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11./12./13. März

HISTORISCHER BEZUGSPUNKT: Der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland

Die Republik Österreich wurde nach dem Ersten Weltkrieg als Deutschösterreich gegründet. Der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich war in den Friedensverträgen von Versailles verboten worden, doch stand die Perspektive auf diesen Zusammenschluss nach der Erfahrung des Krieges und der beträchtlichen Verkleinerung des Habsburgerreichs auf einen „Rumpfstaat“ im Raum. Mit der Verfassung von 1920 wurde die Eigenständigkeit Österreichs grundgelegt. Das ambivalente Verhältnis zu Deutschland wurde allerdings bis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht überwunden. Nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland übte das nationalsozialistisch geführte Deutsche Reich Druck auf die österreichische Bundesregierung aus, um seine Interessen in der Region, letztlich durch den „Anschluss“, durchzusetzen. Nach der Abschaffung der Demokratie 1933 und Jahren der Verschärfung der wirtschaftlichen und politischen Lage Österreichs bereiteten sich auch österreichische Nationalsozialisten im Untergrund auf die Integration Österreichs im Deutschen Reich vor. Am 11. März 1938, dem Vorabend des „Anschlusses“, trat Bundeskanzler Schuschnigg zurück, der österreichische Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart wurde Bundeskanzler.

Ausschnitt aus der Wiener Zeitung vom 12. März 1938
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Quelle: ÖNB/Wien (ANNO)

Am Abend des 11. März 1938 verkündete Schuschnigg in einer emotionalen Rundfunkrede seinen Rücktritt unter dem Eindruck des bevorstehenden Einmarsches deutscher Truppen: Österreich weiche der Gewalt. Die Rede wurde von vielen Zeitungen abgedruckt, oftmals bereits neben politischen Erklärungen der österreichischen National- sozialisten zum erwarteten Einmarsch. Die „Wiener Zeitung“ beispielsweise druckte Schuschniggs Rede unterhalb der Stellungnahme seines Nachfolgers Seyß-Inquart ab. Seyß-Inquart erklärt darin, „daß irgendein Widerstand gegen das allfällig einrückende deutsche Heer unter keinen Umständen in Frage kommt“. Mit solchen Erkärungen wurde auch die österreichische Bevölkerung auf den Einmarsch vorbereitet.

Die Einsetzung von Arthur Seyß-Inquart als Bundeskanzler erfolgte wenige Wochen nach seiner Ernennung zum Innen- und Sicherheitsminister am 15. Februar 1938, eine Konsequenz des erheblichen Drucks aus dem Deutschen Reich auf die Ständestaatregierung. Er war das erste NSDAP-Mitglied in der österreichischen Bundesregierung. Die Verlautbarung von Schuschniggs Rücktritt und der Ernennung Seyß-Inquarts zum Bundeskanzler war der Startschuss für den Anschluss von innen: der Machtergreifung der österreichischen Nationalsozialisten auf den Straßen und in den Institutionen. Zugleich mit den nationalsozialistischen Freudenkundgebungen begannen die ersten Ausschreitungen und Pogrome gegen politische GegnerInnen und vor allem gegen die jüdische Bevölkerung Österreichs.

Klick öffnet Kapitel „Der Terror bricht los“
in: Gedye, G.E.R.: Die Bastionen fielen. S. 287-300.
Zeitzeugenbericht, verfasst in Prag im Jahr 1939.

Der Auslandskorrespondent G.E.R. Gedye berichtete in den 1930er Jahren für mehrere englische Zeitungen aus Wien. Er erlebte den „Anschluss“ mit und schilderte in seinem 1939 im englischen Original erschienenen Buch in Kapitel 26 („Der Terror bricht los“) die Beobachtung von Fluchtversuchen, Selbstmorden, „Reibpartien“ (siehe unten) und anderen Übergriffen auf Wiens jüdische Bevölkerung während der Tage des „Anschlusses“. Entsprechend der Opferthese wurde der „Anschluss“ lange als „Überfall“ Nazi-Deutschlands auf Österreich dargestellt. Dieser Bericht schildert die maßgebliche Beteiligung österreichischer NationalsozialistInnen und sympathisierender WienerInnen bei den „Anschluss“-Pogromen.

„Reibpartie“ in Wien, März oder April 1938
FotografIn unbekannt
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Quelle: USHMM Photograph #03741 (public domain)

Dieses Foto wurde in Wien aufgenommen und mit „März oder April 1938“ datiert. Bei den zynisch als „Reibpartien“ bezeichneten Übergriffen wurden Juden und Jüdinnen in demütigender Weise gezwungen, die Parolen für die geplante Volksabstimmung am 11. März 1938 von den Straßen zu waschen und dabei von den umstehenden Menschen erniedrigt. Diese Aktionen fanden an vielen Orten in Wien in aller Öffentlichkeit statt. Aus heutiger Sicht gelten die „Anschluss“- Pogrome in Wien als entscheidender Schritt der Radikalisierung der national- sozialistischen Verfolgungs- politik gegen die jüdische Bevölkerung.

Am 12. März 1938 überschritten deutsche Truppen die Grenze, es wurde kein militärischer Widerstand geleistet. Bereits am darauffolgenden Tag verabschiedete die nationalsozialistische Reichsregierung in Berlin das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“. Damit wurde die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich besiegelt.

Deutsches Reichsgesetzblatt Teil I 1938/21
13. März 1938
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Quelle: ÖNB/Wien (ALEX)

Dieses Gesetz vom 13. März 1938 definierte Österreich als „Land des Deutschen Reiches“ und kündigte für den 10. April 1938 eine Volksabstimmung über die „Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich“ an.

Ihren Höhepunkt erreichte die Machtdemonstration des nationalsozialistischen Regimes mit der propagandistisch inszenierten Fahrt Adolf Hitlers nach Wien, Die Rede Hitlers am Heldenplatz am 15. März 1938 bestimmt bis heute das Bild des „Anschlusses“. Die Propagandafotos zeigen die Hitler zujubelnden Menschenmassen. Diese Bilddokumente gelten heute als wichtige Argumente für die Zustimmung vieler ÖsterreicherInnen zum „Anschluss“ Österreichs und zur Widerlegung der Opferthese.

Hitlers Rede auf dem Heldenplatz, 15. März 1938
Agentur Scherl; FotografIn unbekannt
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Quelle: Bundesarchiv Bild 183-1987-0922-500 (CC-BY-SA)

Die Bilddokumente von Hitlers Rede auf dem Wiener Heldenplatz wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder diskutiert, auch in der zeitgeschichtlichen Forschung. Einerseits handelt es sich um Propagandafotos: die Perspektive auf die Menschen- massen auf dem Heldenplatz wurde bewusst eingenommen, um die Zustimmung der österreichischen Bevölkerung zu zeigen, daher sieht man Hitler auch von hinten. diese ursprüngliche propagandistische Verwendung wurde immer wieder als Argument für die Opferthese herangezogen: es handle sich um reine Propagandafotos. Seit dem Perspektivenwechsel in den 1980er Jahren gelten diese Fotos als Beweis für die Zustimmung des weitaus überwiegenden Teils der österreichischen Bevölkerung zum „Anschluss“ an Nazi-Deutschland.

Hitlers Ansprache vom 15. März 1938
Volks-Zeitung vom 16. März 1938
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Quelle: ÖNB/Wien (ANNO)

In dieser Rede nahm Hitler explizit auf das Verbot der Vereinigung durch die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg Bezug und proklamierte eine neue Rolle für Österreich als „jüngstes Bollwerk von Nation und Reich“, als Befestigung gegen Osten. Darüber hinaus dankte er den – im Austrofaschismus in der Illegalität arbeitenden – Nationalsozialisten, die den reibungslosen „Anschluss“ ermöglichten. Er proklamierte vor der Geschichte den „Wiedereintritt [s]einer Heimat in das Deutsche Reich“. Die Rede wurde am darauffolgenden Tag in vielen Zeitungen abgedruckt, wie hier in der Volks-Zeitung, die seit dem 15. März 1938 das Hakenkreuz im Titel führte.

Bild: Entfernung der Grenzbalken
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Quelle: Bundesarchiv, Bild 137-049278 (CC-BY-SA)

Dieses Bild wurde für Propagandazwecke angefertigt und trug im originalen Zusammenhang die Beschreibung „Österreich: nach vollzogenem Anschluss wurden von österr. Grenzbeamten und ihren deutschen Kameraden die Grenzpfähle niedergelegt. 15.3.1938“. In den Wochenschauen aus dieser Zeit waren auch häufig bedeutungsstarke Bewegtbilder vom Durchstoßen und Überwinden bzw. Entfernen der Grenzanlagen zu sehen. Zwar waren viele dieser Szenen für die Kameras nachgestellt, doch waren sie mittels des nationalsozialistischen Narrativs vom Herstellen der Einheit, neuer Größe und Stärke für die weitere Festigung der Macht dienlich.

Am 10. April 1938 wurde die im „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ angekündigte Volksabstimmung durchgeführt, die der durch den „Anschluss“ vollzogenen Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich den Schein demokratischer Legitimation verleihen sollte. Die Abstimmung fand von Einschüchterung und Propaganda begleitet statt. Beteiligung und Zustimmung wurden durch die gleichgeschaltete Presse jeweils mit mehr als 99% angegeben.

Briefmarke: Ein Volk ein Reich ein Führer
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Quelle: Staatsdruckerei Wien, Michel-Katalog #663

Diese Briefmarke wurde sowohl in Berlin als auch in Wien gedruckt und kam am 8. April 1938, zwei Tage vor der Volksabstimmung über den „Anschluss“, in Umlauf. Sie zeigt zwei Männer, die Schulter an Schulter gemeinsam die Hakenkreuzfahne tragen und führt die Formel „Ein Volk - ein Reich - ein Führer - 10. April 1938“. Die Briefmarke mit der Losung und der Nennung des Datums der Volksabstimmung im Vorhinein zeigt die vollständige Durchdringung aller öffentlicher und medialer Kommunikations- formen durch die neuen nationalsozialistischen Machthaben.

Ausschnitt aus Stimmzettelvordruck
Klick öffnet Vollformat mit Anweisungen zum Ausfüllen und zum Ablauf der Abstimmung.
Quelle: ÖNB/Wien F 500096-A

Diese Anleitung zur Stimmabgabe mit „Ja“ wurde im Rahmen der Propaganda- offensive zur Volksabstimmung veröffentlicht. Bereits der Stimmzettel selbst zeigt durch das zentral gesetzte und übergroße „Ja“ und das abseits kleine gesetzte „Nein“, dass es sich um keine Volksabstimmung unter den Bedingungen einer freien demokratischen Entscheidungsfindung handelt.

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