Sissi in Mauthausen?
Ein Blick aus AthenAbstract des Vortrags von George Th. Mavrogordatos am 11. Mai 2001
Griechische Wahrnehmungen von "Felix Austria"
Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war die griechische Wahrnehmung von Österreich ausgesprochen negativ; so seltsam das klingen mag: Es bedurfte des Zweiten Weltkriegs, damit in Griechenland ein positives Image von Österreich entstehen konnte. Der Grund für die ursprüngliche griechische Feindseligkeit gegenüber Österreich liegt in der Abwehrhaltung der Habsburgermonarchie gegenüber der griechische Nationalbewegung begründet. Österreich kooperierte in der anti-griechischen Sache sogar mit dem Ottomanischen Reich. Das kostete das Land Freunde und Einflussmöglichkeiten im neu gegründeten griechischen Staat. Die Balkanpolitik der Habsburgermonarchie blieb bis zum Ersten Weltkrieg eine Gefahr für die griechischen Bestrebungen, insbesondere das südliche Albanien und auch die Inbesitznahme von Thessaloniki betreffend. Auch in der Zwischenkriegszeit entstand kein neues Image von Österreich in Griechenland, trotz der vielen Parallelen zwischen den beiden Republiken: Bei beiden Ländern galt es als zumindest fraglich, ob sie überhaupt lebensfähig waren.
Weder die österreichische Sozialdemokratie noch die christlich-soziale Partei wurden in Griechenland wahrgenommen. Die Gründe dafür dürften in der starken Unterschiedlichkeit des griechischen politischen Systems vom österreichischen liegen: Griechenland fehlt bis heute eine klassische sozialdemokratische Partei und die griechische Orthodoxie war strikt anti-katholisch eingestellt. Unter anderem auch deshalb wurde die österreichische Lagermentalität und das von ihr begründete politische System nie wirklich wahrgenommen, obwohl es Ähnlichkeiten zum gegenwärtigen griechischen System der politischen Organisation wirtschaftlicher Interessensgruppen aufweist.
Erst nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland begann sich ein Bewusstsein und Sympathie für das nicht mehr existierende Land zu regen. Während der Besetzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg durch die Achsenmächte waren die GriechInnen offensichtlich bemüht, die von ihnen bevorzugten Österreicher von den anderen Mitgliedern der Deutschen Wehrmacht zu unterscheiden, obwohl Österreicher überproportional an der Deportation der Juden und den Feindseligkeiten gegen die Zivilbevölkerung beteiligt waren.
Nach Kriegsende und in den Jahren des Kalten Krieges verhalf Österreich die "Opfertheorie", die das Land als "erstes Opfer Hitler-Deutschlands" etablierte, auch in Griechenland zu einem positiven Image, aufrechterhalten von den Mitteln, die wir bereits kennen: dem Film "The sound of Music", den Sissi-Filmen, Besuchen der Wiener Philharmoniker unter Herbert von Karajan etc. Besonders zu "Sissi" (Kosename für Kaiserin Elisabeth, die Gattin Franz Josefs I.) konnten die Griechen durch deren Aufenthalt in Korfu und das Buch über sie von ihrem Griechisch-Lehrer und Bewunderer, Konstantinos Christomanos, (1898 in deutscher Sprache publiziert und ins Griechische, Französische und Englische übersetzt) eine Verbindung herstellen. Die Erinnerungen an Krieg und Besetzung wurden im Falle Österreich nicht etwa beiseite gedrängt wie im Falle der Deutschen; vielmehr wurde die mythologische Figur des "guten Österreichers" geschaffen. Der erscheint z. B. als "Deus ex Machina" in den Geschichten über das Massaker in Kalavryta, im Dezember 1943 von der 117. Gebirgsjäger-Division ausgeführt, ungeachtet der Tatsache, dass diese Division sich zum überwiegenden Teil aus Österreichern zusammensetzte.
Auch ist Mauthausen, neben den international sehr bekannten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern Auschwitz und Dachau, das in Griechenland wohl bekannteste Konzentrationslager. Das verdankt sich dem gleichnamigen Roman des griechischen Überlebenden Iakovos Kambanellis. 1963 veröffentlicht, inspirierte es den Komponisten Mikis Theodorakis zur "Mauthausen-Kantate". Dieses "Mauthausen" wurde in Griechenland aber nie mit Österreich verbunden, sondern immer mit Deutschland; in den Worten von Kambanellis, "dem Land von Berthold Brecht". All das änderte sich 1986 mit der "Affäre Waldheim" schlagartig. Auf dem Prüfstand befand sich in dieser Affäre insbesondere die Wehrmachtsvergangenheit Kurt Waldheims in Griechenland, was in der griechischen Öffentlichkeit aufmerksam wahrgenommen wurde und das Image Österreichs nachhaltig zum Schlechten veränderte. Was den Aufstieg Jörg Haiders betrifft, reagierten die GriechInnen daher nicht sonderlich überrascht; vielleicht auch, weil sie weit fremdenfeindlicher sind als die ÖsterreicherInnen.
Fremdenfeindlichkeit im Vergleich
Die letzte vergleichende Eurobarometer-Umfrage (Nr. 53) über Fremdfeindlichkeit in der EU stellte fest, dass die GriechInnen in der Frage der Feindseligkeit gegenüber Angehörigen anderer Nationen die Bevölkerung anderer europäischer Länder bei weitem übertreffen. In der Frage, ob die Angehörigen anderer Religionen sie stören würden, werden sie an feindseliger Einstellung nur von den DänInnen und den BelgierInnen übertroffen. In allen gestellten Fragen wiesen sich die GriechInnen als fremdenfeindlicher aus als die ÖsterreicherInnen. Die Eurobarometer-Studie hat deutlich gezeigt, dass Fremdenfeindlichkeit keineswegs auf ein oder zwei Länder in Europa zu beschränken ist.
Griechenland und Österreich haben eine Sache gemeinsam, die mit der starken Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit zu tun haben könnte: Beide sind im Aufbau und in der Konsolidierung einer sicheren und starken nationalen Identität eher gescheitert. Das zeigt sich z. B. in einer Art Ablehnung der nationalen Geschichte. In Österreich ist es Jörg Haider, der sich beunruhigt zeigt über die vielen Träger von Namen ungarischer oder slawischer Herkunft. In Griechenland sind es die Namen mit der türkischen Endung "-oglu", die ihre Träger als griechisch-orthodoxe Flüchtlinge aus der Türkei nach 1922 ausweisen und stigmatisieren. Aber diese Namen könnte man, wenn man wollte, genauso als Zeugnisse einer großen imperialen Geschichte lesen, als Erfolgsgeschichte einer Assimilierung.
Auch die derzeitige Feindseligkeit der GriechInnen gegen die albanische Immigration hält der historischen Überprüfung nicht stand: Während der griechischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert bekannten sich die christlichen Gruppen albanischer Herkunft zur griechischen Sache, die islamische Bevölkerung zum ottomanischen Reich. Noch 1925–26 rühmte sich der nationalistische Diktator General Theodoros Pangalos, zur Hälfte Albaner zu sein. Die Griechen von heute können aus historischer Perspektive also gut und gerne als die ethnischen Albaner von gestern gesehen werden. Eine solche Relativierung nationaler Geschichtsmythen wäre eine wichtige Aufgabe von HistorikerInnen.
Der entscheidende Unterschied
Angesichts der Tatsache, dass Fremdenfeindlichkeit ein Problem aller europäischer Staaten ist, hätte man doch auch mit Mitgefühl als Reaktion auf den Aufstieg Jörg Haiders in Österreich rechnen können. Der entscheidende Unterschied ist, dass in Österreich im Februar 2000 eine mit Fremdenfeindlichkeit operierende Partei in die Regierung aufgenommen und diese Haltung somit legitimiert wurde. Deshalb reagierten die Regierungen der EU-Staaten (inkl. Griechenland) so stark: Nicht, weil es in Österreich geschah, sondern weil es überall passieren könnte. Es ging darum, der "Ansteckung" vorzubeugen, und das ist seit alters her die präventive Aufgabe eines Sündenbockes. So verständlich diese starke Reaktion war, so kontraproduktiv waren die konkreten Formen, in die sie gegossen wurde.
Möglichkeiten der Konfliktlösung
Die europäischen Reaktionen auf den Eintritt der FPÖ von Jörg Haider in Regierungsverantwortung in Österreich hat eine alte Frage der Demokratie aufgeworfen: Wie kann ein Souverän eines Landes, also die wählende Bevölkerung, daran gehindert werden, einen Führer oder eine Politik zu wählen, die sich schlussendlich als undemokratisch herausstellen könnte? Da gibt es eine Bandbreite von legitimen Möglichkeiten: Wähler können informiert oder beraten werden, oder man kann sie unter Drohung auf die möglichen Konsequenzen ihres Handelns aufmerksam machen (Boykott etc.). Auch in der EU ist es eine alte Praxis, sich in die Wahlkämpfe anderer Länder einzumischen. Mit der Etablierung europäischer Parteien hat sich das auch institutionalisiert.
Es muss klar sein, dass alle diese Maßnahmen den gesetzlichen Vorschriften zu entsprechen haben. Auf kommunaler und nationaler Ebene gibt es ein gesetzliches Rahmenwerk für Interventionen, die Entscheidungen des Wahlvolkes betreffend, wenn sich eine gewählte Person nicht den Gesetzen entsprechend verhält. Aber wie ist das auf EU-Ebene? Dort könnte man sich den "Supreme Court" des US-Systems als Vorbild nehmen. Der war immer ein wichtiges Instrument für das Einklagen von Bürgerrechten, vor allem auch gegen den sturen Widerstand einzelner Bundesstaaten (vor allem im Süden der USA). Innerhalb der EU gibt es zwei Gerichtshöfe, vor denen Mitgliedsstaaten geklagt werden können: Der Europäische Gerichtshof, wenn es um die Verletzung von EU-Verträgen geht, und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, wenn es um die Verletzung von Menschenrechten durch die einzelnen Mitgliedsstaaten geht. Keiner dieser beiden Gerichtshöfe aber kann mehr tun, als eine Strafe zu verfügen. Keines dieser Gerichte kann einen Entscheid eines nationalen Gerichtes aufheben, und viele Staaten bevorzugen es einfach, Strafen für ihre Übertretungen zu bezahlen.
Diese Gerichtshöfe in Sachen Menschenrechte mit direkter Wirkkraft auf die Ebene der nationalen Staaten auszustatten, würde einen weiteren Verzicht der Nationalstaaten auf ihre Souveränität mit sich bringen; eine nationale Souveränität, die diese in vielen Bereichen aufzugeben bereit waren. Die Frage ist, ob uns der wirksame Schutz der Menschenrechte diese Aufgabe nationaler Souveränität wert ist.
Univ. Prof. George Th. Mavrogordatos lehrt Moderne griechische Geschichte, politische Soziologie, das amerikanische politische System und athenische Demokratie an der Universität Athen.
Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)[/size]

