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Das Österreichbild in Italien 1848–2000

Abstract des Vortrags von Gustavo Corni vom 25. Mai 2001

Gustavo Corni konzentriert sich in seinem Vortrag auf Knotenpunkte der Beziehungen zwischen Italien und Österreich, wichtige und schwer wiegende Beziehungen für beide Länder, da sie eine lange Geschichte aneinander bindet. Bis 1866 befand sich ein großer Teil Norditaliens unter der direkten Herrschaft der Habsburger; zwei Grenzregionen des heutigen Italien (Tirol und Triest-Jülisch Venetien) blieben bis zum Ende des Ersten Weltkriegs unter k.-u.-k.-Herrschaft. Italien und Österreich-Ungarn waren bis 1915 zunächst Verbündete, danach Feinde in diesem sehr blutigen Krieg. In den Dreißigerjahren war Österreich ein wichtiges Element der hegemonialen Außenpolitik Mussolinis. Nach 1945 schienen dann – bis auf die Südtirol-Frage – alle Schatten der Vergangenheit verschwunden zu sein. Aus dem dürfte schon erkennbar sein, dass es kein homogenes Österreichbild gibt. Dieses Bild ist abhängig von der jeweiligen regionalen Geschichte: Wo anders in Italien als in Friaul kann man sich ein großes Wiesenfest vorstellen, in dem jährlich der Geburtstag des ehemaligen österreichischen Kaisers Franz Josef gefeiert wird, der Kaiser, der dem gängigen Österreichbild die tiefste und dauerhafteste Prägung gegeben hat.

Im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert des Risorgimento, der italienischen National- und Einigungsbewegung, gab es gemäßigte bis extrem feindliche Positionen gegenüber dem Habsburgerreich: Der Republikaner und "Held" des Risorgimento, Guiseppe Mazzini, sah im Habsburgerreich einen Erzfeind aller Nationalitätenbewegungen, einen Feind des Fortschrittes der Menschheit, der zerstört werden müsse. Der gemäßigte Patriot Cesare Balbo, Liberaler und Konstitutionalist, vertrat demgegenüber eine bedeutende Schar von Intellektuellen und Politikern, die zwar eine Niederlage Österreichs in Italien erwarteten, aber nicht seine Zerstörung forderten. Sie wünschten sich das Schwergewicht der Politik Österreichs im Osten, auch als Bollwerk gegen die türkische Gefahr. In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts, in einer tiefen außenpolitischen Krise steckend, entschied sich die italienische Regierung jedoch pragmatisch, wenn auch "wider den Willen der Nation", für einen Dreibund mit dem Deutschen Reich unter Kanzler Otto von Bismarck und ihrem ehemaligen Risorgimento-Feind Österreich. Bis 1914/15, dem Zusammenbruch des Bündnisses, waren die Österreich-kritischen Stimmen in Italien eher gering und gemäßigt. Sogar die Vertreter irredentistischer Positionen gingen eher behutsam vor. (Der Irredentismus ist eine pro-italienische Befreiungsbewegung in nach der Gründung des italienischen Königreiches von 1861 noch bei Österreich verbliebenen Städten und Regionen wie Triest und Trient.) Sie verlangten höchstens mehr Lokalautonomie und eigene kulturelle Institutionen, ohne jedoch die Verbindung mit der habsburgischen Monarchie grundsätzlich in Frage zu stellen.

Nach dem Bündniswechsel Italiens im Ersten Weltkrieg (Kriegseintritt Italiens 1915) konnte dann den anti-österreichischen Ressentiments in der italienischen Öffentlichkeit freier Lauf gelassen werden, was in vielen Reden, Zeitungskommentaren, Broschüren etc. zum Ausdruck kam. Zwei Motive der Argumentation sind bis heute für das Österreichbild in Italien relevant. Zum einen das Zusammenfallen des Deutschen Reichs und der österreichischen Monarchie zum "germanischen Feind" Italiens (der Historiker Gaetano Salvemini); zum anderen das Misstrauen gegenüber dem österreichischen Staat und seinem Volk, dem ein "im Inneren feudales Wesen" (der Historiker Nicoloò Rodolico) zugeschrieben wurde, das nie eine wirkliche demokratische Bewegung hervorgebracht habe. Die Macht in Österreich hätten Heer, Bürokratie und Klerus, denen aber nur eine schwache bürgerliche Gesellschaft gegenüberstehe. Nach 1918 und dem Zusammenbruch des Vielvölkerreiches stellte sich die Frage nach der Identität Österreichs in beiden Ländern besonders dringlich.

Nach dem Krieg war Italien auf Seite der Siegerstaaten und damit Österreich gegenüber in der Position des Stärkeren: Es hatte kein Problem, seine Gebietsansprüche südlich des Brenners (Alto Adige oder Südtirol) durchzusetzen, und auch Benito Mussolini hielt sich Österreich als Pufferstaat gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland. In dieser Position sah sich Mussolini sogar als "Hüter der österreichischen Unabhängigkeit". Besonders enge Beziehungen unterhielt der "Duce" zu den autoritären, faschistisch gefärbten Regierungen Dollfuß und Schuschnigg in Österreich nach 1933/34. Jedoch trat er Hitler nicht entgegen, als das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 den "Anschluss" Österreichs vollzog.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Betrachtung Österreichs in der italienischen Öffentlichkeit im Unterschied zur Vorkriegszeit gravierend. Der Rahmen dafür ist die Konstruktion des Mythos vom alten "Mitteleuropa", das mit dem Habsburgerreich identifiziert wurde. Dieses Reich stand nun für das harmonische Zusammenleben von Völkern. Markanter Ausdruck dieser Mitteleuropa-Nostalgie war die 1963 erschienene Studie von Claudio Magris, "Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur". Die Mitteleuropa-Nostalgie fand besonders im Norden und Nordosten Italiens seinen stärksten Ausdruck (Gründung von Mitteleuropa-Instituten in Bozen und Görz, Aufstellen einer Sissi-Statue auf einem zentralen Triester Platz etc.).

Wichtig an diesem vom Mitteleuropa-Mythos geprägten Bild Österreichs in Italien ist, dass es weniger um Österreich als vielmehr um Städte wie Wien und Prag geht. Das heutige Österreich oder die Geschichte dieses Landes in den Zwanziger- und Dreißigerjahren (z. B. Österreichs Kompromisse gegenüber den Nationalsozialisten) ist für dieses Bild nicht relevant.

Der "Fall Waldheim" 1986 und dann vor allem der "Fall Haider" ab Herbst 2000 zerstörten dieses nostalgische vom Habsburgerreich geprägte Bild Österreich in Italien nachhaltig: Österreichs Umgang mit dem Nationalsozialismus, die Schwäche seines demokratischen Bewusstseins und das verkarstete Proporzsystem traten nun ins Blickfeld der Betrachtung; zunächst einmal v. a. dadurch, dass kritischen Stimmen aus Österreich Gehör verschafft wurde. In den Monaten nach der Regierungsbildung in Österreich im Februar 2000, die der Haider-FPÖ zur Regierungsmacht verhalf, bestimmten diese Ereignisse, vor allem aber kritische Haider-Analysen, die Themen der italienischen Öffentlichkeit. In diesen Debatten tauchten wieder alte Motive der Beziehungsgeschichte der beiden Länder auf: Z. B. die Frage, ob nicht der Aufstieg Haiders wie die Geschichte der Habsburgermonarchie insgesamt zeigen würden, dass der Keim des Autoritarismus im Kern der österreichischen Geschichte stecke.

Das Phänomen Jörg Haider wird in Italien auf drei Ebenen diskutiert: den Ebenen der österreichischen, der europäischen und der italienischen Politik. Auf der Ebene der europäischen Politik taucht hinter Österreich wieder das "Gespenst" Deutschland auf. Man sieht hinter dem österreichischen Problem ein deutsches Problem heraufziehen, das ganz Europa befallen könnte. Die Angst ist, dass das neue von Deutschland geführte Europa die Probleme, die mit der europäischen Osterweiterung auf alle Länder zukommen werden, nicht meistern kann. Auf der Ebene der inneren Politik wird der Aufstieg Haiders in Österreich von mehreren Seiten instrumentalisiert. Die "Lega Nord" z. B., angeführt von Umberto Bossi, verwendete Haider, um die Notwendigkeit ihrer Positionen, v. a. hinsichtlich einer restriktiven Einwanderungspolitik, zu unterstreichen. Die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Bossi und Haider waren Stoff vieler Kommentare in der italienischen Öffentlichkeit. In diesen Debatten trat wieder die Eigenart des nördlichen und nordöstlichen Italien in der Frage "Österreich" deutlich hervor.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Bild Österreichs in der italienischen Öffentlichkeit in diesem langen Zeitraum öfters Spiegelbild eigener innerer Schwierigkeiten war: Das gilt für das Bild des "Erzfeindes" des Risorgimento, ein Fluchtbild der inneren Schwäche des neuen Staatsgebildes, wie auch für das Bild vom Haider-Österreich, das gesamteuropäische und damit auch soziale, politische und wirtschaftliche Probleme Italiens widerspiegelt.

Gustavo Corni ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Trento. Seine Themen sind deutsche Geschichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und italienische Zeitgeschichte.

Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)

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