (wie „demokratisch“) darstellt: in der Realität bestehen innerhalb der Gruppe totalitärer Regimes bedeutende Unterschiede zwischen Ideologie, politischem System etc. (vgl. Faschismus, Kommunismus und Theokratie) Anlässlich der Gefahr gegenwärtigen totalitären Denkens ruft Gerschewski die Wissenschaft auf, in moderner Totalitarismusforschung größeres Augenmerk auf politische Praxis gegenüber solchen Tendenzen zu legen.

Weltweites Ende oder Renaissance des Totalitarismus?
GIGA Global 4/2008
Johannes Gerschewski
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Quelle: German Institute of Global Area Studies

Analysieren Sie: Gerschewski unterscheidet klar zwischen vergangenen und gegenwärtigen Regimes. Wie kann der Autor als Analyst einer sich kontinuierlich entwickelnden Totalitarismus- forschung dazwischen verortet werden? Diskutieren Sie: Sind moderne demokratiefeindliche Ideologien oder Systeme in einer Tradition des Totalitarismus zu verstehen? (vgl. Holocaust als vom Nationalsozialismus staatlich sanktionierter Massen- mord gegenüber religiösem Radikalismus). Diskutieren Sie weiter: Welche Konsequenzen hat Gerschewskis Aufruf für politisches Denken zwischen Demokratiebildung und politisch-demokratischem Hegemonie- anspruch des Westens?

 

Artikel von Yehuda Bauer

Der israelische Historiker, wissenschaftliche Berater der Gedenkstätte Yad Vashem und Ehrenvorsitzender der Task Force für Internationel Kooperation bei Holocaust-Bildung, Gedenken und Forschung, Yehuda Bauer, äußert in seinem Aufsatz, der kurz vor dem ersten Gedenken am 23. August 2009 erschien, seine Bedenken über die „wiederholten Versuche der Gleichsetzung“ (repeated attempts to equate) der Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes mit anderen „mörderischen oder unterdrückenden“ (murderous or oppressive) Maßnahmen. Im Bewusstsein der unter kommunstischer Herrschaft verübten Verbrechen unterstreicht er die sehr verschiedenen Wesen von Nationalsozialismus und Kommunismus und weist auf ihre Rollen im Kriegsverlauf hin: „Die beiden Regime waren totalitär und doch sehr verschieden. Die größere Bedrohung für die gesamte Menschheit war das Nazi-Regime und es war die sowjetische Armee, die Osteuropa befreite, die die zentrale Kraft hinter dem Sieg über Nazideutschland war und Europa und den Rest der Welt vor dem Nazi-Albtraum bewahrte“ (The two regimes were both totalitarian, and yet quite different. The greater threat to all of humanity was Nazi Germany, and it was the Soviet Army that liberated Eastern Europe, was the central force that defeated Nazi Germany, and thus saved Europe and the world from the Nazi nightmare) Der Gedenktag verfälsche also in seiner Ausrichtung die europäische Geschichte.

Yehuda Bauer: On Comparisons between Nazi Germany and the Soviet regime
2009
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Foto: Yehuda Bauer
Quelle: GEDENKDIENST

Lassen Sie zunächst abstimmen, wie viele in der Gruppe für bzw. gegen den gemeinsamen Gedenktag sind. Lesen Sie gemeinsam den Artikel von Yehuda Bauer und diskutieren Sie über seine Argumente. Lassen Sie nun erneut abstimmen und diskutieren Sie über veränderte bzw. gleich gebliebene Positionen in der Gruppe.

 

Artikel von Heidemarie Uhl

Die Historikerin Heidemarie Uhl erkennt in ihrem Text zum 23. August den neuen Gedenktag als Antithese zum 27. Jänner, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag. Durch die Gleichsetzung der Opfer von Nationalsozialismus und Kommunismus und damit der Gleichsetzung der beiden Systeme werde ein Geschichtsbild vertreten, das den Holocaust nicht mehr als zentralen Bezugspunkt eines europäischen Geschichtsbewusstseins annimmt. Opferzahlen gegeneinander aufzuwiegen wäre ein Rückfall in Nachkriegsmythen, die zu überwinden Voraussetzung für eine neue europäische Erinnerungskultur war und ist.

Heidemarie Uhl: Neuer EU-Gedenktag - Verfälschung der Geschichte?
21. August 2009
Quelle: ORF ON Science

Dieser Artikel befasst sich mit der Widersprüchlichkeit der beiden Gedenktage 27. Jänner und 23. August. Diskutieren Sie zunächst über diese beiden Gedenktage und bringen Sie in Erfahrung, ob die Gruppe eher für die gemeinsame Würdigung der Opfer zweier konträrer System im vereinten Europa oder für die Trennung bzw. Widmung eigener Gedenktage ist. Studieren Sie im Anschluss gemeinsam die Gründungsdokumente (für den 27. Jänner hier) beider Gedenktage und diskutieren Sie, inwieweit die beiden Tage einander ergänzen oder widersprechen können.

 

Wissenschaftlicher Kommentar zum 23. August

Der israelische Soziologe Moshe Zuckermann holt in seinem kurzen Absriss zur Rezeption der repressiven Regimes Europas im 20. Jahrhundert weit aus: Totalitarismus- kombiniert er mit Ideologiekritik, um auch gegen den modernen kapitalistischen Neoliberalismus zu argumentieren. Die Verurteilung der Verbrechen der vergangenen Regimes sei natürlich zu begrüßen, die dahinterstehenden Ideologien seien jedoch auf deren konsequente Umsetzung der leitenden Ideen ihrer geistigen UrheberInnen zu prüfen: Nationalsozialismus ist – anders als „realsozialistische“ Systeme mit Marxismus – eine konsequente Umsetzung der „Ideologie der (auf dem Führerprinzip basierenden) Herrschaft, der Rassenhierarchie, des Antisemitismus, der „Volkshygiene“, der realen Verfolgung und Ausrottung des abstrakt konzipierten „Feindes““.  Mord, Unterdrückung und Ausbeutung geschah und geschieht im Namen von Christentum, Islam und Abendland ebenso, wie im Namen des Kapitalismus – es ist nur konsequent, dass in (neuen) kapitalistischen Systemen Nationalsozialismus, Kommunismus als symmetrische Feinde attackiert werden können.

Ideologie des Vergleichs. Kurzer Abriss aus philosophisch-methodologischer Sicht.
10. März 2010
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Quelle: Einspruch!
Quelle Bild: CC BY-SA 3.0 Arne List

Diskutieren Sie: Wie untermauert Zuckermann seine Kritik am (Neo-)Liberalismus? Welche Fluchtpunkte der Geschichte (und deren Interpretationen) führen zu seinem Hauptmotiv, der Ideologiekritik? (National- sozialismus als faschistischer Führerstaat mit Rassen- hierarchie; Sowjetunion als Unrechtsstaat mit fehlgeleitetem Identitätsbezug auf Marxismus, einer Emanzipationstheorie)

 

Wissenschaftlicher Beitrag im Fachkreis deutscher Gedenkstätten

Der Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, am Ort eines ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslagers, das nach dem Krieg als sowjetisches Speziallager genützt wurde, Günter Morsch, geht in diesem Artikel auf die tiefgreifenden Veränderungen europäischer Erinnerungsansprüche seit 1989 ein. Er erklärt, dass der gemeinsame Anspruch, die unmittelbaren Überreste der nationalsozialistischen Verbrechensorte zu sichern, mit neuen legitimen Forderungen Ostmitteleuropäischer Staaten konfrontiert wurde, die Geschichte der Unterdrückung in kommunistischen Regimes angemessen zu erinnern. Mit dem europäischen Einigungsprozess einher geht die Bestrebung, eine „Meistererzählung“ dieser geteilten und gemeinsamen Geschichte zu formulieren. Durch die Einführung des 23. August von oben und die Integration zu dieser „Meistererzählung“ offenbart sich laut Morsch jedoch die Bestrebung, konkurrierende Erklärungsmodelle zu verdrängen, anstatt der Opfer aller Terrorregimes würdig zu gedenken.

"Eine umfassende Neubewertung der europäischen Geschichte"?
Gedenkstättenrundbrief 157, 2010
Günter Morsch
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Quelle: Gedänkstättenforum

Diskutieren Sie: Welche Argumente sprechen für, welche gegen das gemeinsame europäische Gedenken am 23. August? Welche Positionen vertreten die TeilnehmerInnen der Gruppe vor, welche nach dem Diskussionprozess? Gibt es neben Nationalsozialismus und Kommunismus weitere his- torische Ereignisse, Entwick- lungen und Erfahrungen von ausreichendem Gewicht in Europa, um gemeinsam am 23. August erinnert zu werden?

 

Stellungnahme von Viviane Reding

In ihrer Stellungnahme zum Europäischen Gedenktag 2011, zwei Jahre nach der Einführung, betont die EU-Justizkommissarin Viviane Reding die Gleichbedeutung der Erinnerung an die „Opfer  totalitärer Regimes“ und die Förderung europäischer Grundrechte. Die Gründung der Europäischen Union als Konsequenz der Terrorerfahrung unterstreicht sie, um auf die zentralen Werte der Wenschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Minderheitenrechte als europäische Errungenschaften in der Überwindung des Totalitarismus zu verweisen. Sie betont die Wichtigkeit des „Wachhaltens der Erinnerung (als) kollektive Pflicht“, um die Rückkehr totalitärer Regimes zu verhindern.

Statement by Vice-President Viviane Reding, EU Justice Commissioner on the Europe-wide Day of Remembrance for the victims of all totalitarian and authoritarian regimes
Viviane Reding
23. August 2011
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Quelle: Europäische Union
Quelle Bild: CC BY-NC-SA 2.0 World Economic Forum

Diskutieren Sie: Welche Rolle misst Reding in ihrem Text den „Opfern totalitärer Regimes“ bei? Welchen Zweck verfolgt sie als hochrangige EU-Politikerin mit dieser Stellungnahme? Welche Funktion erfüllen die ange- sprochenen Parteien dabei?

 

Wissenschaftlicher Artikel zum 23. August

Der Historiker Stefan Troebst geht der Geschichte der Erinnerungsformen am 23. August nach. Er nennt bereits in den 1980er-Jahren, noch während die Sowjetunion bestand, Gedenkfeiern von osteuropäischen EmigrantInnen in Nordamerika am 23. August. Dieses Datum, ein Bindeglied zwischen den beiden Regimes als Schlüssel für eine gemeinsame Erinnerung fand also schon lange vor dem Europäischen Gedenktag Verwendung, bekam jedoch erst nach der ersten EU-Osterweiterung ausreichend politischen Rückhalt, um als offizieller Gedenktag etabliert zu werden. Troebst erläutert darüber hinaus den Konflikt zwischen Ostmitteleuropäischen Staaten und Russland um die geschichtspolitische Aufladung das Datums (der Hitler-Stalin Pakt sei laut Putin „‚eine persönliche Angelegenheit zwischen Stalin und Hitler‘ keine des ‚sowjetischen Volkes‘ gewesen“) und die Rolle der beteiligten nationalen, internationalen und supranationalen Akteure.

Der 23. August als euratlantischer Gedenktag?
Eine analytische Dokumentation
Stefan Troebst
In: Kaminsky, Anna/ Müller, Dietmar/ Troebst, Stefan (Hg.): Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer. Göttingen: Wallstein 2011
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Quelle: Akademie für Politische Bildung Tutzing
Quelle Bild: CC BY-SA 3.0 Stefan Troebst

Diskutieren Sie: Welche beteiligten Akteure haben welche Interessen im Konflikt um gemeinsame Erinnerung an einem Datum, konkret am 23. August, und warum? Ist es denkbar, diese vielschichtigen Auseinander- setzungen durch eine andere Bezeichnung, inhaltliche Auf- ladung des Gedenktags oder durch ein anderes Datum aufzulösen und gleichzeitig den Ansprüchen aller gerecht zu werden?

 

Blogbeitrag eines Studenten der Politikwissenschaft

Stefan Kunath kritisiert die grundsätzliche Ausrichtung des Europäischen Gedenktags als nicht zulässige Vermengung der Erinnerung an Nationalsozialisms und die sowjetische Herrschaft in Ostmitteleuropa. Er legt nahe, dass diese gemeinsame Erinnerung der Spezifika und dem unterschiedlichen Charakter der Diktaturen nicht gerecht werden kann. Kunath nennt als primäre Initiatoren des Gedenktags osteuropäische Mitglieder des Europäischen Parlaments, VertreterInnen vor allem jener Staaten, die im Einflussbereich beider Diktaturen standen und gerade die eigenen Verstrickungen durch undifferenzierte Erinnerung nicht kritisch zu hinterfragen brauchen. Zuletzt regt er an, separate europaweit geltende Gedenktage zur Erinnerung an Nationalsozialismus bzw. Stalinismus.

Contra: Warum ich dem Europäischen Gedenktag am 23. August kritisch gegenüberstehe
24. August 2012
Stefan Kunath
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Quelle: treffpunkteuropa.de

Während Kunath explizite Positionen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus for- muliert, sind Verweise auf die Art und Schwere der stalinistischen Verbrechen vage. Diskutieren Sie: Woran kann das liegen? Welches Spannungsverhältnis besteht zwischen dem Autor und den InitiatorInnen des Europäischen Gedenktags? (z.B.: Deutscher/Osteuropa, eigene/ fremde Geschichte). Diskutieren Sie weiter: Sind die Argumente gegen die gemeinsame Erin- nerung stichhaltig? Welche Positionen vertritt die Gruppe?

 

Politischer Kommentar zum Europäischen Gedenktag

Spoo bringt die aus deutscher Sicht zentralen Gegenargumente zum 23. August: Der Nationalsozialismus hat einen verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieg verschuldet – ein Beispielloser Massenmord, dem kein anderes Verbrechen der Menschheitsgeschichte gleichgesetzt werden kann. Verbände von NS-Opfern und deren Nachfolgeorganisationen traten gerade in Deutschland auch vehement gegen den gemeinsamen Gedenktag auf. Dabei besteht gerade in Ostdeutschland auch heute eine gewisse Konkurrenz zwischen Opfern des Nationalsozialismus und Opfern stalinistischer Verfolgungen in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR. So weist Spoo auch den aus Ostdeutschland stammenden Bundespräsidenten Joachim Gauck als Vertreter einer „Totalitarismus-Doktrin“ aus – ein Interessenausgleich zwischen den beiden Erinnerungen scheint sich nicht im Gedenktag am Datum des Nichtangriffspakts zu erfüllen, habe doch dieser Pakt zur Aufrüstung der Sowjetunion und ihren späteren Sieg über den Nationalsozialismus beigetragen.

Ein europäischer Gedenktag?
Eckart Spoo
2012
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Quelle: Ossietzky 10/2012

Diskutieren Sie über die vielschichten Erinngerungs- bedürfnisse unmittelbarer Opfer verbrecherischer Regimes, deren Nachkommen und der heutigen Gesellschaften in den Nachfolgestaaten. Wie können geteilte und gemeinsame Erfahrungen in gemeinsamen Staaten und in Europa viele Jahrzehnte später würdig erinnert werden?

 

Informelle politische Organisation von Mitgliedern des Europäischen Parlaments

Die Plattform „Reconciliation of European Histories“ ist eine informelle Gruppe von Mitgliedern des Europäischen Parlaments, der überwiegend abgeordnete aus Ostmitteleuropäischen Ländern angehören. Die Gruppe tritt offensiv für die Neuausrichtung europäischer Erinnerungskultur ein: Mit dem Programm der „Wiedervereinigung europäischer Geschichte“ als Modell der Versöhnung wird die Position vertreten, dass der Eiserne Vorhang nicht nur „besetzte Nationen von unserem gemeinsamen europäischen Zuhause ausschloss, sondern gleichsam 50 Jahre wahrer Geschichte aus der europäischen Geschichte exkludierte.“ Die Gruppe versteht sich als Plattform für Austausch und entsprechenden Aktivismus von in diesem Thema engagierten Mitgliedern des Europäischen Parlaments, die „dominante historische Narrative in verschiedenen Teilen des Kontinents“ überwinden möchten.

"About us"
Reconciliation of European Histories
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Quelle: Reconciliation of European Histories

Diskutiern Sie: Was genau bedeutet die „Neuausrichtung der europäischen Erinnerungs- kultur“? Welche Erzählungen sollen zusammengeführt werden? Welche geändert? Welche beendet? Diskutieren Sie weiter: Birgt dieser Anspruch Gefahr? Warum und wofür? Birgt dieser Anspruch Chancen? Welche?

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