Blue Danube and Third Man
Abstract des Vortrags von Peter Pulzer vom 18. Mai 2001Als Peter Pulzer 1957 seine Stelle als Dozent am Magdalen College in Oxford antrat, überraschte ihn sein Kollege und spätere Nobelpreisträger, der Physiologe Sir Peter Medewar, mit der Aussage, die drei größten Engländer, die er kennen gelernt habe, seien Ernst Gombrich, Karl Popper und Max Perutz. Mit dieser Aussage konnte vieles gemeint sein; u.a., dass er Österreich, oder zumindest Wien, als eine Wiege des modernen Geistes betrachtete, aber auch, dass Österreich anscheinend nicht im Stande war, seine Geistesgrößen zu halten.
Österreich-Bilder in anderen Nationen hängen von vielen Faktoren ab; wichtig ist es jedoch, im Auge zu behalten, dass sie zumeist auch Inlandsprodukte sind. Der gemütliche, musische, im Kaffeehaus sitzende, politisch opportunistische, unangenehmen Tatsachen ausweichende Österreicher, der Herr Karl also, wurde nicht von der "New York Times" erfunden. Andererseits können Bilder und Stereotype der anderen Nation sehr wohl vom politischen Standpunkt des Betrachters/der Betrachterin abhängen: z. B. davon, ob man liberal oder konservativ, monarchistisch oder demokratisch, katholisch oder protestantisch etc. ist. Für einen englischen Liberalen des 19. Jahrhunderts, wie z. B. den Außenminister Palmerston oder den liberalen Premierminister Gladstone, war Österreich in erster Linie ein Völkerkerker, der seine Völker nicht in die Freiheit entließ. Konservative hingegen gaben eher einer stabilen Konstellation der großen Mächte den Vorzug. Sie wünschten die Erhaltung und Ausdehnung der Großmächte und daher folgerichtig auch die Erhaltung des osmanischen Reiches und der Habsburger-Monarchie. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Winston Churchill in seinen Kriegsmemoiren die Zerschlagung der Monarchie als "a cardinal tragedy" verurteilen. Auch konfessionelle Zugehörigkeit konnte im 19. Jahrhundert die Position gegenüber Österreich bestimmen: In einem mehrheitlich protestantischen Land wie Großbritannien galten die Sympathien im österreichisch-preußischen Krieg überwiegend dem protestantischen Kontrahenten, Preußen.
In einem Punkt jedoch war die Bewertung Österreichs einheitlicher: Konservative und Liberale, Protestanten und Katholiken stimmten überein, dass die Tradition des Absolutismus und die daraus folgende Unterentwicklung einer zivilen Gesellschaft die größten Schwachpunkte dieser Strukturen darstellten. "The Austrian state system fits the character of the people as an old shoe fits the foot, and like an old shoe, reveals its defects only when the weather is bad, the Austrians, and especially the Viennese, prefer to jog along comfortably and to let the state manage their affairs for them", wie Henry Wickham Steed, zehn Jahre lang Korrespondent der "Times" in Wien, 1913 schrieb. (Henry Wickham Steed, The Hapsburg Monarchy, 3. Aufl., London 1914, 105-6, ivb.)
Mit der zunehmenden Nähe Wiens zu Berlin vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs verschlechterte sich das Bild Österreichs in England - auch bei den Konservativen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die Zerschlagung der Monarchie zunächst kein Kriegsziel. Oberste Priorität hatte der Krieg gegen Deutschland. Erst als die Aussicht auf einen Separatfrieden mit der Habsburger-Monarchie zunehmend schwand, gewannen die anti-habsburgischen Kräfte die Oberhand. London wurde das Zentrum für polnische, serbische und tschechische Exilpolitiker. Als Sprachrohr dieser Gruppen diente die von Robert Seton-Watson ins Leben gerufene Zeitschrift "The New Europe".
Nach Ende der Habsburg-Monarchie war Großbritannien, zum Unterschied von Frankreich, jedoch kein großer Anhänger eines unabhängigen Deutsch-Österreich. Schon am 11. November 1918 notierte der britische Außenminister James Balfour: "The Union of Germans of Austria with the rest of the Germanic peoples ... [is not] politically disadvantageous … [It will] greatly increase the strength of South Germany as opposed to the North and the leadership might pass from the hands of Prussia.." (Francis L. Carsten, The first Austrian Republic 1918-1938, Aldershot 1986, 6.) Nachdem die Grenzen geregelt waren, wurde Österreich für britische Politik relativ uninteressant; die meisten EngländerInnen, auch die politisch sensibleren BeobachterInnen, waren sich einig, dass Österreich zwar als Kulturmacht weiterhin relevant war, aber keinen politischen Faktor in Europa mehr darstellte.
Mit der Machtübernahme Hitlers in Deutschland und dem Ende der demokratischen Republik Österreich 1933 gab es im Foreign Office wieder Zweifel an der Lebensfähigkeit des Staates, dessen Legitimität durch die Februarkämpfe 1934 weiter vermindert wurde. Die meisten Verantwortlichen der britischen Außenpolitik in den 1930er Jahren befürworteten eine "deutsche Lösung" für Österreich gegenüber einer "italienischen Lösung". Eine Gruppe politischer BeobachterInnen im Nahbereich der Zeitschrift "New Europe", die zu diesem Zeitpunkt aber bereits nicht mehr existierte, warnten vor der Gleichgültigkeit der britischen Politik gegenüber dem Expansionsdrang Hitler-Deutschlands in Mitteleuropa. Für die britische Außenpolitik blieb jedoch ein friedliches Abkommen mit Hitler oberste Priorität. Die Auslöschung Österreichs als souveräner Staat war in diesem Kontext ein zumutbares Mittel zum Zweck.
Der "Anschluss" Österreichs 1938 markierte eine Wende im Bewusstsein der britischen Öffentlichkeit; dass das Ausmaß von Hitlers Aggression ein friedliches Übereinkommen mit seinem Regime endgültig ausschloss, wurde erst nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag 1939 klar. Das Mitleid mit Österreich als Opfer des aggressiven Aktes verging unter dem Eindruck, den die Bilder von der Beteiligung der Bevölkerung an den Ausschreitungen gegen die Juden nach dem "Anschluss" lieferten. Großbritannien hatte sich jetzt vordringlich mit der Flüchtlingsfrage zu beschäftigen. Es bedurfte jedoch der Reichspogromnacht, dass die britische Einwanderungspolitik liberaler wurde. Das Land nahm 30.000 jüdische Flüchtlinge aus Österreich auf. Nach Ausbruch des Krieges verschwand die getrennte Wahrnehmung von Österreich und Deutschland. Gedanken über die europäische Nachkriegsordnung wurden eher von den vielen Exilregierungen beeinflusst, die in London angesiedelt waren, als von deutschen oder österreichischen Regimegegnern.
Auch in der Etablierung der Nachkriegsordnung galt Österreich aus der Sicht Großbritanniens kein besonderes Augenmerk. Erst im Kontext des Kalten Krieges kam ihm wieder größere Aufmerksamkeit zu. Die Integration Österreichs in den Westen war Teil der auf Eindämmung der Macht der Sowjetunion ausgerichteten Politik. So tolerierten, ja ermutigten die Westmächte vielleicht sogar die selektive Auslegung der "Moskauer Erklärung" von 1943 durch Österreich. Jenes Dokument hatte Österreich noch daran erinnert, dass es Verantwortung trage für seine Teilnahme am Krieg auf der Seite Hitler-Deutschlands und daran gemessen werde, wie viel es zu seiner Befreiung beitrage.
In den 1960er und 1970er Jahren, den "Goldenen Jahren" der Zweiten Republik, wurde Österreich für viele sogar zu einem nachahmenswerten Modell. Die Integration in den Westen war geglückt, das Land galt als Vorbild wirtschaftlichen Wohlstands und sozialen Ausgleichs. Britisches Interesse am österreichischen Modell hatte eine besondere Dimension. Angesichts der konfliktreichen Beziehungen zwischen ArbeitgeberInnen- und ArbeitnehmerInnenverbänden in Großbritannien gab es offensichtlich einen Bedarf an alternativen Strategien. Im Zeichen der ersten Phase einer neoliberalen Gegenreformation war der Austrokeynsianismus für viele anziehend. Das silberne Jubiläum des Staatsvertrags 1980 markierte den Höhepunkt der internationalen Anerkennung Österreichs. "Der Dritte Mann", der das Image Österreichs weltweit geprägt hatte, war dem "Sound of Music" gewichen. Für zwei Jahrzehnte war Julie Andrews, Hauptdarstellerin in diesem Film, die weltberühmteste Österreicherin.
Zwei Ereignisse des Jahres 1986 revidierten diese Wahrnehmung schlagartig: die Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten und die Wahl Jörg Haiders zum Obmann der FPÖ. Dem Ansehen Österreichs schadeten dabei das Unvermögen vieler Österreicher, mit der Kritik umzugehen, und der Satz Waldheims von der "Pflichterfüllung" mehr als Waldheims eigentliche Biographie. Generell waren die Reaktionen in Großbritannien auf diese Ereignisse vielleicht weniger überzogen als in den USA oder Frankreich.
Viele maßgebliche VermittlerInnen von Nachrichten und Kommentaren über Österreich in den Nachkriegsjahrzehnten waren ehemalige ÖsterreicherInnen, zumeist jüdischer Herkunft. Peter Pulzer teilt diese Gruppe in drei Kategorien ein:
1. Eine verhältnismäßig kleine Gruppe, die aus beruflichen oder politischen Gründen unmittelbar nach dem Krieg nach Österreich zurückkehrte und sich dort ohne weiteres reintegrierte.
2. Eine zweite Gruppe, die den Kontakt völlig abbrach und Österreich nicht einmal mehr besuchte.
3. Eine dritte Gruppe, die ihre Beziehungen wieder aufnahm und dadurch besser informiert war als die meisten KommentatorInnen. Hella Pick, langjährige diplomatische Korrespondentin des liberalen "Guardian", oder der Verleger Lord Weidenfeld, die zu dieser Gruppe zu zählen sind, reagierten gelassen auf die schwarz-blaue Regierungsbildung vom Frühjahr 2000: "2000 AD is neither 1933 nor 1938", so Lord Weidenfeld.('Let's not be beastly to the Austrians', The Times, 16. Februar 2000.) Und Hella Pick: "The combination of the Freedom Party`s presence in government and sanctions from abroad helped to precipitate a widespread national debate about the nature of Austria`s democracy, about its place in Europe and the world, about its present character and past history … Haider`s challenge may help to complete the catharsis and enable Austria to modernise and energise its political life." (Hella Pick, Guilty Victim. Austria from the Holocaust to Haider, London 2000, 235.)
Auf einer Tagung der London School of Economics 1995 zur Bestandsaufnahme der ersten fünfzig Jahre der Zweiten Republik zog Peter Pulzer folgendes Resümee, das für ihn auch heute noch Gültigkeit hat: "Fifty years after the restoration of Austrian independence, fifty years during which Austrian statehood has been legitimated by constitutional consensus and a sense of nationhood, Austria stands Janus-like: more liberal than it has ever been in its history, less liberal than many of its European neighbours … Austrian cultural life is again creative, writers and producers are again provocative, the cupboard containing the skeletons of the past is no longer locked. Public life is no longer dominated by utopian or nihilistic ideologies with an exclusive claim to truth, but there is also a strong demagogic and populistic presence. Liberalism has made a breakthrough that is probably irreversible, even though it is incomplete. Unlike the breakthrough of 1867-79, it is backed by wide popular support." (Peter Pulzer, 'Between Collectivism and Liberalism: The Political Evolution of Austria since 1945', Kurt Richard Luther & Peter Pulzer (hrsg.) Austria 1945-95. Fifty Years of the Second Republic, Aldershot 1998, 232-3.)
Univ. Prof. Peter Pulzer ist Prof. emer. des All Souls College Oxford. Seine Forschungsschwerpunkte: der politische Antisemitismus in Deutschland und Österreich, deutsche und deutsch-jüdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, das politische System Großbritanniens.
Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)[/size]

