Title: Bildatlas
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Bilder sind allgegenwärtig und wirkungsmächtig, da die großteils medial kommunizierten Bilder Welterfahrung bzw. Aneignung / Deutung von Wirklichkeit vermitteln und so die Vorstellungen über die Handlungsmöglichkeiten (und deren Grenzen) in der sozialen Welt definieren.

Dieses kollektiv geteilte Wissen über die "soziale Wirklichkeit" bildet die Grundlage für die "imagined community" (Benedict Anderson) von Kollektiven, vor allem für die Vorstellung einer gemeinsamen nationalen Identität, aber auch von geschlechtsspezifisch differenzierten Identitätsmustern und ethnisch-kulturellen Zuschreibungen in einer plurikulturellen Gesellschaft.

Das Defizit an der Kompetenz, die permanenten "visual surroundings" zu analysieren bzw. kritisch zu reflektieren und nach den verborgenen Machtstrukturen, die darin wirksam werden ("Bild-Regime") zu fragen, ist der gesellschafts- bzw. demokratiepolitische Ausgangspunkt des vorliegenden Bildatlasses, der im Rahmen des Projektes "ICONCLASH – Kollektive Bilder und Democratic Governance in Europe" entstanden ist (siehe rechte Navigastionsleiste -> Rubrik "Projekt").

Zentrale Forschungsfragen

Wie entstehen die kollektiven Vorstellungen über die "soziale Wirklichkeit" und ihre Ordnungsprinzipien im Informationszeitalter? Welche – sublimen – Machtstrukturen werden dabei wirksam? Wie werden durch dieses imaginaire von "Realität" (als deren authentische Wiedergabe die medial vermittelten fotografischen bzw. filmischen Bilder gelten) Handlungsspielräume (und deren Grenzen) in der demokratisch verfassten europäischen BürgerInnengesellschaft abgesteckt?

Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt eines Forschungsvorhabens, das aktuelle demokratiepolitische Fragestellungen aufgreift: Das Spannungsfeld von nationaler Identität und dem Entstehen transnationaler politischer Strukturen im europäischen Einigungs- und Erweiterungsprozess und die Konstruktion von symbolischen Bildern, die in diesem Spannungsfeld wirksam und handlungsleitend werden.

Diese Symbole beschränken sich keineswegs mehr allein auf das traditionelle Repertoire an Repräsentation der Nation in "Gedächtnisorten" (Pierre Nora) wie Hymnen, Fahnen, Museen etc., obwohl diese "Super-Icons" nach wie vor eine wichtige Rolle spielen; dies zeigt etwa der von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Entwurf für ein Neu-Design der europäischen Fahne (Rem Koolhaas), das sich auch im aktuellen Logo der österreichischen Ratspräsidentschaft wieder findet.

Viel wirkungsmächtiger im Hinblick auf die gesellschaftliche Imagination von Abstrakta wie Nation oder Europäische Union (und den damit verbundenen Politikfeldern und Machtstrukturen) sind allerdings jene Bilder, die in der Mediengesellschaft über dieses politische Handlungsfeld kommuniziert werden. Gerade weil sie nicht unter "Symbolverdacht" stehen, sondern scheinbar authentisch-neutral die "Realität" wiedergeben, wird diese Bilderwelt (bzw. der Konzeption jener politischen Inszenierungen, deren Ergebnis sich in der Berichterstattung in den Print- und elektronischen Medien niederschlägt) kaum kritisch reflektiert, sondern als selbstverständliches Abbild der "Wirklichkeit" angesehen.

Symbole, Icons, "Gedächtnisorte" (wo sich nach der Definition von Pierre Nora das Wissen um die Nation anlagert bzw. sedimentiert) kristallisieren sich – so die Ausgangsthese von ICONCLASH – im Informationszeitalter immer stärker um die medial vermittelten Bilder von symbolhaften Ritualen und "Ereignissen", in denen diese Identität zum Ausdruck gebracht oder vielmehr erst generiert werden soll – wie etwa die so genannten "Familienfotos" von PolitikerInnen bei EU-Gipfeltreffen.

Bildquellen und Auswahlkriterien

Bilder aus verschieden Bildarchiven (EU-Mediathek, EU Broschüren, APA-Bildarchiv, ORF-Archiv, aus Schulbüchern, Printmedien) sind unter Berücksichtigung ihres Verwendungszusammenhanges ausgewählt und in Kategorien zusammengefasst worden.

Folgende Fragen standen bei der Kategorienbildung im Vordergrund: Welche Funktion erfüllt das Bild, was soll es darstellen, aussagen, "zeigen", illustrieren? Welches visuelle Argument ist darin enthalten? Wie wird die "imagined community" EU-Europa repräsentiert, wo werden ihre Grenzen gezogen bzw. ihr "Anderes" symbolisch markiert? Wie lassen sich diese Identitätsgenerierenden Kategorien in den jeweiligen Bildern analysieren, etwa in der Wiedergabe politischer Handlungsformen oder relevanter Ereignisse, in historischen Darstellungen (Visualisierung der EU-Geschichte), in der Wiedergabe von Symbolen (Fahne etc.) und von politischen Inszenierungen/Ritualen auf EU-Ebene (z.B. "Familienfoto" bei Gipfeltreffen); in der "Illustration" von EU-relevanten Themen- bzw. Konfliktfeldern (wie etwa Transit, Landwirtschaft, EU-Erweiterung), in transnationalen Vergleichen (etwa grafische Darstellung von Sozialstatistiken etc.), in der Darstellung der EU-Institutionen und Verwaltung (Organigramme, "Brüssel"), in der Repräsentation des "europäischen Raums" und seiner Grenzen (Landkarten), in der Visualisierung von binneneuropäischer Normalität bzw. Devianz (etwa tabellarische Arbeitsmarkt-Statistiken als Format eines transnationalen "Rankings", das Durchschnittswerte, "best practices" und Problemländer "am Ende der Tabelle" sichtbar macht) und in der Vermittlung visueller Vorstellungen über das "Fremde" bzw. das "Andere" Europas (etwa im zwischen Erweiterungseuphorie und postkolonialen Ressentiments changierenden Bildern "des Ostens" oder dem "Kopftuch" als Icon eines nichteuropäischen Werte- und Normenkanons).

Ein weiteres Auswahlkriterium war die Verdichtung und Veränderungen des visuellen Narrativs: Verändern sich die in Zusammenhang mit EU-Europa (Integration, Erweiterung etc.) verwendeten Motive? Wiederholen, verdichten sich bestimmte Motive? Erhalten bestimmte Motive eine spezifische emotionale Aufladung? Welche Pathosformeln – in Hinblick auf EU-Euphorie, aber auch von Negativ-Bildern und Visualisierungen des Scheiterns (eine im Zusammenhang mit dem EU-Verfassungsgipfel in Brüssel im Dezember 2003 neu entstandene Bildaussage) – können namhaft gemacht werden? Kristallisieren sich Icons heraus? (Wiederholung, Relevanz wie z.B. Titelbild etc.)

Zugänglich sind die zu einem Thema ausgewählten Bilder jeweils in drei verschiedenen Dimensionen: Die Dimension Serie bietet einen Überblick über die zu einem Thema / einer Kategorie ausgewählten Bilder, die Dimension Zeit ermöglicht es, eine chronologischen Entwicklung nachzuzeichnen, in der Dimension Cluster werden thematische Verwandtschaften, Abwandlungen etc. eingeordnet. Zu jedem Bild gibt es bzw. wird es in den kommenden Wochen einen Bildtext geben, der sowohl das Bild beschreibt als auch die notwendige Hintergrundinformation beinhaltet.

An Kontextwissen werden zu einer Bildkategorie jeweils ausgewählte themenrelevante Artikel sowie Linkhinweise online gebracht. Ein Themenglossar zur Europäischen Union und eine Chronologie der EU-Integration runden das Wissensangebot ab (ebenfalls rechtes Menüangebot).

Die Bildkategorien sowie die Bildanalysen werden Schritt für Schritt online gebracht und das bereits vorhandene Angebot an Kontextwissen sukzessive ausgebaut und erweitert.

Team:
Gertraud Diendorfer
Petra Dorfstätter
Vrääth Öhner
Oliver Rathkolb
Heidemarie Uhl

Mitarbeit bei der Verfassung von Bildtexten:
Petra Mayrhofer


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