
Quelle: Der Kuckuck 15/1932
aus: Stefan Riesenfellner / Josef Seiter: Der Kuckuck. Die moderne Bild-Illustrierte des Roten Wien. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1995
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Wien-Berlin-Chicago – Historische Rivalitäten
Das schnelle Spiel der hin- und hergewendeten Analogiebildungen im Deutungsdreieck Wien-Chicago-Berlin, das sich im Herbst 1996 ereignete, wäre kaum denkbar gewesen ohne längst bereitliegende Images und eingefahrene Muster des Stadtvergleichs, auch wenn nicht jede AkteurIn sich der historischen Tiefendimension seines Vergleichs bewusst gewesen sein mag. Die älteste "Schicht", auf die rekurriert werden konnte und kann, war natürlich die Rivalität zwischen Wien und Berlin, die seit dem 19. Jahrhundert eine Fülle von Deutungen und Texten hervorgerufen hatte, in der die kulturelle und politische Polarisierung der beiden so unterschiedlichen Städte – die alte Kaiserstadt Wien und der "Parvenu" Berlin – verhandelt wurde. Wien und Berlin erschienen dabei meist als perfekt komplementär und wurden in unzähligen Gegensatz-Paarbildungen gewissermaßen als Ideal-Metropole zusammengesetzt. Das Diktum von Justinus Kerner – Berlin sei Kopf und Wien sei Herz – gab das Muster vor, das dann beliebig variiert werden konnte: Berlin will werden, Wien will bleiben etc.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kam dann eine besondere Dynamik in das Deutungsgeschäft der Feuilletonisten und urbanen Intellektuellen, ohne deren Publizistik die Stadt-Vergleiche gar nicht denkbar waren. Die in Wien und Berlin diskursiv hergestellten Images der eigenen und der anderen Metropole griffen zusehends auf einen amerikanischen "Maßstab" zurück, ohne den eine Einschätzung der eigenen Modernität – oder auch des eigenen Abstands zu einer universalen Tendenz der Modernität – kaum mehr möglich schien. Als urbanes Paradigma einer solchen Modernität und einer Zukunft der Stadt im Allgemeinen aber galt den Zeitgenossen nicht das schon fast "alte" und stets Europa zugewandte New York, sondern: Chicago.
Feindbild "Chicago" – Warum?
Warum Chicago? Weil diese Stadt für das umstandslos Neue stand. Aus obskuren Anfängen war Chicago mit atemberaubender Schnelligkeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur zweitgrößten Stadt der USA herangewachsen. Die Bedeutung Chicagos als eines Laboratoriums der Moderne aus industriekapitalistischer Rationalität und architektonischer Innovation (Hochhäuser!) blieb kaum einem der Besucher aus Europa, die seit der Weltausstellung von 1893 zahlreich kamen, verborgen.
Berlin, das "Spreechicago"
Mit dem transatlantischen Spiel der Städte-Analogien aber begann kein Wiener und kein Berliner, sondern ein Amerikaner: Mark Twain, der 1891 zu Besuch in Berlin gewesen war, hatte in einem anschließend veröffentlichten Text Berlin emphatisch zum "European Chicago" ausgerufen. Berlin habe keine Tradition und keine Geschichte – und genau diesen Zustand wollte Twain mit der Chiffre Chicago kennzeichnen. Das verhallte nicht ungehört. Walter Rathenau, politischer und unternehmerischer Exponent einer dezidiert modernen Stadtentwicklung, griff das durch Twain eingeführte Image auf und feierte in einem 1902 erschienenen Text die Wandlung von "Spreeathen" zu "Spreechicago" als wünschenswerten Fortschritt. Den Ruf als "amerikanische" Metropole wurde Berlin in der Folge nicht mehr los.
Wien-Berlin – rivalisierende Metropolen
Die etablierte Deutungs-Rivalität zwischen Wien und Berlin konnte davon nicht unberührt bleiben. Fast zwangsläufig sah sich Wien in den Texten seiner Interpreten fortan in der Konkurrenz mit einem Berlin, das in der Koppelung mit Chicago den Parvenu-Status in ein Zeichen extremer Modernität verwandelt hatte. Für einige Protagonisten der Wiener Moderne, etwa für Adolf Loos, bot sich mit der Chiffre Chicago – oder mit "Amerika" im Allgemeinen – die Möglichkeit einer Kritik der traditionellen Identität der Stadt. Für das Gros der Wien-Interpreten aber bildeten Chicago und das "amerikanische" Berlin unverrückbar den Gegenpol zum Entwurf der städtischen Zukunft, der um Geschichte, Tradition und Hochkultur gelagert blieb. Von Camillo Sitte über Franz Blei bis hin zu Ernst Krenek zieht sich eine kulturkritische bis kulturpessimistische Spur der Chicago-Ablehnung. Auch das Rote Wien deutete seine Leistungen gerne im Abstand zu den beiden Städten: Im Gemeinderats-Wahlkampf 1932 wurde in der Bildwerbung auf Chicago ("bankrott") und Berlin ("pleite") hingewiesen, um die finanzielle Handlungsfähigkeit Wiens durch die geschickte Politik des für Finanzen zuständigen Stadtrates Hugo Breitner herauszustellen.
Chicago und die Filmindustrie – Gangsterfilme und Kriminalität
Von Chicago als einer Chiffre für Kriminalität aber ist in all diesen Deutungen noch nicht die Rede. Wahrscheinlich markieren nicht nur die klassischen Gangsterfilme der Jahre nach 1930, sondern auch das Chicago in den Dramen von Bertolt Brecht (Die Heilige Johanna der Schlachthöfe etc.), in denen Kapitalismus und Kriminalität nicht voneinander zu trennen sind, Zeichen oder gar Anlass zu einer Verschiebung des Images "Chicago" – weg von der Kennzeichnung schnellen Städtewachstums und hin zur Charakterisierung einer aus den Fugen geratenen Stadt, deren Bewegungsmodus die Gewalt ist. Nicht auf das erste, sondern auf das letzte Image hob die Kampagne der FPÖ ja auch ab.
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