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Medien und Öffentlichkeit


Wandzeitungen und öffentliche Kundmachungsformen damals und heute
Bratislava, 1968: Die EinwohnerInnen von Bratislava informieren sich über die aktuelle Situation nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in der CSSR. Nachrichten sind in Schaufenstern etc. über die ganze Stadt verteilt.
© Votava, Wien

Historisch gesehen geht die Entstehung westlicher Demokratien mit der Entstehung von Öffentlichkeit einher. Dabei bildet die Öffentlichkeit jenen intermediären Raum, in welchem die Regierten ihre Bedürfnisse in Form von Wahlpräferenzen, Bürgerinitiativen oder Protesten manifestieren und die Regierenden ihre politischen Entscheidungen mit Blick auf die jeweilige Sachlage und ihre eigene Machterhaltung an den Willen der Regierten anzubinden versuchen. In modernen Gesellschaften ist die politische Öffentlichkeit in erster Linie eine massenmedial hergestellte Öffentlichkeit. Während aber der politische Geltungsraum territorial beschränkt ist, tendiert die kapitalistische Wirtschaft zu globaler Interaktion. Weil dieser ökonomische Integrationsprozess aber nicht von einer gleichzeitigen Globalisierung nationaler Öffentlichkeiten begleitet wird, resultiert ein doppeltes Defizit: Einerseits fehlt den nationalstaatlichen BürgerInnen ein übergreifender öffentlicher Adressat, an den sie ihre Bedürfnisse richten könnten (Öffentlichkeitsdefizit); andererseits sind die in internationalen oder supranationalen Arenen gefällten Entscheidungen mit einem Legitimationsdefizit behaftet, da sie nicht an eine internationale Zivilgesellschaft rückgekoppelt sind.

Dennoch oder gerade deswegen versuchen AkteurInnen der Neuen Sozialen Bewegungen, etwa Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, in ihren medial gut inszenierten und spektakulären Kampagnen die Mechanismen, wie man Medienereignisse produziert, zu nutzen und Öffentlichkeit auf sich zu ziehen, um so Solidarität und Gegenbewegungen in der öffentlichen Meinung zu erreichen. Beispiele dafür sind Radio B2 in Belgrad während des Balkankrieges oder der sogenannte "Barfußjournalismus", ein vorwiegend von Frauen medial organisierter Widerstand gegen die Taliban in Afghanistan. Abseits vom Mainstream versuchen vor allem Minderheitengruppen und NGOs medial vermittelte Öffentlichkeitsräume zu erobern, was vor allem im Privatradiobereich sichtbar oder an speziellen Minderheitenprogrammen und Antidiskriminierungsmaßnahmen abzulesen ist. Ein Maßstab für Demokratiequalität ist sicherlich wieweit auch die Stimmen der Minderheiten in der Öffentlichkeit wahrnehmbar sind.

Gertraud Diendorfer
(Last Update 02/2006)

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