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Das Wahlplakat als zeitgeschichtliche Quelle

Wahlplakate stellen eine zentrale zeitgeschichtliche Quelle dar. Sie sind ein verlässliches und verdichtetes Spiegelbild der politischen Ereignisse, berichten vom Informationsbedürfnis ihrer Zeit und repräsentieren wichtige Stationen in der Geschichte eines Landes. Sie erinnern an die Höhen und Tiefen der Parteien im Wandel der Zeit, an die bedeutendsten Persönlichkeiten sowie die wichtigsten politischen und programmatischen Inhalte der Parteien und sind somit enorm aufschlussreich für die politische Kultur eines Landes. Um sie als historische Quelle "lesen" bzw. auswerten zu können, ist jedoch ein Bündel an Hintergrundinformationen über Wahlkämpfe allgemein, das Medium Wahlplakat, seine Bedeutung im modernen Medienmix und die Funktionen des Wahlplakats im Wandel der Zeit erforderlich.

Wahlkämpfe

Wahlkämpfe sind unabdingbare Bestandteile einer demokratischen Ordnung. Sie stellen ein zentrales und konstitutives Element des demokratischen Prozesses dar. Das Volk, der Souverän, entscheidet über konkrete Sachfragen, über Parteien und Personen als die VolksvertreterInnen in modernen repräsentativen Demokratien. Wahlkämpfe legen die Positionen und Programme konkurrierender Gruppen und Personen, was sie zu leisten gedenken oder die Bilanzen ihrer Arbeit offen.

Die Bedeutung von Wahlen geht jedoch weit über diese "technische Funktion" der Bestellung von politischen Körperschaften oder AmtsinhaberInnen, Elitenrekrutierung, die Legitimation des politischen Systems bzw. einzelner AkteurInnen hinaus. Wahlkämpfe legen wichtige politische Konfliktlagen und genuine mentalitätsgeschichtliche Aspekte der Gesellschaft oder einzelner adressierter Teilgruppen offen und sind somit äußerst aufschlussreich für den Gesamtzustand eines politischen Systems. Sie prägen wesentlich den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung und formen im zeitlichen Verlauf kontinuierlich das politische Bewusstsein.

Wahlkämpfe als Medieninszenierungen

Wahlkämpfe sind in modernen Gesellschaften zu Medieninszenierungen geworden: Politik findet in in den Medien statt. Was nicht in die Medien Eingang findet, bleibt unbeachtet, bekommt keine Relevanz, ist nicht "real". Das Erscheinen in den Medien, die Häufigkeit der Nennung, die Art und Weise der medialen Präsentation sind daher zu Wahl entscheidenden Fragen geworden.

Das Wahlplakat im Medienmix

Während im Zuge einer sich immer stärker differenzierenden Medienumgebung im Laufe der Jahre sukzessive weitere für den Wahlkampf bedeutende Medien hinzukamen – zu verweisen ist hier v. a. auf die Bedeutung des Fernsehens ab 1970 sowie in letzter Zeit auf jene des Internets – stellt der "Medienklassiker Wahlplakat" ein für die gesamte Zweite Republik konstitutives Element des politischen Wettbewerbs dar.

Seine Bedeutung ist insbesondere für Österreich, das traditionellerweise – und dies besonders in Wahlkampfzeiten – zu den plakatreichsten Ländern Europas zählt, nicht zu unterschätzen. Zwar gaben in einer Meinungsumfrage zur Nationalratswahl 1999 nur 3% der Befragten an, dass Plakate ihre Wahlentscheidung "stark beeinflusst hätten" gleichzeitig hat eine Analyse ergeben, dass die Reichweite des Plakats rund 87% betrug. Übertroffen wurde das Wahlplakat 1999 nur mehr von der Fernsehberichterstattung mit 89%. 1962 erreichte das Plakat eine Reichweite von 76%, während jene der Fernsehberichterstattung bei 23% lag (Vgl. hierzu: Ulram, Die Parteien in der medialen Wahlkampfarena, 125; Plasser / Ulram / Sommer, Do Campaigns Matter?, 144)

Die große Bedeutung des Wahlplakats im Medienmix resultiert somit aus seiner großen Reichweite; aber auch aus seiner langen Affichierungsdauer im Gegensatz zu singulären Pressemeldungen oder TV-Werbespots. Es ist daher seine "visuelle Omnipräsenz", die dem Wahlplakat eine besondere Bedeutung unter den Wahlkampfmedien verleiht und es ihm ermöglicht, verschiedene Funktionen im Wahlkampf zu erfüllen.

Funktionen des Wahlplakats

Die Funktionen, die das Wahlplakat im historischen Verlauf erfüllt hat und erfüllt, sind verschieden: Zu den primären Aufgaben von Wahlplakaten zählt, dass sie das Ereignis Wahl bewerben, sie also das Nahen von Wahlen ankündigen (Aktivierungsmedium). Wahlplakate bewerben eine Partei, eine Person, ein Thema, zeigen "wofür" oder "wogegen" eine Partei steht, dienen als Motivationshilfe für ParteimitarbeiterInnen und FunktionärInnen, sollen politische MitbewerberInnen oder GegnerInnen einschüchtern und demotivieren (Integrations- und Identifikationsfunktion) und v.a. die WählerInnen in ihrem Handeln beeinflussen.

Mit ihrem Bilderreichtum und ihren oft knappen Slogans dienen sie jedoch weniger der Informationsvermittlung als der Meinungsbildung bzw. -verstärkung (Verstärkungsmedium) und dem Imageaufbau und -transfer. Wahlplakate nützen den öffentlichen Raum als Meinungs- und Kontaktmultiplikator und sind v. a. durch ihre lange Affichierungsdauer ein geeigneter Meinungs- und Imageverstärker sowie ein effizientes Mittel der politischen Positionierung, Beeinflussung sowie ein Instrument zur Realitätskonstruktion.

Aber auch der Umstand, dass Bilder, egal ob im TV oder auf Plakaten, glaubwürdiger als Worte Emotionen transportieren, macht Plakate zu einem geeigneten "Imageträger".

Wahlplakate heute

Wenn heute auch nur ein geringer Anteil der WählerInnen angibt, dass Wahlplakate ihre Wahlentscheidung manifest beeinflussen, so bestimmen Wahlplakate über den Faktor Image die Wahlentscheidung der WählerInnen auf einer sublimeren, unbewussteren Ebene doch deutlich mit. Dies macht das Wahlplakat mit seiner langen Geschichte und angesichts einer zunehmenden Medienvielfalt auch heute noch zu einem wesentlichen Wahlkampfmittel, auf das keine Partei im Wahlkampf verzichten kann – bedeutet der Verzicht auf Wahlplakate doch auch ein Nichtvorhandensein, eine fehlende Präsenz im Stadtbild bzw. die Überlassung des öffentlichen Raumes an die politischen MitbewerberInnen.

Literatur: Ulram, Peter A., Die Parteien in der medialen Wahlkampfarena, in: Panagl, Oswald / Kriechbaumer, Robert (Hg.), Wahlkämpfe. Sprache und Politik, Wien/Köln/Weimar 2002, 113-127; Plasser, Fritz / Ulram, Peter A. / Sommer, Franz, Do Campaigns Matter? Massenmedien und Wahlentscheidung im Nationalratswahlkampf 1999, in: Plasser, Fritz / Ulram, Peter A. / Sommer, Franz (Hg.), Das österreichische Wahlverhalten, Wien 2000, 141-173; Moser, Rufe auf Papier, www.modernpolitics.at/text.php [8.6.2005]; Ikonographie und Narrative von Wahlplakaten (ÖNB-Jubiläumsfondsprojekt Nr. 10319, Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Günther Burkert-Dottolo), Wien 2004 sowie zum politischen Wahlplakat allgemein: Kämpfer, Frank, "Der rote Keil". Das politische Plakat. Theorie und Geschichte, Berlin 1985.


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