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Identitäten

"Die Europäische Union hat sich als politisches Projekt entwickelt, jedoch nicht Eingang in die Herzen und Köpfe der Menschen gefunden." Mit diesen Worten charakterisierte Margot Wallström, Vizepräsidentin der EU-Kommission, am 1. Februar 2006 anlässlich der Präsentation des Weißbuchs zur europäischen Kommunikationspolitik die Frage nach der Entwicklung einer "europäischen Identität." (Quelle: www.europa-digital.de)

In der Tat wurde im Rahmen des Entstehungsprozesses der Europäischen Union die Frage nationaler wie europäischer Zugehörigkeit in einen völlig neuen Kontext gestellt: BürgerInnen der einzelnen Mitgliedstaaten sind nunmehr gleichzeitig BürgerInnen der Europäischen Union. Dieser Prozess erzeugt ein neues Spannungsfeld von nationaler Identität: Den nunmehrigen transnationalen politischen und wirtschaftlichen Strukturen im europäischen Einigungs- und Erweiterungsprozess steht eine europäische Bevölkerung gegenüber, die mit der Frage konfrontiert ist: Was bedeutet es eigentlich EU-BürgerIn zu sein?

Nationen beziehungsweise supranationale oder regionale Einheiten basieren auf "vorgestellten" Gemeinschaften, auf "imagined communities" (Benedict Anderson, 1991 [1983], Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. London/New York). Um ein solches Zugehörigkeitsgefühl der Bevölkerung der EU-Mitgliedsstaaten, also eine gemeinsame EU-Identität, emotional verankern zu können, werden oft Elemente nationalstaatlicher Identitätspolitik verwendet. Als solche Elemente gelten Hinweise auf das gemeinsame kulturelle Erbe oder die gemeinsame Geschichte, gemeinsame Mythen, Rituale, Symbole oder Ereignisse.

Im visuell geprägten Medienzeitalter wird Identität immer stärker über medial vermittelte Bilder, symbolhafte Ereignisse und Rituale zum Ausdruck gebracht. Diese visuelle Umsetzung erfolgt unter Verwendung jeweiliger nationaler wie EU-europäischer Symbole. In diesem Kontext ist die EU-Flagge zu nennen, die als Symbol der EU-Identität auf EU-spezifische Inhalte hinweist. Die EU-Flagge ist somit eine Art "Super-Icon", und dient als visueller Marker, um Themen und AkteurInnen die Dimension des EU-Europäischen zu geben. Die gemeinsame europäische Identität wird nicht nur über die Symbolwelt - wie die EU-Flagge oder die gemeinsame Hymne - transportiert: Das Gruppenfoto europäischer PolitikerInnen anlässlich der Treffen auf EU-Ebene, das so genannte "Familienfoto", avanciert ebenso zum Ausdruck einer gesamteuropäischen EU-Identität. Dieses Bildmotiv spiegelt aber die EU als Zusammenschluss von Nationalstaaten wider und betont damit die jeweilige nationale Identität auf EU-Ebene.

Neben der Problematik der visuellen Umsetzung einer EU-Identität in Ermangelung einer von allen Mitgliedsstaaten gleichsam akzeptierten Bilder- und Symbolwelt, wirft die Gewichtung von nationaler und EU-europäischer Identität je nach Kontext ein weiteres Problem auf: Es liegt der Schluss nahe, dass die EU-Identität aufgrund ihrer relativ kurzen Entwicklungsgeschichte nicht in dem Ausmaß in der Gesellschaft verankert ist, wie die nationale Zugehörigkeit: Demzufolge werden die beiden Identitäten in der visuellen Darstellung und medialen Berichterstattung nicht ausgewogen dargestellt. Anders formuliert verzichtet die mediale Darstellung von Themen im EU-Kontext auf die Erzeugung eines Wir-Gefühls unter den EU-BürgerInnen: Sie stellt tendenziell die auf EU-Ebene behandelten Themen der jeweiligen nationalen Interessenslage gegenüber. Diese Kombination von nationalstaatlichen Interessen und „der EU“ wird visuell im Nebeneinander von EU-Flagge und der jeweiligen nationalen Flagge gut sichtbar.

Die Art und Weise des Umgangs mit der EU-Identität und der jeweiligen nationalen Identität wird auch in der Logo-Gestaltung der jeweiligen Eu-Ratspräsidentschaft visuell gut sichtbar: Als quasi optischer Botschafter der jeweiligen Präsidentschaft soll das Logo gleichzeitig auf den jeweilig vorsitzenden Mitgliedsstaat wie die Gemeinschaft der EU-Mitgliedsstaaten hinweisen. Die Logos können damit als spezielle Form der Verschränkung von nationalstaatlicher und EU-Ebene gelten und visualisieren multiple Identitäten. Hierbei wird gut erkennbar, dass nationale Symbolik und europäische Symbolik auf unterschiedliche Art und Weise kombiniert werden.

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