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STATION 4: Migrationsgeschichte im Überblick

19. und frühes 20. Jahrhundert

Industrialisierung

Europa im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch: Migration wird zum Massenphänomen, v.a. in die Großstädte und Industriezentren.

Durch Zuwanderung wächst Wien zur viertgrößten Metropole Europas heran.

 

Das Bild zeigt tschechische Ziegelarbeiter, die um 1900 in Wien arbeiteten.
Quelle: Wienerberger

1900

Europa ist Auswanderungskontinent

Hauptziel sind die USA.

Aus Österreich-Ungarn wandern zwischen 1870 und 1910 mehr als 3,5 Millionen Menschen nach Übersee aus.

1914-1918


Erster Weltkrieg

Der Krieg verändert die europäische Landkarte: Den multiethnischen Großreichen folgen moderne Nationalstaaten. Es gibt neue Grenzziehungen und ethnische Vertreibungen (z.B. GriechInnen, TürkInnen).

In den Nachfolgestaaten des Habsburgerreiches entstehen ethnische Minderheiten.

Europa vor dem Ersten Weltkrieg
Quelle:Katrin Pfleger

1919


Gründung des Völkerbundes und Friedensvertrag von St. Germain

Internationale Zusammenarbeit als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg. Der Friedensvertrag verpflichtet Österreich zum Schutz ethnischer Minderheiten.

 

Mit der "French Line" kamen viele AuswandererInnen von Frankreich nach New York.
Quelle: Fotosammlung Burgenländisches Landesarchiv

1920er und 1930er Jahre

Zwischenkriegszeit

Weitere Auswanderungswelle aus Europa, v.a. aus den ärmeren Gebieten.

70 % der österreichischen AuswandererInnen stammen aus dem Burgenland.

1934-1938

Autoritärer Ständestaat

Errichtung eines autoritären Regimes in Österreich und Ende der Demokratie. Politisch Verfolgte kommen ins Gefängnis oder müssen aus Österreich fliehen.

1938-1945

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Europaweit werden Juden und Jüdinnen in Ghettos und Vernichtungslager deportiert, 6 Millionen werden ermordet. Über 7 Millionen Menschen müssen im Deutschen Reich Zwangsarbeit leisten.

Zahlreiche ÖsterreicherInnen müssen ins Exil flüchten, v.a. Juden und Jüdinnen und politisch Verfolgte.

Jüdische Kinder nach ihrer Flucht aus Wien bei der Ankunft am Liverpool Street Bahnhof in London, 13.7.1939
Quelle: Bildarchiv, ÖNB

1945-1950

Displaced Persons

In Europa befinden sich ca. 10 Millionen Menschen auf der Flucht bzw. außerhalb ihrer Heimatländer.

Auch Österreich ist Ziel vieler Flüchtlinge und Vertriebener, v.a. von Überlebenden der Konzentrationslager, ausländischen ZwangsarbeiterInnen und aus ihren Ländern vertriebenen "Volksdeutschen" (z.B. Sudentendeutsche).

Nachkriegselend: Anstellen um die Dinge des täglichen Lebens, 1945.
Quelle: Bildarchiv, ÖNB

1948

Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen

Die erste weltumspannende, allgemein akzeptierte und gültige Definition von Grund- und Freiheitsrechten.

 

Eleanor Roosevelt mit einem Poster der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte". 1948.
Quelle: United Nations / DPI Photo

1951

UN-Flüchtlingshochkommissariat und Genfer Flüchtlingskonvention

Internationale Zusammenarbeit aufgrund der Flüchtlingssituation: Gründung des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR). Rechtstellung der Flüchtlinge durch die Genfer Flüchtlingskonvention.

 

Unterzeichnung der Genfer Flüchtlingskonvention, 1951
Quelle: UNHCR

 

 

Der UNHCR setzt sich auf Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 weltweit dafür ein, dass Menschen, die von Verfolgung bedroht sind, in anderen Staaten Asyl erhalten. Er betreibt in zahleichen Staaten humanitäre Hilfsprogramme für Flüchtlinge, Binnenvertriebene und RückkehrerInnen und bemüht sich darum, dauerhafte Lösungen für Flüchtlinge zu finden, wozu die freiwillige Rückkehr, die Integration im Aufnahmeland oder die Neuansiedlung in einem Drittland gehören.
Quelle: UNHCR

1954

 

Erstes österreichisches Fremdenpolizeigesetz

Regelt die Aufenthaltsberechtigung und deren Verlust bei ausländischen StaatsbürgerInnen.

1955

Österreichischer Staatsvertrag

Wiederherstellung der österreichischen Unabhängigkeit. Verpflichtung zum Schutz der Menschenrechte und der slowenischen und kroatischen Minderheiten.

1956

Ungarnflüchtlinge in Österreich

Volksaufstand in Ungarn: Per Ministerratsbeschluss wird allen Menschen, die aus Ungarn nach Österreich fliehen, Asyl gewährt. Ein Großteil wandert über Österreich in ein anderes Land aus.

 

Flüchtlinge aus Ungarn bei Klingenbach, 1956
© Votava

1950er-1960er Jahre

Österreichische Arbeitsmigration in die Schweiz und nach Deutschland

Viele ÖsterreicherInnen suchen Arbeit in den Nachbarländern.


 

 

 

 

 

Stellenanzeigen von Schweizer Unternehmen in einer österreichischen Zeitung.
Kleine Zeitung (Stellenanzeigen 1951-1960)

1960-1968

Erste Phase der Gastarbeitermigration nach Österreich

Westeuropa wird Einwanderungskontinent: Zw. 1960 und 1965 gibt es in den meisten Ländern mehr Zuwanderung als Abwanderung.

Im Zuge des Wirtschaftswachstums werben österreichische ArbeitgeberInnen GastarbeiterInnen aus strukturschwächeren Ländern Europas an.

1962

Anwerbeabkommen mit Spanien

1964

Anwerbeabkommen mit der Türkei

 

 

 

Vorsprechende Arbeiter vor der österreichischen Anwerbestelle in Istanbul.
Archiv Wirtschaftskammer Österreich 1970, Wien (Siegfried Pflegerl)

1966

Anwerbeabkommen mit Jugoslawien

1966

 

UN-Menschenrechtspakete

Sie beinhalten bürgerliche und politische Rechte: Verbot der Sklaverei und Zwangsarbeit, Recht auf persönliche Freiheit und Sicherheit, Verbot der Diskriminierung von Minderheiten. Sie treten 1976 in Kraft und sind völkerrechtlich verbindlich.

1968

Niederschlagung der Demokratiebewegung in der CSSR

Per Erlass wird allen, die aus der CSSR nach Österreich fliehen, Asyl gewährt. Erstes österreichisches Asylgesetz.

 

 


Flüchtlingslager für tschechische Flüchtlinge 1968 in Wien.
© Votava

1969-1973

Hochphase der Gastarbeiterbeschäftigung

Durch Hochkonjunktur und erhöhten Arbeitskräftebedarf Hochphase der Gastarbeiterbeschäftigung in Europa.

Höhepunkt der Gastarbeiterbeschäftigung in Österreich mit ca. 230.000 Personen (1973).

 

Ein Bereich, in dem noch heute viele Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund arbeiten, ist die Bauindustrie.
© Votava

1973

Wirtschaftskrise

Die Arbeitslosigkeit steigt. 1979 folgt eine zweite Erdölkrise. Durch die Krise wandelt sich der Blick auf die Gastarbeitermigration.

1973

 

Aktion gegen Ausländerfeindlichkeit

Die "Kolaric-Plakate" werden plakatiert: eine erste große Aktion gegen Ausländerfeindlichkeit in Österreich.

1974-1976

Abbau von ausländischen Arbeitskräften

Die Wirtschaftskrise führt in den unterschiedlichen europäischen Ländern zum Abbau ausländischer Arbeitskräfte.

In Österreich herrscht aufgrund der Erdölkrise Rezession. Scheitern des Rotationsprinzips und Entwicklung zur dauerhaften Niederlassung: Es setzt verstärkter Familiennachzug nach Österreich ein.

1976

Verabschiedung des Ausländerbeschäftigungsgesetzes

Ausländische Arbeitskräfte dürfen nur dann beschäftigt werden, wenn die Lage des Arbeitsmarktes sowie wichtige öffentliche und gesamtgesellschaftliche Interessen es zulassen.

1979

Bundespräsident Kirchschläger eröffnet Islamisches Zentrum

Feierliche Eröffnung der ersten großen und repräsentativen Moschee Österreichs im 21. Wiener Gemeindebezirk.

1981

Kriegsrecht in Polen

Zwischen 120.000 und 150.000 PolInnen fliehen nach Österreich.

1985

Schengener Abkommen

Zwischen den EU-europäischen Staaten fallen die Grenzkontrollen. In den folgenden Jahren kommen immer mehr Länder zum europäischen Schengen- raum hinzu.

1989/1990

Fall des Eisernen Vorhangs

In den kommunistischen Staaten Osteuropas kommt es zu gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen. 

Zahlreiche Menschen fliehen über Ungarn aus der DDR nach Österreich.

 

Junge Deutsche aus Ost und West "besetzen" die Berliner Mauer am Brandenburger Tor in Berlin, um auch hier die Maueröffnung zu erreichen.
© Votava

1989-1993

Hochphase der Zuwanderung nach Österreich

In der wirtschaftlichen Hochphase steigt die Zuwanderung nach Österreich. Verstärkte Flüchtlingsmigration nach Österreich aufgrund der Kriege im ehemaligen Jugoslawien.

1993

Neues Fremdengesetz und Lichtermeer gegen Ausländerfeindlichkeit

"Volksbegehren" für die Erschwerung der Aufnahme von Flüchtlingen und AusländerInnen in Österreich durch die FPÖ. Im "Lichtermeer" demonstrieren 250.000 Menschen mit Kerzen gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Neues Fremdengesetz und Aufenthaltsgesetz.

 

Stephansplatz, Wien
© Robert Newald

1991-1999

Kriege im ehemaligen Jugoslawien und Flucht

Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien (Kroatien, Bosnien, Kosovo) führen zu Flüchtlingsbewegungen nach Mittel- und Westeuropa.

Österreich nimmt zahlreiche Menschen aus Bosnien auf und erteilt ihnen den Status als De-Facto-Flüchtlinge.


Flüchtlinge aus Bosnien in Mazedonien, 1999
© UNHCR/R. LeMoyne

1998/1999

Kosovokonflikt und Asyl

Zwischen März 1998 und Mai 1999 fliehen fast 795.000 Menschen aus dem Kosovo.

Österreich nimmt ca. 5.000 Flüchtlinge auf. Im Jahr 1999 werden deshalb deutlich mehr Asylanträge als zuvor und in den Folgejahren positiv erledigt.

Mitte 1990er Jahre bis heute

Debatte um die "Festung Europa"

Das Thema illegale Zuwanderung in die EU rückt ins Zentrum der politischen und öffentlichen Debatte, v.a. die Flucht über spanische Enklaven in Nordafrika.

 

"Boat people" vor Teneriffa
Quelle: UNHCR

1995

Österreich wird EU-Mitglied

Für EU-BürgerInnen gelten dieselben Aufenthalts- und Beschäftigungsbestimmungen in Österreich wie für österreichische ArbeitnehmerInnen.

Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) unterzeichnet den EU-Beitrittsvertrag Österreichs; rechts Außenminister Alois Mock (ÖVP), EU-Gipfel Korfu/Griechenland, 24./25. Juni 1994
© Anna Karemyr, Votava, Wien

1990er Jahre bis heute

Flucht und Asyl

Aufgrund von Kriegen und Konflikten in Afrika und Asien kommt es zu mehreren Flüchtlings- bewegungen nach Europa. 

Der nigerianische Schubhäftling Marcus Omofuma stirbt bei der gewaltsamen Abschiebung aus Österreich (1999).

Mädchen aus Sierra Leone in einem Flüchtlingslager in Guinea
© UNHCR/L. Taylor

Seit Anfang der 2000er Jahre

Debatte um deutsche Zuwanderung

Neuer Zuwanderungstrend: Immer mehr Deutsche kommen zum Arbeiten oder Studieren nach Österreich.

 

 

 

 

© Votava

2002

Arbeitsrecht für AsylwerberInnen

Neuer Mindeststandard für Lebensbedingungen von AsylwerberInnen in Europa wird festgelegt.

2003

Umstrittenes Asylgesetz

Flüchtlinge, die über sichere Drittstaaten einreisen, können nach Prüfung des Sachverhaltes sofort wieder dorthin abgeschoben werden.

2004

Größte Erweiterungsrunde der EU

10 neue Mitgliedsstaaten: Die freie Wahl des Wohnortes und Arbeitsplatzes steht ihren StaatsbürgerInnen erst ab 2011 zu.



Zypern, die Tschechische Republik, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, Malta, Polen, die Slowakische Republik und Slowenien treten der EU bei.
Quelle: Katrin Pfleger

2004

Verstärkte Abschottung der EU nach außen

Die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedsstaaten (Frontex) wird errichtet. Vorrangige Ziele: Verhinderung von irregulärer Einwanderung nach Europa und Kontrolle der Grenzsicherheit.

2005

Asylanträge sind rückläufig

Die Anzahl der Asylanträge in Österreich erreicht 2005 mit 22.400 Anträgen einen Tiefststand.

2005

Fremdenrechtspaket

Neuorganisation der Zuwanderung nach Österreich.

2006

Staatsbürgerschafts-Novelle

Die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft wird erschwert: Verlängerung von Fristen, Einführung eines Staatsbürgerschaftstests. Anträge auf Einbürgerung gehen stark zurück.

2009

EU beschließt Einführung der Blue Card

Mit der sog. Blauen Karte werden die Rahmenbedingungen zur Aufnahme von hochqualifizierten Fachkräften aus Drittländern erleichtert. Die Richtlinie soll bis 2011 in allen EU-Ländern umgesetzt werden.

2009

Weniger Asyl für TschetschenInnen

Das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR kritisiert, dass die Anerkennungsrate von Menschen aus der Russischen Föderation, v.a.Tschetschenien, in Österreich stark zurückging.

 

 

 

Flüchtlingslager in Traiskirchen bei Wien
© Votava

2010

Neues Asylgesetz

U.a. restriktivere Verhängung von Schubhaft und Einschränkung der Bewegungsfreiheit von AsylwerberInnen.

2011

Änderungen im österreichischen Fremdenrecht

Neue Mitwirkungspflicht: AsylbewerberInnen dürfen bis zu ihrer Befragung die Erstaufnahmestelle nicht verlassen (max. 168 Stunden)

Verschärfte Integrationsvereinbarung: "Integration vor Zuzug"

Einführung einer Rot-Weiß-Rot-Card (Punktesystem für ZuwanderInnen)

Quotensystem für SaisonarbeiterInnen

2013

Novelle des Staatsbürgerschaftsgesetzes

Die Novelle ermöglicht eine Einbürgerung bereits nach sechs Jahren rechtmäßigen, ununterbrochenen Aufenthalts, wenn verschiedene ergänzende Konditionen erfüllt werden. 

2013

Reform des Asylverfahrens

Bundesamt für Asyl und Fremdenwesen (BFA) wird eingerichtet und ist ab nun die bestimmende Behörde im Asylverfahren. Umsetzung neuer EU-Richtlinien.

Literatur und Quellen:
Andreas Weigl: Migration und Integration. Eine widersprüchliche Geschichte, Innsbruck/Wien/Bozen 2009.
Heinz Fassmann/Rainer Münz: Einwanderungsland Österreich? Historische Migrationsmuster, aktuelle Trends und politische Maßnahmen, Wien 1995.
www.unhcr.at, www.demokratiezentrum.org
Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration, hrsg. von Hakan Gürses/Cornelia Kogoj/Sylvia Mattl, Wien 2004.

© Demokratiezentrum Wien

Hast du gewusst...


... dass die Menschen heute weniger wandern als früher? Im 19. Jahrhundert lagen die Migrationszahlen in Europa deutlich höher, die Menschen sind seitdem sesshafter geworden. Statt der Migration gibt es aber neue Formen von Mobilität, z.B. das lange Pendeln zum Arbeitsplatz.

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