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Aus deutscher Perspektive: Österreich im 20. Jahrhundert

Abstract des Vortrags von Wolfgang Benz vom 27. April 2001

Wolfgang Benz charakterisiert das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert als Wechsel von Fremdheit und Nähe. Einer im 19. Jahrhundert begründeten Phase enger Verbindung sei nach dem Ersten Weltkrieg eine "getrennte Leidenszeit" der von außen verhinderten Nähe gefolgt, die später ungern erinnerte Episode der Vereinigung im Großdeutschen Reich und nach 1945 eine Nachbarschaft, die immer noch geprägt sei von Nähe und Fremdheit: die Nähe konstituiere sich aus der Sprache, die Fremdheit aus unterschiedlichen politischen Kulturen.

Unterschiedliche Mentalitäten und darauf beruhende Missverständnisse sowie Klischees und Stereotypen prägen das Verhältnis der beiden Länder untereinander. Deutschland nimmt Österreich immer noch gerne als "Freilichtmuseum der einstigen Donaumonarchie mit lebendem Inventar" wahr. Andererseits lebt Preußens Gloria in den Ängsten vieler ÖsterreicherInnen fort, wenn sie an den größeren Nachbarn und dessen Disposition zur Kraftentfaltung ohne schmückendes oder milderndes Beiwerk denken. Unverständlich ist den Deutschen vor allem eine seit Jahrzehnten gelebte Schizophrenie hinsichtlich schmückender Adelsprädikate und Titel: Auf der einen Seite wurden in der Ersten Republik die Adelstitel rigoros abgeschafft; auf der anderen Seite ist Österreich ungemein titelfreundlich.

Österreich und Deutschland traten als Verbündete ins 20. Jahrhundert ein: Die Hohenzoller-Monarchie und das habsburgische Vielvölkerreich bildeten den Angelpunkt eines von Bismarck konstruierten europäischen Bündnissystem, in dem sich bald England, Frankreich und Russland auf der einen Seite und die beiden Kaiserreiche auf der anderen Seite gegenüberstanden. Aus dem Ersten Weltkrieg gingen beide Staaten territorial beschädigt und politisch gedemütigt hervor. Der deutschsprachige Rest der k.-u.-k.-Monarchie fühlte sich als Republik Deutschösterreich anlehnungsbedürftig an das Deutsche Reich; die Verwirklichung unterbanden die Alliierten jedoch energisch mit dem Friedensschluss von St. Germain, was die Gefühle der Verbundenheit weit über das eigentliche Bedürfnis hinaus verstärkt haben mochte.

Der "Anschluss Österreichs" war, wie wir heute wissen, das Produkt von Erpressung und Demütigung der Wiener Regierung ebenso wie Ergebnis jauchzender Unterwerfung durch das österreichische Volk. Reichskanzler Adolf Hitler, Reichsminister Hermann Göring und Hitlers Botschafter in Österreich, Franz von Papen, die Motoren des "Anschlusses", folgten eher pragmatischen Überlegungen (ökonomische Ressourcen, militärische Strategien) als einer größeren Reichsidee. Wie Österreich "heimkehren" sollte ("Gleichschaltung" durch politische Dominanz, Personalunion oder deutsch-österreichische Konföderation) war im März 1938 noch nicht entschieden; erst unter dem Eindruck der Reaktion der Bevölkerung auf den deutschen Einmarsch verdichtete es sich zur "Anschlussidee". Der Jubel der Bevölkerung hatte bereits den Charakter eines Plebiszits, das formell erst am 10. April mit dem für diktatorische Regimes nicht ungewöhnlichen Ergebnis von 99 % der Stimmen durchgeführt wurde.

Auch wenn man den Propagandaverlauf dieser Volksabstimmung in Betracht zieht: Die Zustimmung der ÖsterreicherInnen zur Preisgabe ihres Staates war enorm und - als Vollzug der Wünsche und Ängste nach dem Untergang der Donaumonarchie, in der Reaktion auf das Vereinigungsverbot der Alliierten von 1918/19 - freiwillig. Die Realität des NS-Staates und die Kriegsjahre ließen die Begeisterung für den "Anschluss" dahinschwinden. So kamen z. B. viele Schlüsselstellungen in der Verwaltung der Ostmark in die Hände von Reichsdeutschen, was den ÖsterreicherInnen nicht behagte. (Dem Mangel der Einheimischen an Einfluss, Ämtern und Pfründen in der nationalsozialistischen Ostmark stand ein überproportionales Engagement von ÖsterreicherInnen als TäterInnen bei den Massenverbrechen des Regimes gegenüber.)

Die Trennung 1945 erfolgte ohne Abschiedsschmerz auf beiden Seiten. In den gängigen geschichtlichen Darstellungen über den Zusammenbruch des Dritten Reiches auf deutscher Seite kommt die Trennung von Österreich nicht vor. Die Scheidung schien so selbstverständlich, als habe die Ehe gar nicht existiert. Auch in Österreich war das deutsche Nationalbewusstsein reziprok zum Wachsen der eigenen staatlichen Identität geschwunden.

Aus deutscher Sicht schien Österreich glücklicher aus der Situation ausgestiegen zu sein: Es konnte sich mit Erfolg als befreite Nation und Hitlers erstes Opfer darstellen und hatte immerhin eine nationale Regierung, die die Verfassung von 1920 wieder in Kraft setzte. Die Zweite Republik konnte sogar an Traditionen anknüpfen, personelle Kontinuitäten in die Erste Republik in der Person des Präsidenten Renner demonstrieren etc. Das alles war für Deutschland undenkbar: Es hatte jede staatliche Form verloren, entwickelte sich unter den vier Besatzungsmächten politisch, sozial und ökonomisch auseinander, war der Willkür der Besatzungsherren preisgegeben und konnte seine Staatlichkeit nur durch die Etablierung zweier vehement konkurrierender Herrschafts- und Gesellschaftssysteme erlangen. Die Folgen dieses Zustandes der zwei Staaten, Geschöpfe des Kalten Krieges, sind im Vereinigten Deutschland noch heute auf Schritt und Tritt spürbar. Die Sympathien Österreichs lagen nach der Vereinigung beim kleineren Partner, der ehemaligen DDR. Nicht aus Sympathie mit dem Kommunismus, sondern weil diese weniger mächtig war. Möglicherweise waren es auch Assoziationen an den "Anschluss" von 1938, die nach 1989 Skepsis gegenüber der Vergrößerung Deutschlands auslösten.

Den Einfluss Deutschlands in der Welt konstituierte seine Wirtschaftskraft. Damit konnte man sich auch über den Verlust der Einheit der Nation hinwegtrösten. Fixiert auf den feindlichen Nachbarn, die DDR, orientiert auf Westeuropa und die USA, verlor man in Deutschland Österreich aus den Augen. Angesichts westdeutscher Anstrengungen zur Entschädigung und Wiedergutmachung gegenüber Juden und Israel, die die Größenordnung von 80 bis 100 Milliarden DM erreichte, fühlte man sich aus der Bonner Perspektive sowohl Ost-Berlin wie Wien gegenüber in der angenehmen Lage dessen, der seine Pflicht erfüllt hatte und dafür die Früchte ernten durfte. Man vergaß, dass es auch in Westdeutschland äußeren Druckes und dann des inneren Druckes durch die Studentenrevolution (68er Bewegung) für die Aufarbeitung der Vergangenheit und die finanzielle Entschädigung der Opfer bedurft hatte. Auf die internationale Isolation Österreichs in der Ära Waldheim reagierten viele Westdeutsche daher auch mit Schadenfreude.

Fremd war den Deutschen auch das österreichische Modell des Ausgleichs in der großen Koalition; hatten sie doch in den Gründerjahren der Bundesrepublik Demokratie als Streitkultur erlernt und verinnerlicht (z. B. als harte, aber auch lustvolle Konfrontation der von Konrad Adenauer geführten Konservativen und der von Kurt Schumacher geführten Sozialdemokratie). Für Deutschland war Österreich eines der kleinen Nachbarländer wie die Schweiz, Belgien oder die Niederlande; für Österreich war Deutschland ein auch wirtschaftlich wichtiger großer Nachbar. Adenauer stand auch der Idee, durch Erklärung der Neutralität den österreichischen Staatsvertrag zu erlangen, skeptisch gegenüber. In Bonn las man das als Annäherung an die Sowjetunion, als Einladung zum Einmarsch der Roten Armee. Weitere Irritationen im österreichisch-deutschen Verhältnis in den 1950er Jahren lösten die Bemühungen Österreichs um Wiedergutmachung von Seiten Deutschlands und die Verhandlungen um österreichisches Eigentum in Deutschland aus.

Versucht man das Österreichbild der Deutschen, soweit aus den Medien fassbar, zu beschreiben, ergeben sich vier Leitmotive:

1) Provinzialität, oder freundlicher ausgedrückt, Regionalismus. (Als Beleg dafür gilt, dass kein österreichisches Medium europäischen Rang hat, wie z. B. die "Neue Zürcher Zeitung" in der Schweiz. Dass Österreich mit dem legendären Club 2 über viele Jahre hinweg das beste Diskussionsforum im Fernsehen bot, gehört leider der Mediengeschichte an.) Nicht unter Provinzialismus lässt sich die Ära Kreisky mit ihren kosmopolitischen Zügen subsummieren. Das wurde in Deutschland auch so wahrgenommen. Wahrgenommen wird in Deutschland auch das abweisende Verhältnis zwischen Intellektuellen und dem Staat, die gewollte Exterritorialität der Künstler und Literaten. (Beispiele: Helmut Qualtinger, Georg Kreisler, Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard)

2) Der österreichische Patriotismus, der sich gern in kleinbürgerlichem Gewand zeigt und Nationalismus ebenso wie Fremdenfeindlichkeit kultiviert. Die auf kleinbürgerliche Ängste zielende Ausgrenzung hat lange Traditionslinien. Dazu der deutsche Sozialwissenschaftler Claus Leggewie: "Lueger wie Haider haben als Liberale begonnen und den Liberalismus in einer antiliberalen, ethno-nationalistischen Massenbewegung zu Grunde gerichtet. Das deutet auf den eigentlichen Mangel der österreichischen Politik hin: das Fehlen eines zivilgesellschaftlichen Bürgerbewusstseins und, was die kulturellen Avantgarden betrifft, die fehlende Rückbindung ihrer (notwendigen) Kritik an die republikanische Tradition." (Claus Leggewie: "Millenniumsdämmerung", in: taz, 9.10.1995.)

3) Mit großer Aufmerksamkeit registrieren Deutsche in Österreich Judenfeindschaft; das hat auch Entlastungsfunktion für deutsche Beobachter. Österreichischer Antisemitismus in der NS-Zeit wird gerne als ärger hingestellt als der deutsche, was mit tatsächlich zu beobachtenden Phänomenen nichts zu tun hat. Dennoch ist der Gegensatz zwischen dem öffentlichen Umgang mit dem Thema in Deutschland und Österreich evident: Ressentiments gegen Juden scheinen in Österreich weniger tabuisiert als in Deutschland.

4) Auch der Rechtsextremismus zeigt in Österreich eigene Formen, die älteren Traditionen folgen. Rechtsextremismus als trotziges Aufbegehren gegen historische Realität und die Erfordernisse der Weltoffenheit orientieren sich in Österreich stärker an traditionellen Mustern als das verwandte Phänomen in Deutschland, wo es immer stärker als Jugendgewalt und in ideologisch weniger besetzter Form als Kampf gegen die demokratische Gesellschaft, als rassistische Aggression gegen Fremde auftritt.

Wolfgang Benz betont, dass er hier nur impressionistische Betrachtungen zu einigen Aspekten österreichischer Geschichte und Gegenwart aus deutscher Perspektive habe liefern können. Der Blick des Nachbarn könne kein objektiver sein, zumal im Anderen auch viel Eigenes zu erkennen sei.

Univ. Prof. Wolfgang Benz ist Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen und jüdisch-deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, insbesondere zur Geschichte des Nationalsozialismus.

Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)
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