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Innovationsstandort Wien


Milleniums-Tower, Wien
© Stumpf AG
Die Hauptstadt der Republik Österreich zählt mit rund 1,6 Mio. EinwohnerInnen in der Kernstadt und 2,5 Mio. in der Agglomeration zu den großen Städten Europas. Nach London, Paris, Berlin, Madrid, Rom, Warschau und Budapest rangiert Wien auf dem 8. Platz der nach der Größe gereihten Hauptstädte der EU. Wird die Stadt aufgrund ihrer historischen Bedeutung, ihrer baulichen Attraktivität oder aufgrund der für Besucher- und EinwohnerInnen erlebbaren Lebensqualität beurteilt, dann überholt Wien sicherlich einige der vor ihr liegenden Städte. Während andere europäische Städte Modernität, Dynamik und neuen Reichtum abstrahlen, wird Wien vielmehr mit Heurigen, Mozart, Kaiser, Hofburg, mit Tradition, historischem Flair und dem gediegenen Reichtum der Noblesse des 19. Jahrhunderts assoziiert. Auch wenn diese Fremdbilder in ihrer Pauschalität nicht stimmen, so kennzeichnen sie doch Aspekte eines spezifischen Ambientes der Stadt.

Wien ist mindestens 2.000 Jahre alt. Mit der Entstehung des römischen Legionslagers Vindobona ist der Grundstein für die heutige Stadt Wien gelegt worden. Seit dem frühen Mittelalter war Wien Handelsplatz und Drehscheibe des europäischen Verkehrs, auch begünstigt durch eine günstige geographische Lage: Wien liegt an der Donau, einer bedeutenden europäischen Wasserstraße, am Ende der Alpen und am Beginn der pannonischen Ebene. Transkontinentale Fernhandelsrouten kreuzten sich in Wien. Auf der einen Seite die Verbindung des nördlichen Europas mit der Adria und auf deren Seite die Verknüpfung des mitteleuropäischen Raums mit dem südöstlichen Europa bis hin zum Schwarzen Meer. Alles, was im Mittelalter und später Bedeutung hatte, Salz, Wein, Holz, Getreide, Bernstein, Gewürze und Textilien, wurde durch Wien transportiert und auch dort gehandelt.

Wien war seit dem 12. Jahrhundert – mit wenigen Ausnahmen – Residenzstadt eines expandierenden Reiches. Umfasste das von Wien aus verwaltete Territorium im Hochmittelalter nur einen Teil der Fläche der heutigen Republik Österreich, so vergrößerte sich "Österreich" besonders im 17. und 18. Jahrhundert um ein Vielfaches. Am Vorabend des 1. Weltkriegs war Wien die Hauptstadt eines europäischen Großreiches, welches das heutige Österreich, Ungarn, Kroatien, Slowenien, Slowakei, Tschechien sowie Teile Rumäniens, Polens, Italiens und Jugoslawiens einschloss. Der Reichtum des großen Reiches floss nach Wien und ermöglichte den Bau ungezählter Baudenkmäler, die den einmaligen Charakter der Stadt geprägt haben. MigrantInnen aus allen Teilen der Monarchie ließen sich in Wien nieder und erzeugten eine vielfältige, multikulturelle Gesellschaft. Mehr als die Hälfte der Wiener Bevölkerung war am Vorabend des Ersten Weltkriegs nicht in Wien gebürtig, sondern zugewandert. Viele kamen aus dem näheren Umland, aber auch viele aus Böhmen, Mähren, Schlesien, aus Ungarn, Galizien oder der Bukowina.

Nach dem ersten Weltkrieg (1914–1918) erlebte Wien eine markante Zäsur. Es war nicht mehr die Reichs- und Residenzhauptstadt einer europäischen Großmacht, sondern Hauptstadt eines auf 6 Millionen reduzierten Kleinstaates. Nicht mehr die Aristokratie und das Kaiserhaus bestimmten das gesellschaftliche Leben, sondern kleine Selbstständige, ArbeiterInnen, Angestellte und BeamtInnen. Wien war nicht mehr die Stadt des Wohlstands und Reichtums, sondern vielmehr der Arbeitslosigkeit, der sozialen Desorganisation und der Wohnungsnot. Die EinwohnerInnenzahl ging deutlich zurück. Zählte Wien 1914 noch über 2,2 Millionen EinwohnerInnen, so waren es zu Beginn des 2. Weltkriegs nur mehr 1,7 Millionen.

Der Nationalsozialismus stellte abermals eine Zäsur in der Geschichte der Stadt dar und führte zur Verfolgung und Ermordung des überwiegenden Teils der jüdischen Bevölkerung (Holocaust) als auch politisch Andersdenkender, Behinderter, "Asozialer" oder Homosexueller, was für Wien einen enormen Aderlass in verschiedenen Bereichen (Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst) bedeutete. Was den Zweiten Weltkrieg und die Kriegszerstörungen betrifft, veränderten diese – verglichen mit deutschen Städten – Wien nur mäßig. Vielmehr war es die Errichtung des Eisernen Vorhanges und die politische Zweiteilung Europas, die Wien an den Rand der westlichen Welt drängte und es zu einer Eurometropole im östlichen Europa, mit einem begrenzten Hinterland und ungünstigen Entwicklungsperspektiven machte.

Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhanges (1989/90) veränderten sich die geopolitischen Lagebedingungen für Wien tief greifend. Wien rückte wieder näher in das Zentrum des europäischen Städtesystems und die traditionell ungünstigen Faktoren für den Wirtschaftsstandort Wien, wie die Lage an der "toten" Grenze und das Fehlen von größeren Absatzmärkten, wurden in positive Entwicklungschancen verwandelt.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhanges und dem Ende der Zweiteilung Europas hat Wien seine europäische Mittelpunktlage zurückgewonnen. Man sprach von einer "neuen Gründerzeit" in Anlehnung an das gewaltige Stadtwachstum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sah sich – zu Recht, wie es heute erscheint – als dynamische "West-Ost-Metropole". Das Engagement österreichischer Banken, des Lebensmitteleinzelhandels und der Tourismusbranche im östlichen Europa zeugt von diesem internationalen Engagement. Der Flughafen Wien entwickelt sich immer mehr zum "Hub" für das östliche Europa, der Anstieg des Transitverkehrs auf der österreichischen West-Ost-Verbindung ist unübersehbar. Und auch städtebaulich findet diese neue Gründerzeit ihren Niederschlag. An der Donau entsteht ein zweites "La Défense" und ungezählt sind inzwischen die Büroneubauten am Rande der Kernstadt.

Die EU-Erweiterung hat den gemeinsamen politischen und ökonomischen Raum bis an die Grenze zur Ukraine und Weißrussland ausgedehnt. Das östliche Europa hat als Absatzmarkt und Produktionsstandort massiv an Bedeutung gewonnen. Eine ähnliche Entwicklung beginnt sich nun für den südosteuropäischen Raum, als neuem "Hoffnungsraum" abzuzeichnen. Wien hat dabei gute Chancen, jene Unternehmen und Unternehmensteile aufzunehmen, die grenzüberschreitende Handels- und Produktionssysteme kontrollieren und verwalten. Dafür sprechen in erster Linie die Nähe zu den Märkten, die Qualität der Infrastruktur in Wien, die gute Erreichbarkeit der Stadt mit Bahn, Auto und Flugzeug, ein qualifiziertes Arbeitskräfteangebot sowie weiche Standortfaktoren. Wien ist eine sichere Stadt, die Kriminalität kann – verglichen mit anderen Metropolen – als ausgesprochen gering beurteilt werden, die Qualität der schulischen und medizinischen Versorgung ist sehr hoch und die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in der Stadt und im Stadtumland sind vielfältig.

Damit diese hohe Attraktivität der Stadt als Arbeits- und Wohnstandort erhalten bleibt, sind Maßnahmen im Bereich des steigenden und die Umwelt vielfältig belastenden Verkehrs ebenso notwendig wie öffentliche Investitionen in die bauliche Erneuerung der Stadt. Notwendig ist auch eine ausgewogene Sozialpolitik, um soziale Fragmentierungen zu verhindern, und notwendig ist auch eine Migrationspolitik mit Augenmaß, die einerseits die Zuwanderung der notwendigen Arbeitskräfte ermöglicht und andererseits dafür sorgt, dass die Aufnahme und Eingliederung in die Gesellschaft nicht nur den Zufälligkeiten sozialen Geschehens überlassen bleibt.

Schließlich sind Investitionen in den wichtigsten Standortfaktor dieser Stadt zu tätigen: in seine Innovationskapazität. Die globale Standortkonkurrenz macht zunehmend deutlich, dass es nicht ausreicht, in die technische oder verkehrliche Infrastruktur zu investieren. Flughäfen haben alle großen Metropolen, und über kurz oder lang werden auch alle großen Städte die Anbindung an leistungsfähige Datennetze aufweisen. Das macht nicht den Standortvorteil aus. Nein, es sind die Investitionen in die Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie in Institutionen, die für einen raschen Know-how-Transfer sorgen, die in einer modernen Wirtschaft die Standortvorteile ausmachen. Sie sorgen für qualifizierte Arbeitskräfte und darüber hinaus für ein innovatives und kreatives Milieu, welches der beste Garant dafür ist, dass in einer Stadt Ideen entstehen und aus den Ideen konkurrenzfähige Güter oder Dienstleistungen entwickelt werden.

Heinz Fassmann

Station: Innovationsstandort Wien (Last update: 02/2006)

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