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11./12./13. März

„EINRICHTUNG“ als Gedenktag: Begründung und Revision der Opferthese

Die Republik Österreich kennt kein staatsoffizielles „Anschluss“-Gedenken. Weder existiert ein jährlich wiederkehrender Gedenktag noch eingespielte öffentliche Rituale. Vielmehr war die Position Österreichs zu diesem Datum wiederholt Gegenstand geschichtspolitischer Debatten, die zu veränderten Sichtweisen führten. Diese Transformation lässt sich in drei unterschiedlichen Phasen darstellen:

In der Nachkriegszeit leitete man aus der 1943 verabschiedeten Moskauer Deklaration jene These ab, die bis in die 1980er Jahre als als „Opfermythos“ die offizielle Geschichtspolitik dominierte: Österreich wurde als „erstes Opfer“ der Expansionspolitik des nationalsozialistischen Deutschen Reichs bezeichnet. In den 1980er Jahren wurde im Zuge der Waldheim-Debatte erstmals über die Mitverantwortung Österreichs an den Verbrechen des Nationalsozialismus diskutiert. Das Ergebnis der Debatten um die Opfertese in den 1980er Jahren kann so zusammengefasst werden: Die Opferthese wie sie seit 1945 vertreten wurde ist nicht mehr haltbar und wurde durch die Mitverantwortungsthese ersetzt.

Flugblattfassung der Moskauer Deklaration
Quelle: DöW Nr. 4037A/SU7-970
Klick öffnet das Vollbild (Flugblatt) und den original englischen Volltext (gesamte Erklärung)
aus: Bevans, Charles I. (Hg.) Treaties and Other International Agreements oft he United States of America 1776-1949. Volume 3 Multilateral 1931-1945. Department of State Publication 8484, Washington, DC: 1969. S. 816-834

Bei der Konferenz der alliierten Außenminister (Anthony Eden für das Vereinigte Königreich, Cordell Hull für die USA und V.M. Molotow für die UdSSR) in Moskau im Oktober 1943 gaben die drei alliierten Regierungen eine Erklärung über die europäische Nachkriegsordnung ab. Die Moskauer Deklaration befasste sich in erster Linie mit der Zusammenarbeit des Bündnisses nach dem Sieg über Nazi-Deutschland.
Entgegen der Darstellung in Österreich nach 1945 wurden nicht nur Österreich betreffende Regelungen verabschiedet: Deutschland sollte zur Kapitulation gezwungen und Kriegsverbrecher nach dem Krieg ausgeliefert werden. Zwar erklärte die Deklaration in Bezug auf Österreich den „Anschluss“ für ungültig und Österreich „das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll“. Ein wesentlicher Punkt der Österreich betreffenden Erklärungen betraf jedoch die Mitverantwortung Österreichs an der Kriegs- teilnahme aufseiten Hitlerdeutschlands: „Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf, wieviel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird, unvermeidlich sein wird.“ In Österreich wurde diese und ähnliche Flugblattfassungen nach der Befreiung Wiens durch die rote Armee am 13. April 1945 weit verbreitet. Darin waren lediglich einige Österreich betreffenden Passagen der Erklärung abgedruckt.

Ausschnitt Proklamataion über die Selbstständigkeit Österreichs
27. April 1945
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Quelle: RIS, BKA

Während in anderen Teilen Österreichs noch Kampf- handlungen stattfanden, wurde im bereits befreiten Wien die provisorische Staatsregierung, bestehend aus Vertretern aller „antifaschistischen Parteien“ (SPÖ, ÖVP, KPÖ), eingerichtet. Karl Renner (SPÖ) wurde zum Staatskanzler ernannt. Vor dem Parlament in Wien proklamierte sie am 27. April 1945 die Wiederherstellung der Republik Österreich. Die Proklamation über die Selbstständigkeit Österreichs wurde im Staatsgesetzblatt vom 1. Mai 1945 veröffentlicht. Heute gilt die sogannte Unabhängigkeits- erklärung Österreichs als Gründungsdokument der Opferthese. Darin wird mit Rückgriff auf die Moskauer Deklaration der „Anschluss“ als Okkupation durch das übermächtige Deutsche Reich dargestellt. Besonders bemerkenswert ist die Rolle österreichischer Soldaten in der Deutschen Wehrmacht, dass „die nationalsozialistische Reichsregierung Adolf Hitlers [...] das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den kein Österreicher jemals gewollt hat“. Die Zustimmung zum „Anschluss“, die Machtergreifung der österreichischen National- sozialisten von innen und die teilweise führende Beteiligung von Österreichern an Kriegs- verbrechen und dem Holocaust wurde völlig ausgeblendet. Mit dieser Darstellung positionierte sich die Zweite Republik bis zur Waldheim-Debatte erfolgreich als schuldloses Opfer einer Aggression von außen. Jede Verantwortung, etwa für die Entschädigung von Verfolgten wurde mit diesem Argument in der Folge zurückgewiesen.

Die Beweisführung eines österreichischen Widerstands war im Hinblick auf die in der Moskauer Deklaration aufgeworfene Frage des eigenen Beitrags Österreichs zur Befreiung vom Nationalsozialismus von höchster Wichtigkeit. Die österreichische Regierung versuchte, nachträglich Beweise für den österreichischen Widerstand zu dokumentieren und die „antifaschistische“ Gesinnung der österreichischen Bevölkerung unter Beweis zu stellen. Die zwei Schlüsselprojekte datieren im Jahr 1946: Die „antifaschistische“ Ausstellung „Niemals Vergessen!“, am 14. September im Künstlerhaus eröffnet, und das amtliche Rot-Weiß-Rot-Buch.

Rot-Weiß-Rot Buch, Wien, 1946
klick öffnet Ausschnitte zur Zeit um den „Anschluss“

Das Rot-Weiß-Rot Buch mit dem programmatischen Titel „Gerechtigkeit für Österreich!“ wurde 1946 veröffentlicht und sollte den „Anspruch auf den Status und die Behandlung als befreiter Staat im Sinne der Moskauer Deklaration“ mittels amtlicher Quellen begründen. In Kapiteln wie „Österreich in Ketten“ und „Österreichs Okkupation und Freiheitskampf“ sollten die grundsätzliche Ablehnung von National- sozialismus und Krieg durch die österreichische Bevölkerung gezeigt werden. Der angekündigte zweite Teil wurde nicht mehr veröffentlicht, offensichtlich hatte sich die Beziehung Österreichs zu den Alliierten Besatzungsmächten bereits konsolidiert. Die hier wiedergegebenen Abschnitte beziehen sich auf die Zeit um den „Anschluss“, der gemäß dem offiziellen österreichischen Selbstverständnis nach dem Krieg als Akt der Aggression gegen Österreich dargestellt werden sollte.

Die Opferthese erfüllte auch den Zweck der Abgrenzung Österreichs von Deutschland im Hinblick auf die Schaffung eines Österreich-Patriotismus, der nun nicht mehr das Projekt einer Partei war (wie in der Ständestaatdiktatur), sondern die gesamte Bevölkerung erfassen sollte. Durch die Differenz zu Deutschland sollten die ÖsterreicherInnen als eigenes Volk gezeigt werden, das bereits durch seine positiven Charaktereigenschaften nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun haben könnte.

Filmplakat 1. April 2000
Buchumschlag Kieninger et al.: 1. April 2000
edition Film und Text 2, Wien 2000

(Filmclip folgt)

Eines der wohl aufwendigsten Projekte der Selbstdarstellung Österreichs ist der Film „1. April 2000“ (veröffentlicht 1952), der im Auftrag der österreichischen Bundesregierung produziert wurde. Darin treten viele der damaligen österreichischen Filmstars auf. Die ÖsterreicherInnen werden als liebenswürdiges und friedfertiges Volk darstellgestellt, das im Jahr 2000 noch immer von fremden Mächten besetzt ist. Die Weltgemeinschaft soll nun durch Folkloredarbietungen, Musikliebe, Gemütlichkeit und ähnlicher Qualitäten vom harmlosen Charakter Österreichs überzeugt. Der Film endet mit einem Happy End: Österreich wird die Unabhängigkeit gewährt . In der Realität wurde die Unabhängigkeit durch den Staatsvertrag drei Jahre später 1955 wiederhergestellt.

Da noch keine Filmrechte gesichert wurden, können wir hier nur einen Ausschnitt aus dem Filmplakat zeigen.

Parktafel mit Hintergrund der Benennung, März 2013
Klick öffnet Fotostrecke mit Gedenkstein
Fotos: Matthias Kopp

Der Platz neben Lassallestraße und Reichsbrücke in Wien wurde 1956 in Mexikoplatz umbenannt, um an den Protest Mexikos gegen den „Anschluss“ zu erinnern. Der Platz hieß zuvor Erzherzog-Karl-Platz. Er wurde in der Zeit nach dem Krieg mehrmals umgestaltet. 1985 wurde ein Gedenkstein aufgestellt, der in deutscher und spanischer Sprache den Hintergrund des Straßennamens erläutert. Obwohl es sich um einen bekannten und relativ zentralen Ort in der Stadt handelt, ist der Grund für die Benennung nach Mexiko in Wien relativ unbekannt. 2008-2009 wurde am Mexikoplatz eine künstlerische Installation mit dem Titel „Mahnmal gegen den Mythos des ersten Opfers“ gezeigt, um neben der offiziellen Erzählung vom äußeren Protest gegen den „Anschluss“ auf die Zustimmung vonseiten der österreichischen Bevölkerung hinzuweisen.

Im Zuge der Waldheim-Debatte 1986 wurde erstmals breit über Österreichs Verstrickungen in die Verbrechen des Nationalsozialismus diskutiert. Waldheim hatte, mit seiner Vergangenheit konfrontiert, von der „Pflichterfüllung“ als Soldat in der Deutschen Wehrmacht gesprochen. Österreich wurde nun mit den Widersprüchen zwischen der historischen Realität und der Darstellung in der Opferthese konfrontiert und musste sich nun auch international seinem Image als Land des Verdrängens stellen.

Protestveranstaltung gegen die Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten
Wien 1986
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Foto: Rudolf Semotan

Mit Protesten gegen Bundespräsident Kurt Waldheim hat die Debatte um Österreichs Vergangenheit und seine Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus in den 1980er Jahren die Öffentlichkeit erfasst. Waldheim war Angehöriger eines SA- Reiterkorps und des NS- Studentenbunds gewesen. Als Symbol des Protests diente, in Anspielung auf das Reiterkorps, ein hölzernes Pferd, das von Alfred Hrdlicka geschaffen wurde. Die umfassende Beschäftigung mit Österreichs Mit- verantwortung an den Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus und dem Holocaust ging von diesen Protesten aus. Weitere Informationen zur Waldheim-Affäre hier.

1938-1988
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BMUKS, Wien, 1988

Anlässlich der fünfzigjährigen Wiederkehr des Datums des „Anschlusses“ im Jahr 1988 griffen viele Medien besonders die Diskussion um Österreichs Vergangenheit auf. Das damalige Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Sport veröffentlichte 1988 eine eigene Broschüre zum Thema. Darin wurde die Zeitgeschichte als kontroversielles, immer zu diskutierendes Feld aufgegriffen. Unter dem selbstverordneten Gebot der „Aufarbeitung der Vergangenheit“ wurde versucht, die Entstehungsmechanismen des nationalsozialistischen Regimes zu erläutern, sowie Kontinuitäten bzw. Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart darzustellen. Im „Gedenkjahr 1938/88“ wurden viele Schulprojekte durchgeführt, auf die auch in der Broschüre hingewiesen wird.

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