Rund um den Heldenplatz

23.1.1993 - Das Lichtermeer
Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit.
Reaktion auf das Volksbegehren "Österreich zuerst"
(vulgo "Ausländervolksbegehren") der FPÖ.
© Mathias Cremer
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick.
und brüllzten wesentlich...
(aus: wien : heldenplatz, Ernst Jandl)
Anhand der Geschichte des Heldenplatzes lässt sich exemplarisch die Geschichte Österreichs in den letzten 150 Jahren nachvollziehen. Der Heldenplatz mit seinem imperialen Panorama ist wie geschaffen für Inszenierungen, Militärparaden und monarchistisch-katholische Aufmärsche.
Nicht nur die Herrschenden haben seine symbolische Wirkung zu nutzen versucht. Verschiedene Gruppierungen und politische Bewegungen – bürgerlich-liberale im 19. Jahrhundert, linke und rechte im 20. Jahrhundert – haben sich den Platz zu Eigen gemacht. Im März 1848 wird die repräsentative Anlage im Herzen von Wien Schauplatz einer Demonstration gegen die Machthaber und damit Ausgangspunkt der bürgerlichen Revolution. 1931 fand aus Anlass der Arbeiterolympiade eine linke Kundgebung am Heldenplatz statt und am 2. April 1938 nahm der "Führer" den Platz ein und damit ganz Österreich.
Hunderttausende Menschen versammelten sich, als Adolf Hitler auf dem Balkon der Hofburg seine Anschlussrede hielt. Die Masse jubelte. Die Sieg-Heil-Rufe machten aus dem Heldenplatz einen symbolischen Ort. Der Sturm der Begeisterung steht in krassem Widerspruch zum österreichischen Opfermythos, der die Basis des Selbstverständnisses der Zweiten Republik bildet. Diese Rufe musste man vergessen, um ihn installieren zu können.
Seine Anziehungskraft für Massenaufläufe verlor der geschichtsträchtige Platz auch nach 1945 nicht. Nationale Emotionen kamen zum Beispiel hoch, als das österreichische Schi-Idol Karl Schranz 1972 von den Olympischen Winterspielen in Sapporo ausgeschlossen wurde. Wie ein Volksheld wurde er von mehr als hunderttausend Wienern bejubelt.
Politisch neu besetzt wurde der historische Boden 1993, als rund 250.000 Menschen mit einem "Lichtermeer" gegen Rassismus und das von der FPÖ initiierte Volksbegehren "Österreich zuerst" demonstrierten. Schauplatz des politischen Protests war der Heldenplatz auch im Februar 2000. "Widerstand, Widerstand ..." war die Parole gegen die neue blau-schwarze Regierung. Die Kundgebung von rund 200.000 Menschen setzte ein Zeichen für ein "anderes Österreich" und wurde europaweit wahrgenommen.
2005 wurde der Heldenplatz im Rahmen des "Jubiläumsjahres" 2005 schließlich zu einer Kulisse der Aktion "25 pieces" und zum Spielort für "Histotainment", als die beiden Reiterdenkmäler – wie zu Ende des Zweiten Weltkrieges – eingemauert und ein Teil der Gartenanlage - in Erinnerung an die Ernährungskrise zu Kriegsende und zu Beginn der Zweiten Republik - zu Äckerflächen umfunktioniert wurden.
Station: Rund um den Heldenplatz (Last update: 02/2006)









