zur normalen Ansicht

Bildstrategien > Soziales 

 

150.000 Arbeitslose
150.000 Arbeitslose
Wahlplakat der ÖVP für die Nationalratswahl vom 23. November 1986.
Quelle: VGA/Sammlung Kunisch

Im Zentrum des ÖVP-Wahlkampfs 1986 standen wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Fragen angesichts einer steigenden Arbeitslosigkeit und den deutlich sichtbaren Strukturschwächen in der Verstaatlichten Industrie. Das wirtschaftspolitische Konzept des Austrokeynesianismus, wonach für eine Beibehaltung der Vollbeschäftigung notfalls auch eine stärkere Verschuldung des Staates in Kauf genommen wird, hatte - so die ÖVP-Argumentation - nicht zuletzt angesichts steigender Arbeitslosenzahlen ausgedient: 1986 waren 152.000 ÖsterreicherInnen als arbeitslos gemeldet. Damit hatte sich die Quote von 4,5% im Jahre 1983 auf 5,2 % im Jahre 1986 erhöht (Quelle: HHSV, AMS, April 2006).

Die ÖVP präsentierte sich daher als die bessere Alternative für die Zukunft. Sie zeichnete ein Selbstbild einer dynamischen, veränderungswilligen Partei, die im Gegensatz zur SPÖ-Regierung fortschrittlich die Notwendigkeiten der Zeit erkannt hat. Wie auf dem Plakat ersichtlich, wertet sie ihre Position durch gleichzeitige Abwertung des politischen Gegners auf. Dieser Rückgriff auf die "Feindbildstrategie" steht im Bruch zu den positiv gestalteten Plakaten der 1970-er Jahre.

Das Plakat kommuniziert, dass eine Verbesserung der Lage Österreichs überfällig ist. Die Platzierung des Slogans benennt indirekt den Schuldigen an der gestiegenen Arbeitslosigkeit ("150.000 Arbeitslose; 16 Jahre SPÖ-Regierung sind genug!").

Ins Auge springt neben der Platzierung des Slogans auch die Farbgebung: Die hohe Kontrastwirkung von Schwarz, Gelb und Rot lenkt die Aufmerksamkeit der BetrachterInnen auf das Plakat. Die Reihenfolge der drei verschiedenen Schrifttypen und die knappen Abstände der Slogans geben der Plakatwirkung eine zusätzliche Spannung. Gleichzeitig teilen sie die Plakatfläche optisch wie semantisch in zwei Seiten:

Die obere Hälfte des Plakats erinnert an die Graffiti-Ästhethik der 1980-er Jahre, wie sie beispielsweise auch das Cover einer Platte der Punk-Gruppe Sex Pistols ("Never mind the bollocks", 1977) dominiert: Holprige Schriftarten und der Einsatz verschiedener Farben erzeugen optisch den Eindruck von Chaos, Unordnung und Anarchie. In der zweiten Hälfte des Plakats ist die Anordnung dagegen einheitlich: Der Schriftzug "Höchste Zeit für bessere Zeiten" und das neue Logo der ÖVP werden im selben Schrifttyp gestaltet. Das sprachliche Symbol der "besseren Zeiten" verbindet die Begriffe Zukunft, Veränderung und Verbesserung mit dem Appell, ÖVP zu wählen. Die Länge dieses Slogans ist für das Merkvermögen der BetrachterInnen ideal: Fünf Worte maximieren die Wirkung.

Das somit präsentierte Image der ÖVP als ordnende Kraft wird nicht nur durch den Gegensatz der Schrifttypen, sondern vor allem durch das neue Logo - die relativ große, staatstragende rot-weiß-rote Flagge - zusätzlich betont.

Zur Nationalratswahl vom 23. November 1986:

Bei den Nationalratswahlen vom 23. November 1986 kandidierten folgende Parteien: SPÖ, ÖVP, FPÖ, KPÖ, Die Grüne Alternative - Liste Freda Meissner-Blau, Die Grünalternativen - Demokratische Liste, Kärntner Grüne - VGÖ - VÖGA - Unabhängige Gemeinderäte, Aktionsliste "Mir reicht`s!". Den Einzug in den Nationalrat schafften vier Parteien: SPÖ, ÖVP, FPÖ und GAL.

Die SPÖ erreichte 2,092.024 bzw. 43,1% der abgegebenen Stimmen (80 Mandate), die ÖVP 2,003.663 bzw. 41,3% der abgegebenen Stimmen (77 Mandate), FPÖ 472.205 bzw. 9,7% der abgegebenen Stimmen (18 Mandate), die GAL 234.028 bzw. 4,8 % der abgegebenen Stimmen (8 Mandate).

Die SPÖ verlor somit im Vergleich zur vorhergehenden Nationalratswahl erneut an Stimmen. Maßgeblich für die Abhaltung der Wahl war die Aufkündigung der Kleinen Koalition durch Bundeskanzler Vranitzky, nachdem Jörg Haider auf dem Innsbrucker Parteitag im September zum neuen FPÖ-Obmann gewählt worden war. Bundeskanzler Fred Sinowatz war bereits im Juni 1986 nach der Wahl von Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten zurückgetreten. Die Koalitionsverhandlungen nach der Wahl vom 23. November 1986 führten im Jänner 1987 zur Bildung einer neuerlichen Großen Koalition unter Bundeskanzler Franz Vranitzky und Vizekanzler Alois Mock.

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org