zur normalen Ansicht

Bildstrategien > Wirtschaft 

 

Wir werden die Kaufkraft stärken
Wir werden die Kaufkraft stärken
Wahlplakat der ÖVP für die Nationalratswahl vom 10. Oktober 1971.
Quelle: VGA/Sammlung Kunisch

Den Wahlkampf 1971 dominierten die Themen Zukunft, Fortschritt und Modernisierung, wobei speziell die ÖVP das Thema Wirtschaft auch stark thematisierte. Die ÖVP will im vorliegenden Plakat Wirtschaftskompetenz signalisieren und ein positives zukunftsorientiertes Image kommunizieren:

Der Slogan "Wir werden die Kaufkraft stärken" kommuniziert das wirtschaftspolitische Ziel der Partei. Dieser Slogan war Teil der "107 Vorschläge für Österreich", welche die ÖVP im Wahlkampf 1971 propagierte. Diese "107 Vorschläge" wurden auf verschiedene Weise per Plakat an die breite Masse vermittelt, ein Beispiel hierfür ist das abgebildete Bildplakat, das eine "gute Zukunft" versinnbildlichen soll. Mit dem "107 Vorschlägen für Österreich" hatte die ÖVP eine Reihe von Politikvorschlägen - wohl auch in Anlehnung an die "Reformprogramme für ein modernes Österreich" der SPÖ aus den Jahren 1966 bis 1970 - entwickelt.

Der Slogan wird durch das Bild einer belebten Einkaufsstraße voller PassantInnen verdeutlicht. Das Bild signalisiert, dass die ÖVP sich als die Partei für die gesamte Bevölkerung präsentieren will. Das Plakat ist damit Beispiel für die positive Imagewerbung der ÖVP ab den frühen 1970-er Jahren. Mit dieser Bild-Ästhetik werden die Werte Fortschritt, Dynamik und Veränderung visualisiert. Dieser Wandel in der Plakatgestaltung ist Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels hin zu einer Konsumgesellschaft mit steigendem Wohlstand. Das Bild steht auch für Modernisierung. Die Wörter "modern" oder "fortschrittlich" fehlen aber. Das Logo scheint durch sein rot-weiß-rotes "V" wie ein Band die Initialen "Ö" (Österreich) und "P" (Partei) zu verbinden. Es bringt damit eine Gleichsetzung von Parteizielsetzung und Österreichpolitik zum Ausdruck.

Der Grund, warum die ÖVP gewählt werden soll, wird nicht nur im Slogan, sondern auch im Text unter dem ÖVP-Logo genannt: "Wir lösen Probleme. Wir wirtschaften besser", was sich gegen die Regierungspartei SPÖ wendet. Schon der Slogan mit der Stärkung der Kaufkraft symbolisiert einen Regierungsanspruch, da ein solches Unterfangen von der Oppositionsbank aus nicht realisierbar ist. Der Logo-Zusatz "Wir lösen Probleme. Wir wirtschaften besser" war auf allen Plakaten vertreten und zeigt die enorme Bedeutung des Themas Wirtschaft auf den Wahlplakaten der ÖVP.

Zur Nationalratswahl vom 10. Oktober 1971:

Bei der Nationalratswahl vom 10. Oktober 1971 kandidierten insgesamt fünf Parteien: SPÖ, ÖVP, FPÖ, KPÖ und die Offensive Links. Von diesen Parteien schafften bis auf die KPÖ und die Offensive Links alle Parteien den Einzug in den Nationalrat. Zur stimmenstärksten Partei wurde die SPÖ mit 2,280.168 bzw. 50% der abgegebenen Stimmen, während die ÖVP 1,964.713 bzw. 43,1% der abgegebenen Stimmen und die FPÖ 248.473 bzw. 5,5% der abgegebenen Stimmen erreichte. Der SPÖ gelang es somit erstmals die absolute Mandatsmehrheit zu erreichen. Sie erzielte 93 Mandate, die ÖVP 80 Mandate und die FPÖ 10 Mandate.

Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass die Nationalratswahl 1971 auf Basis des 1970 geänderten Wahlrechts durchgeführt wurde. Dieses verstärkte die Proportionalität von Stimmen und Mandaten und entsprach damit einer langjährigen Forderung von SPÖ und FPÖ, die aufgrund der Zusicherung der Wahlrechtsreform auch die Minderheitsregierung Kreisky - hinsichtlich der Verabschiedung ihres Budgets - unterstützt hatte. Neuerungen der Wahlrechtsreform 1970 waren: Die Erhöhung der Abgeordneten von 165 auf 183; die Einführung eines Vorzugstimmenwahlrechts, im ersten Ermittlungsverfahren werden die Stimmen in neun und nicht mehr 25 Wahlkreisen (System Hare), im zweiten Ermittlungsverfahren in zwei anstatt vier Wahlkreisverbänden (Methode d`Hondt) vergeben, Bedingung für die Teilnahme am zweiten Wahlverfahren ist die Erlangung eines Grundmandats, die Einführung eines Vorzugstimmenwahlrechts.

Maßgeblich für den Wahlerfolg der SPÖ mit Kreisky war ihr modernes Erscheinungsbild, an dem sie kontinuierlich seit ihrer Wahlniederlage 1966 gearbeitet hatte und die im Wahlkampf 1970 in der Verwendung eines neuen SPÖ-Logos mündete, ihre Öffnung zur Catch-all-Party (das gilt bereits für 1970), die Reformleistungen der Minderheitsregierung Kreisky (kleine Strafrechtsreform, "sechs Monate sind genug" etc.), diverse "Wahlzuckerl" (wie etwa 15.000 Schilling Heiratsgeld) sowie die Führungskrise der ÖVP, die durch den Rücktritt von Josef Klaus nach der Nationalratswahl 1970 ausgelöst worden war.

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org