zur normalen Ansicht

Bildstrategien Zusatz > Bildstrategien Liste 

Unser Kamitz, der hält, der hält

Quelle: Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Plakatsammlung

Wahlplakat der ÖVP für die Nationalratswahl vom 22. Februar 1953.

Die Stabilität der Währung und die Wirtschaftspolitik waren zentrale Themen der ÖVP im Wahlkampf von 1953. Anfang der 1950-er Jahre gab es Inflation, also eine Entwertung der Währung: Die Preise stiegen schneller an als die Löhne, man konnte sich um sein Geld also weniger kaufen. Um die Geldentwertung zu stoppen und das Budget ausgeglichen zu halten, kürzte die ÖVP-SPÖ-Regierung die Staatsausgaben und erhöhte die Steuerquote. Vereinbarte Budgetkürzungen unter der Führung des damaligen Finanzministers Reinhard Kamitz wollte der Koalitionspartner SPÖ aber nicht mitragen, es kam daraufhin 1953 zu Neuwahlen.

Auf dem abgebildeten Plakat stilisiert die ÖVP die Bekämpfung der Inflation zu einem Fußballmatch um: Der rote "Inflationsball" wird von der gegnerischen Mannschaft, die rote Dressen mit dem Schriftzug "SP" trägt, in Richtung Tor gespielt: Ein Spieler versucht gerade, den Ball per Kopf ins gegnerische Tor zu befördern. Doch der Torwart springt höher als der SP-Stürmer und hält den Ball. Der Slogan "Unser Kamitz der hält, der hält" benennt den dynamischen Torwart: Es ist Finanzminister Reinhard Kamitz, der mit seiner Politik die Inflation abfängt. Der Slogan ist analog zu einem damals populären Schlager "Der Theodor im Fußballtor", interpretiert von Theo Lingen ("Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns mit Fußballtor, wie der Ball auch rollt, wie der Schuss auch fällt, der Theodor, der hält..."), gestaltet.

Finanzminister Kamitz wird als Wächter über die Währungsstabilität inszeniert: Er spielt in diesem Fußballmatch nicht nur auf Seiten der ÖVP gegen die Mannschaft der SPÖ, sondern setzt sich mit seiner Parade auch für das Wohlergehen Österreichs ein: Auf seinem Dress fehlt ein Logo der ÖVP, stattdessen trägt er Stutzen mit einem rot-weiß-roten Rand. Nicht nur der Einsatz der "Nationalfarben" Rot-Weiß-Rot unterstreicht die Konnotation von Kamitz und der ÖVP mit Österreich: Auch das Wort ?Unser? im Slogan suggeriert ein Naheverhältnis zu Kamitz, der zum Wohlergehen Österreichs den Inflationsball abfängt. Zudem wird Sportlern generell ein sehr positives Image von Ehrlichkeit, hartem Einsatz, Fleiß, Disziplin und ein gewisses Heldentum zugeschrieben. Diese Attribute werden in der Plakatdarstellung nun auf Kamitz umgemünzt.

Der Appell an die potentiellen WählerInnen, ÖVP zu wählen, ergibt sich aus dem Zusammenwirken von Slogan und Bild. Während die bildliche Darstellung verdeutlicht, dass nur die ÖVP-Politik eine Inflation verhindern kann, liefert die Textbotschaft ("daher wähle am 22. Feber österreichische Volkspartei") jene Schlussfolgerung, die die WählerInnen ziehen sollen: bei der Nationalratswahl am 22. Februar 1953 die ÖVP zu wählen.

Nicht unwesentlich hinsichtlich der Wahl des Fußball-Motivs beim abgebildeten Plakat ist auch der Umstand, dass Fußball Anfang der 1950-er Jahre - besonders auch aufgrund der internationalen Erfolge der österreichischen Nationalmannschaft - sehr beliebt war: Österreichs Fußballteam konnte 1954 bei der Weltmeisterschaft den dritten Platz erreichen. Mit dieser Plakatgestaltung konnte die ÖVP somit an das erfolgreiche Image der österreichischen Sportler anschließen.

Zur Nationalratswahl vom 22. Februar 1953:

Bei der Nationalratswahl vom 22. Februar 1953 kandidierten folgende Parteien: ÖVP, SPÖ, Bund österreichischer Monarchisten, Christlichdemokratische Partei (Krscanska demokratska stranka), Christlichsoziale Partei und Parteifreie Persönlichkeiten, Österreichische National-Republikaner und Parteilose, Österreichische Patriotische Union, Überparteiliche Einigung der Mitte, Wahlgemeinschaft parteiloser Persönlichkeiten, Wahlgemeinschaft Österreichische Volksopposition, Wahlpartei der Unabhängigen.

Den Einzug in den Nationalrat schafften ÖVP (1,781.777 Stimmen oder 41,3% der abgegebenen Stimmen bzw. 74 Mandate), SPÖ (1,818.517 Stimmen oder 42,1% der abgegebenen Stimme bzw. 73 Mandate), die Wahlgemeinschaft Österreichische Volksopposition, die Nachfolgerin des Linsblocks bestehend aus KPÖ und Linkssozialisten (228.159 oder 5,3% der abgegebenen Stimmen bzw. 4 Mandate) und die Wahlpartei der Unabhängigen (472.866 Stimmen oder 10,9% der abgegebenen Stimmen bzw. 14 Mandate). Stimmenstärkste Partei wurde die SPÖ, die aufgrund des bestehenden Wahlrechts jedoch ein Mandat weniger als die ÖVP erlangte.

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org