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Am Weg

Bilder, die symbolisch zu interpretierende Fahrzeuge (ein Boot, eine Eisenbahn, ein Auto, ein Flugzeug) in riskanten Situationen zeigen, gehören jener modernen Kollektivsymbolik an, deren Zugehörigkeit zum "Archipel des Normalismus" Jürgen Link beschrieben hat (vgl. Link 1999). Sie fungieren als augenfällige Illustration von Sachverhalten, für die gesellschaftlicher Handlungsbedarf reklamiert werden soll. In den 1990er Jahren war es vor allem die Metapher vom Boot, die anzeigte, dass die westlichen Industriegesellschaften den Zustrom von Migrant/innen nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs als nicht normalen Zustand definierten: Strengere Asyl- und Einwanderungsgesetze wurden regelmäßig mit dem Hinweis darauf zu legitimieren versucht, dass das Boot bereits "voll" sei (und bei weiterer Beladung zu sinken droht).

Wenn im Zusammenhang mit EU-Europa häufig Züge zur Illustration herangezogen werden, so findet das seinen Grund in der Fortschrittsdynamik des unionseuropäischen Integrationsprojekts. Je nachdem, wie der Zug beschaffen ist und welches Gelände er mit welcher Geschwindigkeit durchquert, werden Vorstellungen über die Normalität bestimmter Entwicklungen aufgerufen. Wie am Beispiel der Karikatur aus den "Salzburger Nachrichten" deutlich wird, bemüht die normalistische Kollektivsymbolik simple Übersetzungen für komplexe Sachverhalte: Die 10 neuen Mitgliedsstaaten (der Erweiterungssrunde von 2004) werden, offenbar mit Bezug auf den Zustand ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, als alter und kaum fahrtüchtiger Waggon dargestellt, während die Türkei – als Draisine auf einem Abstellgleis – gleich vollständig aus dem Schema normal/nicht-normal herausfällt.

Geht es in dem Beispiel um die zu erwartende durchschnittliche Geschwindigkeit – die mit der Erweiterung verbundene Kopplung von unterschiedlichen Entwicklungsniveaus wird den unionseuropäischen Fortschrittszug erheblich behindern – hält die normalistische Kollektivsymbolik noch andere Topoi bereit, etwa den zwischen drinnen und draußen: In ihrer Kampagne für den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union 1994 wählte die österreichische Bundesregierung unter anderem einen Zug, um die Notwendigkeit des österreichischen Beitritts zu symbolisieren: Österreich muss in den europäischen Zug einsteigen, damit es Richtung und Geschwindigkeit der Fahrt mitbestimmen kann. "Wie sollen wir in Europa zum Zug kommen, wenn wir gar nicht erst einsteigen?", lautete dementsprechend der Slogan.

Ganz allgemein kann für die Topik der normalistischen Kollektivsymbolik gelten, dass sie einen Systembereich (Innen/Außen) gegen ein "Draußen" abgrenzt, das nicht mehr zum System gehört (im erwähnten Beispiel die Türkei), das System zugleich in Fahrt versetzt und auf diese Weise eine Binnenunterscheidung ermöglicht zwischen Innen/Gegenwart/Normalität und Außen/Zukunft/Anormalität. Sie entwirft ein leicht durchschaubares Spiel von Äquivalenzen und Oppositionen und antwortet auf diese Weise auf das Steuerungsproblem moderner Gesellschaften, das darin besteht, "die Unverständlichkeit und Abstraktheit des Expertenwissens effektiv mit der Affektivität und Subjektivität großer schweigender Mehrheiten kurzzuschließen" (Link 1999:346). Mit der Darstellung von Fahrzeugen in nicht normalen Situationen verbunden ist also stets die Aufforderung zu kollektivem Gegensteuern.

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