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11./12./13. März

DISKURS in Medien und Öffentlichkeit: Zwischen Mainstream-Gedenken und Unscheinbarkeit

Der Opfermythos wird seit den Diskussionen, die mit der Waldheim-Debatte 1986 begonnen haben, sowohl gesellschaftlich als auch wissenschaftlich als nicht mehr mehrheitsfähig betrachtet: Die Ausblendung der Jahre 1938-1945 aus der österreichischen Geschichte wird heute als Verdrängungsstrategie gesehen. Im „Gedenkjahr 1938/88“ erfolgte eine intensive Auseinandersetzung mit dem „Anschluss“. Im Zentrum stand die Mitverantwortung der österreichischen Bevölkerung an der Realisierung der NS-Herrschaft in Österreich im März 1938, am Zweiten Weltkrieg aufseiten der Deutschen Wehrmacht und an den Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere am Holocaust. Die Revision der Opferthese erfolgte schließlich mit der Rede von Bundeskanzler Vranitzky 1991, der sich im Namen der Republik Österreichs zur Mitverantwortung von ÖsterreicherInnen an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannte. Die heutige Sichtweise wird durch zwei Ereignisse symbolisiert, die auch das visuelle Gedächtnis prägen: Der Anschlussjubel am Heldenplatz und das „Anschluss“-Pogrom (die Demütigung der jüdischen Bevölkerung durch ÖsterreicherInnen). Der neue Konsens über die Mitverantwortung ist die Voraussetzung für die seither erfolgte breite Auseinandersetzung mit der Beteiligung von ÖsterreicherInnen an nationalsozialistischen Verbrechen.

Profil 10, 7. März 1988
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Dieses „Profil“-Titelbild verweist auf den Kern der Debatte aus dem Jahr 1988: Welche Rolle spielten ÖsterreicherInnen beim „Anschluss“-Pogrom? Wie wurde damit in der Zweiten Republik umgegangen? Welche Kontinuitäten (z.B. im Hinblick auf antisemitische Einstellungen) lassen sich feststellen? Die Verbindung von „38“ und „88“ verweist auf die fünfzigste Wiederkehr des „Anschlusses“, doch hätte das „runde Jubiläum“ ohne die vorangeganene Waldheim-Debatte auch ganz anders aussehen – und damit bebildert werden – können. Diese Fotomontage basiert auf einem Bild des Pressefotografen Albert Hilscher. Im Original wird der Jugendliche gezwungen, das Wort „Jud“ an eine Hausfassade zu schreiben.

Austria Wochenschau („Hallo Kino“)
März 1988
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Die Präsenz von Bildern des Heldenplatz vom März 1938 zeigt sich auch in der Austria Wochenschau („Hallo Kino“) vom März 1988. Anlass dafür ist eine Gedenksitzung im Parlament und weitere Veranstaltungen zu den „Anschluss-Bedenktagen“ im März 1988. Wie intensiv und breit die Auseinandersetzung mit dem „Anschluss“ war, zeigt die Dichte an Veranstaltungen mit ZeitzeugInnen, VertreterInnen ehemals verfolgter Gruppen und künstlerischer Aktivitäten, die sich nicht nur auf den März beschränkte, sondern im gesamten „Bedenkjahr 1938/88“ vorzufinden war.

Botz, Gerhard: War der "Anschluss" erzwungen? In: Kreissler, Felix (Hg.): Fünfzig Jahre danach - Der Anschluss von innen und außen gesehen. Europaverlag: Wien, Zürich 1989

In seinem Text „War der ,Anschluss' erzwungen?“ von 1988 diskutierte der Historiker Gerhard Botz die verschiedenen Betrachtungsweisen der Ereignisse im März 1938 und ihre jeweilige Funktion in der Geschichtspolitik der Zweiten Republik. Im Zentrum steht die 1988 intensiv diskutierte Frage, ob der „Anschluss“ im Sinne der Opferthese wirklich erzwungen war, oder von der Mehrheit der österreichischen Bevölkerung begrüßt wurde. Die These vom „Anschluss“ von außen, von innen und von unten kann als nach wie vor gültige wissenschaftliche Position zur Beurteilung des „Anschluss“- Geschehens betrachtet werden.

Zwei Webseiten des DHM:
Der "Anschluss" Österreichs 1933-1939
Österreich 1938-1945
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Quelle: DHM1 und DHM2

Das Deutsche Historische Museum repräsentiert die staatsoffizielle Erinnerung der Bundesrepublik Deutschland. Im Gegensatz zu Österreich gibt es dort seit vielen Jahren Museumsinfrastruktur und Installationen, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und ihrer Bedeutung für die Geschichte und Gegenwart des heutigen Staats befassen. Diese Perspektive auf die Ereignisse vom März 1938 führt zu Erzählungen, die von den in Österreich verbreiteten gegebenenfalls abweichen, obwohl der selbe Gegenstand besprochen wird.

APA-Interview mit Zeithistoriker Oliver Rathkolb, 7. Februar 2013
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Quelle: APA

Anfang Februar 2013 führte die Presseagentur APA ein Interview mit dem bekannten Zeithistoriker Oliver Rathkolb. Im Gespräch geht es um Bedeutung und Gewicht der Erinnerung an den "Anschluss" und ihre Verschiebungen seit dem Ende des Nationalsozialismus. Auch der Begriff "Anschluss" selbst wird erläutert. Obwohl auf aktuelle Entwicklungen und Forschungsvorhaben der Zeitgeschichte eingegangen wird, kommt der Anlass für das Interview selbst, der 75. Jahrestag des "Anschlusses" nicht als Thema vor.

 

 

profil: Die NS-Geschichte der Akademie der Wissenschaften
Marianne Enigl, Christa Zöchling, 9. Februar 2013
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Quelle: profil

2013, zum 75. Jahrestag des „Anschlusses“, publizierten ForscherInnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erstmals eine Studie zur nationalsozialistischen Vergangenheit der Akademie. Diese Studie legt die Durchdringung höchster wissen- schaftlicher Institutionen und Ränge durch National- sozialisten, schon vor dem „Anschluss“, und deren unbehelligtes Leben nach 1945 offen.
Während die wissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit österreichischen national- sozialistischen Tätern und mit der personellen Kontinuität in vielen öffentlichen Institutionen nach 1945 erst in den letzten Jahren aufgegriffen wurde, war die tiefe Verstrickung bereits vor 1938 überzeugter österreichischer Nationalsozialisten mit Einrichtungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen bis zuletzt ein wenig beachtetes Thema. Auch für die Selbsterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften brauchte es einen runden Jahrestag, um Zustandekommen und Öffentlichkeit für das Vorhaben zu sichern. Dieser Artikel aus der Zeitschrift profil schildert Kernaussagen der Studie und Biographien vieler national- sozialistisch belasteter Akademieangehöriger bzw. von vom Nationalsozialismus verfolgten WissenschafterInnen.

Portisch erzählt Österreichs Geschichte neu
21. Jänner 2013
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Quelle: derStandard.at

In den späten 1980er-Jahren produzierten Hugo Portisch und Sepp Riff unter dem Namen Österreich I eine Dokumentationsreihe über die Erste Republik, die im ORF ausgestrahlt wurde und, wie schon Österreich II, zuvor zu einem Standardwerk in breitenwirksamen Geschichts- vermittlung wurde. Österreich I beginnt mit dem Ende der Habsburgermonarchie und endet mit der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich.  Anders als vergleichbare Formate wurde die Reihe im Jahr 2013 anlässlich des 75. Jahrestags des „Anschlusses“ neu bearbeitet ausgestrahlt. Dabei wurde das Bildmaterial nur neu verarbeitet, der Kommentar dazu aber neu geschrieben. Damit wurde neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung getragen. derStandard.at brachte die Ankündigung der Neuauflage mit der im Jänner 2013 aktuellen Debatte um die Wehrpflicht in Verbindung, wie auch in vergangenen Diskussionen zur Wehrpflicht das Ende der Demokratie in der Ersten Republik zum Fluchtpunkt geworden war.

 

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