Das Österreichbild in Belgien
Von den Österreichischen Niederlanden zur Europäischen UnionAbstract des Vortrages von Hervé Hasquin vom 16. März 2001
Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union 1995 war für Belgien weder befremdlich noch überraschend. Die politische und wirtschaftliche Integration Österreichs erschien vielmehr als ein notwendiger und natürlicher Schritt. Es handelte sich um ein Land, das über Jahrhunderte hinweg die Geschichte Europas geprägt hatte, das man kannte und schätzte. Belgien befürwortete die neue Gemeinschaft besonders, da es eine gemeinsame Geschichte mit Österreich verbindet, deren Zeugnisse noch heute existieren.
Diese gemeinsame Geschichte nahm im 18. Jahrhundert (dem "Siècle des Lumières"), zwischen 1713 und 1794, Gestalt an. Mit dem Frieden von Utrecht 1713 kam Belgien als Teil der Österreichischen Niederlande unter österreichische Herrschaft. Die Verbindung war nicht immer glücklich; zwischen 1757 und 1789 gab es verstärkte Unabhängigkeitsbestrebungen seitens der Niederlande.
Dennoch hat sich in der öffentlichen Meinung in Belgien eine insgesamt gesehen positive Erinnerung an diese Union erhalten. Das österreichische Regime wurde nämlich mit einer Periode des wirtschaftlichen Aufschwunges und des Friedens assoziiert. Als Kontrast dazu sind die Unternehmungen Ludwigs XIV. anzusehen, die das 17. Jahrhundert dominierten, sowie die Schicksalsschläge im Zuge der Französischen Revolution, die das 19. Jahrhundert erschütterten. Abgesehen von einer kurzen französischen Präsenz zwischen 1745 und 1749 konnten die Niederlande jedem Konflikt ausweichen und sind bis 1792 nicht von außen bedrängt worden.
Es ist heute schwierig, in Brüssel, der Hauptstadt Belgiens und der Europäischen Union, spazieren zu gehen, ohne auf Spuren der "österreichischen Zeit" zu stoßen: Der Parc de Bruxelles, die Place des Martyrs, früher Place Saint-Michel, das Palais de Laeken (Königsresidenz) oder die Académie royale de Belgique, die Nachfolgerin der Académie impériale et royale des Sciences et Belles Lettres de Bruxelles, die von Maria Theresia 1772 gegründet wurde.
In der Politik hatte der Josephinismus großen Einfluss auf die Entwicklung des zukünftigen Staates Belgien. Das Toleranzpatent Josephs II. von 1781 war in Bezug auf die Religionsfreiheit für diese Zeit revolutionär. Der Liberalismus, der in der belgischen Politik seit 1830 prägend ist, hat seine Wurzeln im Josephinismus, ebenso wie die Beziehung zwischen Kirche und Staat, also die Stärkung der staatlichen Autorität und die Säkularisierung der Gesellschaft im Gegenzug.
Die Unabhängigkeit Belgiens im Jahre 1830 bezeichnet die nunmehr größere Distanz zwischen Österreich und Belgien im 19. Jahrhundert. Verbindungen zwischen beiden Ländern entstanden vor allem durch österreichische Künstler des "Art nouveau", die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Brüssel arbeiteten.
Im 20. Jahrhundert wird das Bild Österreichs in Belgien von zwei grundlegenden Komponenten dominiert:
Einerseits gilt das Österreich des 20. Jahrhunderts in Belgien geographisch, politisch und gesellschaftlich als ein Teil "Mitteleuropas"; damit geht auch eine gewisse Nostalgie für die österreichisch-ungarische Monarchie einher.
Andererseits betrachteten die BelgierInnen wie viele andere EuropäerInnen Österreich als Opfer des "Anschlusses" an das nationalsozialistische Deutschland 1938. Dies hat nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Gefühl der Solidarität und zu einer Annäherung zwischen Österreich und Belgien geführt, das auch das Schicksal der deutschen Besatzung erlebt hatte. Zu betonen ist auch die Rolle Österreichs als Außengrenze der westlichen Welt. Jahrhundertelang war Österreich ein Bollwerk gegen die Osmanen, nach 1945, während des Kalten Krieges, war es Pufferzone zwischen Ost und West. Österreich galt trotz seines neutralen Status, der das Land außerhalb militärischer Allianzen stellte, als westlich ausgerichtet und als fest in der westeuropäischen Kultur verankert. Dies bewirkte das positive Österreichbild in Belgien, das seinen Höhepunkt 1987 nach dem Fall des Eisernen Vorhanges erreichte. Österreich spielte auch jetzt eine wichtige Rolle als Bindeglied in Mittel- und Osteuropa für die ehemals unter sowjetischem Totalitarismus stehenden Staaten.
Das im Vergleich zu anderen europäischen Nationen andere Verhältnis der ÖsterreicherInnen zu ihrer Geschichte zeigt sich im Aufstieg der FPÖ und ihrer darauf folgenden Regierungsbeteiligung im Februar 2000. Damit wurde aus der Sicht Belgiens das Tabu, das sich Österreich in der Frage des Umgangs mit seiner Rolle im Dritten Reich auferlegt hatte, offenbar. Begonnen hat es aber bereits mit der Affäre Waldheim, die wie eine Bombe eingeschlug, denn plötzlich kam es zu einer kritischen Beurteilung der bisher ungenügend aufgearbeiteten österreichischen Geschichte zwischen 1938 und 1945. Weder Österreich selbst und noch weniger Österreichs europäische PartnerInnen hatten dieses Land für mitverantwortlich an den Taten und der Politik Nazideutschlands gehalten.
Nach innen wurde die Mitschuld aus dem Gedächtnis des Landes gestrichen, was Hasquin als eine Ursache für den Erfolg der FPÖ ansieht; nach außen repräsentierte sich Österreich als souveränes und vor allem von Deutschland unabhängiges, dem westlichen Lager zugehöriges Land. Vor diesem Hintergrund ist der Schrecken in Belgien über die Regierungsbeteiligung der FPÖ zu verstehen. Es war nicht nur der Aufstieg und Erfolg einer rechtsextremen Partei, der schockierte (dieses Problem existiert auch in Belgien), sondern vielmehr löste die Bereitschaft, diese Partei an der Regierung zu beteiligen, Sorge aus. Die Regierungsbeteiligung einer rechtsextremen Partei schafft einen Präzedenzfall und übersteigt damit den österreichischen Rahmen. Es stellt ein ermutigendes Signal für alle Extremisten in Europa dar.
Alte Schreckgespenster wie der Antisemitismus tauchen in mehreren Ländern wieder auf. Die Angst der Menschen wird ausgenützt und Abwehrmechanismen werden künstlich im kollektiven Bewusstsein hervorgerufen. Von den DemokratInnen der "neuen Länder" in Osteuropa wird Westeuropa in Bezug auf Rechtsstaatlichkeit und Zivilgesellschaft mehr denn je als Modell angesehen. Aus diesem Grund, so Hervé Hasquin, müsse Westeuropa beispielgebend sein und auch vor der eigenen Türe kehren. Die strenge Haltung Belgiens gegenüber Österreich in der Sache Regierungsbeteiligung der FPÖ sei notwendig gewesen um zu verhindern, dass ein Ereignis von ausschlaggebender Bedeutung zu einer Banalität verkomme. Was in Österreich geschehen sei, betreffe die Europäische Union gleichermaßen, da Ideen und Informationen heutzutage schneller ausgetauscht würden als Waren. Auch bedeute die Unionsbürgerschaft, wie sie 1992 mit Maastricht eingeführt wurde, für gewisse Werte einzutreten, sich an Diskussionen zu beteiligen und auch das Recht auf Widerspruch in Anspruch zu nehmen.
Die Geschichte und die an sie gestellten Fragen sind vom jeweiligen zeitlichen Hintergrund sowie dem kulturellen Umfeld der Gesellschaft in einem Land beeinflusst. Ihre Darstellung und die Sicht der Ereignisse hängen von deren kollektivem Erleben ab. Dies zu erkennen ist notwendig, will man den Standpunkt der Nachbarn verstehen. In diesem Sinne habe das von Hasquin selbst veranstaltete Symposium am 2. April 2000 in Brüssel mit dem Titel "Österreich, Kultur und Demokratie" bei den teilnehmenden AkademikerInnen zu einem besseren Verständnis der österreichischen Situation geführt. Der Austausch von KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen sei ein wesentliches Element der Verbesserung bilateraler Beziehungen, denn die Kultur bilde die Brücke zwischen den einzelnen Gesellschaften. Die EuropäerInnen träfen sich heute mehr denn je und tauschten Gedanken aus. Diese Kontakte würden eines Tages zu einem europäischen Bewusstsein führen, das die kulturellen Unterschiede nicht mehr als etwas Trennendes, sondern als Bereicherung empfinden lasse.
Univ. Prof. Hervé Hasquin ist Ministerpräsident der Regierung der französischen Gemeinschaft Belgiens und ehemaliger Rektor der Freien Universität Brüssel.
Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)

