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Tschechische Ziegelarbeiter um 1900
Quelle: Fotoarchiv Wienerberger Baustoffindustrie AG

Schmelztiegel Wien

Dass Chicago in der öffentlichen Wahrnehmung Wiens "angstbesetzt" ist – oder doch zumindest mit diesem Image echoreich "gespielt" werden kann – mag seine Ursache aber auch darin haben, dass im historischen Gedächtnis der städtischen Öffentlichkeit, wie "verdeckt" und abwertend auch immer, Komponenten der Stadtentwicklung aufbewahrt werden, die Wien tatsächlich "amerikanischer" aussehen lassen als Berlin. Vor allem um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert unterschied sich Wien von Berlin auch dadurch, dass die Zuwanderung vom Land (aus den Kronländern der Monarchie) multiethnisch und multilingual ausfiel.

Demokratisierung in Wien

Wien war tatsächlich ein "Schmelztiegel" – und auch die politische Organisation der Stadt war der in Berlin unähnlich: Während dort auf der Basis eines rigiden Klassenwahlrechts bis 1918 der klassische Honoratiorenliberalismus herrschte, hatte die sukzessive Demokratisierung des Wahlrechtes in Wien seit 1885 den Liberalismus ruiniert und zum Aufstieg von Karl Lueger (und der Christlich-Sozialen Partei) beigetragen. In Lueger erkannten Zeitgenossen (und spätere Historiker) den Typ des Populisten, des "politician", dessen Herrschaft tatsächlich weniger auf der Bürokratie und mehr auf der Parteimaschine ruhte. Analogien zur Herrschaft der politischen "Bosse" und den Mechanismen von Korruption und Patronage in amerikanischen Großstädten liegen nahe.

→ Wahlrechtsentwicklung in Österreich 1848 bis heute

Jedoch markierte im Vergleich der politischen Herrschaft in Wien und in Chicago an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert der erreichte Grad der Demokratisierung einen Unterschied ums Ganze: Während die volle Demokratisierung (im Sinne des allgemeinen Männerwahlrechts) in Chicago nur noch eine inklusive Politik zuließ – eine kommunale Politik, die keine ethnische Gruppe ausschließen konnte, weil jeder Ausschluss die Gefahr des Stimmen- und Machtverlustes bedeutet hätte –, so ließ die unvollkommene Demokratisierung in Wien (bis 1918) eine exklusive Politik zu: Lueger spielte auf der Klaviatur des Antisemitismus und der ethnischen Ressentiments. Die Tradition der Wahlrechtsbeschränkung und der exklusiven Kommunalpolitik blieb Wien – und vielen anderen europäischen Städten – als Erbe erhalten und manifestiert sich in der wohl nach wie vor nur schwach entwickelten Bereitschaft der Bevölkerung, die eigene Stadt als das zu sehen, was sie faktisch schon seit jeher war: eine Einwanderungsstadt. Dabei gibt es – zumal vor dem Hintergrund des hohen Niveaus der Sozialpolitik in Wien – wirklich keinen Grund zur Angst vor der Zuwanderung.

Literatur: Sommer, Monika / Gräser, Marcus / Prutsch, Ursula (Hg.), Imaging Vienna. Innensichten, Außensichten, Stadterzählungen, Wien 2006

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Text: Marcus Gräser
Plakattexte und Gestaltung: Maria Wirth
(Last Update: 02/2007)

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