23. August

HISTORISCHER BEZUGSPUNKT: Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt

Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939 war das Klima in den internationalen Beziehungen der europäischen Staaten sehr angespannt. Nach dem „Anschluss“ und der Besetzung der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich waren vor allem Großbritannien und Frankreich über die weiteren Ambitionen des nationalsozialistisch geführten Deutschen Reichs besorgt. Mit der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts am 23. August 1939 wurde die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Krieges offensichtlich.

Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt
in: Reichsgesetzblatt Teil II 1939, S. 968ff.
Klick öffnet Volltext
Quelle: ÖNB/Wien (ALEX)

Im deutsch-sowjetischen Nicht- angriffspakt sicherten sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion auf zehn Jahre befristet gegenseitig Neutralität zu. Mit dieser Garantie konnte das Deutsche Reich den Krieg gegen Polen beginnen, ohne mit Konsequenzen seitens der Sowjetunion rechnen zu müssen. Der Vertrag wurde vom deutschen Außenminister Ribbentrop und dem sowjetischen Außenminister Molotow unter- zeichnet und ist daher auch unter den Namen Molotow-Ribbentrop-Pakt bzw. Hitler-Stalin-Pakt bekannt.

In Ergänzung zum offiziell publizierten Nichtangriffspakt handelten die Vertragsparteien zum selben Zeitpunkt Interessen aus, die in einem geheimen Zusatzprotokoll festgehalten wurden.

Geheimes Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag
in: Ingo Münch (Hg.): Ostverträge Band 1. Deutsch-sowjetische Verträge. Berlin 1971. S. 50f.
Klick öffnet Volltext

In dem geheimen Zusatzprotokoll steckten das Deutsche Reich und die Sowjetunion die Grenzen ihrer Interessensphären ab. Gemeinsam mit dem Nicht- angriffspakt vereinbarten die beiden Staaten die Erweiterung ihres Territoriums auf Kosten Polens und der baltischen Staaten und ihre zukünftige gemeinsame Grenze. Etwas mehr als eine Woche vor Kriegsbeginn wurde der erwartete Gewinn aufgeteilt und gegenseitige Anerkennung garantiert.

Mit dem nunmehr erwarteten Angriff des Deutschen Reichs auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Bedingt durch den raschen Sieg über das militärisch weit unterlegene Polen sahen sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion zu einer kurzfristigen Anpassung ihres Übereinkommens gezwungen.

Deutsch-sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag
in: Reichsgesetzblatt Teil II 1940, S. 3f.
Klick öffnet Volltext
Quelle: ÖNB/Wien (ALEX)

Der deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag wurde am 28. September 1939, also vier Wochen nach Kriegsbeginn und ca. sechs Wochen nach dem Nichtangriffspakt als dessen Ergänzung, wieder durch Ribbentrop und Molotow abgeschlossen. Mit der deutschen Eroberung Polens vom Westen und dem sowjetischen Einmarsch vom Osten waren die zuvor im geheimen Zusatz- protokoll des Nichtangriffspakts noch unscharf definierten Grenzen bald Realität geworden und wurden im Zuge dieses Grenzvertrags verbindlich festgelegt.

Die Abänderung des vorangegangenen Nichtangriffspakts durch den Grenz- und Freundschaftsvertrag bedingte auch weitere geheime Zusatzprotokolle zur neuen Übereinkunft zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion.

Geheimes Zusatzprotokoll I zum Grenz- und Freundschaftsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion.
Klick öffnet Volltext und Transkript
Quelle: DHM

In diesem geheimen Zusatzprotokoll zum Grenz- und Freundschaftsvertrag (eines von mehreren) wurde in Abweichung vom geheimen Zusatzprotokoll des Nichtangriffspakts die Verschiebung der Grenze zwischen dem deutschen und dem sowjetischen Interessengebiet in Litauen anhand einer von Ribbentrop und Stalin in einer Karte eingezeichneten Linie verfügt. Im Gegenzug erhielt das Deutsche Reich die polnische Woiwodschaft Lublin und Teile der Woiwodschaft Warschau.

Die Abkommen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion wurden mit dem deutschen Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 verraten. Spätestens ab diesem Zeitpunkt waren die beiden Staaten und ihre jeweiligen politischen und ideologischen Systeme und Strukturen, die einander grundsätzlich jede Legitimität absprachen, auf offene Konfrontation eingestellt, die von deutscher Seite als Vernichtungskrieg angelegt war.

Neben dem im Zusammenhang mit dem 27. Jänner näher besprochenen Holocaust, dem zentralen Verbrechen des Nationalsozialismus, fanden im 20. Jahrhundert vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Massenmorde statt, die im öffentlichen bzw. gesellschaftlichen Gedächtnis unterschiedlich besetzt und bekannt sind. Während die nationalsozialistische rassistische Vernichtungspolitik in Westeuropa die Grundmetapher für den europäischen Einigungsprozess bietet, sind beispielsweise die Massenmorde im sowjetischen Gulag-System hier weniger präsent.

Tabelle 1.2 und Abbildung 1.1 aus Rudolph J. Rummel: Demozid - der befohlene Tod. Münster, 2003. S. 4f.
Klick öffnet Vollformat

Der US-amerikanische Politik- wissenschafter Rudolph J. Rummel hat mit dem Begriff Demozid eine Bezeichnung für staatlich angeordnete bzw. durchgeführte Massenmorde an ZivilistInnen eingeführt. In seinem stark quantitativ aufgebauten Werk versuchte er eine grundlegende Erfassung und Gegenüberstellung dieser Verbrechen im 20. Jahrhundert. Die Zahlen der Toten sind dabei immer erschreckend und es besteht die Gefahr, dass die Tragweite verschiedener Ver- brechen aufgrund unter- schiedlicher Opferzahlen relativiert wird.

© Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org