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11./12./13. März

SAMMLUNG der Quellen mit Kontextwissen und didaktischen Hinweisen

Auf dieser Seite haben wir alle gezeigten Quellen zum 11./12./13. März noch einmal versammelt und mit Vorschlägen versehen, wie mit ihnen im Unterricht gearbeitet werden kann bzw. wie sie als Ausgangspunkte für weitere Aktivitäten dienen können.

 

Zeitung vom 12. März 1938

Am Abend des 11. März 1938 verkündete Schuschnigg in einer emotionalen Rundfunkrede seinen Rücktritt unter dem Eindruck des bevorstehenden Einmarsches deutscher Truppen: Österreich weiche der Gewalt. Die Rede wurde von vielen Zeitungen abgedruckt, oftmals bereits neben politischen Erklärungen der österreichischen Nationalsozialisten zum erwarteten Einmarsch. Beispielsweise hier in der „Wiener Zeitung“, die Schuschniggs Rede unterhalb der Stellungnahme seines Nachfolgers Seyß-Inquart abdruckte. Seyß-Inquart erklärt darin, „daß irgendein Wiederstand gegen das allfällig einrückende deutsche Heer unter keinen Umständen in Frage kommt“. Mit solchen Erkärungen wurde auch die österreichische Bevölkerung auf den Einmarsch vorbereitet.

Ausschnitt aus der Wiener Zeitung vom 12. März 1938
Klick öffnet vollständige Seite 1 der Ausgabe
ÖNB/Wien (ANNO)

Thematisieren Sie die ambivalente Haltung Österreichs zu Deutschland in der Zwischenkriegszeit: Die Selbst- bezeichnung Deutschösterreich vor 1920, die unterschiedlichen Positionen österreichischer PolitikerInnen zum Zusammen- schluss vor 1938 und Schuschniggs Aussage über das Vergießen Deutschen Blutes in dieser Rede. Thematisieren Sie darüber hinaus seine Schlussbemerkung „Gott schütze Österreich!“ vor dem Hintergrund der katholischen Ständestaat-Diktatur und die Arbeit der NSDAP in Österreich (durch ÖsterreicherInnen) bis 1938, als sie erste Ministerposten bekommt.

 

Zeitzeugenbericht zu Ereignissen in Wien im März 1938

Der Auslandskorrespondent G.E.R. Gedye berichtete in den 1930er Jahren für mehrere englische Zeitungen aus Wien. Er erlebte den „Anschluss“ mit und schilderte in seinem 1939 im englischen Original erschienenen Buch in Kapitel 26 („Der Terror bricht los“) die Beobachtung von Fluchtversuchen, Selbstmorden, „Reibpartien“ (siehe unten) und anderen Übergriffen auf Wiens jüdische Bevölkerung während der Tage des „Anschlusses“. Entsprechend der Opferthese wurde der „Anschluss“ lange als „Überfall“ Nazi-Deutschlands gegen Österreich dargestellt. Dieser Bericht schildert die maßgebliche Beteiligung österreichischer NationalsozialistInnen und sympathisierender WienerInnen bei den „Anschluss“-Pogromen.

Klick öffnet Kapitel „Der Terror bricht los“
in: Gedye, G.E.R.: Die Bastionen fielen. S. 287-300.
Zeitzeugenbericht, verfasst in Prag im Jahr 1939.

Wiewohl persönliche Stellung- nahmen zu historischen Ereignissen auch durch die zugeschriebene Autorität der Dabeigewesenen wirken, müssen Berichte von ZeitzeugInnen immer als individuelle, durch die Wahrnehmung einer Person, ihre Reflexion und ihr Publikations- interesse beeinflusst verstanden werden. Das gemeinsame Erfassen von UrheberIn und Inhalt bzw. Botschaft ist hier besonders wichtig. Lassen Sie die persönliche Geschichte des Autors recherchieren und stellen Sie sie seinem hier angebotenen Text gegenüber, um ein ganzheitliches Bild von den Ereignissen und ihrer Schilderung zu bekommen.

 

Foto von „Reibpartien“

Dieses Foto wurde in Wien aufgenommen und mit „März oder April 1938“ datiert. Bei den zynisch als „Reibpartien“ bezeichneten Übergriffen wurden Juden und Jüdinnen in demütigender Weise gezwungen, die Parolen für die geplante Volksabstimmung am 11. März 1938 von den Straßen zu waschen und dabei von den umstehenden Menschen erniedrigt. Diese Aktionen fanden an vielen Orten in Wien in aller Öffentlichkeit statt. Aus heutiger Sicht gelten die „Anschluss“-Pogrome in Wien als entscheidender Schritt der Radikalisierung der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik gegen die jüdische Bevölkerung.

„Reibpartie“ in Wien, März oder April 1938
FotografIn unbekannt
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Quelle: USHMM Photograph #03741 (public domain)

Dieses Foto kann heute als Beweis für die Erniedrigung der Juden/Jüdinnen unter breiter Anteilnahme der Bevölkerung Wiens dienen – doch wurde mit der Aufnahme damals ein anderer Zweck verfolgt. Diskutieren Sie mögliche Gründe, weshalb dieses Foto angefertigt worden sein könnte. Diskutieren Sie weiters die Rollen von TäterInnen und ZuschauerInnen im Hinblick auf ihre Verantwortung gegenüber den Opfern. Alle drei Gruppen sind in diesem Bild vertreten.

 

Reichsgesetzblatt über die Eingliederung

Dieses Gesetz vom 13. März 1938 definierte Österreich als „Land des Deutschen Reiches“ und kündigt für den 10. April 1938 eine Volksabstimmung über die „Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich“ an.

Deutsches Reichsgesetzblatt Teil I 1938/21
13. März 1938
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Quelle: ÖNB/Wien (ALEX)

Dieses Gesetz vom 13. März 1938 definierte Österreich als „Land des Deutschen Reiches“. In diesem Sinne wurde auch von einer „Wiedervereinigung“ Österreichs mit Deutschlands gesprochen. Diskutieren Sie historische Grenzverschiebungen und Allianzen zwischen den Vorgängerstaaten beider Länder. Nehmen Sie auch Bezug auf die Gründungsphase der Republik Österreich als „Deutsch- österreich“.

 

Rede Hitlers auf dem Heldenplatz

Die Bilddokumente von Hitlers Rede auf dem Wiener Heldenplatz wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder diskutiert, auch in der zeitgeschichtlichen Forschung. Einerseits handelt es sich um Propagandafotos: die Perspektive auf die Menschenmassen auf dem Heldenplatz wurde bewusst eingenommen, um die Zustimmung der österreichischen Bevölkerung zu zeigen, daher sieht man Hitler auch von hinten. diese ursprüngliche propagandistische Verwendung wurde immer wieder als Argument für die Opferthese herangezogen: es handle sich um reine Propagandafotos. Seit dem Perspektivenwechsel in den 1980er Jahren gelten diese Fotos als Beweis für die Zustimmung des weitaus überwiegenden Teils der österreichischen Bevölkerung zum „Anschluss“ an Nazi-Deutschland.

Hitlers Rede auf dem Heldenplatz, 15. März 1938
Agentur Scherl; FotografIn unbekannt
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Quelle: Bundesarchiv Bild 183-1987-0922-500 (CC-BY-SA)

Dieses Bild bezieht seine Wirkungsmacht aus der eindrucksvollen Perspektive. Menschenmassen, die auf eine Person ausgerichtet sind erscheinen stark und entschlossen. Die national- sozialistische Propaganda setzte auf diese Bildästhetik auch in anderen Fotografien, etwa bei Nürnberger Parteitagen. Diskutieren Sie anhand des Bildes, wie sich Menschen, die Teil dieser Menge waren, gefühlt haben könnten, als sie auf dem Heldenplatz waren und später, als sie das Bild sahen. Und diskutieren Sie, wie es auf jene wirkte, die nicht Teil dieser Menge waren.

 

Rede Hitlers in Zeitung

In dieser Rede nahm Hitler explizit auf das Verbot der Vereinigung durch die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg Bezug und proklamierte eine neue Rolle für Österreich als „jüngstes Bollwerk von Nation und Reich“, als Befestigung gegen Osten. Darüber hinaus dankte er den – im Austrofaschismus in der Illegalität arbeitenden – Nationalsozialisten, die den reibungslosen „Anschluss“ ermöglichten. Er proklamierte vor der Geschichte den „Wiedereintritt [s]einer Heimat in das Deutsche Reich“. Die Rede wurde am darauffolgenden Tag in vielen Zeitungen abgedruckt, wie hier in der Volks-Zeitung, die seit dem 15. März 1938 das Hakenkreuz im Titel führte.

Hitlers Ansprache vom 15. März 1938
Volks-Zeitung vom 16. März 1938
Klick öffnet vollständige Seite 1 der Ausgabe
Quelle: ÖNB/Wien (ANNO)

Vergleichen Sie die Aufmacher verschiedener Zeitungen aus den Tagen vor und nach dem 12. März, (kostenlos bei ANNO) und vollziehen Sie nach, wie die Gleichschaltung der Presse vonstatten ging.

 

Entfernung der Grenzbalken

Dieses Bild wurde für Propagandazwecke angefertigt und trug im originalen Zusammenhang die Beschreibung „Österreich: nach vollzogenem Anschluss wurden von österr. Grenzbeamten und ihren deutschen Kameraden die Grenzpfähle niedergelegt. 15.3.1938“. In den Wochenschauen aus dieser Zeit waren auch häufig bedeutungsstarke Bewegtbilder vom Durchstoßen und Überwinden bzw. Entfernen der Grenzanlagen zu sehen. Zwar waren viele dieser Szenen für die Kameras nachgestellt, doch waren sie mittels des nationalsozialistischen Narrativs vom Herstellen der Einheit, neuer Größe und Stärke für die weitere Festigung der Macht dienlich.

Bild: Entfernung der Grenzbalken
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Quelle: Bundesarchiv, Bild 137-049278 (CC-BY-SA)

Analysieren Sie gemeinsam dieses Bild: Identifizieren Sie Akteure und deren Funktion (Österreicher assistiert Deutschen bei der Demontage). Welche Stimmung soll die Szene verbreiten? Wie sah der Alltag an diesem Ort vor und nach dem „Anschluss“ aus? Finden Sie gemeinsam Bildmaterial zu anderen Orten und Zeiten, wo Grenzen entfernt wurden. Unter Beachtung der Tatsache, dass dieses Bild propagandistisch und nicht journalistisch zu Wege gebracht wurde: wie unterscheiden sich Fotos von ähnlichen Szenen und wo liegen Gemeinsamkeiten? Leiten Sie davon ab: Welche Bildsprache vermag die BetrachterInnen zu berühren? Unterliegt diese Veränderungen in der Zeit?

 

Briefmarke "Ein Volk - ein Reich - ein Führer - 10. April 1938"

Diese Briefmarke wurde sowohl in Berlin als auch in Wien gedruckt und kam am 8. April 1938, zwei Tage vor der Volksabstimmung über den „Anschluss“, in Umlauf. Sie zeigt zwei Männer, die Schulter an Schulter gemeinsam die Hakenkreuzfahne tragen und führt die Formel „Ein Volk - ein Reich - ein Führer - 10. April 1938“. Die Briefmarke mit der Losung und der Nennung des Datums der Volksabstimmung im Vorhinein zeigt die vollständige Durchdringung aller öffentlicher und medialer Kommunikationsformen durch die neuen nationalsozialistischen Machthaben.

Briefmarke: Ein Volk ein Reich ein Führer
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Quelle: Staatsdruckerei Wien, Michel-Katalog #663

Diskutieren Sie gemeinsam das Motiv der Briefmarke: Was wird dargestellt? Welche Bildsprache wird gewählt? Unter der Annahme einer idealtypischen Selbst- darstellung: Wer und was wird repräsentiert bzw. nicht repräsentiert? (Nation, Geschlecht, Egalität, ...)

 

Stimmzettel zur Volksabstimmung

Diese Anleitung zur Stimmabgabe mit „Ja“ wurde im Rahmen der Propagandaoffensive zur Volksabstimmung veröffentlicht. Bereits der Stimmzettel selbst zeigt durch das zentral gesetzte und übergroße „Ja“ und das abseits kleine gesetzte „Nein“, dass es sich um keine Volksabstimmung unter den Bedingungen einer freien demokratischen Entscheidungsfindung handelt.

Ausschnitt aus Stimmzettelvordruck
Klick öffnet Vollformat mit Anweisungen zum Ausfüllen und zum Ablauf der Abstimmung.
Quelle: ÖNB/Wien F 500096-A

Die Volksabstimmung sollte den Anschein der Demokratie wahren. Diskutieren Sie über das Ende der Demokratie in Österreich mehrere Jahre vor dem „Anschluss“ und über Formen der Einschüchterung und politischen Bevormundung bis zu dieser Volksabstimmung. Diskutieren Sie darüber hinaus über die Selbstverständlichkeit freier, gleicher und geheimer Wahlen in Österreich und unlautere Beeinflussung der freien Entscheidung der WählerInnen.

 

Moskauer Deklaration

Bei der Konferenz der alliierten Außenminister (Anthony Eden für das Vereinigte Königreich, Cordell Hull für die USA und V.M. Molotow für die UdSSR) in Moskau im Oktober 1943 gaben die drei alliierten Regierungen eine Erklärung über die europäische Nachkriegsordnung ab. Die Moskauer Deklaration befasste sich in erster Linie mit der Zusammenarbeit des Bündnisses nach dem Sieg über Nazi-Deutschland. Entgegen der Darstellung in Österreich nach 1945 wurden nicht nur Österreich betreffende Regelungen verabschiedet: Deutschland sollte zur Kapitulation gezwungen und Kriegsverbrecher nach dem Krieg ausgeliefert werden. Zwar erklärte die Deklaration in Bezug auf Österreich den „Anschluss“ für ungültig und Österreich „das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll“. Ein wesentlicher Punkt der Österreich betreffenden Erklärungen betraf jedoch die Mitverantwortung Österreichs an der Kriegsteilnahme aufseiten Hitlerdeutschlands: „Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf, wieviel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird, unvermeidlich sein wird.“ In Österreich wurde diese und ähnliche Flugblattfassungen nach der Befreiung Wiens durch die rote Armee am 13. April 1945 weit verbreitet. Darin waren lediglich einige Österreich betreffende Passagen der Erklärung abgedruckt.

Flugblattfassung der Moskauer Deklaration
Quelle: DöW Nr. 4037A/SU7-970
Klick öffnet das Vollbild (Flugblatt) und den original englischen Volltext (gesamte Erklärung)
aus: Bevans, Charles I. (Hg.) Treaties and Other International Agreements oft he United States of America 1776-1949. Volume 3 Multilateral 1931-1945. Department of State Publication 8484, Washington, DC: 1969. S. 816-834

Besprechen Sie auch die anderen Abschnitte der vollständigen Fassung der Moskauer Deklaration (erreichbar durch anklicken) und aus welchen Gründen die gekürzte Fassung auch außerhalb Österreichs verbreitet worden sein könnte.

 

„Unabhängigkeitserklärung“ Österreichs

Während in anderen Teilen Österreichs noch Kampfhandlungen stattfanden, wurde im bereits befreiten Wien die provisorische Staatsregierung, bestehend aus Vertretern aller „antifaschistischen Parteien“ (SPÖ, ÖVP, KPÖ), eingerichtet. Karl Renner (SPÖ) wurde zum Staatskanzler ernannt. Vor dem Parlament in Wien proklamierte sie am 27. April 1945 die Wiederherstellung der Republik Österreich. Die Proklamation über die Selbstständigkeit Österreichs wurde im Staatsgesetzblatt vom 1. Mai 1945 veröffentlicht. Heute gilt die sogannte Unabhängigkeitserklärung Österreichs als Gründungsdokument der Opferthese. Darin wird mit Rückgriff auf die Moskauer Deklaration der „Anschluss“ als Okkupation durch das übermächtige Deutsche Reich dargestellt. Besonders bemerkenswert ist die Rolle österreichischer Soldaten in der Deutschen Wehrmacht, dass „die nationalsozialistische Reichsregierung Adolf Hitlers [...] das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den kein Österreicher jemals gewollt hat“. Die Zustimmung zum „Anschluss“, die Machtergreifung der österreichischen Nationalsozialisten von innen und die teilweise führende Beteiligung Österreicher an Kriegsverbrechen und dem Holocaust wurde völlig ausgeblendet. Mit dieser Darstellung positionierte sich die Zweite Republik bis zur Waldheim-Debatte erfolgreich als schuldloses Opfer einer Aggression von außen. Jede Verantwortung, etwa für die Entschädigung von Verfolgten wurde mit diesem Argument in der Folge zurückgewiesen.

Ausschnitt Unabhängigkeitserklärung Österreichs
27. April 1945
Klick öffnet Volltext
Quelle: RIS, BKA

Mit dieser Erklärung wurde der Grundstein für das politische Selbstverständnis Österreichs nach dem Krieg gelegt. Diskutieren Sie erneut über das ambivalente Verhältnis Österreichs zu Deutschland in der Zwischenkriegszeit, das Finden einer eigenen österreichischen Identität ab 1945 und die dadurch erforderlichen Abgrenzungen zu Deutschland.

 

Rot-Weiß-Rot Buch

Das Rot-Weiß-Rot Buch mit dem programmatischen Titel „Gerechtigkeit für Österreich!“wurde 1946 veröffentlicht und sollte den „Anspruch auf den Status und die Behandlung als befreiter Staat im Sinne der Moskauer Deklaration“ mittels amtlicher Quellen begründen. In Kapiteln wie „Österreich in Ketten“ und „Österreichs Okkupation und Freiheitskampf“ sollten die grundsätzliche Ablehnung von Nationalsozialismus und Krieg durch die österreichische Bevölkerung gezeigt werden. Der angekündigte zweite Teil wurde nicht mehr veröffentlicht, offentlich hatte sich die Beziehung Österreichs zu den Alliierten Besatzungsmächten bereits konsolidiert. Die hier wiedergegebenen Abschnitte beziehen sich auf die Zeit um den „Anschluss“, der gemäß dem offiziellen österreichischen Selbstverständnis nach dem Krieg als Akt der Aggression gegen Österreich dargestellt werden soll.

Rot-Weiß-Rot Buch, Wien, 1946
klick öffnet Ausschnitte zur Zeit um den „Anschluss“

Die Auswahl der zitierten Dokumente ist nicht erläutert. Diskutieren Sie, welche Texte montiert wurden: Urheberschaft, Zeit-/Ortsangabe, und der eigentliche Inhalt sind hier ebenso relevant wie die Zusammenstellung, also das Gefüge unterschiedlicher Texte. Untersuchen Sie anschließend, wie die Redaktion in Anmerkungen und Erläuterungen durch Rahmung die Interpretation der einzelnen Originalquellen anzuleitern versucht.

 

1. April 2000 (Film)

Eines der wohl aufwendigsten Projekte der Selbstdarstellung Österreichs ist der Film „1. April 2000“ (veröffentlicht 1952), der im Auftrag der österreichischen Bundesregierung produziert wurde. Darin treten viele der damaligen österreichischen Filmstars auf. Die ÖsterreicherInnen werden als liebenswürdiges und friedfertiges Volk darstellgestellt, das im Jahr 2000 noch immer von fremden Mächten besetzt ist. Die Weltgemeinschaft soll nun durch Folkloredarbietungen, Musikliebe, Gemütlichkeit und ähnlicher Qualitäten) vom harmlosen Charakter Österreichs überzeugt. Der Film endet mit einem Happy End: Österreich wird die Unabhängigkeit gewährt . In der Realität wurde die Unabhängigkeit durch den Staatsvertrag drei Jahre später 1955 wiederhergestellt.

Da noch keine Filmrechte gesichert wurden, können wir hier nur einen Ausschnitt aus dem Filmplakat zeigen.

Filmplakat 1. April 2000
Buchumschlag Kieninger et al.: 1. April 2000
edition Film und Text 2, Wien 2000

(Filmclip folgt)

Zeigen Sie den Film (DVD im Handel und in Bibliotheken verfügbar) und identifizieren Sie gemeinsam die als österreichische Grund- eigenschaften dargestellten Charakterzüge und versuchen Sie anschließend zu erarbeiten, wie diese Selbstdarstellung Österreichs und der österreichischern Politik (bzw. seiner PolitikerInnen) im Film als Instrument im Streben der Republik Österreich nach Unabhängigkeit genutzt werden konnte.

 

Gedenkort Mexikoplatz

Der Platz neben Lassallestraße und Reichsbrücke in Wien wurde 1956 in Mexikoplatz umbenannt, um an den Protest Mexikos gegen den „Anschluss“ zu erinnern. Der Platz hieß zuvor Erzherzog-Karl-Platz. Er wurde in der Zeit nach dem Krieg mehrmals umgestaltet. 1985 wurde ein Gedenkstein aufgestellt, der in deutscher und spanischer Sprache den Hintergrund des Straßennamens erläutert. Obwohl es sich um einen bekannten und relativ zentralen Ort in der Stadt handelt, ist der Grund für die Benennung nach Mexiko in Wien relativ unbekannt. 2008-2009 wurde am Mexikoplatz eine künstlerische Installation mit dem Titel „Mahnmal gegen den Mythos des ersten Opfers“ gezeigt, um neben der offiziellen Erzählung vom äußeren Protest gegen den „Anschluss“ auf die Zustimmung vonseiten der österreichischen Bevölkerung hinzuweisen.

Parktafel mit Hintergrund der Benennung, März 2013
Klick öffnet Fotostrecke mit Gedenkstein
Fotos: Matthias Kopp

Beachten Sie die Formulierung auf den Gedenksteinen. Welche Aussagekraft haben die gewählten Worte? (Beziehen Sie sich vor allem auf den „gewaltsamen Anschluss“ ohne Anführungszeichen, die Ab- grenzung vom National- sozialismus durch das „national- sozialistische Deutsche Reich“ und das Gewicht des mexikanischen Protest durch Bezeichnung als „Akt“) Welche Bedeutungen und Botschaften werden in diesem Text nicht transportiert? Beachten Sie: Der Gedenkstein stammt aus dem Jahr 1985 - stellen Sie die Verbindung zwischen dem Text und den Umständen der Zeit seiner Entstehung her und diskutieren Sie, welche Formulierung heute angemessen erscheinen könnte.

 

Waldheim-Affäre

Mit Protesten gegen Bundespräsident Kurt Waldheim hat die Debatte um Österreichs Vergangenheit und seine Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus in den 1980er Jahren die Öffentlichkeit erfasst. Waldheim war Angehöriger eines SA-Reiterkorps und des NS-Studentenbunds gewesen. Als Symbol des Protests diente, in Anspielung auf das Reiterkorps, ein hölzernes Pferd, das von Alfred Hrdlicka geschaffen wurde. Die umfassende Beschäftigung mit Österreichs Mitverantwortung an den Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus und dem Holocaust ging von diesen Protesten aus. Weitere Informationen zur Waldheim-Affäre hier.

Protestveranstaltung gegen die Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten
Wien 1986
Klick folgt dem Verweis oben
Foto: Rudolf Semotan

Diskutieren Sie, welche Ereignisse, Aussagen und Skandale seit Waldheim zu öffentlichen Debatten um Österreichs Vergangenheit geführt haben und wie diese abliefen.

 

1938-1988 (BMUKS)

Anlässlich der fünfzigjährigen Wiederkehr des Datums des „Anschlusses“ im Jahr 1988 griffen viele Medien besonders die Diskussion um Österreichs Vergangenheit auf. Das damalige Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Sport veröffentlichte 1988 eine eigene Broschüre zum Thema. Darin wurde die Zeitgeschichte als kontroversielles, immer zu diskutierendes Feld aufgegriffen. Unter dem selbstverordneten Gebot der „Aufarbeitung der Vergangenheit“ wurde versucht, die Entstehungsmechanismen des nationalsozialistischen Regimes zu erläutern, sowie Kontinuitäten bzw. Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart darzustellen. Im „Gedenkjahr 1938/88“ wurden viele Schulprojekte durchgeführt, auf die auch in der Broschüre hingewiesen wird.

1938-1988
Klick öffnet erste Doppelseite
BMUKS, Wien, 1988

Unter dem Motto „Lehren aus der Vergangenheit ziehen“ versteht man auch den Versuch, Antisemitismus, Rechts- extremismus und Xenophobie durch das Aufzeigen der nationalsozialistischen Ver- brechen und gesellschaftlicher Kontinuitäten zu entgegnen. Diskutieren Sie, inwieweit die Vermittlung der historischen Ereignisse ihre Wiederkehr verhindern kann und ob sie einen adäquaten Hintergrund für die Diskussion aktueller gesellschaftlicher und politischer Problemfelder bieten.

 

Profil-Cover März 1988

Dieses „Profil“-Titelbild verweist auf den Kern der Debatte aus dem Jahr 1988: Welche Rolle spielten ÖsterreicherInnen beim „Anschluss“-Pogrom? Wie wurde damit in der Zweiten Republik umgegangen? Welche Kontinuitäten (z.B. im Hinblick auf antisemitische Einstellungen) lassen sich feststellen? Die Verbindung von „38“ und „88“ verweist auf die fünfzigste Wiederkehr des „Anschlusses“, doch hätte das „runde Jubiläum“ ohne die vorangeganene Waldheim-Debatte auch ganz anders aussehen – und damit bebildert werden – können. Diese Fotomontage basiert auf einem Bild des Pressefotografen Albert Hilscher. Im Original wird der Jugendliche gezwungen, das Wort „Jud“ an eine Hausfassade zu schreiben.

Profil 10, 7. März 1988
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Diskutieren Sie ausgehend von der Verknüpfung „38“-„88“, inwieweit heute in Österreichs Politik und Gesellschaft Kontinuitäten und Nachwirkungen der Ereignisse von 1938 bis 1945 anzutreffen sind.


Austria Wochenschau (Film)

Die Präsenz von Bildern des Heldenplatz vom März 1938 zeigt sich auch in der Austria Wochenschau („Hallo Kino“) vom März 1988. Anlass dafür ist eine Gedenksitzung im Parlament und weitere Veranstaltungen zu den „Anschluss-Bedenktagen“ im März 1988. Wie intensiv und breit die Auseinandersetzung mit dem „Anschluss“ war, zeigt die Dichte an Veranstaltungen mit ZeitzeugInnen, VertreterInnen ehemals verfolgter Gruppen und künstlerischer Aktivitäten, die sich nicht nur auf den März beschränkte, sondern im gesamten „Bedenkjahr 1938/88“ vorzufinden war.

Austria Wochenschau („Hallo Kino“)
März 1988
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Diskutieren Sie, wie mit dem Wissen um die Ereignisse im März 1938 und dem Umgang mit ihnen seither nun eine angemessene Gedenk- veranstaltung aussehen könnte. Lassen Sie Ihre SchülerInnen einen kurzen „Dokumentarfilm“ über die Gegenwart der Vergangenheit in ihrer Umgebung (Wohnort, Schule, soziales Umfeld) anfertigen.

 

Wissenschaftlicher Text

In seinem Text „War der ,Anschluss' erzwungen?“ von 1988 diskutierte der Historiker Gerhard Botz die verschiedenen Betrachtungsweisen der Ereignisse im März 1938 und ihre jeweilige Funktion in der Geschichtspolitik der Zweiten Republik. Im Zentrum steht die 1988 intensiv diskutierte Frage, ob der „Anschluss“ im Sinne der Opferthese wirklich erzwungen war, oder von der Mehrheit der österreichischen Bevölkerung begrüßt wurde. Die These vom „Anschluss“ von außen, von innen und von unten kann als nach wie vor gültige wissenschaftliche Position zur Beurteilung des „Anschluss“-Geschehens betrachtet werden.

Botz, Gerhard: War der "Anschluss" erzwungen? In: Kreissler, Felix (Hg.): Fünfzig Jahre danach - Der Anschluss von innen und außen gesehen. Europaverlag: Wien, Zürich 1989

Hier handelt es sich um einen wissenschaftlichen Text. Lassen Sie die dargebrachten konkurrierenden Thesen je in verschiedenen Gruppen lesen und dann von den Gruppen jeweils gegenübergestellt erläutern.

 

Deutsches Historisches Museum

Das Deutsche Historische Museum repräsentiert die staatsoffizielle Erinnerung der Bundesrepublik Deutschland. Im Gegensatz zu Österreich gibt es dort seit vielen Jahren Museumsinfrastruktur und Installationen, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und ihrer Bedeutung für die Geschichte und Gegenwart des heutigen Staats befassen. Diese Perspektive auf die Ereignisse vom März 1938 führt zu Erzählungen, die von den in Österreich verbreiteten gegebenenfalls abweichen, obwohl der selbe Gegenstand besprochen wird.

Zwei Webseiten des DHM:
Der "Anschluss" Österreichs 1933-1939
Österreich 1938-1945
Klick öffnet Volltext.
Quelle: DHM1 und DHM2

Lesen Sie gemeinsam die kurzen Texte zum „Anschluss“ und der Zeit der Integration Österreichs im Deutschen Reich. Welche Motive und welche Textstellen fallen auf, weil sie unbekannt oder unerwartet sind? Vergleichen Sie gegebenenfalls mit den entsprechenden Stellen im verwendeten eigenen Geschichtebuch. Diskutieren Sie anschließend, inwiefern die Betrachtungsweise mit der eigenen Identität in Verbindung zu bringen ist.

 

APA-Interview mit Oliver Rathkolb

Anfang Februar 2013 führte die Presseagentur APA ein Interview mit dem bekannten Zeithistoriker Oliver Rathkolb. Im Gespräch geht es um Bedeutung und Gewicht der Erinnerung an den "Anschluss" und ihre Verschiebungen seit dem Ende des Nationalsozialismus. Auch der Begriff "Anschluss" selbst wird erläutert. Obwohl auf aktuelle Entwicklungen und Forschungsvorhaben der Zeitgeschichte eingegangen wird, kommt der Anlass für das Interview selbst, der 75. Jahrestag des "Anschlusses" nicht als Thema vor.

APA-Interview mit Zeithistoriker Oliver Rathkolb, 7. Februar 2013
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Quelle: APA

Beachten Sie: Welche Ereignisse und welcher Zeitraum werden mit dem „Anschluss“ in Verbindung gebracht? Rathkolb nennt wilde Arisierungen und Übergriffe auch abseits der großen Städte und grenzt eine Dauer „um den 10. bis 13. März 1938“ ab. Diskutieren Sie anhand der Chronologie des „Anschlusses“: Welche Gründe gibt es für diese Unschärfe? (Keine Gleich- zeitigkeit in ganz Österreich, Übergriffe schon im Vorfeld der Durchführung des „Anschlusses“)

 

Österreichische Akademie der Wissenschaften

2013, zum 75. Jahrestag des „Anschlusses“, publizierten ForscherInnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erstmals eine Studie zur nationalsozialistischen Vergangenheit der Akademie. Diese Studie legt die Durchdringung höchster wissenschaftlicher Institutionen und Ränge durch Nationalsozialisten, schon vor dem „Anschluss“, und deren unbehelligtes Leben nach 1945 offen. Während die wissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit österreichischen nationalsozialistischen Tätern und mit der personellen Kontinuität in vielen öffentlichen Institutionen nach 1945 erst in den letzten Jahren aufgegriffen wurde, war die tiefe Verstrickung bereits vor 1938 überzeugter österreichischer Nationalsozialisten mit Einrichtungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen bis zuletzt ein wenig beachtetes Thema. Auch für die Selbsterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften brauchte es einen runden Jahrestag, um Zustandekommen und Öffentlichkeit für das Vorhaben zu sichern. Dieser Artikel aus der Zeitschrift profil schildert Kernaussagen der Studie und Biographien vieler nationalsozialistisch belasteter Akademieangehöriger bzw. von vom Nationalsozialismus verfolgten WissenschafterInnen.

profil: Die NS-Geschichte der Akademie der Wissenschaften
Marianne Enigl, Christa Zöchling, 9. Februar 2013
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Quelle: profil

Diskutieren Sie über die Koinzidenz runder Jahrestage und der öffentlichen Aufmerksamkeit für zeithistorische Themen. Braucht es ein signifikantes Datum, um sich breit mit Zeitgeschichte befassen zu können? Besprechen Sie aus einer anderen Perspektive: Mit welchen Themen sollen Gedenktage begangen werden: stehen der Bezug zum konkreten historischen Ereignis und die Querverbindungen zu anderen, ggf. aktuellen, Themen in einem Spannungsverhältnis zueinander?

 

Neubearbeitung Österreich I

In den späten 1980er-Jahren produzierten Hugo Portisch und Sepp Riff unter dem Namen Österreich I eine Dokumentationsreihe über die Erste Republik, die im ORF ausgestrahlt wurde und, wie schon Österreich II, zuvor zu einem Standardwerk in breitenwirksamen Geschichtsvermittlung wurde. Österreich I beginnt mit dem Ende der Habsburgermonarchie und endet mit der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich.  Anders als vergleichbare Formate wurde die Reihe im Jahr 2013 anlässlich des 75. Jahrestags des „Anschlusses“ neu bearbeitet ausgestrahlt. Dabei wurde das Bildmaterial nur neu verarbeitet, der Kommentar dazu aber neu geschrieben. Damit wurde neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung getragen. derStandard.at brachte die Ankündigung der Neuauflage mit der im Jänner 2013 aktuellen Debatte um die Wehrpflicht in Verbindung, wie auch in vergangenen Diskussionen zur Wehrpflicht das Ende der Demokratie in der Ersten Republik zum Fluchtpunkt geworden war.

Portisch erzählt Österreichs Geschichte neu
21. Jänner 2013
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Quelle: derStandard.at

Diskutieren Sie über Informationsquellen für zeit- geschichtlich interessierte Jugendliche: Hat Österreich I heute die gleiche Bedeutung wie zur Zeit der Erstausstrahlung? Bekommt die Reihe durch ihren Umfang, ihre Ausstrahlung im ORF und ihre generelle Verbreitung (z.B. auf Video in Schulbibliotheken) ein identitäts- stiftendes Moment? Sprechen Sie die im Artikel genannten Veränderungen in der Neufassung an und diskutieren Sie, ob diese angemessen sind oder eine alte Dokumentations- reihe selbst zum historischen Dokument wird, das als Quelle erhalten bleiben soll. Die Reihe befasst sich mit der Zeit bis zum „Anschluss“, die Neuausstrahlung koinzidiert mit seinem 75. Jahrestag: Wird in der öffentlichen Diskussion rund um den runden Jahrestag über das konkrete historische Ereignis hinaus auch über seine Vorgeschichte gesprochen? Welche Themen werden aufgegriffen, welche nicht – und warum?

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