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Das Image Österreichs in Spanien

Eine historische Analyse
Abstract des Vortrages von Maria Alicia Langa Laorga vom 16. März 2001

Alte dynastische Wurzeln

Wenn man über die österreichisch-spanischen Beziehungen spricht, geht das nicht, ohne auf alte Zeiten einzugehen, als Mitglieder der österreichischen Habsburgerdynastie auf den Thronen beider Länder – zu jener Zeit große Imperien – saßen. Dadurch interessierten sich viele SpanierInnen für die österreichische Frage und Spanien war auch in Österreich bekannt. Beide Länder wurden vom jeweils anderen Land beeinflusst: Künstler arbeiteten an beiden Höfen; Geschenke wurden zwischen beiden Königtümern ausgetauscht; beide Höfe gehorchten einem ähnlichen, sehr strengen Zeremoniell; in beiden Ländern dominierte die katholische Kirche und der Protestantismus konnte keinen Boden gewinnen. Vor allem auch in der internationalen Politik wirkte sich die starke Beziehung zwischen den beiden Ländern aus.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg verschlechterten sich die Beziehungen der beiden Länder zunehmend. Die französisch-spanische Achse wurde immer wichtiger für Spanien. Der Spanische Erbfolgekrieg (1701–1714) nach dem Tod des letzten spanischen Habsburgers, Karl II., endete mit einem Sieg des französischen Lagers. Mit Philipp von Anjou, später Philipp V. von Spanien, begann die Geschichte der französischen Bourbonen auf dem spanischen Thron und endeten die alten engen österreichisch-spanischen Beziehungen. Die Invasion Napoleons in Spanien Anfang des 19. Jahrhunderts beeinflusste jedoch das bis dahin positive Image Frankreichs in Spanien. Negativ auf das Image Österreichs in Spanien wirkte sich auch die österreichische Unterstützung Karls aus, der im Erbfolgekrieg um den spanischen Thron nach dem Tod des spanischen Königs Ferdinand VII. 1833 gegen seine Nichte Elisabeth antrat. Die Partei von Elisabeth setzte sich durch, und Prinz Karl und seine Familie fanden in Österreich Zuflucht. In Spanien blieb Österreich das ganze 19. Jahrhundert hindurch und sogar im 20. Jahrhundert die "Fluchtburg" des "Carlismo".

Im 19. Jahrhundert zeigte sich aber besonders unter österreichischen Forschern ein reges Interesse an Spanien und der frühen Geschichte des österreichischen Hauses. Bis zur Weltausstellung in Wien 1873, als spanische Künstler dort präsentiert werden wollten, zeigte Spanien jedoch kein besonders großes Interesse an Österreich. Das änderte sich mit der Heirat König Alfonsos mit der österreichischen Erzherzogin Christine 1879. Die spanischen Medien interessierten sich sehr für den österreichischen Hof, an dem ihre zukünftige Königin erzogen worden war. Generell waren die ÖsterreicherInnen an Spanien nicht als modernes Land interessiert, sondern als geographischer und kultureller Ort des "Goldenen Zeitalters" (Siglo de Oro), also des 17. Jahrhunderts eines Calderón oder Lope de Vega, während Spanien sich für das Wien des Fin de Siècle und der Sezession interessierte.

Der Beginn des 20. Jahrhunderts: Wiens wissenschaftliches und kulturelles Prestige und sein Einfluss auf die spanischen jungen Intellektuellen

Es gibt kein das ganze 20. Jahrhundert hindurch wirkendes einheitliches Österreichbild in Spanien: Das Image Österreichs war geprägt vom internationalen Szenario und von der internen spanischen Situation. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Wien den SpanierInnen als Quelle der Moderne. Viele spanische Künstler, vor allem Architekten, kamen nach Wien. Ihr besonderes Interesse galt der Bewegung der Sezession. Auch der Wiener Architekt Otto Wagner war von besonderem Interesse für sie. In Österreich hielt das Interesse an der Geschichte Habsburgs in Spanien an. 1911 gab Julian Paz, ein bekannter spanischer Archivist und der Direktor des Simanca-Archivs, einen Katalog zu diesen Beständen heraus, der in der Zeitschrift "Archiv für Österreichische Geschichte" publiziert wurde. Am stärksten rezipiert wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Spanien jedoch die von Theodor Billroth gegründete Wiener Medizinische Schule.

Der Erste Weltkrieg: Die spanische Neutralität und die innere Spaltung zwischen den Pro-Deutschen und den Pro-Alliierten

Spanien blieb im Ersten Weltkrieg neutral; die Gesellschaft jedoch spaltete sich in Anhänger der "deutschen Allianz", die generell konservativen politischen Ideen anhingen, und Anhänger der Alliierten mit einer liberalen politischen Weltanschauung. Die Konflikte zwischen diesen Parteien waren in einer letzten Phase so stark, dass es zu Auseinandersetzungen auf der Straße kam. Die "deutsche Allianz" war aber weniger von Österreich geprägt als von Deutschland.

Die Zwischenkriegszeit

Nach Ende der Habsburgermonarchie hatte Spanien für die neue österreichische Republik nicht viel übrig, saß in Spanien doch ein Familienmitglied der aus Österreich verbannten Habsburger auf dem Thron. 1930 erging es dem spanischen König Alfonso XIII. nicht viel besser als seinen österreichischen Verwandten, denen er geholfen hatte, ein Aufnahmeland zu finden. Er verlor seinen Thron und musste sein Land verlassen. Die Ursachen lagen im Scheitern der Militärdiktatur des Primo de Rivera, den König Alfonso unterstützt hatte, und im Erstarken republikanischer Ideen. Die spanische Entwicklung zeigt gemeinsame Züge mit dem italienischen Faschismus und der Entwicklung Österreichs unter der christlich-sozialen Partei.

Die Zweite Spanische Republik und der spanische Bürgerkrieg

Ab 1927 ("Justizpalastbrand" in Wien) interessierte sich Spaniens Öffentlichkeit wieder intensiver für die österreichische Entwicklung. Die Bewertung der Entwicklung verlief entlang der politischen Bewegungen, denen die verschiedenen Zeitungen nahe standen. Für "La Nación" und "El Debate" trugen die Bolschewiken und die österreichische sozialistische Partei (die "La Nación" zu den gefährlichsten in Europa zählte) die Schuld an den Aufständen. Diese Medien standen einserseits Primo de Rivera und andererseits der katholischen Kirche nahe. "El Socialista" wiederum unterstützte die Positionen der österreichischen Sozialdemokratie. Am meisten Interesse für österreichische Politik zeigte Spaniens Medienöffentlichkeit aber wohl in den Jahren der spanischen Zweiten Republik (1931–1936). Sie verfolgte die Politik und Entwicklung der Regierung des christlich-sozialen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuss mit großem Interesse, da sich in Spanien vergleichbare Tendenzen zeigten: hier mit dem Machtantritt der katholisch-konservativen Koalition C.E.D.A. (Confederación Española de Derechas Autónomas) unter Gil Robles im Jahr 1933. Gil Robles wurde mit Engelbert Dollfuss verglichen; die Bewertung der Entwicklung verlief aber wieder entlang der weltanschaulichen Ausrichtung des jeweiligen Mediums.

Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs 1936 gab es in Österreich zwei Gruppen: Anhänger der Sozialisten kämpften auf Seiten der spanischen Republikaner gegen den Militäraufstand der Rechten unter General Francisco Franco. Aber auch auf Francos Seite kämpften Österreicher (vor allem illegale Nationalsozialisten und Antikommunisten) aktiv mit. Die österreichische Regierung anerkannte das politische Regime Francos 1937, noch vor dem Ende des Bürgerkrieges.

Auch im Zweiten Weltkrieg blieb Spanien neutral und wieder bildeten sich unterstützende Gruppen auf beiden Seiten der Kriegsparteien; aber wie im Ersten Weltkrieg wurde Deutschland als der "große Spieler" wahrgenommen, hinter dem Österreich verschwand. Es war das Dritte Reich, nicht Österreich, das in Spanien sowohl große Freunde als auch erbitterte Feinde hatte.

Francos Regime und Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem zweiten Weltkrieg zählte Spanien mit seiner Diktatur und auf Grund seiner Nähe zu den faschistischen Regimen, die besiegt wurden, zu den Kriegsverlierern. Viele Länder zogen ihre Botschaften ab und verhängten eine wirtschaftliche und politische Blockade. Auch in die UNO wurde Spanien nicht aufgenommen. Die Beziehungen zwischen Österreich und Spanien waren in diesen Jahren bis auf ein paar kulturelle Kontakte inexistent. Ein interessanter Aspekt der österreichisch-spanischen Beziehungen dieser Jahre ist die enge Beziehung zwischen Franco und Otto von Habsburg. Es gab unter Francos Ministern sogar Befürworter einer spanischen Thronbesteigung Ottos, was aber sowohl Otto von Habsburg als auch Franco ablehnten.

Die österreichisch-spanischen Beziehungen und Erweiterung der Europäischen Union

Nach Francos Tod und der Thronbesteigung Juan Carlos I. wurden Kontakte zwischen Spanien und Österreich geknüpft: vor allem im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich. Darüber hinaus existierte jedoch in der spanischen Öffentlichkeit kein Interesse an Österreich. Spanien bewegte in diesen Jahren des Übergangs zur Demokratie vor allem sein Beitritt zur europäischen Union. Österreich tauchte in der spanischen Öffentlichkeit erst wieder auf, als es um dessen EU-Beitritt ging. Die ablehnende Haltung Spaniens zur EU-Erweiterungsrunde, die auch Österreich betraf, war nicht spezifisch anti-österreichisch intendiert, sondern betraf diese Erweiterungsrunde insgesamt. Spanien fürchtete eine Schwerpunktverlagerung zu den nordeuropäischen Staaten sowie einen Machtverlust der Mittelmeer-Staaten in der EU und verhandelte hart um seine Zustimmung zu dieser Erweiterung.

Folgende Probleme beschäftigen Spanien derzeit im Kontext der EU:
a) Spaniens Verbleib beim zentralen Kern der EU-Staaten (wirtschaftlich und politisch); Spanien befürchtet, auch durch die EU-Osterweiterung an die Peripherie Europas zu geraten; außerdem befürchtet es wirtschaftliche Nachteile. War die europäische Integration in Spanien zunächst vor allem ein Projekt der Demokratisierung des Landes und damit ein politisches Projekt, wird es heute vor allem als wirtschaftliches Projekt gesehen.
b) die großen Immigrationswellen, v. a. aus Afrika und Südamerika. Das bewirkt xenophobe Reaktionen in Spanien, die von den europäischen Partnerländern verurteilt werden; auch in Spanien reagieren Politik und Medien auf Grund der noch nicht weit zurückliegenden nationalistischen Franco-Diktatur sehr sensibel auf diese Strömungen.
c) wie in anderen Ländern sind Europa-Agenden auch in Spanien ein Weg der Opposition, die nationale Regierung zu kritisieren, und auch in Spanien hat die Bevölkerung Probleme, den Verlust nationaler Souveränität zu akzeptieren.

Was die österreichische Regierungsbildung im Februar 2000, der Eintritt der Partei Jörg Haiders (FPÖ) in eine Regierungskoalition mit der konservativen ÖVP betrifft, so löste diese in Spanien zwar Diskussionen aus, bewegte die Öffentlichkeit aber nicht sehr. Das Thema "Terrorismus" überlagerte alles andere. Die in den verschiedenen Zeitungen vertretenen Positionen entsprachen den generellen politischen Anschauungen dieser Medien: "El Mundo" (Mitte-rechts und der konservativen Regierung Aznar nahe) und "ABC" (monarchistisch und konservativ ausgerichtet) würdigten in den letzten Monaten das erste Regierungsjahr Wolfgang Schüssels ausdrücklich; "El País" (wahrscheinlich die Zeitschrift mit der größten Reichweite, Mitte-links und der Sozialdemokratie nahe) würdigte ausdrücklich den Wahlsieg der Sozialdemokraten in Wien im Frühjahr 2001 und die Abfuhr, die sich Jörg Haider bei dieser Wahl holte. "El País" warnte auch ausdrücklich vor den Gefahren der rechten Parteien in Europa für den europäischen Integrations- und Erweiterungsprozess.

Wiens Image in der gegenwärtigen spanischen Gesellschaft

Das Image Österreichs in Spanien ist stark Wien-zentriert; Österreich/Wien wird mit Musik und mit der Kunst der Jahrhundertwende, insbesondere der Bewegung der Sezession, in Verbindung gebracht. Auch touristische Bilder (schöne Landschaften) sind sehr präsent. Insgesamt weiß man in Spanien mehr über Österreichs Vergangenheit als über seine Gegenwart, aber das dürfte auch umgekehrt der Fall sein.

María Alicia Langa Laorga lehrt Zeitgeschichte an der Universität Complutense in Madrid. Ihre Themenschwerpunkte sind die internationalen europäischen Beziehungen und Theorie der internationalen Politik.

Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)
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