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Österreich im Wahlkampf
Der Österreichbezug zählt zu den wichtigsten Themen der Nationalratswahlen seit 1945. Während die ÖVP bereits bei den ersten Wahlen 1945 sowohl auf bildlicher als auch auf textlicher Ebene stark auf das Österreich-Thema setzte und sich – auch angesichts der Geschichte der Ersten Republik und der ihrer Vorläuferpartei, der Christlichsozialen Partei – die Identität einer "Österreich-Partei" gab, taucht der Österreich-Bezug bei der SPÖ erst allmählich (ab den späten 1950-er Jahren) auf ihren Wahlplakaten auf.

Wesentlich ist dabei, dass dem zeitlichen Narrativ (Utopie/Vision) in der Identitätskonstruktion von Linksparteien traditionell eine große Bedeutung zukommt, während ein räumliches Narrativ typisch für traditionalistisch-konservative Parteien ist. Gleichzeitig spielte der Internationalismus in der Geschichte der Sozialdemokratie, auch der österreichischen, traditionell eine große Rolle. Der Kampf um soziale Verbesserungen wurde besonders in der Frühgeschichte der Arbeiterbewegung als Länder übergreifendes Ziel gesehen. 1918, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, dem Zerfall der Vielvölkermonarchie und der Reduktion Österreichs auf einen Kleinstaat, glaubte nicht nur die SDAP – aber auch sie – nicht an das Überleben des neuen "Rumpfstaates" und plädierte für einen "Anschluss" an Deutschland. Das Bekenntnis zu einem eigenständigen österreichischen Staat, einer "österreichischen Nation" – wie er erstmals deutlich von der KPÖ bzw. ihrem Theoretiker Alfred Klahr formuliert worden war – setzte sich in der Partei, im Widerstand oder Exil, unter dem Eindruck des Nationalsozialismus erst im Laufe der Jahre 1938 bis 1945 durch, auch wenn die Partei nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland 1933 den "Anschluss"- Wunsch aus ihrem Parteiprogramm eliminiert hatte. 1945 legte die SPÖ (wie auch die anderen Parteien) ein "deklamatorisches Österreichbekenntnis" ab.

Das sich entwickelnde Österreichbewusstsein auf Seiten der SPÖ sollte allerdings keinerlei ältere Bestandteile in sich tragen: Die Mythologie der österreichischen Nation nach dem Wunsch der SPÖ sollte ausschließlich republikanisch fundiert sein – daher war die ältere Geschichte Österreichs (vor 1918) als Begründungsfundus dafür ungeeignet. Die Bezugspunkte, die die SPÖ 1945 in ihrer Identitätskonstruktion wählte, waren das Jahr 1918 und die Republikgründung, nicht jedoch die Farben Rot-Weiß-Rot, die aus einer vorrepublikanischen Zeit stammen. Diese wurden erst zu einem zentralen Bestandteil im Selbstbild und der Imagewerbung der SPÖ, als diese die alleinige Regierungsverantwortung in Österreich innehatte, womit sie mit der ÖVP in eine Konkurrenz um das Rot-Weiß-Rot-Thema trat, wovon die Wahlplakate der folgenden Jahre zeugen.

Österreich wurde aber nicht nur von den beiden "großen Parteien" als Wahlkampf-Thema verwendet, auch die "kleineren Parteien" porträtierten sich als Österreich bezogene, Österreich verpflichtete, im Dienste Österreichs oder der ÖstereicherInnen stehende Parteien. Auffallend ist dabei hinsichtlich der FPÖ, dass sie – und dies v.a. in den 1990-er Jahren – ihren Österreich-Bezug v.a. als Solidarität mit den ÖsterreicherInnen ausdrückte – dargestellt etwa in Plakatserien, die Jörg Haider mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen zeigen –, während sie MigrantInnen gleichzeitig aus dieser Solidarität ausklammerte. Bei den Grünen ist wesentlich, dass diese das Österreich-Thema lange aus ihren Plakatwahlkämpfen ausklammerten und erst 2002 Österreich zu einem Thema – jetzt allerdings in dominierender Form – machten, indem sie "Österreich braucht jetzt die Grünen" plakatierten.

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