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Eine trügerische Idylle?

Das Bild Österreichs in den Niederlanden
Abstract des Vortrags von Karin Jusek am 8. Juni 2001

In den Niederlanden ist zwar wenig über Österreich bekannt; mangelnde Kenntnisse verhindern jedoch nicht die Produktion von Bildern. Im Gegenteil: Je weniger über ein Land bekannt ist, umso mehr Raum gibt es für Projektionen. Hartnäckige und weit verbreitete Klischees besitzen nicht nur immer einen wahren Kern; sie sind auch unvermeidlich und können sogar nützlich sein, weil sie den Blick auf die Eigentümlichkeiten eines Landes, einer Kultur, schärfen. Österreich hat seinen Teil zu den Klischees, die von ihm existieren, vom gesunden, fröhlichen Alpenländchen mit freundlichen, fleißigen BewohnerInnen, beigetragen. Dieses Bild hat jedoch inzwischen merklich an Reiz eingebüßt, auch wenn man das in Österreich noch nicht genügend wahrgenommen hat.

Sympathie für den "Rumpfstaat"

Die niederländisch-österreichischen Beziehungen waren über lange Jahre gut und unproblematisch. Vor allem der katholische Teil der Niederlande sympathisierte mit Österreich. Die Niederländer bewunderten die Kultur des Wien der Jahrhundertwende, und die österreichischen Kinder, die nach dem Ersten Weltkrieg in den Niederlanden aufgepäppelt wurden, blieben mit ihren Wohltätern in Kontakt. Nicht einmal das Wüten von Hitlers Reichskommissar in den Niederlanden, des Österreichers Arthur Seyß-Inquart, zerstörte das positive Österreich-Bild in den Niederlanden. Seyß-Inquart wurde einerseits als deutscher Nazi wahrgenommen; andererseits fällt das Urteil niederländischer Historiker über Seyß-Inquart außerordentlich milde aus. Regelmäßig wird in der Fachliteratur auf die Höflichkeit der österreichischen Nazis hingewiesen. Auch in Frankreich wurden die Österreicher den Deutschen vorgezogen. Die Franzosen schätzten die Höflichkeit und Lebenslust der österreichischen Besatzer und hielten sie für weniger fanatisch als die Deutschen.

Ein wichtiger Vertreter dieser spezifischen Historikertradition in den Niederlanden ist H. J. Neumann, der seine Studie über Arthur Seyß-Inquart in den Niederlanden 1976 veröffentlichte. ("Arthur Seyß-Inquart. Het leven van een Duits onderkoning in Nederland", Utrecht/Antwerpen: 1989, urspr. 1967.) Aus der Haltung dieses Historikers spricht noch der Respekt vieler Niederländer dieser Zeit vor dem deutschen Bildungsideal und die Bewunderung für das kulturelle Erbe der Donaumonarchie. Das kam Seyß-Inquart, der als Produkt dieses kulturellen Erbes betrachtet wurde, zu Gute. Kritik an diesem Bildungsbegriff wurde erst in den Siebzigerjahren laut. Es stellt sich auch die Frage, warum der Umstand, dass in den Niederlanden mehr Juden deportiert und ermordet wurden als in den anderen westlichen besetzten Ländern, die Haltung gegenüber Seyß-Inquart nicht relativiert hat. Der Historiker Neumann kratzte auf jeden Fall nicht an der von Seyß-Inquart aufgezogenen Fassade; und auch das Verständnis Österreichs, erstes Opfer Hitler-Deutschlands gewesen zu sein, wurde in den Niederlanden zunächst nicht in Frage gestellt. Die niederländische Öffentlichkeit begrüßte 1955 auch sehr das Zustandekommen des österreichischen Staatsvertrages.

Vom Opfer zum Täter: wenig Platz für Differenzierungen

Merkwürdigerweise sorgte nicht der Nazi Arthur Seyß-Inquart für die ersten Risse im idyllischen Bild Österreichs, sondern der sozialdemokratische Bundeskanzler Bruno Kreisky. Vor allem die linken Medien berichteten kritisch über die erste Regierung Kreisky, in der eine hohe Anzahl von NS-Belasteten als Minister tätig waren. Auch das Buch des niederländischen Journalisten Martin von Amerongen über "Die Verschwörung gegen Simon Wiesenthal" (Amsterdam, 1976) bewirkte jedoch noch keine grundlegende Änderung der niederländischen Meinung über Österreich. Die definitive Wende in der Beziehung zwischen beiden Ländern wurde erst durch die "Waldheim-Affäre" verursacht. Diese rief in den Niederlanden besonders viel Empörung hervor; besonders die "Jetzt erst recht"-Reaktion der Bevölkerung wurde scharf verurteilt. Auch die niederländischen Qualitätsmedien "NCR-Handelsblad" und "de Volkskrant" berichteten überaus tendenziös über die Geschehnisse in Österreich. Vor allem wurden die GegnerInnen Waldheims in Österreich, ja keine kleine Gruppe, völlig ignoriert, wodurch der Eindruck entstand, dass alle ÖsterreicherInnen Waldheim unterstützen würden. Es war 1987 nicht möglich, in niederländischen Qualitätsmedien (oder auch Geschichtszeitschriften) eine Rezension des Buches "Politik der Gefühle. Ein Essay über Österreich" von Josef Haslinger mit einer ausführlichen Analyse des Hintergrundes der Wahl Waldheims unterzubringen. Auch im "Gedenkjahr 1988" waren die Berichte niederländischer Korrespondenten aus Österreich weitgehend von Klischees des "ewig gestrigen Nazilandes" geprägt, das auch noch dann "Walzer tanzt" und "Opernball feiert", wenn rundherum die Welt untergeht. Eine wichtige Rolle für die Österreich-Rezeption der Niederlande spielt auch die kalvinistische Kultur der tonangebenden niederländischen Elite. Diese fühlt sich weit über den Österreich zugeschriebenen barocken Lebensstil erhaben.

Österreich ist durch und durch schlecht

Während sich in den anderen Ländern die Empörung über Österreich auf ein den Fakten entsprechendes Maß einpendelte, war die Tendenz in den Niederlanden umgekehrt. Österreich wurde mehr und mehr die Rolle zugewiesen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland eingenommen hatte: ein hoffnungsloser Fall, ein faschistoider Brutboden, das absolute Anti-Land. Deutschland war diese Rolle für Jahrzehnte zugewiesen worden, auch wenn zu berücksichtigen ist, dass das auf wirtschaftlicher und regierungspolitischer Ebene kaum bis gar nicht zum Tragen kam. Die Animosität niederländerischer Politiker gegenüber Deutschland machte sich in der Regel nur anfangs Mai bemerkbar, dem Zeitpunkt der Befreiungsfeiern (Befreiungsdatum der Niederlande am Ende des Zweiten Weltkriegs ist der 5. Mai 1945). Eine Aktion einer Million niederländischer Bürger, die aus Anlass der rassistischen Brandanschläge im bundesdeutschen Solingen 1993 dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl Postkarten mit dem Aufdruck "Wir sind wütend" schickten, brachten in Deutschland das Fass zum Überlaufen. Als Reaktion begann Kohl, seinen niederländischen Regierungskollegen gegenüber die nachbarschaftlichen Beziehungen zu thematisieren. In der Folge setzte sich die niederländische Politik zunehmend für bessere deutsch-niederländische Beziehungen auch auf gesellschaftlicher Ebene ein.

Österreich war aus mehreren Gründen ein idealer Nachfolger Deutschlands in der Rolle des absoluten Anti-Landes: klein, wirtschaftlich für die Niederlande unbedeutend und dazu noch katholisch. Das Übrige besorgte die "Waldheim-Affäre" und die mehr oder weniger zweideutigen Aussagen österreichischer Politiker zur Nazi-Vergangenheit des Landes, allen voran die Sprüche des langjährigen Parteiobmannes der FPÖ, Jörg Haider. Auf das Phänomen Jörg Haider reagierte die niederländische Öffentlichkeit mit dem gleichen Schema wie auf die "Affäre Waldheim": mit groben Generalisierungen, Klischees und Anekdoten. Dass der Erfolg Haiders auch als eine Reaktion von Modernisierungsverlierern gelesen werden könnte, also wirtschaftliche und soziale Ursachen hat und nicht nur "völkerpsychologische", hatte in dieser Wahrnehmung keinen Platz.

Auch die Schärfe der Österreich-Kritik österreichischer KünstlerInnen und Intellektueller wird in den Niederlanden als Unterstützung für die eigene kritische Haltung herangezogen. Da in den Niederlanden derartige Ausfälle und eine solche Schärfe der Kritik völlig unbekannt sind (obwohl es nicht weniger zu kritisieren gäbe), wird daraus die unzulässige Schlussfolgerung gezogen, dass es zu Hause (also in den Niederlanden) offensichtlich nichts zu kritisieren gibt, in Österreich aber sehr wohl. Die Temperamentsunterschiede, die es hier zu berücksichtigen gälte, werden nicht wahrgenommen.

Warum aber musste diese Rolle des nazistischen Anti-Landes in den Niederlanden überhaupt noch einmal besetzt werden?

Eine mögliche Antwort lautet, dass das von der eigenen problematischen Vergangenheit ablenkt. (Z.B. ist die Tatsache, dass in den Niederlanden mehr Juden und Jüdinnen deportiert und ermordet wurden als in den anderen, vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Ländern im Westen, nicht nur auf den NS-Reichskommissar Seyß-Inquart zurückzuführen, sondern auch auf die niederländische Bürokratie, die in dieser Sache bereitwillig mit den Deutschen zusammenarbeitete.) Noch 1990 konnte ein junger Historiker in den Niederlanden zu Recht behaupten, dass die analytische und vergleichende Geschichtsschreibung über Kollaboration und Widerstand in den Niederlanden noch in den Kinderschuhen steckten. Das Standardwerk über die Kollaboration in den Niederlanden schrieb ein deutscher Historiker: Gerhard Hirschfeld. Die deutsche Fassung erschien 1984, die englische Übersetzung 1988, die niederländische 1991. ("Bezetting en collaboratie. Nederland tijdens de oorlogsjaren", Haarlem, 1991.) Goldhagens "Hitler's willing executioners" wurde demgegenüber innerhalb von drei Monaten übersetzt.

Die undifferenzierte Betonung des Widerstandes durch HistorikerInnen, JournalistInnen und WissenschaftlerInnen bildet den Nährboden für die allgemeine Auffassung, dass sich die Niederlande positiv von den anderen Ländern unterscheiden würden. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich für den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit verzeichnen. Deshalb überraschen die Ergebnisse von Jugendstudien nicht, die feststellen, dass die niederländische Jugend ein hohes Maß an negativen Klischees über andere Länder produziere wie auch ein ebenso übertriebenes positives Selbstbild.

In den Sechzigerjahren entwickelten die Niederländer die Idee, dass ihr Land auf dem Gebiet der Menschenrechte tonangebend sein müsse. Dieses Selbstbild verdankt seine Entstehung auch dem kollektiven, jedoch völlig unartikulierten Schuldbewusstsein über das eigene wenig heldenhafte Verhalten während des Krieges. Man wollte es nun besser machen, doch kann man die Phase der schmerzhaften Selbsterkenntnis nicht einfach überspringen. Dieses Überspringen führte zur Entstehung gesellschaftlicher Superioritätsgefühle, die inzwischen bedenkliche Formen angenommen haben und zu ihrem Erhalt andere Länder als "Anti-Modelle" brauchen: Länder, in denen wirklich alles im Argen liegt, Länder wie Österreich.

Karin Jusek war Dozentin für Zeitgeschichte am Institut für Geschichte der Universität Groningen und forschte und publizierte u. a. zu den österreichisch-niederländischen Beziehungen. Sie war Österreich-Korrespondentin für das NRC-Handelsblad in Rotterdam. Derzeit arbeitet sie als Auslandsredakteurin für das Het Financieele Dagblad in Amsterdam.

Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)
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