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Österreich in den französischen Diskursen im 20. Jahrhundert

Abstract des Vortrages von Jacques Le Rider vom 23. März 2001

Die Frage, die sich für jede Perzeption der "deutschen Länder" in Frankreich stellt, ist, ob sich nicht sowohl das Deutschland- wie auch das Österreichbild stark an dem Selbstbild, das in dem jeweiligen Land vorherrscht, orientiert. Die französische Wertschätzung für Österreich sowie auch ihre Kritik ziehen ihre Hauptargumente aus der österreichischen Selbstinterpretation. Dies war auch 2000 – im Jahr der schwarz-blauen Regierungsbildung in Österreich – der Fall, als die widersprüchlichen Argumentationslinien in Frankreich die Zerrissenheit der österreichischen Gesellschaft widerspiegelten, besonders in intellektuellen Kreisen. Dabei spielen bestimmte Stereotype und Vorurteile, die aus der französischen Tradition der Diskurse über Österreich stammen, ebenso eine Rolle wie die persönliche Einstellung der/s KommentatorIn. Dem Postulat der "égo-histoire" von Pierre Nora, einem französischen Historiker, folgend, wonach jede/r HistorikerIn eine Art Arbeitstagebuch führen sollte, um die eigene Voreingenommenheit, insbesondere bei aktuellen Debatten, zu klären, habe ich mich entschlossen, ein eigenes Arbeitsjournal des Jahres 2000 zu schreiben und zu veröffentlichen. Zu dieser "égo-histoire" gehört auch die (Wissenschafts-)Geschichte des eigenen Fachs, der Austriazistik bzw. Germanistik.

Zum Universitätsfach etablierte sich die Germanistik in Frankreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während der so genannten "deutschen Krise im französischen Denken". Einerseits gab es viel Sympathie für das "alte Deutschland", andererseits zeigte sich Beunruhigung über das "neue Deutschland" nach der Rheinkrise von 1840. Daraus entstand ein Mythos von zwei Variationen Deutschlands, einer guten und einer schlechten, wovon sich ein topographisches Äquivalent in der Teilung zwischen protestantischem Norden und katholischem Süden finden lässt. Die dichotomische Sicht zieht sich konstant durch.

Frankreich und Österreich waren einander seit dem 30-jährigen Krieg feindlich gegenübergestanden. Für das in der Aufklärungstradition stehende Frankreich war das Österreich der Gegenreformation negativ besetzt, während die protestantische Kultur eines Goethe und eines Kant bei den französischen Eliten große Bewunderung hervorrief. Das Bild Deutschlands in Frankreich ist im Gegensatz zur Meinung über Österreich bis heute positiv geblieben. Die Welle rassistischer und antisemitischer Gewalttaten in Deutschland im Jahr 2000 konnte das Vertrauen Frankreichs in die demokratische Kultur des Nachbarlandes nicht erschüttern. Die Bildung der ÖVP/FPÖ-Regierung in Österreich hingegen ließ die französische Öffentlichkeit die Grundlagen des österreichischen politischen Systems hinterfragen und sogar grundsätzlich in Frage stellen.

Während des ersten Weltkrieges, des Friedensvertrages von St. Germain, der Diskussion über den "Anschluss" und zwischen 1945 und 1955 zeigte sich wieder die Neigung innerhalb des französischen Diskurses, den deutschsprachigen Kulturraum nicht nur politisch, sondern auch geistig ideell zu teilen, um das Gespenst eines vereinheitlichten Großdeutschlands leichter bannen zu können. GermanistInnen und HistorikerInnen bemühten sich fortan, die Eigenheit Österreichs hervorzuheben, was jedoch die Tradition der Austrophobie nicht aufzuheben vermochte. Denn seit der Jahrhundertwende entstand, von französischen SlawistInnen und ungarischen Intellektuellen getragen, eine Sympathie für Böhmen, Polen und Ungarn und antihabsburgische Tendenzen verstärkten sich. Doch auf der anderen Seite wurde die Habsburger-Monarchie als wünschenswertes Gegengewicht zum deutschen Imperialismus gesehen. Im Zuge der geopolitischen Umwälzung Europas in den 1990er-Jahren gewann die Nationalitätendebatte über das Habsburgerreich neue Aktualität. Im HistorikerInnenstreit der AustriazistInnen stand der "Völkerkerker" Österreich gegen die Habsburger als Vorreiter einer europäischen Idee.

Diese Kontroverse beeinflusst auch die Debatte über die heutige Rolle Österreichs in Europa und die Erweiterung der Europäischen Union. In der französischen Diskussion wird ein deutsches Mitteleuropa und ein österreichisches Zentraleuropa unterschieden. Das deutsche Mitteleuropa wäre der Inbegriff des bösen Imperialismus, während das (habsburgische) österreichische Zentraleuropa eine Völkerföderation darstellte. Diese Unterscheidung ist allerdings sehr kritisch zu betrachten. Indem sich die österreichische Regierung 2000 dem Projekt des Europa der grenzüberschreitenden Regionen annäherte und sich die ÖVP/FPÖ-Koalition gegenüber dem europäischen Westen fragwürdig verhielt, entfernte sich das österreichische politische Leben von der Europäischen Union und näherte sich mitteleuropäischen Verhältnissen an. Konvergenzen etwa zum politischen System Ungarns wurden offenbar.

Zurückkommend auf die kulturhistorische Perspektive ist zu sagen, dass die Wiener Moderne bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts lediglich als eine Variante der deutschen Kultur aufgenommen wurde. Ihre heutige Rezeption wirkt sich für das Österreichbild in Frankreich eher negativ aus, denn es ist offensichtlich, dass die Wiener Moderne von JüdInnen dominiert war und durch deren Vertreibung wichtige kulturelle Aspekte verloren gingen. In der Zwischenkriegszeit lag das realpolitische Interesse Frankreichs darin, Wien als kulturelles Zentrum der großen Ausstrahlung Berlins entgegenzusetzen. So stand auch der Anstieg der Österreichstudien unter der Zielsetzung, Österreichs eigene, von Deutschland unabhängige Identität zu fördern. Diese Haltung setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Dieses so konstruierte Bild von Österreich war unvereinbar mit einer österreichischen Deutschtümelei, zeigt es doch die dunkle Kehrseite eines im Vergleich zu Deutschland nazistischeren und antisemitischeren Österreich.

In den 1970er und 1980er Jahren hatten Österreichstudien Hochkonjunktur, die Germanistikinstute richteten Österreich-Lehrstühle ein, in Rouen und in Straßburg wurden österreichische Forschungszentren gegründet. Die Zeitschrift "Austriaca" erschien und Ausstellungen u.a. im Centre Pompidou, Paris, wurden organisiert. Die kulturelle Präsenz Österreichs in der französischen Diskussion war sehr hoch und diese positiven Österreichbilder brachen Ende 1999 / Anfang 2000 zusammen.

Mit der neuen Regierungszusammensetzung hatte Österreich das ihm entgegengebrachte Vertrauen enttäuscht, denn die Koalition erweckte den Eindruck, die Fortsetzung von jenen Parteien zu sein, die Österreich im 20. Jahrhundert zu vernichten trachteten. Die Diskurse in Frankreich über Österreich standen immer in Zusammenhang mit der europäischen Integration, die im Jahr 2000 eine schwere Krise durchmachte. Die Sanktionspolitik gegen Österreich machte das Fehlen eines kulturellen und politischen Europa sichtbar und zeigte dessen Reduktion auf Handel und Finanz. Zudem war die französische Debatte über Österreich vom Aufstieg der extremen Rechten im eigenen Land geprägt, deren regionale Koalitionen großen politischen Schaden angerichtet hatten.

Besonders bedeutsam an der durch die Regierungsbeteiligung der FPÖ ausgelösten Krise ist der europäische Aspekt, denn Antisemitismus und Rassismus sind keine explizit österreichischen Eigenheiten, sondern gesamteuropäische Phänomene. Es liegt daher in der Verantwortung der demokratischen Parteien Europas die Infragestellung der europäischen Grundwerte, die die bedingungslose Ablehnung von Faschismus, Nazismus und Kolonialismus beinhalten, zu verhindern.

Im Jahr 2000 waren zum Teil boshafte Österreichkarikaturen in Frankreich verbreitet, umgekehrt wurde auch in Österreich eine starke Antipathie gegen Frankreich sichtbar. Um den abgerissenen Kulturdialog zwischen den beiden Ländern wieder aufzunehmen, könnte eine nicht gouvernmentale Kulturpolitik, eine Kooperation zwischen Vereinen, Städten und Gemeinden vielleicht helfen, denn die zentral gelenkte Kulurpolitik war während dieser Krise völlig lahm gelegt. In Gang kommen sollte ein Kulturtransfer im Sinne einer kosmopolitischen europäischen Identität.

Univ. Prof. Jacques Le Rider lehrt seit 1990 Germanistik an der Universität Paris VIII in Saint Denis. 1994-1996 war er Kultur- und Wissenschaftsrat der französischen Botschaft in Österreich und Direktor des französischen Kulturinstituts in Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen zur österreichischen Kulturgeschichte.

Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)
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