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Vom Bauernsohn zum Staatskanzler
Vom Bauernsohn zum Staatskanzler
Wahlplakat der SPÖ für die Nationalratswahl vom 25. November 1945
Quelle: Wiener Stadt- und Landesbibliothek
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Zu Beginn der Zweiten Republik spielte die Personalisierung in der Wahlkampfwerbung der Parteien im Vergleich zu heute ein bescheidene Rolle, erst ab Mitte der 1950-er Jahre und dann v.a. ab den 1970-er Jahren nahm ihre Bedeutung zu.

1945 plakatiert die SPÖ nur in geringem Umfang führende Funktionäre - darunter Karl Renner, Adolf Schärf oder Theodor Körner - und verwies hier einerseits auf ihre Rolle bei der Staatsgründung 1918 (Renner) oder darauf, dass ihre Funktionäre vom Nationalsozialismus verfolgt wurden (Gestapo-Häftling Theodor Körner).

Das abgebildete Plakat zeigt Karl Renner mit dem Verweis "Vom Bauernsohn zum Staatskanzler. Dr. Karl Renner. Zum zweiten Male Baumeister der Republik Österreich." Verwiesen wird einerseits darauf, dass in der SPÖ ein sozialer Aufstieg möglich ist - wobei mit dem Verweis auf die bäuerliche Herkunft Renners auch WählerInnen abseits der traditionellen Zielgruppe der SPÖ, der ArbeiterInnen, angesprochen werden sollten, sich die SPÖ also als Integrationspartei zeigte. Andererseits wird mit dem Verweis "zum zweiten Male Baumeister der Republik Österreich" (vgl. hierzu auch das Plakat "Wie 1918" in der Kategorie "Österreich") auf die Rolle der SPÖ bei der Republiksgründung 1918 und 1945 und hier insbesondere auf jene Karl Renners angesprochen, der sowohl der erste Staatskanzler der Ersten als auch der Zweiten Republik war.

Zu Karl Renner:

Karl Renner wurde 1870 in Unter-Tannowitz (Tschechische Republik) geboren. Er entstammte einer verarmten Bauernfamilie, studierte an der Wiener Universität Rechtwissenschaft, bekam 1895 einen Posten in der Reichsratsbibliothek in Wien und zog 1907 für die SDAP in den Abgeordnetenkammer der Reichtstages ein. Gleichzeitig war Renner (oft unter dem Pseudonym Springer) publizistisch tätig und beschäftigte sich neben sozialökonomischen Themen mit Fragen des Vielvölkerstaates, der Struktur der Donaumonarchie und der Nationalitätenfrage. Renner war von 1918-20 Staatskanzler der Ersten Republik, 1918-19 Mitglied der Provisorischen Nationalversammlung und 1919-20 Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung. Er war der Schöpfer der Provisorischen Verfassung, der Wahlordnung und grundlegender Gesetze sowie Leiter der österreichischen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Saint-Germain. Von 1930-34 war er Abgeordneter zum Nationalrat und von 1931-33 dessen Erster Präsident. 1934 war Renner kurz in Haft, danach zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Bei der Volksabstimmung 1938 trat Renner, der bereits nach 1918 einen Anschluss an Deutschland befürwortet hatte, für einen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ein und begrüßte auch die Annexion der sudetendeutschen Gebiete im Herbst dieses Jahres. Die Kriegsjahre verbrachte Renner in Gloggnitz (Niederösterreich) mit rechtswissenschaftlichen und soziologischen sowie schriftstellerischen Arbeiten. Im April 1945 wurde Renner von der sowjetischen Besatzungsmacht, nachdem er sich Stalin diesbezüglich anerboten hatte ("lieber, großer Genosse Stalin"), zum Staatskanzler einer provisorischen Staatsregierung aus SPÖ, ÖVP und KPÖ ernannt, die im Sommer von den Westalliierten anerkannt wurde. Nach den ersten freien Wahlen in Österreich am 25. November 1945 wurde Renner durch die Bundesversammlung zum ersten Bundespräsidenten der 2. Republik gewählt und blieb dies bis zu seinem Tod Ende 1950.

(Quellen: http://www.wienerzeitung.at/linkmap/personen/renner.htm, 14.7.2006, http://www.aeiou.at,14.7.2006, http://www.parlinkom.gv.at, 14.7.2006; Herbert Dachs u.a. (Hg.), Die Politiker. Karrieren und Wirken bedeutender Repräsentanten der Zweiten Republik, Wien 1995.)

Zur Nationalratswahl vom 25. November 1945:

Bei den ersten freien Nationalratswahlen nach dem Ende des austrofaschistischen und nationalsozialistischen Regimes kandidierten mit Zustimmung der Alliierten vier Parteien: ÖVP, SPÖ, KPÖ und die Demokratische Partei Österreichs. Durchgeführt wurden die Wahlen vom 25. November 1945 aufgrund eines eigenen Wahlgesetzes, das ehemalige NationalsozialistInnen oder Mitglieder der NS-Wehrverbände - insgesamt rund 500.000 Personen - vom Wahlrecht ausschloss. Das Wahlergebnis, das vorwiegend von den Frauen bestimmt war - sie stellten mit rund 63% die Mehrheit der WählerInnen - machte die ÖVP zur stimmenstärksten Partei; die KPÖ schnitt deutlich schlechter ab, als sie es erwartet bzw. Teile der österreichischen Bevölkerung und der westlichen Alliierten befürchtet hatten.

Konkret verteilten sich die abgegebenen Stimmen folgendermaßen auf die kandidierenden Parteien: die ÖVP erreichte 1,602.227 oder 49,8% der abgegebenen Stimmen, die SPÖ erreichte 1,434.898 oder 44,6% der abgegebenen Stimmen, die KPÖ 174.257 oder 5,4% der abgegebenen Stimmen, die Demokratische Partei Österreichs 5.972 oder 0,2% der abgegebenen Stimmen.

Den Einzug in den Nationalrat schafften ÖVP (85 Mandate), SPÖ (76 Mandate) und KPÖ (4 Mandate), die eine Konzentrationsregierung bildeten, um die drängenden Probleme - Wiederaufbau von Wirtschaft, Demokratie, Verwaltung - zu lösen. Gleichzeitig bildete die alliierte Besatzung und das Streben um eine staatliche Souveränität ein starkes Motiv für die Zusammenarbeit. Politisch entscheidend war aber auch eine prinzipielle Konsensbereitschaft der Parteieliten, die auf die Entwicklung der Ersten Republik zurückzuführen war. "Nie wieder Bürgerkrieg" war eine Lektion, die von allen gelernt worden war. Ihr Ende fand die Konzentrationsregierung mit dem Ausscheiden des kommunistischen Ministers Karl Altmann im November 1947, worauf SPÖ und ÖVP eine große Koalition bildeten.

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