Österreich: Europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert
Ringvorlesung/Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)
Konzept: Gastprofessor DDr. Oliver RathkolbGefördert von der Stiftung der Bank Austria zur Förderung der Wissenschaft und Forschung an der Universität Wien
Bei genauer Betrachtung der aktuellen Diskussion über die politische Kultur Österreichs im EU-Kontext zeigt sich, dass kaum tiefergehende Analysen der gegenwärtigen Perzeptionen, Österreich-Images und/oder deren historischen Hintergründe in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union vorhanden sind. Auch an bilateralen Studien zu den jeweiligen nationalen Bedingtheiten der Bewertung österreichischer Zeit- und Gegenwartsgeschichte und aktueller Politik mangelt es - Basisstudien zur wechselseitigen Einschätzungen bleiben meist vor 1918 stehen.
National definierte Geschichtsbilder sind obsolet
Die europaweite Debatte als Folge der inzwischen aufgehobenen "Sanktionen" der EU-14 gegen die Bildung einer ÖVP-FPÖ-Koalition in Österreich war innnerhalb der Europäischen Union die erste Auseinandersetzung über die Durchsetzuung politischer Wertzielsetzungen. Im Rahmen der oben erwähnten Ringvorlesung diskutieren vierzehn HistorikerInnen - jeweils aus der spezifischen sozio-ökonomischen und politischen Situation ihrer Heimatländer - das aktuelle Österreich-Bild, beziehen dabei aber immer die bisherige öffentliche und politische Rezeption des Österreich-Bildes mitein.
Ziel der allgemein zugänglichen Lehrveranstaltung ist die Auseinandersetzung damit, dass im Zeitalter der Globalisierung "nationale", d.h. in den jeweiligen Staatsgrenzen definierte, Geschichtsbilder obsolet geworden sind. Wir müssen lernen, uns auch außerhalb der akademischen Auseinandersetzung mit den externen Images, Klischees, Vorurteilen im internationalen Medienraum zu beschäftigen.
Das kollektive Gedächtnis entsteht in den Familien und im persönlichen Umfeld
Die österreichische Gesellschaft beginnt zwar zunehmend, auf Änderungen in der globalen Rezeption von Erinnerung an Vergangenheit rascher zu reagieren. Dieses politische Reagieren auf globale "political correctness" geht aber keineswegs mit einer Änderung des nationalen historischen Gedächtnisses einher. Nach wie vor sind es primär politische Eliten und Teile der Medien, die in diesem Bereich reagieren - auch um ökonomische oder politische Nachteile abzuwenden, und manchmal von einem offenen politischen Opportunismus getragen.
Die Geschichtswissenschaft beginnt in den letzten Jahren wieder stärker in Richtung des gesellschaftlichen historischen Gedächtnisses zu arbeiten, wobei die Phase der Aufklärung über Antisemitismus und Nationalsozialismus in den 1970er und 1980er Jahren durchaus wichtig war und funktional in vielen Bereichen Wirkung gezeigt hat.
Letztlich wird aber das kollektive Gedächtnis nicht allein von der Politik oder Wissenschaft geschrieben oder in den Schulen vermittelt, sondern in der Familie und im persönlichen Umfeld geformt. Nur wenn Politik und Aufklärung in diese Bereiche wirken, bleibt eine kritische Analyse der europäischen Vergangenheit präsent und wird nicht immer wieder durch internationale Debatten "hervorgeholt".
Vorurteile überdauern
Gleichzeitig muss aber auch klar sein, dass Vergangenheiten in der Gegenwart nicht nur Nationalsozialismus und Holocaust sind. Die dauerhafte Wirksamkeit historischer Einstellungs- und Bewertungsbilder - beispielsweise von unseren osteuropäischen Nachbarn - dokumentieren nicht nur der aktuelle Neu-Diskurs über die Benesch-Dekrete und die Vertreibung der Sudetendeutschen. Die Vorurteile und Sympathien der ÖsterreicherInnen zum Beispiel gegenüber TschechInnen entsprechen mit denselben negativen Untertönen jenen zur Zeit um 1900. Das heißt, dass sich die Vorurteilsstrukturen des Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie über nunmehr vier Generationen in die Gegenwart herauf gerettet haben.
Es wäre naiv zu glauben, dass sich nationale kollektive Mythen und Stereotypen über Nacht auflösen lassen, aber gerade vor dem Hintergrund der europäischen Erweiterung ist eine zentrale Voraussetzung für die Akzeptanz Gesamteuropas, Aufklärung über die gemeinsame Vergangenheit anzustreben. Die nationalen Zwänge des historischen Gedächtnisses sind aufzuheben, und eine breitere und kritische Neubewertung des 20. Jahrhunderts ist in all seinen Facetten anzustreben.
Um es deutlich zu machen, es geht hier nicht um bloße "Vergangenheitsbewältigung", die meist im öffentlichen Diskurs die Forderung nach einem "Schlussstrich" unter heikle historische Erfahrungswelten in sich birgt, sondern um einen offenen Diskurs über die politische Kultur der Gegenwart in Europa, in ihren Mitgliedsstaaten und in Österreich - vor dem Hintergrund der historischen Verantwortlichkeiten und der traumatischen Erfahrungen des Holocaust und des II. Weltkrieges, aber auch des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit am Vorabend der Erweiterung der Union.
Vgl.: Rahkolb, Oliver (Hg.), Außenansichten. Europäische (Be)Wertungen zur Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert, Studien Verlag, Innsbruck/Wien/München/Bozen 2003

