Österreich aus der Sicht eines "ungeliebten Cousins"
Das lange 19. und das kurze 20. JahrhundertAbstract des Vortrags von Wlodzimierz Borodziej am 22. Juni 2001
Vorgeschichte
Polen und Österreich entstanden als Staaten in etwa derselben Zeit. Bis Anfang des 16. Jahrhunderts scheint sich in den Beziehungen zwischen Piasten und Babenbergern, später Jagellonen und Habsburgern, jedoch nichts Dramatisches zugetragen zu haben. Erst der Wiener Vertrag von 1515 und die Schlacht bei Mohacs 1526 brachten eine erste Vorentscheidung: Die Habsburger (und nicht die Jagellonen) wurden zur dominierenden Dynastie Mitteleuropas, während Polen sich nach Osten orientierte. Große Unterschiede sind in der verfassungsrechtlichen Entwicklung auszumachen: In Polen wurde ein Wahlkönigtum etabliert. Jeder neu gewählte Herrscher musste die Rechte des Adelsstandes bestätigen. In Österreich etablierte sich demgegenüber in der Frühen Neuzeit der Absolutismus. Auch die Habsburger traten in Polen als Kandidaten bei der Königswahl auf, verloren aber jedes Mal. Zu stark haftete ihnen der Geruch des "Dominium Absolutum" an, der Bedrohung der ständischen Freiheit des Adels und vor allem des Magnatentums. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wurden in diesen Jahrhunderten jedoch kaum getrübt, da Polen sich an keiner der zahlreichen antihabsburgischen Koalitionen beteiligte.
Es fehlt zwar an genauen Untersuchungen, inwieweit das Mitte des 17. Jahrhunderts entstandene Stereotyp des "polnischen Reichstags" als Symbol für Unordnung und politische Ineffizienz spezifisch österreichische Beobachtungen und Wertungen einschloss. Als 1784 der Gelehrte Georg Forster in einem Brief aus dem nordöstlichen Wilna (ohne, dass dies einer genaueren Erläuterung bedurfte) von der "polnischen Wirthschaft" schrieb, dürfte er jedoch die Empfindungen der Wiener Beamten, die nun seit 12 Jahren die unwirtliche galizische Realität zu meistern versuchten, gut getroffen haben. Mit der Ersten Teilung Polens begann das gemeinsame 19. Jahrhundert, das stärker auf die heutige Sicht Österreichs einwirkt als das kurze Jahrhundert danach.
Das lange 19. Jahrhundert
Der Gebietserwerb Österreichs im fernen Nordosten unter Kaiserin Maria Theresia (1740–1780) war in praktischer Hinsicht eine Fehlinvestition: Die polnische Beute fesselte Wien an Petersburg und Berlin; der ökonomische Gewinn war weniger als gering und mit den Polen holte sich die kaiserliche Kanzlei eine endemische Krankheit ins Land, deren Ansteckungspotenzial bis 1848 beachtliche Wirkung zeigte.
Der latente Konflikt zwischen Polen und dem habsburgischen Österreich hatte – anders als die Auseinandersetzung zwischen Polen und Russland – keinen militärischen Charakter. Kein Krieg, kein Aufstand, sondern die zivile Konfrontation zwischen republikanischem Selbstverständnis als Staatsnation und oktroyierter, fremdbestimmter und fremdsprachlicher Verwaltung machten die Spannung aus. (Charakteristische Ausnahmen bildeten die Aufstände von 1846 und 1848, als die kaiserliche Armee den Widerstand innerhalb von Stunden brach.)
Andererseits galt die österreichische Repression als ebenso brutal und perfide wie die russische. Fast alle wichtigen Führer der Generation, die in den 1860er Jahren den Ausgleich gestalten sollte, hatten in ihrer Jugend österreichische Arreste, Gefängnisse und Gerichte kennen gelernt. Als besonders perfide erschien Polen die österreichische Rhetorik der aufgeklärten Modernisierung: "Neu gestaltet" wurde nämlich nur der obere Teil der sozialen Leiter, die politische Struktur des polnischen Adels, die zerschlagen wurde. In Polen erlebte man das als Vernichtung der polnischen Nation. Demgegenüber wurde am unteren Teil der sozialen Leiter nur zögerlich reformiert: Das Leibeigenenproblem wurde erst 1848 unter dem Druck der tagespolitischen Begleitumstände gelöst und die Juden mussten noch länger auf ihre Gleichstellung warten. Ein weiteres Argument für die österreichische Perfidie ergab sich aus der Konfrontation zwischen deutsch-österreichisch-aufklärerischer Überlegenheitsallüre und den tatsächlichen ökonomischen Verhältnissen: Galizien erlebte bis Anfang des 20. Jahrhunderts keine "take-off-Periode", sondern fiel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar deutlich gegenüber Russisch-Polen zurück. Der Aufschwung vor dem Ersten Weltkrieg hatte wenig mit staatlicher Interventionspolitik zu tun als vielmehr mit der Entdeckung von Erdölquellen.
Die ungelöste nationale Frage Polens wurde im frühen 19. Jahrhundert zu einem Sinnbild der nationalen (und – mit dieser verknüpft – liberalen) Frage Europas. Für die Vertreter der alten Ordnung (wie z. B. den österreichischen Staatskanzler Klemens Fürst von Metternich) galt der "Polonismus" als eine "Formel", hinter der "die Revolution in ihrer krassesten Form" stehe: Dieser predige den Umsturz der gesamten Grundlagen, auf denen die Gesellschaft beruhe. Für Franz Grillparzer wiederum und andere Liberale wurden "die Polen" zu edlen Rittern und – fast 60 Jahre nach der Ersten Teilung – zum "Gewissensbiss Europas".
Die polnischen und deutsch-österreichischen Liberalen im Wiener Reichsrat hielt aber nur der gemeinsame Feind, der Neoabsolutismus, zusammen. Nach den Dezembergesetzen von 1867 und beinahe gleichzeitig dem "Ausgleich" zwischen Wien und der polnischen Aristokratie fanden diese beiden Gruppen sich in verschiedenen Lagern wieder. Der Polen-Club des Reichsrates galt sowohl von seiner sozialen Zusammensetzung wie auch politisch als konservative Kraft. Zum einen, weil der "Ausgleich" der polnischen Elite eine weit gehende Autonomie und Gestaltungsfreiheit brachte, die sie weder im russischen noch deutschen Teil Polens hatte; zum anderen, weil es galt, die entstehende ukrainische Nationalbewegung als Gefahr der regionalen Vormachtstellung dieser Elite in Polen in Schach zu halten. Für die politische Presse Galiziens nach 1867 galt Österreich trotz zahlreicher "Schönheitsfehler" im Vergleich mit Russland und Preußen als das geringere Übel. In diesem halben Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg fanden die Polen ihre politische Heimat in der Monarchie, d. h. in einem übernationalen Staat, der die einer Großmacht eigenen Aufstiegsmöglichkeiten bot, ein gewisses Maß an Rechtsstaatlichkeit gewährte und sie "vor Ort" in Ruhe ließ.
Galizien war eine zwar periphere, jedoch unübersehbar mit einem europäischen Zentrum integrierte Provinz. Irgendwo über dem kleinen Beamten in Brody oder Rzeszów gab es den Kaiser, dem der kleine Beamte ungeachtet seines Nationalbewusstseins übernationale Loyalität schuldete. Wollte der Galizianer beruflich weiterkommen, musste er – ob fanatischer Pole oder Ruthene – Deutsch können. Die mehrsprachige Aristokratie unterhielt natürlich unter anderem auch Residenzen in Wien. Galizische Blätter druckten Annoncen Wiener Firmen, die Post beförderte Briefe aus der galizischen Provinz nach Wien in 1 bis 2 Tagen, und wurden statistische Daten veröffentlicht, so wurde nicht mit Masovien oder Wilna verglichen, sondern mit der Steiermark oder mit Brünn. Die Kenntnis des neuesten Leitartikels der "Neuen Freien Presse" war für einen politisch interessierten Zeitgenossen ebenso verpflichtend wie die Information über den Stand der Wiener Börse für den Unternehmer. Im Cafe Pucher am Wiener Kohlmarkt lagen Mitte der 1880er Jahre acht polnische Blätter aus.
Galizien galt in Wien als rückständig; die Träger der deutsch-österreichischen Kultur verspürten eine zivilisatorische Mission gegenüber den Polen und ihrer "polnischen Wirtschaft". Außerdem galt "der Pole" – besonders in jüdisch-liberalen Kreisen – als "nationaler Todfeind" der Juden und Ruthenen (so der Schriftsteller Karl Emil Franzos). Die polnischen Autoren sahen die Gründe für die Rückständigkeit des "Königreichs Galizien und Lodomerien" wiederum in der Politik der Wiener Bürokratie, die die einst angeblich blühende Provinz der Adelsrepublik auf den Markt der Fabrikanten geworfen und in eine Kolonie der österreichischen Provinzen verwandelt hätte.
Die politischen Parteien der Deutsch-Österreicher und der Polen, die im Wiener Reichsrat saßen, waren aus den verschiedensten Gründen nicht kompatibel. Für die österreichischen Liberalen wurden die Polen im Reichsrat aus den oben bereits erwähnten Gründen zunehmend zum Sinnbild des Konservativismus. Auch brachten die demographischen Unterschiede in den jeweiligen Reichsteilen politische Parteien mit unterschiedlichen Ausrichtungen hervor. Entscheidend für den Fortgang der Geschichte ist, dass sich auch in keiner polnischen politischen Partei die übernationale Leitkultur wirklich durchsetzten konnte. Das gleichzeitige Scheitern der habsburgischen Staatsidee und die Renaissance der Hoffnung auf eine nationalpolnische Gesamtlösung erwiesen sich nach fast 150 Jahren Teilung und einem halben Jahrhundert weit gehender Anpassung als derart geschichtsmächtig, dass alle anderen Projekte bedeutungslos wurden: Supranationale Lösungsansätze wie Klassensolidarität oder ökonomische Gesichtspunkte spielten 1918 keine Rolle mehr.
Aus polnischer Sicht bedeutete dieser Sieg der nationalen Idee aber auch Verständnis für die Hinwendung des "amputierten Österreich" zu Deutschland. Außenpolitisch gesehen war die damit verbundene Stärkung des westlichen Nachbarn ein Nachteil; psychologisch hatte man durchaus Verständnis dafür.
Das kurze 20. Jahrhundert
Es gab nach der Auflösung der Monarchie in Polen wohl denkbar wenig Trauer darüber. Vielfach blieben zwar noch österreichische Gesetze in Kraft, die Polen verloren aber sehr rasch das Interesse an dem Land. Auch glaubten sie nicht an die Überlebensfähigkeit des Rumpfstaates Deutsch-Österreich. Der "Anschluss" Österreichs an Deutschland galt als grundsätzlich nicht erwünschte Erweiterung der deutschen Macht, zugleich aber auch als unausweichlich und wurde dementsprechend auf Potenziale für die polnische Situation überprüft. Als vorteilhaft wurde z. B. die Vergrößerung der Zahl der Katholiken in Deutschland eingeschätzt. Im Dezember 1936 ging die Führung des polnischen Außenministeriums bereits von der unausweichlichen Neuordnung Mitteleuropas aus, die das Verschwinden der CSRS und Österreichs mit sich bringen würde. Die Eindämmung der deutschen Expansion wollte man erst mit den übrig gebliebenen Staaten unter Hilfe des faschistischen Italien organisieren. Als im März 1938 der deutsche Einmarsch in Österreich begann, unterbrach der polnische Außenminister, Józef Beck, demonstrativ seinen Italien-Urlaub nicht.
Eine neue, vielleicht am wenigsten bekannte, Berührungsfläche zwischen Österreich und Polen entstand mit der deutschen Besetzung Polens im September 1939. "Der Österreicher" schneidet in der polnischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg weit besser ab als "der Deutsche", und das trotz Odilo Globocnik, 1939–1942 SS- und Polizeiführer von Lublin. Es ist sicher kein Zufall, dass der einzige in Polen weiter bekannte anständige Wehrmachtssoldat, Otto Schimek, Österreicher und Katholik war. In dieses Bild passt auch, dass es österreichische Gefangene waren, die auf Grund des nationalen Kriteriums am frühesten aus polnischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurden. (Das gelang dem österreichischen Gesandten in Warschau, Walter Tenschert, bereits 1946; natürlich auch, aber nicht nur, weil die polnisch-kommunistischen Behörden dem Geist der Moskauer Deklaration von 1943 folgten.)
Nach 1945 waren die polnisch-österreichischen Beziehungen für keine Seite ein großes Thema. Die geographische Distanz zwischen den beiden Ländern schien unendlich groß. Erst im Zeitalter der "Detente" vermochte man in Polen von Seiten des Staates der Republik Bruno Kreiskys v. a. wegen des hohen Anteils verstaatlichter Industrie und des Ausbaues staatssozialistischer Einrichtungen in Österreich etwas abzugewinnen. Dieses Interesse von "oben" wurde ergänzt durch den von "unten" wachsenden Habsburgermythos, den wir aus anderen Nachfolgestaaten der Monarchie kennen. Beides führte zu einem weit gehend positiven Österreichbild in Polen. Auch unter den polnischen Intellektuellen lässt sich in den 1980er Jahren ein positives Österreichbild verzeichnen, das diese vor allem mit Wien verbinden: diesem "fürchterlichen, dekadenten Wien, das aber die vermeintlichen Mitteleuropäer tatsächlich vereinigt hat" und das "einzige echte Europa dieser Region" war (Marcin Król, 1989). Diese Wien-Nostalgie hat die Haltung der polnischen Intellektuellen in den 1980er Jahren mehr geformt als die Waldheim-Affäre, die im Debatten-freudigen Teil der polnischen Öffentlichkeit kaum diskutiert wurde.
Auf die Beständigkeit des in diesen Ausführungen historisch begründeten positiven Österreichbildes in Polen verweist auch eine im März 2000 publizierte Umfrage über die gegenseitige Wahrnehmung in den beiden Ländern: Die PolInnen halten Österreich für reich, wohl organisiert, demokratisch und rechtsstaatlich. Die ÖsterreicherInnen halten Polen für übermäßig katholisch, schlecht organisiert und korrupt. Fast ein Drittel der befragten ÖsterreicherInnen glaubt nicht, dass an der Weichsel ein schnelles Wirtschaftswachstum verzeichnet wird. Nur 23 Prozent unterstützen einen Beitritt Polens in die EU innerhalb der nächsten 10 Jahre: Ein europäischer Spitzenwert an Misstrauen; nur Bulgarien und die Slowakei wünscht man sich noch später in der EU.
Der "Kasus Jörg Haider" im Frühjahr 2000 nach der Bildung der ÖVP/FPÖ-Regierung in Österreich hat zwar die Sympathiewerte Österreichs in Polen von 60 auf 40 Prozent fallen lassen; sie waren damit aber immer noch doppelt so hoch wie umgekehrt. Auch legten die liberalen Presseblätter eine Assoziation zu Waldheim und der tatsächlich oder vermeintlich unbewältigten Vergangenheit nahe. Demgegenüber argumentierten die rechten Parteien – wie in anderen Ländern auch – gegen die EU-Sanktionen. Das Thema verschwand aber schnell wieder von der Tagesordnung, und es ist nicht auszuschließen, dass die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich ohne die EU-Sanktionen in Polen kaum Aufsehen erregt hätte.
Univ.-Prof. Wlodzimierz Borodziej ist Historiker und Prorektor der Universität Warschau.
Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)[/size]

